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Tagebücher 1897-1910

  1. Epoche: Erwartung
  2. Epoche: Die Mutter
  3. Epoche: Reise nach Kleinasien
  4. Epoche: Der Roman
  5. Epoche: Kreuz und quer
  6. Epoche: Das Eckhaus
  7. Epoche: Die Schwester
  8. Epoche: Das Zeitalter der Päule
  9. Epoche: Der wirtschaftliche Bankrott
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Sechste Epoche

Das Eckhaus

Gestalten:

Die Familie:

Buby

Orlonsky

Willy

Der große Rolf

Ludwig Reventlow

Hallwig

Monsieur

Rodi

Falkenberg

Lutz

Fädchen

Marchlewski

Wedekind

Dr. Sendt

Schnotzing

Hofmann

Viktor — ein Gardeleutnant aus Preußen

Ein Tischgast, der Juxer hieß

Die Biene Maja

Martha — eine verwandtschaftliche Angelegenheit

Lisa — eine natürliche Tochter des Großherzogs

Coeurbub

München [Ende Oktober 1903]

Beginnt gleich mit vielem Gelaufe und vieler Arbeit und Sentimentalität über die roten Wände der Dietlindenstraße. Abends Herbert zum letztenmal in dieser Wohnung. Und die nächste Zukunft sitzt mir im Hals — o Gott, o Gott. Sonntag nach Solln und todmüde zurück. Am Montag O.s Atelier gepachtet, Himmelherrgott! — Tausend Schwierigkeiten und Betrachtungen darüber, daß ein Mensch es fertig bringt, so zu leben. Aber ich fasse all seine verstaubten Sachen mit viel Zärtlichkeit an und hab' ihn so lieb.

Mit Herbert Kaulbachstraße, die vorläufig einen deprimierenden Eindruck macht. Dienstag bei mir gepackt Dann der eigentliche Umzug, als der Möbelwagen in der Kaulbachstraße hält, nach Solln ausgerissen.

Mittwoch, den 1. November [1903]

Allein mit Frau Drobner losgearbeitet. Willy nach Möglichkeit versetzt. Ein Chaos von Schwierigkeiten etc. Mich dabei ganz heruntergewirtschaftet und wieder Ringe um die Augen. Liebe gute Briefe von O. Richte ihm zwei Zimmer und möchte alles schön für ihn machen und ihn bald hier haben. —

Immer noch nicht durchzufinden, ein wenig kaputt. Dazwischen die Henry-Hallwig-Affäre und Hofmann. Geh' herum und arbeite mit den Händen und kann nichts anderes denken.

Es ist vielleicht das Schwerste und Unfaßlichste, was ich mit Menschen erlebt habe. Mein Henry, mein guter Freund, der mich so lieb hat. Denn das hat er doch. Kann nicht schlafen, muß immer daran denken und lese nachts alte Briefe von ihm und Hallwig. Mein Gott, was ist Hallwig eigentlich? Am Ende doch nur ein Mensch mit Größenwahnsinn und Ichsucht und einem wundervollen Verstand, der uns alle hingerissen hat. Aber wohin reißt er die Menschen? Und vor allem meinen Henry? Henrys Vorschlag nach Rom zu gehen? Dann Hofmanns Vermutungen. Mein Kopf ist von alledem etwas überhitzt, und ich sehe lauter Gespenster und schreckliche Sachen. Und ein Gefühl, als ob ich allein Carlo schützen und halten könnte, das große Kind, dem so übel mitgespielt wird, die andern, die ihn ausspionieren und verraten. Und dann wieder kommt alles, was sie uns gewesen sind und was ich mit ihnen erlebt habe und wie sie jetzt von mir fort sind. Ich möchte verrückt werden. Schlafe neben meinem Revolver und denke, sie sollen nur kommen.

Ganz allein in dem unheimlichen Haus mit alledem. — Mit Henry und Hallwig war's doch die einzige Zeit, wo ich nicht allein war. Und nun werde ich es immer sein. — Aber ich hab' den Bubi, mein Kind und bin doch noch reicher wie sie alle.

Gott sei Dank, daß wenigstens Willy fort, könnte ihn jetzt absolut nicht ertragen.

Nacht in Solln. Onsky wird auf Abend telegraphiert, Bubi dort gelassen und alle den Tag hier. Abends Herbert nach seinem Examen, dann um halb elf nach Solln. An der Bahn steht Onsky und sieht aus wie in Winkl. Nächsten Tag wieder allein nach München. Abends wieder Herbert, bleibt die Nacht da, schlafen spanisch getrennt in meinem großen Zimmer, er in Bubis Bett — wir unterhalten uns zwischen dem Schlafen aus der Ferne. Morgens ihm Kaffee ans Bett und die Zigarette angezündet. Hab' ihn sehr mütterlich gern und irgendeine Sensibilität der gleichen Sympathie zwischen uns. Nacht und Morgen waren von einer zarten und feinen Stimmung.

*

Mittags Onsky und Bubi, und ich fange wieder an, normal zu werden und mich auf Weihnachten zu freuen.

O. wieder da, und es kommt soviel Ruhe über mich wie nach einem unsagbar bösen Traum. Fühle mich beschützt und eingewiegt und nur noch traurig.

Weihnachten.

Große Mausseligkeit und ein wundervoller Baum, den Orlonsky aus Winkl mitgebracht. —

Uns beiden Großen ist auch ganz sonderbar und bewegt ums Herz. Ich abends noch zu den alten Lenbachs, dann im Trab zu O. und Bubi zurück.

Fädchen und Lutz, dann Hofmann. Bubi spielt uns Kasperltheater vor.

Jedes Stück endigt mit der Polizei, eines mit: «Adieu, Herr Tod, Adieu, Herr Gerichtsvollzieher.» — Waren alle sehr glücklich den Abend.

1. Januar 1904

Neujahrstag.

Seit drei Tagen mit Wut an einer Übersetzung, die nun hoffentlich die letzte ist, und alle Morgen auf dem Eis.

Gestern der Silvesterabend, wehrte mich mit aller Macht gegen meine Sentimentalität und das viele Zurückdenken. Vor allem an Monsieur und unsere vielen Neujahrsnächte und an voriges Jahr, wo wir alle bei Hofmann waren, so einig und noch beisammen. — Nachmittags nach altem Brauch den Baum noch einmal angezündet, aber Bubi müde und ich sehr müde. Es tut mir wohl, mich so ganz in meine Gedanken hineinzuversenken. Immer wieder über Berge und sich aus allem möglichen herauswickeln, aber es wird auch immer klarer vor mir, und ich bekomme die Hände immer mehr frei, wenn sie mir nur nicht zu früh müde werden.

Januar [1904]

Lebe wieder einmal wie in alten Zeiten, um sechs bei dunklem Wintermorgen aus dem Bett, leise, daß Bubi nicht aufwacht, Küche geheizt, einen Sprung über die Straße um Frühstückskleinigkeiten und an die Schreiberei. Dann zwei Stunden aufs Eis, Mittag und wieder an die Arbeit bis Abend. Lebe ganz in der großen warmen Küche, das übrige Haus steht ziemlich kalt und unwohnlich verlassen. Onsky, mein getreuer Helfer, nimmt mir vieles ab. Dazwischen Hofmann mit Blut- und Verfolgungswahn, in mir geht's auf und nieder, wenn ich darüber nachdenke. Sind es nur Angstphantome oder wirkliche Möglichkeit, aber jedenfalls geht über uns alle etwas hin, was dunkel und zerreißend ist und wo einem nichts unmöglich erscheint. Wenn ich abends allein und nervös bin, meine ich Schritte zu hören und Henry oder Schuler mit einem Dolch hinter der Tür. Hofmann so unendlich verstört und bleich zu sehn, geht einem immer wieder durchs Herz. O Hallwig, Hallwig, schlimmer, verheerender und göttlicher. Das wenigstens weiß ich jetzt: wir kommen alle nie los von ihm und schlimm für uns, wenn wir es könnten. Der vorige Winter war so wie ein heller lachender Tag und dieser wie eine Nacht voll Gespenster. —

Herbert wieder zurück. —

Ach Maus, deine Mamai kommt sich vor wie jemand, der zeitlebens Garn abhaspeln muß und nie fertig wird und nie Feierabend machen und Märchen erzählen kann. —

Onsky zum Presseball, ich muß an der Arbeit bleiben und bin in diesem Jahr für allen Karneval auch zu tief verstimmt und zu unheilvoll gestimmt. Aber es zuckt doch ein bissel, wenn ich O. sich anziehn sehe und abschieben. Im Grunde ärgert man sich dann nur über die eigene Charakterfestigkeit und schimpft dann auf die -losigkeit der andern. —

Jerôme fertig und die Operation wieder verschoben, so scheint es Gottes Wille, daß ich nicht mitmachen kann.

Eis, Venenentzündung und bei Herbert Bücherpacken.

Willy zurück, bin so nervös auf ihn, daß ich bei seiner Ankunft nach Solln ausreiße. Überhaupt mißfallen mir alle Menschen, die ich sehe. Flüchte mich zu Herbert — sein Zimmer mit den Bücherkisten ist ein wahres Asyl, und da fühl' ich mich glücklich, es ist wohl auch einiger Fern-Eros dabei, sogar sehr viel.

Wenn er nur nicht fortginge, ich kann ihn schwer entbehren. Endlos mit ihm über Hallwig — Hofmann — Henry etc. gesprochen. — Mit ihm auf dem Jour, einem für uns beide ganz aufregenden Jour — weil wir alles wußten. Hofmanns Verstörtheit und Abwesenheit, Schulers intrigante Unheimlichkeit usw. Nachher zusammen im Ratskeller gegessen, wurden beide bei der Musik karnevalssentimental und sonderbar bewegt. Sprachen davon, wenn man sich jetzt über all den dunklen Hintergründen in den Karneval stürzen würde.

Montag letzter Herberttag, bis spät abends noch gepackt, ihm das Nachthemd, das er in der spanisch getrennten Nacht angehabt, zum Andenken gegeben, ich hab' dafür das, worin ich von Winkl aus auf seinem Sofa geschlafen. — Um ein Uhr Fritz Huch, boshaft und verliebt zu mir: «er kommt ja wieder!»

Aber nun ist er wirklich fort und ich komme mir sehr verlassen vor ohne alle Subtilitäten und Nuancen, die ich brauche.

Überhaupt in einer etwas unglücklichen Verfassung, reibe und stoße mich jeden Augenblick an etwas — gerade da, wo die meiste Liebe und Wärme um mich ist — nur bei der Maus nicht — und dann fühle ich immer wieder, damit müßte ich mich von allem wegflüchten.

— Wenn ich nur soweit käme, die Menschen einfacher zu nehmen, aber ich will sie immer auf all meine Kompliziertheiten und Hyperästhesien gestimmt haben. Wenn wir ein langes Gespräch miteinander haben, verstehen wir uns eigentlich doch immer, mein erotisches Leben ist so reich und tief erfüllt, daß mir beinahe die Kräfte fehlen, es ganz in mich hineinzunehmen.

Eigentlich lacht mir ja das Leben, ich habe nur Nerven und Froissements zu viel. —

Endlich Operation auf den 6. Februar festgesetzt, und nun hab' ich auf einmal gar keine Lust.

*

20. Februar [1904]

Zehn Tage im Bett in dem großen dämmerigen Zimmer, wo Onsky mir alles so schön hergerichtet. Der Morgen im Josephinum, Wiedersehen mit Schwester Johanna. Abend mit der Sanität heimgebracht.

Lauter sehr stille schöne Tage, manchmal etwas zu viel Leute, aber so sehr ausgeruht.

O. zum Bauernball, erst etwas unglücklich darüber, dann in Alleinstimmungen geraten und sie tief genossen.

Viel wach gelegen, die Nacht durch, dachte an alte Zeiten, wo ich in der Heßstraße oft krank lag, Monsieur kam und mir aus dem Sektglas Wasser zu trinken gab. Und warum wir uns jetzt eigentlich nicht sehen. —

Maus in Solln, kommt mich manchmal besuchen und möchte bei mir bleiben, und dann tut mir das Herz weh, wenn er wieder geht.

Schmerzen. O. fort — und hätte so gerne gewollt, daß er bei mir sitzen bliebe. Morphium genommen und in seligen Rausch geraten.

Bubi noch zwei Tage bei Marchlewskis, ist müde und weint, daß er immer noch nicht bleiben darf, und ich fange beinahe mit an. Aber dann bleibt er endlich wirklich, und wir sind beide so glückselig, daß wir uns wiederhaben. Ist ruhig und leise und lieb, holt und bringt mir ganz stolz alles mögliche.

Aschermittwoch wieder auf. Hatte am Dienstag abend ins Luitpold wollen, aber nicht daran zu denken, mache statt dessen Betrachtungen über die Hinfälligkeit des Menschen.

Ungemütliche Tage, matt und lahm. Onsky unfreundlich, o Gott, o Gott. Es ist doch unter aller Menschenwürde, krank und abhängig zu sein.

Rodi viel gesehn.

Dann allmählich alles wieder ins Geleise — wie oft geht's bei mir aus dem Geleise und wieder hinein.

Henry! — spazierengefahren, nichts mehr vom Bruch, wieder mein alter Freund. Ob man einmal aus andern Menschen klug werden kann? Mir kommt's immer vor, als ob sie alle im Zickzack empfänden und dächten.

Fünf Tage Solln. Dann Theaterabend mit nachfolgender Bar-Sitzung und allgemeiner Verstimmung. Ich danke. Übernachtung bei den Sollnern. Nervosität und Degout. —

Es löst sich wieder alles zwischen uns beiden, aber viele Gedanken darüber, daß ich doch nur vorübergehend mit andern oder einem leben kann. Wenn's bei mir hapert, liegt's immer daran, daß zu wenig Einsamkeit — bis ich wieder in die hineingleiten kann bei dem jetzigen Leben? —

Commencement de mon amitié avec le Docteur D., der einigen Charme für mich hat, d. h. eigentlich gar keinen. Aber sonst eine böse Dissonanz an dem Abend. Werde bald ein gewaltiges Stimmen in mir und von mir aus veranstalten müssen. So etwas darf nicht Platz bekommen.

17. März [1904]

Samstag abend läutet es mehrmals und heftig, müde und keine Lust auf Menschen, lasse durch O. abweisen — er sagt mir dann, daß jemand mit einem großen braunen Hund — — — und mir bleibt das Herz stehn — vielleicht nur aus alter Gewohnheit. —

Sonntag nachmittag kommt Monsieur dann wirklich, recht bewegt alle beide, aber die große Leidenschaft nicht mehr, nur etwas unendlich Liebes, wehmütig Vertrautes, Unauflösliches, kein «Erzittern». —

Der Sturm-Eros geht für mich jetzt von Orlonsky aus. — Ich möchte doch wissen, ob andere Menschen auch so entsetzlich kompliziert darin wie ich sind. Und dabei geht es auch wieder ganz einfach und selbstverständlich. Mit mir bin ich nie im Zwiespalt in Eroticis — höchstens durch den andern. —

Mir fehlt nur der Eros der Fremde, und der ist doch nur bei Monsieur.

Ich denke an den unendlichen Reichtum in all den Zeiten mit ihm und bin froh, daß er immer noch da ist, und wir uns nie verlieren.

Hallwig war der einzige, der das alles verstand, ich kann mit keinem andern fliegen.

Abschreiben bei D. — eine Stimmung, die ich gern mag, überhaupt diese amitié.

Bin plötzlich auf dem Punkt augelangt, den ich lange vergebens suchte, ich bin etwas wieder in mir selbst. Dann ist auf einmal alles gelöst und alle Froissements etc. annulliert. — Ein Neues, daß es auch ohne äußere Einsamkeit möglich ist. Das hab' ich früher nicht können, und dann manchmal Angst gehabt, daß Hallwigs Niedergangstheorie durch die Kaulbachstraße vielleicht ein Korn Richtigkeit bekommen hätte. Habe das Gefühl, als ob ich wieder einmal einen Stein der Weisen gefunden hätte — oder einen «Durchbruch der Gnade».

Mit D. und seinem Freund in Tegernsee, mich in Frühling gewälzt und ein Harmoniegefühl, das mir lange abhanden war, aber ein neues. Darum wohl auch ganz fremd dagegen, daß Onsky verstimmt. Oder nicht fremd, aber beinah darüber «gelächelt». Hätte es ihm weglächeln mögen, aber aus Müdigkeit doch etwas kribblig. Wenn nur einmal ein Mann, von denen, die mir ganz nahe kommen, begreifen wollte, wie sehr ich lieben kann und wieviel ich lieben könnte. Aber sie haben immer die Tendenz, mich durch entgegengesetzte Empfindungen zu zersplittern.

— Ach Gott, man möchte manchmal die ganze Welt in seine Arme nehmen, und mir ist jetzt so, als ob ich den ganzen Frühling in mir hätte und ihn andern geben könnte, wenn sie wüßten, ihn zu nehmen. Und das ganz von selbst ohne Erlebnis. Nach Hallwig scheint mir, ich habe irgend etwas erlebt, das ich eigentlich gar nicht erlebt habe, und das ist gerade das Wirkliche. Nun wird auch nach außen alles glatter, ich bin gesund, habe keine oder sehr wenig Nerven seit einiger Zeit, habe Zeit für mich, für Bubi etc., komm' auch endlich wieder einmal zu meinem Buch. Ich muß jetzt sehr viel mit mir reden und hab' mir viel zu sagen.

*

Ach, himmlischer Gott, was schwindelt man sich alles vor, wenn es ein wenig Frühling ist, sogar, daß die Menschen nicht entsetzlich wären. Gott sei Dank hat sich mein besseres Ich, das manchmal umnebelt ist, schon lange wieder gebäumt, kann die ganze Blase nicht mehr ertragen.

Der D.-Charme ist längst und rasch verflogen — inferior und unmöglich. Bin jetzt dabei angelangt, allen gleichgültigen Verkehr radikal abzuschaffen, es ist wirklich ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn man ihn duldet — weg damit. Darin wenigstens habe ich diesen Winter und Frühling gelernt. Ich muß doch recht jung sein, daß ich immer noch so viel zu lernen finde.

Alles war nur wieder Bummelei — und da bin ich auch wieder schwach gewesen, lasse mich durch Onsky ins Verbummeln mit hineinziehen, und in manches andere, was nicht nötig wäre, wenn er nur manchmal einen Finger rühren wollte. Es ist recht schlimm, ich komme auf diese Weise nie aus dem Schlamassel heraus und komme nicht zu allem, was ich möchte.

Es hat mich glücklich gemacht, ihm helfen zu können, aber allmählich komm' ich mir lächerlich dabei vor und habe zuviel Unangenehmes dabei schlucken müssen. Wie die Geschichte mit D. — In bösen Stunden lag es mir ein paarmal auf der Zunge: Du zwingst mich ja dazu — hab' dem Himmel gedankt, daß das Abschreiben zu Ende war, es hat mich gewürgt zuletzt. Jetzt ist das alles wieder abgeschüttelt.

Mein Gott, mein Gott, es wäre vielleicht besser, sich wieder ganz allein durchzuarbeiten. Ich muß mich gegen vieles wehren und könnte manchmal weinen nach Einsamkeit.

Ob es für mich nicht immer ein Unglück bedeutet, einen Menschen so zu lieben?

Jetzt male ich, dann schließt sich mir alles wieder innerlich zusammen, ein wundervoller Nachmittag mit Bubi, er sitzt mit großer Ausdauer, und wir schwätzen zusammen. Ihm Trojanischen Krieg erzählt. «Paris hat ganz recht, daß er der Aphrodite den Apfel gab, weil sie ihm die schönste Frau versprach. — Nun werden wir mal sehn, ob er sie auch wirklich bekommt.» —

Von O. und Bubi Skizze gemacht. —

Verdammt elend, morgens schweißgebadet und zerschmettert. Und «alles so überflüssig wie ein Kropf». — Nicht einmal Lust zum Malen — zu nichts.

16. Mai [1904]

Sonnenwetter, und möchte so gerne froh sein. Sitze vormittags in der Küche und schreibe am sechsten Kapitel. Bin ich einmal wieder in der Lübecker Jugendzeit.

Geträumt, daß ich vor Hallwig kniete, seine Handgelenke festhielt und sagte: Du hättest mich nicht von dir lassen sollen.

Dienstag früh Arzt, dann sehr deprimiert und nervös nach Solln, in große Lustigkeit und helles Wetter hineingefallen und selbst wieder ganz vergnügt geworden. Nachmittags nach Ebenhausen und Leoni. Unterwegs stilles, schönes Dörfchen, wo wir ausruhten, Fädchen, Bubi und ich. Von dort aus im Wagen, ich im Zickzack kutschiert, dann Überfahrt im Boot nach Possenhofen, alles so wundervolle Sommerabendstimmung mit der unerhörten Blütenüppigkeit. Nacht dort geblieben, ganz früh beinah betäubender Amselschlag, lag wach und dachte, daß mein Geburtstag war, sah meine Maus schlafen und war richtig froh — sentimental. Dachte an voriges Jahr — den Morgen in Rom, den Abend in Venedig. Gegen elf Uhr heim, das blaue Deckchen. Ganz kindische Freude. Dann mit Lutz, Fädchen und dem großen Rolf Bar, Laboratorium, Geschenke, Reitpeitsche und seidne Strümpfe. Mir lange nicht passiert, einen richtigen Geburtstag gefeiert zu kriegen und lauter angenehme Geschenksachen. Maus von schmelzender Liebenswürdigkeit, kriegte von mir ein Malkästchen und Buntstifte, malt nachmittags mit großem Eifer und ganz still, während ich todmatt nach allem auf dem Sofa liege.

19. Mai [1904]

Stiller Tag. Mit Maus gespielt und mich von ihr pflegen lassen, bringt mir morgens den Kaffee ans Bett und ist wahnsinnig lieb.

Neulich hat er von zwei Hunden behauptet, sie wären nebeneinander hergelaufen «wie zwei Schriftsteller».

21. Mai [1904]

Verhängnisvolle Epistel an D. geschrieben. Heut abend plötzliche Sentimentalität über den armen Mann, kann's aber doch nicht ändern, es ist alles zu unmöglich. Und an meinem Geburtstag Molton begegnet — saß mit Sendt im Fiaker, nur ein unangenehmes Gefühl, daß er mich sehen würde.

Lese meinen Roman und finde ihn doch eigentlich greulich, — Gott sei Dank, bin ganz erleichtert darüber.

24. Mai [1904]

Onsky zurück. Hallwig endlich die Briefe geschickt mit einer bitterbösen Hinzufügung. Es muß traurig um ihn stehen. Mein Gott, all diese schmählichen Enden sind so überflüssig, geschmacklos und unschön. Hatte den Tag vorher seine Briefe gelesen und soviel an damals gedacht. Dann dies wie ein kaltes Bad. Am gleichen Tag von D. einen Brief als Antwort auf meinen. Aber wieviel größer an Seele ist dieser ganz unbedeutende Mensch. Einfaches Begreifen und Wärme, während dort bei Hallwig dies abstoßende Ressentiment geradezu trieft. — Er ist auch ein andrer geworden — ich nicht.

Erzähle der Maus weiter aus Trojanischem Krieg — wie die unsterblichen Rosse des Achilles weinen, lächelt er erst und weinte dann ganz unglücklich. Ist so ganz bei der Sache.

Immer noch namenlos elend und manchmal entsetzlich verstimmt darüber: es ist genug, Herr! denn es will nicht aufhören. Nur Freude an der guten Maus, die immer um mich. Steht früh um sechs auf und marschiert in die Radlschule, erzählt mir dann seine Erlebnisse.

25. Mai [1904]

Früh zum Doktor, macht mir ein wenig Angst von Bauchfell und Blinddarm, und ich fühle die alten Gespenster neben mir. Sonst aber heute besser. Nachmittags Maus, wieder Troja erzählt. Hat fortwährend Tränen in den Augen, ist ganz auf seiten der Griechen.

Bei irgendeiner Gelegenheit: «Mamai, meinst du vielleicht, ich wäre der Seher Kalchas, daß ich alles wissen soll?» —

Dritter Schwabinger Beobachter [Anmerkung Else Reventlow: Eine ironische Zeitschrift, die nur in bestimmten Schwabinger Kreisen zirkulierte, handschriftlich hergestellt und nächtlich-geheimnisvoll zugestellt wurde.], halbe Nacht durchgearbeitet. Gott sei Dank, Gesundheit geht wieder bergauf, fange an, im Garten zu malen.

Maus radelt mit auf der Straße, und ich bin namenlos stolz auf das kleine Geschöpf, wenn es neben mir fährt. Reitstunden angefangen.

Das Reiten arbeitet mich körperlich gründlich durch und ist mir eine große Wonne. Beim Malen viel Verzweiflung über die Unfähigkeit, aber ich bin jeden Tag dabei. Seitdem ist mir um zehn Jahre jünger zumut, trotzdem ich mit allen Menschen mehr und mehr den Zusammenhang verliere. Eins über das andere ist diesen Winter zerbrochen und auch das Allernächste schwankt mir jetzt, mehr als es überhaupt in meiner Natur liegt. Habe mich selten so fest an einen Menschen gelehnt, aber es zerreißt mich zu sehr, ich kann es aus die Länge nicht ertragen — vieles andere noch — alle Haltlosigkeit, endlose Kleinigkeiten, die mich froissieren. Mein Gott, wie bin ich allein, selbst wenn ich einen Menschen noch so heiß liebe und nicht weiß, wie ich von ihm los soll.

Abends in der Küche Tuschzeichnung, so still-zufrieden in mir. Plötzlich vom Gruseln überfallen und dann ins Bett gerettet. Öfters die Vorstellung, daß Orlonsky auf einmal vor mir stehen wird und mir den Hals umdreht oder mit einem Rasiermesser zur Tür hineinkommt. —

Brief von Herbert, ob ich Samstag käme. Ärgere mich darüber, daß er mich die ganze Zeit geschnitten und öfters hier war, und werde nun aus Eigensinn nicht hingehen. Dabei wäre es gerade jetzt ein Aufatmen, mit ihm zusammen zu sein. Dann über Onsky und Henry geärgert; d. h. eigentlich über Onsky wegen ganz minimaler so überflüssiger Biertischbemerkung über Henry — das Gefühl von krankhaftem Ekel, das ich nur zu gut kenne und zu oft erlebe. — Ich könnte weinen, wenn jemand wie O. in mir dies Gefühl hervorruft und mag ihn dann eine ganze Zeit lang nicht. Von ihm will ich immer vornehme Reserve, die ihm so gut steht und die ich anfangs bei ihm so sicher glaubte. Er würde das nie begreifen und mich nur albern finden. — Es mag ja auch albern sein, aber ich kann mich daran nicht gewöhnen. Mir ist bei jeder solchen Gelegenheit, als würde zwischen uns dadurch etwas entweiht. Darin Herbert der einzige Mensch, aber auch der einzige, mit dem ich mich verstehen kann.

Also wegen dem Schmarrn verstimmt gegen O. und den ganzen Abend daran herumgewürgt. Lieber Gott, warum hast du mir kein dickes Fell gegeben; mir fehlt gerade in diesem Punkt jede Robustizität. Da bin ich wie ein Mensch ohne Haut, der bei jedem Anrühren aufschreit. Und muß doch immer alles herunterfressen. O. ging dann mit Cromes fort und wieder einen Augenblick traurig, daß er fort und ich nicht mit. Dann gedacht, es ist ja doch nicht mehr wie früher, wo unsere Unzertrennlichkeit mir Bedürfnis war. — Und warum ist es nicht mehr wie früher? — Die D.-Geschichte hat mir wohl einen Stoß gegeben, der noch lange dauern wird. So ein Hüllenherunterreißen, eine Art Empörung, daß mich mein Leben nicht ganz allein angeht. — Die Geschichte an sich kommt mir so gleichgültig und unwesentlich vor. Aber in mir ist seitdem etwas anders geworden, ich ziehe meine Fühlhörner mehr ein und krieche wieder in mich selbst zurück. — So auch heute abend. — Als sie fort waren, am Fenster gemalt, noch einmal zur Maus hinein, sie geküßt und dann wieder Ruhe in mir und mich selber dumme Gans gefunden, alles, alles, meine Überempfindlichkeit, das ewige Reagieren auf alles Unangenehme, das alberne Ideale suchen in andern Menschen, die gar nicht daran denken, etwas davon in sich zu haben. Und zuletzt immer der alte Schluß: die Maus und ich, Weltflucht.

*

Dieses ganze Zusammenleben ist ein langsames Gift, mag aber auch seinen pädagogischen Nutzen haben, weil ich immer unumstößlicher begreife, daß ich es auf die Länge nicht kann. Besonders, wenn ich Monsieur einmal von fern sehe, durchzuckt es mich: wäre ich doch allein wie in alten Zeiten, nur allein, allein. Aber auf der andern Seite: ich brauche sie so notwendig, die Ruhe vor äußeren Sorgen, das Atemholen. —

Einen Tag in Ammerland mit Maus, morgens an der Waldwiese gelegen, dann Bad — nachher in der Sonne gesessen und plötzlich über meinen wachsenden Umfang erschrocken. Es muß doch etwas sein. Spät abends zurück, mit Maus durch die dunklen Straßen geradelt und mit ihm zu Bett.

Beim Arzt — also doch — trotz aller Unwahrscheinlichkeit — ein dumpfer Schrecken und dazwischen doch heimliche Sehnsucht danach.

Mit Cromes nach Possenhofen — ganz schön, ärgere mich aber doch über jeden Tag' mit überflüssigen Leuten.

Nächsten Tag aus einmal Gewitter und sonderbare schwüle, süße Stimmung, wie das alles werden wird.

Noch ein Kind? — Es lockt und schreckt mich abwechselnd, mein ganzes Leben wird verändert. Nicht mehr allein mit meiner Maus, und wird es auch ebenso zu mir gehören wie er? Gewünscht hab' ich mir's ja oft und denk's mir auch wieder so schön, wenn Bubi und ich es so zusammen haben und aufziehn. Aber haben wir zu dreien überhaupt Platz auf der Welt? Hätt' ich nur soviel Geld, daß ich mit den zwei Kindern in irgendeinem abgelegenen Winkel leben könnte. —

Bubi nach Solln gebracht, um morgen mit Onsky nach Ingolstadt zu fahren. Allein zurück durch die Kornfelder und gedacht, alles hin- und hergewälzt — und plötzlich innerlich dazu ja gesagt. Es wird eben dies wohl auch in meinem Schicksal geschrieben stehn, sonst wäre es nicht so gekommen. — Um elf Uhr niedergelegt und bis drei Uhr geschlafen, namenlose Sehnsucht nach Bubi, eigentlich bin ich in seiner Seele eifersüchtig auf das neue und eine Art Angst, ob ich es wohl ebenso lieb haben kann. Um halb drei fortgeradelt, beinah mit schlechtem Gewissen, daß es schaden könnte.

Wenn ich vom Schlafen aufwache, immer den ganzen Kopf voll Gedanken, wie soll's gehn, wie soll's werden. Und vor allem das altgewohnte Gefühl von Obdachlosigkeit. Es sieht sich ganz ruhig von außen an, wie ich lebe und ist doch immer nur ein Zelt oder grüner Wagen. Und jetzt hab' ich es nicht einmal mehr alleine und ziehe mit andern herum. Das ist doch wie ein Bleigewicht.

Bubi wächst mir in Gedanken zum gleichstehenden Freund, mit dem man schon alles teilt. Sprechen oft von dem Baby, das wir vielleicht einmal kriegen werden. Er will es hüten, daß ich fort kann, wann ich will.

Nur bald von München fort. Keine Menschen mehr, und keine wiederaufwachenden Sentiments — Hallwig — Monsieur. — Die beiden steigen so gewissermaßen aus ihren Gräbern auf und verfolgen mich.

Aber auch wieder gute Stimmungen, wenn das entsetzliche Kopfweh einmal etwas nachläßt.

Ich bin nicht außer mir vor Seligkeit wie damals, als ich Bubi erwartete, ich mache mir unendliche Hin- und Widergedanken — und weiß im Grunde doch ganz gut, daß das Leben noch dies eine Kind von mir will. —

Aber reichen auch die Kräfte? Ich brauche schon für mich allein arg viel Platz und hab' ihn nicht.

Was gäb' ich nicht jetzt um einen Abend mit Hallwig — so wie früher.

Herbertabend, auf meinem Dach bei beginnendem Regen. Waren beide ein wenig bewegt; er schlief im Atelier, uns vom Bett aus unterhalten. In der Früh ihm Kaffee und Zigarette aus Bett gebracht, dann mit ihm in die Stadt. Nachher der Professor «teilnehmend» und sehr nett — — — etc. Willy Mitteilung gemacht. Doch etwas beschütztes Familiengefühl zwischen den beiden. Muß oft daran denken, wie gottverlassen zur Bubizeit. In der Erinnerung ist mir die Zeit so lieb — und das jetzige ist mir auch lieb. Das damals kommt mir vor wie dunkle, schmerzlich süße Frühlingsnächte, das jetzt wie reifer und sonniger Sommertag. Es ist halt immer nur der kleine Kram, der es trübt und stört — alles frühere Zuviel. Und ich meine doch zu fühlen, wie ich wieder zusammenwachse, immer mehr, allmählich. Vor ein, zwei, drei Jahren hielt ich mich nur mit Mühe aufrecht, jetzt, wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, zu allem Gefühle von Kraft und Freude. Vielleicht werde ich alle Nerven durch das Kind los. —

O. so gut mit mir, muß nur noch viel mehr lernen, ihn zu nehmen, wie er ist. Will ihn fortwährend anders haben, und plage ihn auch damit. Zudem zerrt es zuviel an mir, das fortwährende Froissieren. Im Grunde liegt es daran, daß zu große Nähe mit Menschen immer kleinlicher macht, ganz sicher, daß das zu viele Sichausgeben eine elende Gefahr, gegen die es viel Selbstbetrachtung braucht.

Es macht ein wenig wehmütig, in diesem Sommer mit dem ewig schönen Wetter wieder gebrechlich zu sein, morgens matt dazuliegen und gar keine Energie, früh aufzustehen. Und die vielen Sachen, die ich machen wollte. — Wenn ich nicht den ganz unerschütterlichen Glauben hätte: es kommt doch alles noch, nur dem Leben nicht zuviel dreinreden, wie es sich erfüllen will. — — Eigentlich hab' ich verdammt viel innere Ruhe zum Zuschaun.

In ein paar Tagen geht es nach Italien — in dem Moment kriege ich natürlich Heimweh und geh' wehmütig umher — wann seh' ich das alles wieder?

Schritte getan, Bubi von der Schule loszukriegen — muß ihn ganz frei und für mich haben, daß mir das schöne grade Bäumchen nicht verkrümmt wird. Und das würde es so leicht — das Kind ist so sehr von Wachs — und ob das, was ich bis jetzt daraus geformt habe, halten würde? —

Beim Packen — mein Leben besteht seit vielen Jahren, seit Samos etwa, aus fortwährendem Ein- und Auspacken oder Umziehen. Ich wollte, es hätte einmal ein Ende.

Freitag. Stadt abgerast mit Besorgungen. Nachmittags Bey Adieu gesagt, Übersetzung von Langen erst mit Schauder abgewiesen, dann doch genommen. O weh, mein armer Kopf, wollte, ich könnte ruhig hier bleiben und auf meinem Bett liegen. Meinte nachts, daß es sich schon bewegte — aber nicht sicher. Manchmal Angst, daß es nicht lebt.

Ärgere mich über die entsetzliche Verstimmbarkeit durch Bagatellen — oder sind's keine Bagatellen — Nadelstiche von Unbehagen über kleine Äußerlichkeiten.

Samstag abend mit Monsieur. Auf einmal kommt mir alles fremd und unwahrscheinlich vor, dann Abschiedskuß an der Straßenecke. Heimweh, Heimweh. Nur wieder meine Wohnung allein, mich selbst wieder allein. Muß los und kann nicht los. Wieder alle Liebe hergeben. —

Letzter Münchnertag, Fädchen Nacht bei uns. Morgens endlose Besuche etc. Monsieur noch einmal von ferne gesehen. Bat mich unten zu Nachmittag, blieb aber so lange oben, daß keine Zeit mehr und dachte: Wozu auch?

Nachmittags Rodi, wir beiden arg sentimental, abends uns an die Bahn gebracht. Fremde bedrückt mich, die Unsicherheit — alles. Möchte Ruhe, Ruhe. Reise ziemlich bös. Verona. Onsky und ich, beide wahnsinniges Kopfweh, auf dem Hotelbett bei der Hitze herumgelegen, dann in die Stadt hinein. Er etwas grantig und nervös. Nächsten Morgen früh nach Modena. O. ärgert sich, daß er nichts von Modena zu sehen bekommt — mir alles so gleichgültig. Dann Parma. Drei Stunden lang Stadt angeschaut, schön, südlich verödet. Abends Spaziergang. Noch spät zum Hafen und durch die Stadt gebummelt. Er interessiert sich für alles, ich kaum, obgleich es zum Anschaun ganz hübsch ist, aber Menschen, Volk etc. bedrückend, fühle mich so weit weg — was hat das mit dem Leben zu tun? Am nächsten Tag mit dem Bootsmann Amabile per Segelboot nach Bocca di Magra, Albergo «Sans Façon».

Willy uns am Ufer erwartet. Sitzen herum und schaun uns alles an. Echt südlich, was wieder ganz schön ist, aber auf mich unangenehmer Eindruck. Das widerwärtige Pack rings um einen herum, ein wahres Gewimmel aus dem Albergo, auf Bänken, Tischen und auch am Strand. Das in Aussicht genommene Haus ganz greulich. Kurz, bin in unangenehmer Stimmung und ärgere mich wieder darüber. Nacht mit Wanzen und unruhigem Bubi noch ärger. In dieser Nacht die ersten Babybewegungen. Das doch wenigstens etwas Schönes und Weichheit in allem Ablehnungsgefühl.

Sonntag früh mit Willy auf Suche nach unserm weiteren Unterkommen. Mit Rad nach Carrara, alles voll weißer Marmorblöcke und dahinter blaues Meer. Dann von Massa zu Fuß nach Forte dei Marmi, aber nichts gefunden. Wieder nach Massa zurück. Willys Rad geplatzt und ich allein zurück gefahren, Dunkelheit, Weg nicht gewußt, greuliche Angst. Schon entschlossen, im Wald zu schlafen, als endlich ein Haus gefunden, wo ein Kerl mitging. Todmüde, mich geärgert und schlecht geschlafen. Montag mit Onsky los. Von Pietra Santa zu Fuß an den Strand. Endloser Weg. In schmieriger Bodega gegessen, alle beide arg matt. Lange im Wald geschlafen. Später gebadet und so allmählich bei arger Hitze nach Viareggio geduselt. Onskys Tourenstimmung ist immer etwas besonders Schönes, alles so genossen. Könnte so mein halbes Leben mit ihm in der Welt herumstreichen. Abends in Viareggio. Kitschiger Modeort, wir beide ganz verstrolcht dazwischen herum. Wollten eigentlich weiter nach Pisa, aber das aufgegeben und von Viareggio, wo wir noch Wein, Obst und Brot einkauften, zurück den Strand entlang. Schon im Dunkel endlos durch den Sand gewatet, bis wir eine Badehütte zum Schlafen gefunden. Aus der Portiere unser Lager. Etwas zerbrochen aufgewacht, in der Morgenfrühe weiter, Wohnung gefunden. Zu Fuß bis Mossa. Dort drei Stunden herumgesessen, einigermaßen müde, bis Trambahn zur Station abging. Zu spät zum Zug, ich wollte zu Fuß heim, er nicht. In große Wut geraten, auf eine Wiese gelegt und bis zum Abendzug geschlafen. Dann noch von Luni nach Bocca, an der Überfahrt um Mitternacht lange vergeblich gepfiffen und schon auf Nachtlager im Freien gefaßt, als zufällig ein Fischerboot gekommen und uns übergesetzt. Maus in tiefem Schlaf, aber bald daraus aufgewacht und sich gefreut, daß ich wieder da. Am andern Vormittag an den andern Strand zum Baden, mich mit Maus absentiert, ihm aufgetragen, aufzupassen, während ich nackt im Sand geschlafen. Aber die Maus baut statt dessen eine schöne Burg, und auf einmal stehen vier bis fünf Leute dicht bei uns, und ich entweiche wieder ins Wasser. Tag darauf Onsky und Willy nach Spezia, wollte mir einen recht schönen Tag mit Bubi machen, aber Gewitterluft und Kopfweh und den ganzen Tag herumgelegen. Nachmittags großes Gewitter, die gute Maus fürchtet sich und fragt alle fünf Minuten, ob es nahe wäre. Wie gut ist es immer, mit dem Herzkind allein zu sein, und wie fluche ich oft gegen mich, wenn die andern Leute mir auf die Nerven fallen und ich es ganz gegen meinen Willen an Bubi auslasse. Mit einem Kind sollte man immer allein sein, es gehört nicht unter mehrere große Menschen. Abends nach dem Gewitter erlaube ich ihm, ausnahmsweise aufzubleiben und mit mir noch einen Spaziergang zu machen. Ganz selig und begeistert darüber und so vergnügt zusammen. Am nächsten Morgen Bubi mit Willy per Ochsenwagen und Bahn nach Forte dei Marmi, und ich per Rad. Von Massa an geschoben, kommen um fünf bei unserer neuen Wirtin an, dann mit Rad nach Serravezza, und von da nach Pietra Santa. Aber nichts von den beiden andern zu finden. Halbschlafend in Serravezza auf den Abendzug gewartet. Maus steigt glückselig und geschäftig aus mit seinem roten Hut und phantasiert von der Marmorstadt Carrara, die er heute gesehen hat. Die beiden fahren, wir radeln, ich mit dem Rad umgesegelt, argen Stoß, schreie im ersten Schrecken auf, O. schimpft und übermüde, Schmerzen, gehe nachher langsam hinter ihm her, fühle mich todunglücklich und denke: wär' ich nur allein. Dann Maus ins Bett gebracht und unten bei der Madame Maggi soupiert, die aussieht, wie eine alte englische Illustration. Können Bubis und mein Bett nicht nebeneinanderstellen, was sehr traurig ist, aber in der Früh kommt gleich das Köpfchen über die Bettlehne.

Viel Herumräumerei und Einrichten, Onsky grantig, von Serravezza mit Maus geradelt. Maus fällt auf dem schlechten Weg und schlägt sich die Schulter, und ich schelte ihn noch, weil er wie ein kleines Kind schreit. Ist so arg wehleidig, man darf ihn nicht bedauern, braucht aber auch nicht ungeduldig zu werden.

Nachher verzieh ich ihn aber auch dafür. Bin überhaupt über alle Maßen nervös, es ist schlimm, schlimm. Wälze mich nachts herum und denke, wie es jetzt gerade einmal alles hätte gut sein können, aufatmen, mich wieder mit Bubi von der Kaulbachstraße emanzipieren und wie an allen Seiten gefangen. Es hätte noch zwei Jahre warten sollen, — aber es war doch wohl so in den Sternen geschrieben, sonst wäre es eben nicht so gekommen. Maus und ich werden doch sehr selig mit unserm neuen Baby sein. Aber warum ich wohl immer mit soviel Angst und Bangen meinen Kindern entgegensehen muß, statt wie andre mit Freude. —

Man kann sich jetzt selbst so gar nicht beurteilen, es ist alles physische Stimmung, die ist so entsetzlich bleischwer und düster. So war es freilich bei Bubi auch, wo doch für mich alles dran hing.

Es regt sich jetzt von Tag zu Tag mehr und mir wird immer düstrer. Wenn ich die Maus nicht hätte, würde ich ganz darin versinken.

Einen Tag mit argen Schmerzen gelegen, dachte schon, daß alles vorbei, unruhige Nacht, dann schließlich Morphium und wundervoll geschlafen.

Heute der 24. August, weiß endlich wieder einmal das Datum. Etwas wohler, aber noch ziemliche Schmerzen. Abends noch allein drunten im Dunkeln, mich sehr gegruselt, wenn manchmal eine breite weiße Welle wie ein Netz nach einem griff und hinter mir herlief. Heute aber zum erstenmal das Meer wieder ganz empfunden. —

— Neulich einmal von Hallwig geträumt, der mir sagte, nach dem zweiten Baby würde er mir wieder gut sein. —

Sehr gut geschlafen, früh wieder über Onskybagatellen nervös, mit der Maus in Regen und Wind am Strand. Heimweh nach Mausieinsamkeit. Entschluß, die wieder zu haben, wächst immer mehr. Übersetzung, fad zumut, kann Willy nicht vertragen. Ach, diese Misere. —

Träume von riesengroßen Wasserleichen, die vom Boot aus herausgezogen wurden.

Zwei Tage in Florenz, mich einsam ohne Bubi und Onsky gefühlt. Wieder die Lust, davonzulaufen. Meinetwegen nach München zurück in alt Gewohntes, in Ruhe und eigne vier Wände. Aber nein.

Wohnungen angesehn, froh, als am Sonntagabend wieder in der Bahn. Von Pietra Santa um Mitternacht bei Mondschein zurück.

1. September [1904]

Mausgeburtstag. Möglichst gefreut, mit ihm gespielt, Arbeit liegengelassen. Abends an den Strand gezogen und ihm das Geheimnis der Menschwerdung unseres Babys erzählt, daß die Götter es in die Mamais hineinzaubern und es dann noch weiterwächst, bis es auf die Welt kommt. Maus halb gerührt, halb neugierig mit großen Augen, aber sehr selbstverständlich.

Einen Abend: «Mamai, ich hab' geträumt, daß ein Tod uns das Baby wieder holte.» —

Mir ganz unheimlich.

Baden zweimal am Tag, Fußball, mit der Maus an den Strand gehen und sonst Übersetzung. Soll ich denn niemals malen? — —

Lutz und Fädchen am 4. und 5. September. Freue mich sehr, sie zu sehen, aber dann in etwas überwältigendes Durcheinander. Palmié am Nachmittag dazu und große Arbeit. Fädchen so lieb, aber das viele Menschenzusammen ist greulich. Nun noch einmal an die Arbeit für ein paar Wochen, dann will ich nicht mehr. —

Ärgere mich über die beiden großen Kerle, die da herumsitzen und zuschaun, wie ich bei meinem jetzigen Zustand mich mit dieser Arbeit elend mache. Ich kriege eigentlich immer alles, was ich will, aber immer so, daß ich dann doch nichts davon habe, so diese Reise — Italien. Strand, Meer, wie hat mich das gelockt und wieviel Unangenehmes in meiner Idee überwogen, und nun ist's wieder so, daß ich nur das Fade daran wirklich habe — kein Für-mich-sein und auch keinen Menschen, der mir grade jetzt gibt, was ich brauche, so um mich ist, wie ich mich sehne — sondern ein lästiges Zusammenhocken und die abscheuliche Arbeit, die mir jeden Tag verdirbt. Versuche einmal, unten bei der Strandhütte zu schreiben, aber einmal ist's zu windig und überhaupt unbequem. Wache früh zwischen Nervosität und Wohlgefühl auf, schau' aufs Meer im Morgenglanz hinaus, alles so frisch draußen, neben mir mein Bubi, in mir das neue kleine Wesen, das mein Aufwachen mit seinen leisen Bewegungen begrüßt, wie wenn's mir guten Morgen sagen wollte, und ich denke, wie wohl würde mir sein, wenn ich jetzt beim Frühstück nicht den schwarzen Käfer sehen müßte, wenn Onsky nicht so grantig wäre und ich nicht den ganzen schönen Tag an der Schreiberei sitzen müßte, sondern mit Bubi herumgehn könnte, malen, am Strand liegen, an mein Baby denken und mir den Reichtum des Lebens durch die Finger gleiten lassen. Mir ist im Grunde so froh, mein Körper kommt mir heiter und blühend vor, fühle mich jung und alles hat seinen besonderen Schimmer. Aber nun müßte es auch schön und wohlig um mich sein, unendliche Ruhe, jede Kleinigkeit an ihrem guten erfreulichen Platz, sehr viel Liebe und Sorge um mich — oder gar keinen Menschen. Mir ist wie ein blauer Himmel, über den fortwährend Wolken gehn.

Sehne mich danach, daß Onsky gut mit mir wäre, aber er ist grantig oder läuft fort, und ich möchte, er sollte mich mitnehmen. — Nur die Maus ist von unendlicher Weichheit und Liebheit, aber auch nur, wenn wir allein zusammen sind, sonst unausstehlich ungezogen mit den Großen. Sprechen immer von unserm Babychen und unserm späteren Leben, wie wir diesen Winter in Italien bleiben und im Frühjahr nach München zurückgehn. Er ist so glücklich, daß er ein Geschwisterchen bekommt. Gott, und ich bin auch so glücklich, wenn auch unter Wolken. Bis Mittag an der Arbeit, alles ist unbequem, das lange Sitzen macht mir Schmerzen, der Kopf wird mir benommen, und alles reißt an den Nerven. Dann mit der Maus baden, das ist wieder etwas Schönes, wenn sich das kleine Tier vergnügt in den Wellen wälzt, zu schwimmen versucht oder sein Schiffchen vom Geburtstag schwimmen läßt. Bis die Maus mich zum Essen weckt, lieg' ich im Sand und schlafe. Nach Tisch gleich wieder an die Arbeit, dann wieder Strand, meistens Fußball mit den andern, bin froh, wenn ich mit Onsky allein und die Käfersprünge nicht ansehn muß. Baden und dann mit der Maus zum Abendbrot spazieren, Muscheln sammeln und zusammen schwätzen. Mir kommt manchmal eine bange Angst. Kann eigentlich von Tag zu Tag weniger gehen und werde immer schlaffer. Leg' mich meist nur in den Sand. —

Heut abend fällt mir wieder ein, wie wir mit Fädchen und Palmié gingen, Bubi weit zurückblieb und mir nachher erzählte, es wäre so schön gewesen, wie er «ganz einsam» am Strand gegangen sei und die Sonne untergehen sah. — —

Wenn wir dann abends nach unserm Gang heraufkommen, ist es auch ganz gemütlich, die beiden andern fort — ich mache Maus Futter und liege auf Onskys Bett, während sie ißt, bringe sie dann zu Bett, geh' später manchmal noch allein hinunter oder nach dem Essen mit Willy — aber es ist eine harte Nuß jeden Abend, diese ein bis zwei Stunden mit ihm allein. — O. ist jetzt immer fort — weiß nicht, wie ich mich sehne, er möchte um mich sein.

— Kann's aber auch wieder begreifen, daß er so verstimmt, der ganze Aufenthalt ist einmal überhaupt verfehlt und für ihn erst recht nichts. Armer Onsky, mit der Küchenplagerei, die ihm den halben Tag nimmt, kann er keine Touren machen, auf keinem Rad ordentlich herumfahren, und ich bin oft so zuwider über Kleinigkeiten, die er nun einmal nicht empfindet. —

Gestern abend so ganz unglücklich und zernervt. Maus zu Bett gebracht und wollte an den Strand, Onsky unten mit den Wirtsleuten Possen gerissen, nach langem Warten mich endlich entschlossen, an ihnen vorbei an den Strand zu gehn. Und dann glotzt mich alles so an, und ich fühle mich todallein. An die Cabane, auf der Bank gesessen und geweint, geweint. Wenn er doch nur einen Augenblick zu mir käme und mir ein freundliches Wort sagte. —

Grad abends ist mir manchmal so zum Sterben melancholisch, wenn ich Bubi nicht bei mir habe — eine Kleinigkeit, so wäre ich heiter und ruhig und glückselig.

So neulich auch einen Abend, wußte nicht mehr, was anfangen vor Trübsinn und nach Forti im Dunkeln gegangen. Fürchte mich jetzt so und geh' nicht gern allein. Dort lange umhergelaufen, auf die lange Brücke hinaus und in die Wellen gesehen: wenn jetzt nur jemand käme und ein Wort mit mir redete, nur einmal sagte: Wie ist dir? Dann wär's schon besser. — Und wieder diese drückende Blei-schwere im Innern. —

Erster Hauptteil der Übersetzung fertig, nun kann ich die Tage doch genießen. Gleich den ersten mit Maus nach Pietra Santa geradelt, das war ein solches Vergnügen für uns beide und so lustig zusammen. Ein paar Besorgungen gemacht, uns Feigen gekauft, sie nachher auf dem Weg gegessen. Bubi die alten Häuser gezeigt und er sehr befriedigt. Ein paar so vollkommen schöne Tage, trotz Onsky, den ich kaum sehe. Noch einmal mit Bubi auf Massa zu geradelt. Aber es wird mir immer weniger gut, dachte anfangs, es wäre nur Trägheit, und ich müßte es etwas forcieren, um beweglich und gesund zu bleiben. Aber die Ruhe zwingt sich mir auf, Mattigkeit zu groß, bade täglich zweimal und gehe eine halbe bis eine Stunde, dann wird mir's schwer zu gehn.

Ganz bös mit Onsky, machte eine abfällige Bemerkung über die Negligewirtschaft morgens in der Küche. Ich war vielleicht auch sehr scharf, aber es lief mir eben über. —

Nun sprechen wir kaum mehr zusammen, nur ganz geschäftsmäßig, und ich habe alle Sentimentalität verbannt. Ich bin ja doch allein, warum mich immer danach sehnen, daß man etwas mit mir fühlt. Er fühlt halt nichts, läuft da verstimmt herum, weil ihm die ganze Sache ungemütlich ist, denkt aber nicht daran, wie erst mir zumut sein muß und ist, und nicht daran, mir etwas zu helfen.

Mir ist so verlassen, einen langen Brief an Hofmann und von ihm. Das war die erste freundliche Menschenfühlung seit langer Zeit. —

Mein Gott, was für ein Unsinn, aber ich bilde mir wirklich ein, seit endloser Zeit wäre niemand gut mit mir gewesen und auf mich eingegangen.

Hab' immer Tränen in der Kehle, wenn O. kommt und geht, lieber, wenn ich ihn gar nicht sehe — und denke oft, wie mancher andere froh gewesen wäre, hätte ich ihn nur so nahe sein lassen. So verläuft diese Zeit, die so schön hätte sein können, wo es mir möglich war, das einmal im Leben mit einem andern Menschen zu erleben — nun stoßen wir uns gegenseitig voneinander fort und berauben uns darum.

Rest von der Übersetzung angekommen. Gott sei Dank nur 50 Seiten, also für ein paar Tage und dann frei. Richte mir meine Malsachen her, Pappen geleimt, nun soll alles Schöne erst kommen. Ich will mich durch nichts mehr kränken und traurig machen lassen, nur in schönen Gedanken und Tun leben, ganz für mich. —

Endlich wieder gut mit O., konnten's doch beide nicht mehr so aushalten.

Abends mit ihm zu den Schweden. Es so genossen, einmal den Abend mit ihm zu sein und voll eitel Friede und Freude. Nun ist mir ganz glücklich, froh und leicht — nur im Körper nicht, Kopfweh und Schwere und unerträgliche Mattigkeit.

Unten gearbeitet, erst mit Maus nach der Brücke gegangen, wo sie Marmor verladen und dies zu sehen immer sein sehnlichster Wunsch ist. Dann nachmittags geschrieben, während die Maus im Sand spielt. Gegangen, aber nicht weit gekommen, mich halbtot in den Sand gelegt und eingeschlafen. Als ich aufwache, geht die Sonne unter, und die Maus hat mir eine Überraschung von allerlei Strandzeug aufgebaut, das ich dann im Hut heimtragen muß. Liege nachts wach, sehe auf das Meer hinaus und denke an mein Baby. Nur noch drei Monate oder weniger. Mich für Rom entschlossen. Mit einem gewaltigen Zusammenraffen noch einen Tag gearbeitet und zu Ende gemacht. Nun hab' ich Ruh' und will's genießen. Mit Onsky ist's auch wieder schön. Endlich wieder, Gott, ich möchte ja innerlich schmelzen vor Verlangen nach Liebe, nach Wärme und Wohltun, alles umfangen und an mich ziehen. Mir ist so weich und glücklich und wehmütig wie an einem hellen Sommerabend mit blassen Gewitterwolken und diesem seltsamen Leuchten, was es dann gibt. Ich möchte so viel hinträumen, daß ich noch einmal die allerhöchste Seligkeit erleben soll. Manchmal ist mir schon wie in einer andern Welt. Und wie oft muß ich an die Vor-Bubizeit denken, wo mir auch so war, aber damals so unendlich schmerzvoll, mehr noch ein Frühlingssturm mit schmerzlichem Rütteln. Jetzt ist's mehr Sommergefühl, goldne Reife des Lebens. Und doch schwere Regenschauer dazwischen. So heut nachmittag, als wir Onsky an der Brücke trafen und er dann nach Forte ging. — Warum bleibt er nicht bei mir, sollte jetzt bei jedem Schritt um mich sein, mich nicht allein lassen. — Versprach mir früh zu kommen, aber nein. — Und ich mochte nicht noch einmal laufen, um den Koch vom Stabilemente Tarantella tanzen zu sehen. Wie wir darin verschieden sind. — Ich glaube, er könnte es nicht lassen, wenn ihm irgend jemand sagt: Komm, da ist etwas los, und wir sind auch da. Und ich denke nur: Ach, um Gottes willen, wozu? Was geht mich die Tarantella an und der Koch und alle Leute miteinander. Ich hätte mehr Freude daran, mit O. eine Stunde zu schwätzen. — Aber ich hab' mich doch getröstet und sitze ganz friedlich bei meiner Lampe.

Dabei heute abend einmal wieder das Datum entdeckt, 22. September, am 26. fängt der siebente Monat an. Vielleicht ist es wieder die Wende, daß mir so elend ist.

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23. September [1904]

Herrgott, ich muß mir das Tränenweidentum abgewöhnen und die ewige Gekränktheit. Als Onsky gestern nacht um halb ein Uhr kam und mir noch gute Nacht sagte, mochte ich wieder nichts von ihm wissen und war unfreundlich, gekränkt in meiner dummen Eitelkeit, oder wie man's nennen soll, daß er sich nicht darum reißt, immer bei mir zu sein und lieber unter anderen Leuten ist. Ob mir's im gleichen Fall nicht auch so gehn würde? Der Gesunde und Normale hat eben andres Verlangen—dieser wenigstens. Was mich freut, sind überhaupt so ganz andre Dinge, viel vegetativer, wenigstens momentan. Still am Strand liegen oder in meinem Bett und aufs Meer schaun und denken, wie mein Leben sein soll und gewesen ist, und was ich alles tun will. Für ihn, der eigentlich nichts will, ist der Moment alles, und er hat viel mehr Unrast in sich, gerade, weil er nichts will und keine Ziele hat. —

Ich denke oft, ob es nicht etwas für ihn sein wird, das Gefühl, ein Kind zu haben. Und das freut mich so. —

Gestern abend Morphium genommen, die letzte Zeit so miserabel geschlafen. Blödsinnige Träume: will nachmittags um vier Uhr in den Urwald gehn mit einem Buch unterm Arm und sage zu jemand: jetzt ist die Affenstunde, jetzt kann man träumen. Dachte dabei, daß in dieser Stunde Mensch und Affe sich einander näherten.

24. September [1904]. Samstag

Aus dem Fenster gesehen, wie die andern mit den Schweden Fußball spielen — das kann ich jetzt alles nicht mehr mitmachen, und es beunruhigt mich etwas, daß es nicht mehr gehen will, wo ich vor kurzem noch so gar keine Last spürte. Und wieder das vernachlässigte Gefühl: da spielen sie, und niemand fragt danach, was ich mache und wie mir ist. Dabei fühlt man sich selbst, wenn man in der Hoffnung ist, als ob man der Mittelpunkt der Welt wäre und alles sich um einen drehn müßte. — Bei manchen tut man es ja auch — ich finde es immer so sehr schön.

Ging dann doch hinunter, als alle fort waren, nicht gebadet, nur im Sand gelegen und geschlafen, so schwer und so schlecht. Nach Tisch plötzlich rasendes Kopfweh und hingelegt. Nachmittags und abends Onsky bei mir, war so gut und friedlich trotz aller Schmerzen. Heute wieder dasselbe und immer Schmerzen. Den ganzen Tag gelegen. Nach Tisch etwas Blut und so traurig, so voll Angst, daß es ein Unglück gibt. Mein Gott, nur das nicht, nur jetzt nicht. In einem Monat könnte es schon leben, wenn es dann käme, aber jetzt —

Nachmittags den Doktor geholt, einen widerwärtigen, schmierigen Kerl, der ohne weiteres sagt, es würde jetzt eintreten, und er würde die Hebamme schicken. Mir war wie vor den Kopf geschlagen, ich will es nicht, will es nicht, will ganz ruhig liegen, damit es vorübergeht. Es ist vielleicht nur die Monatswende, wo es etwas schwankt und muß sich noch einen Monat hinhalten lassen. Onsky bringt dann noch einen andern Doktor, der viel sympathischer und es nicht für so gefährlich hält.

Nun ist es Abend, bin ganz zerschlagen von der Angst und Aufregung, die noch mehr auf einen wirkt, wenn man nach außen ruhig sein will. O. ist so gut und jetzt immer bei mir. Das tut mir so wohl.

25. September [1904]. Sonntag

Da lieg' ich nun, beklemmt, Schmerzen, Kopfweh. Und die Angst, die Angst um mein süßes, kleines Baby.

26. September [1904]

Es scheint doch besser zu werden, nur nachts stärkere Schmerzen, nehme Morphium, um schlafen zu können. Bei Tage geht es, nicht mehr so viel Kopfweh. Will ganz ruhig liegen bleiben, bis es wieder gut ist, dann nach Rom, da es mir jetzt sehr wahrscheinlich scheint, daß es mit sieben Monaten kommt, Arzt meint auch, es würde gut gehn. Gewöhne mich schon ganz an mein Krankenlager hier in diesem Zimmer, das mit dem Balkon und Fenster zu ebener Erde ausschaut wie eine Kajüte im Segelschiff.

Im Morphiumschlaf kommen mir so viele sonderbare Träume und Bilder, was ich malen möchte. Zwischendurch lieg' ich in dem ganz besonderen Morphiumwohlgefühl oft wach. Der Tag hat soviel Stimmungen, Sonnenschein, graues Wetter, immer das Meer, Bubi, der kommt und geht, Sachen vom Strand mit hineinschleppt, Zeiten, wo wir vom Baby sprechen.

Im Winter werden O. und ich allein sein, dann kommt das Frühjahr, wo wir mit dem Baby wieder heimkommen.

1. Oktober [1904]

Nun ist alles vorbei — meine zwei kleinen Kinder. — Es verfolgt mich wie fortwährende Visionen, wenn sie gelebt hätten und jetzt an meiner Brust lägen, der Bubi dabei und wir alle so glückselig. So überreich erfüllt, was ich mir wünschte, zwei kleine Mädchen auf einmal und nur die kurze Zeit, die es noch gebraucht hätte. Und nun nichts geblieben; ausgeraubt, mit leeren Händen, in denen man eben noch so viel gehalten. —

Die Gedanken lassen keinen Augenblick Ruhe, man ist so gänzlich aufgewühlt und innerlich zerrüttelt. Der letzte Tag, wo ich gerade meinte, nun würde es wieder gut, mich morgens etwas leichter fühlte, dalag und Pläne machte, wie wir in einigen Wochen in Rom sein würden, in einer großen, hellen, sonnigen Stadt mit einer schönen Wohnung, Onsky und Bubi um mich herum, alles vorbereiten in schöner Erwartung.

Und dann nach Mittag die argen Schmerzen, immer ärger, so daß ich schon beinah wußte, jetzt geht's zu Ende, der Doktor, der mir die letzte Hoffnung nahm und dabei die physische Qual, die schließlich nur nach Erleichterung und Befreiung fragt. Ein paar schreckliche Nachtstunden, Onsky und Willy, die mein Bett anders stellten, O. immer bei mir und mich gehalten. In der Erinnerung scheint es mir so unendlich lang und unerträglich. Als ich dann fragte, ob es lebte — nein. Dann hörte ich plötzlich ein ganz schwaches Stimmchen, und Onsky sagte mir, daß es zwei wären — ich wollte es nicht glauben. Die ganze Nacht saßen sie abwechselnd bei mir. Auf Bubis Bett lag das arme kleine Wesen wie eine abgerissene Pflanze — und die schwache Stimme, der unsinnige Gedanke, es könnte doch am Leben bleiben, weil ein klein wenig Leben da war. Am Morgen in der Dämmerung kam Bubi in seinem weißen Hemdchen herein, ganz verwirrt, daß das alles geschehen war und über das kleine Schwesterchen, wie es dalag. Sagte mir, er hätte mich schreien hören und in seinem Bettchen drüben in der Küche mitgeweint. Da kam wieder das Gefühl, Gott, ich hab' ihn ja und seine ganze Liebe. Als es Morgen wurde, Onsky die Fenster aufmachte und so allmählich der überwachte Tag herankam, war es so, als ob dieser Tag noch ganz eins wäre mit der Nacht, so aufgewühlt und erschüttert. Neben mir das Kleine in Watte, O., der aus- und einging und ihm Flaschen wärmte, es anhauchte, so zärtlich und gut und Bubi so aufgeregt, daß es in ihm zitterte. Man sieht es, wenn er so ist, nur an seinen verstörten Augen. Ich hatte ihm gesagt, daß sein armes Schwesterchen wohl nicht leben könnte, und das andere schon tot wäre. Er stand immer daneben und schenkte ihm ein Stück Silberpapier. Aber so ganz Kind in seinen fortwährenden Fragen, ob es schon tot wäre. Mir so heiß und matt und doch so ganz wach, unmöglich zu schlafen, immer das Gefühl, wenn ich jetzt einschlafe und wieder aufwache, ist das Kind fort. —

Es war so überklein, aber so zierliche Händchen und Füßchen und Gesichtchen, man konnte sich so denken, wie niedlich es geworden wäre. Da lag es nun wie ein ganz schwaches Flämmchen, das auslöschen wollte, die Stimme immer matter und das Köpfchen immer kälter. Nachmittags nahm ich es heraus und drückte ihm aus der Brust ein paar Tropfen Milch in den kleinen offnen Mund hinein. Es war mir wie ein Aberglauben, daß, wenn es Milch von mir nehmen könnte, auch leben bliebe. — Denn es bewegte sich doch, die Hände, alles. Einmal ballte es die Hand und verzerrte das Gesicht, so daß mir ganz unheimlich wurde. —

Bubi einmal laut angefangen zu weinen: «nun stirbt es.» Aber es lebte immer noch. Als er abends im Bett lag, sang er ganz leise: «Sybillchen, bleib' am Leben, Sybillchen, bleib' am Leben.»

Am Abend dann noch all die entsetzlichen Leute um das Totenzeugnis und Begraben. Das war wie mitten aus einer grotesken, halb unheimlichen Geschichte, so daß man schließlich in nervöses Lachen geriet. Wir waren alle so müde, als ob wir nächtelang wach gewesen wären.

Die Nacht dann tief und fest geschlafen, wache gerade auf, als Onsky das Kind hinausträgt.

2. Oktober [1904]

Alle diese Tage hier immer noch in demselben Gefühl von einer ganz andern Wirklichkeit, die halb unwirklich und halb wieder dem Gewohnten ähnlich sieht. Nichts von Krankliegen, nur so ein Daliegen in fortwährenden Gedanken, die ganz willkürlich kommen und gehn. Alles so wunderlich wehmütig, reich und aufgelöst in Dämmerung und ein endloses Zeiterinnern. — —

Der Winter in der Kaulbachstraße und der Frühling, als ich anfing, es zu fühlen und mich erst dagegen sträubte und dann die spätere Zeit, als ich glaubte, es wäre doch nichts und dann plötzlich sah, daß es war — — Ammerland beim Baden — der heiße Sommernachmittag, wie wir eine Tour machen wollten und ich Bubi nach Solln brachte, allein zurückfuhr durch die Felder und mir sagte: ja, ich will — wie mir alles so sommerlich vorkam, mein Körper und ich Erwartung, die Tour nach Reichartshausen, wie wir beide mit furchtbarem Kopfweh abends nach Solln fuhren, Onsky sich hinlegte und ich mich mit Mühe aufrecht hielt. Die vielen Sommermorgen, wenn ich im Atelier unter der blauen Decke aufwachte, immer mit Kopfweh und dachte: wenn ich jetzt wohl und frisch wäre, würde ich ganz früh aufstehn und hinaus und malen. Wie es dann immer mehr wuchs und das Verbergen vor den Bekannten und immer das Sommergefühl — so wirklich ein Gefühl von Fruchttragen und Entgegenreifen. —

Die Nachmittage im Hof, wo ich Bubi Odyssee erzählte, das Radeln mit ihm. Und die Abende immer mit Onsky die Landstraße hinaus oder in den Englischen Garten und nachher in unserer Küche so unendlich viele gute schöne Stunden. Und die Frage: soll ich reisen oder nicht? Zuletzt wäre ich lieber geblieben und mit Onsky aufs Land bei München. —

Hätt' ich's doch getan — es wäre so schön gewesen, mit ihm allein zu sein statt all der Reiseunruhe. Der Abschiedsabend mit Rodi, wo Rodi und ich vor meinem Koffer knieten und unsere geschwisterliche Sentimentalität auf einmal überfloß — mir so schrecklich bange war fort von München ins Ungewisse und ich so gern gesagt hätte, nein, ich bleibe. Die Reise, die heißen Tage in Verona und Parma, die schrecklich unbehaglichen in «Sans Façon» — dazwischen die schöne Tour mit O. und nachher hier immer zwischen Freude und Quälerei.

Immer ein Bild nach dem andern.

Dann Bubibabyzeit und Onskyzeit — mein Leben kommt mir so reich vor, warum hat es mir nur jetzt den Überreichtum versagt, mir die schönen zarten Knospen abgeschlagen? — Dann sehe ich wieder die beiden Babies in Rom in einem hellen Zimmer mit Sonne draußen, so rosig und blühend, wie Bubi als kleines war — und mein großes geliebtes Kind dabei, der sie mit mir pflegt und so weich und lieb dabei ist. Gott sei Dank, Gott sei Dank, daß ich ihn habe und er immer so dicht an meinem Herzen ist.

Und Onsky — mir ist, als hätte ich ihn jetzt noch lieber, ich kann mir mein Leben nicht mehr ohne ihn denken. In diesen Tagen möchte ich ihn immer um mich haben. Wir sind uns so nahe, und ich bin ihm so dankbar, daß es ihn auch schmerzt, das fühle ich sehr wohl. Er versteht mich so gut, wie mir jetzt alles weh tut.

Ach, mein kleines Sybillchen, es kommt mir vor, als ob zum erstenmal der Tod mir etwas genommen hätte. Vernünftige Menschen würden das wohl kaum Leben nennen, aber für mich hat es doch den einen Tag gelebt, und ich habe sein Stimmchen gehört, es geküßt und ihm ein paar Tröpfchen Milch gegeben. Es ist mir ein Trost, daß dieser eine Tag war und dies Gefühl in mir zurückgeblieben ist. —

Dann wieder denke ich, wie das Leben jetzt weiter geht, daß ich nun endlich einmal mit voller Energie ans Malen gehen kann und mit Bubi viel zu tun habe. Und daß mein Leben doch noch im Sommer steht, im vollen Sommer. Herbstgefühle sind ganz anders. Es fängt noch nichts an zu welken. —

Und daß ich doch noch ein Kind haben will, haben muß. Und es muß auch O. gehören. Ich möchte so gewissermaßen in sein Leben etwas Frisches, Junges hineinpflanzen. Und Bubi muß sein Geschwisterchen haben. — Wie hat er sich drauf gefreut. Wir sprechen jetzt auch viel davon, von den beiden toten Schwesterchen. Er meint: «Sie sind jetzt in der Unterwelt, da finden wir sie wieder.» Er ist so weich und lieb, ich fühle so stark, was ich an ihm habe — mag sein Wesen und das alles sein, wie es will. Es ist so töricht, ein Kind oder einen Menschen so oder so haben zu wollen, damit sie so sind, wie es einem als Ideal vorschwebt. —

Und gerade mein großer Fehler ist es, das immer zu wollen, auch bei Bubi, so daß ich oft ungeduldig über seine Langsamkeit und anderes bin. Bei O. geht es mir auch so, aber da hab' ich schon viel gelernt, mir abzugewöhnen.

Ich suche so viel an alles andere zu denken, besonders an alles, was mir Freude macht und was Schönes kommen kann, an den Winter in München mit Eis und Ski und Reiten und Malen, Kaulbachstraße mit O. Dabei beinah schneidendes Heimweh nach dem ganzen letzten Jahr, wo wir es so unendlich schön zusammen hatten. Zwischendurch hab' ich mir ja oft gesagt, ich muß wieder allein sein — aber davon wird jetzt vieles wegfallen, ich sehe es jetzt mehr im ganzen, und das Ganze war doch schön und gut. Mir ist gerade jetzt, als ob ich so unendliche Kraft zu lieben in mir hätte, als ob durch alles jetzt Erlebte manches Harte in mir geschmolzen wäre und die eigentliche Weichheit wieder mehr durchkäme. Mein Gott, im Grunde bin ich ja lauter Weichheit — von jeher, eher allzuviel. Das andere, die Härten sind alle angewöhnt, schön künstlich darüber gezüchtet, bis sie auch von selbst funktionieren. Jetzt bin ich so aufgebaut bis auf den letzten Grund, ich möchte nie wieder hart werden. Das ist immer nur ein Gegenmittel, um nicht zu leiden — aber es ist besser, sich dem Leiden offen zu halten und es in sich eingehn zu lassen. Jetzt lasse ich es so ganz durch mich gehn, es tut mir tief wohl, mich ganz wehrlos aller Wehmut und allen Schmerzen hinzugeben.

Es ist doch eigentlich der Hauptinhalt im Leben, Sehnsucht und wieder Sehnsucht. Ich habe nur eine erfüllte Sehnsucht: Bubi. Die andern nagen alle noch an mir und sollen auch nicht erfüllt werden — ich möchte ewig den Heißhunger nach allem Leben behalten. Ich glaube, erst dann hört man auf jung zu sein, wenn ein Verlangen nach dem andern Abschied nimmt oder totgemacht wird.

Und wenn mir ein Schmerz widerfahren ist, faßt mich immer ein doppeltes Verlangen nach Leben — nie eigentlich Resignation.

Ich könnte jetzt auch nicht resigniert sein, lieber soll der Schmerz an mir reißen und nach neuem Leben verlangen, weil mir so viel blühendes weggenommen ist.

3. Oktober [1904]

Die Tage gehen langsam, aber kein Krankenlager — das ich so wohl kenne von früher her — nur ein stilles wehmütiges Daliegen. Und auch keine quälende, nagende Wehmut, sondern eine, in der noch viel Reichtum liegt und viel Erleben in dem, was hätte sein können. Mir ist eigentlich noch nie so zumut gewesen, am ehesten noch damals im Josephinum. Als ob alles, was noch wehe tut, nur stille Wellen schlägt und darüber ein stilles Leuchten. Ich muß oft weinen, wenn ich an meine beiden Kinder denke, aber es tut mir milde und wohl.

Sonderbar ist es, wenn man über seinen eignen Körper weinen muß — wenn jetzt die Milch ausfließt, die für meine beiden Babychen da war, und ich denke, daß das alles nun umsonst und doch noch ein etwas, was von ihnen geblieben ist, als ob sie noch nicht ganz fort wären — und alles andere wieder so wie sonst, nicht mehr die immer wachsende Fülle, die man so stolz und glücklich fühlt. — So beraubt immer wieder an die Tage des Sommers denken, wo das alles wuchs und wir uns beide daran freuten.

Wir beiden — wie habe ich früher umhergeworfen mit denen, die mich liebten und die ich liebte. Jetzt habe ich doch gelernt, zu halten, was mich reich machte, möchte es so dicht an mir, so fest und so warm halten. —

Diese Liebe ist auch Sommer, heißer, heißer Sommer, und es ist noch nichts daran welk geworden. Ich empfinde sie gerade jetzt so unendlich tief in mir, wirklich wie «mit tausend Fasern» hängen wir zusammen, und wenn das zerrissen würde, würde vielleicht alles Liebenkönnen in mir verbluten. Ich möchte nur immer die Arme ausstrecken und sagen: Komm zu mir, bleib bei mir, laß mich nicht allein. — Wir sind ja sowieso zwei Einsame, und das bindet vielleicht mehr als alles andere. —

Draußen ist's schön und schon etwas herbstlich. Ich möchte bald heim, von Italien möchte ich nichts mehr wissen, auch nicht mehr von dem Winter in Rom, der mir bisher immer so etwas Wundervolles in Gedanken war. Ich wollte auch allein sein das Frühjahr durch, aber jetzt kann ich's nicht. Jetzt muß ich alles um mich haben, was ich liebe, irgendein Fleckchen Heimatgewohntes und einen Gefährten um mich. Er ist soviel Gefährte für mich, mehr als irgendein anderer vorher. Das kommt so selten zusammen — ich fühle immer eine Hand, die für mich bereit ist.

Gestern und heut abend sitzt er in meinem Zimmer am Tisch bei der Lampe. Das ist eine Krankenzimmerstimmung, die ich sehr liebe — wenn man so nach und nach immer müder wird, den andern nur noch durch Schleier sieht und hier und da ein Wort redet. Im Nebenzimmer den schwarzen Käfer als fremdes, beinah feindliches, zum mindesten störendes Element, was den Reiz des Beisammenseins noch erhöht. —

Das, was man liebt, mag man doch nie zusammen sehen oder wissen mit dem, was einem abstoßend ist. So ist's mir schrecklich, wenn die beiden in der Küche sitzen, und wenn ich nicht da bin, hockt er stundenlang dort.

O. spricht sehr ernstlich davon, daß er im Frühjahr aus der Kaulbachstraße heraus will und wieder in ein eignes Atelier — dann bleibe ich auch nicht. Ein wundervoller Gedanke, wieder eine eigne Höhle zu haben, und doch ist es mir auch dann wieder wehmütig. Das Zusammensein mit ihm, es war doch so schön, so viel Wärme, so viel wunderbare Stunden, ein solches Umgehn und besorgt und beschützt sein. Und das Haus ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, wenn der Käfer nicht drin wäre, ein Paradies, auch für Bubi: wann werde ich ihm wieder etwas Ähnliches schaffen können? —

Maus sagt von den beiden Babychen: «Die armen Eintagsfliegen» — wie kommt er dazu? Und zu dem: «Gute Nacht, purpurnes Mamai?» Ich sage: was sprichst denn du, Maus? — «Ja, wenn ich jemand sehr lieb hab', sag' ich so.» —

Ihm in diesen Tagen wieder Odysseus erzählt — gestern abend, als die Sonne unterging, ließ er mir keine Ruh': «Du mußt die Sonne ansehn» — bis ich aus dem Bett und mitschaute. «Sieh mal die Wolken, wie gefärbte Erde.» —

So ein Kind ist doch wie ein Stück Erde, das man unendlich anbauen kann. Da hab' ich noch viel zu tun.

4. Oktober [1904]

Unruhige Träume. Lag im Bett im großen Eßzimmer in Husum, im Nebenzimmer Onsky und Willy, Hallwig setzt sich an mein Bett, ich werde ganz glücklich, ihn wieder zu haben und lege den Kopf auf seinen Schoß. Er: nein, so war's nicht gemeint — faßt meine Handgelenke und will mir Gott weiß was Böses tun. Ich greife mit den Armen rückwärts nach der Bettlehne wie neulich bei den Wehen, da steht noch jemand nackt, der mir auch übel will. Nun versuch' ich zu schreien: Onsky, Willy — es geht nicht, bis ich einen entsetzlichen Schrei herausbringe und aufwache.

Wenn nur die Wehmut nicht auch wiederkommt.

5. Oktober [1904]

Jean Pauls Flegeljahre dieser Tage gelesen, es geht gerade so in meine Stimmung hinein. Ich mußte auch oft dabei an Hallwig denken, beim Walt. Oft, oft hab' ich doch Sehnsucht nach dem, was er mir war und wie er damals war, nicht nach dem jetzigen. —

Die Menschen in dem Buch kommen mir sehr glücklich vor — wo hat unsereins jemals einen Menschen, mit dem man weinen kann. Wir weinen immer allein.

— Sonst ein stiller Tag, morgens im Bett Odysseus erzählt; Onsky und Bubi gehn dann hinunter zu den Fischern und bringen alle möglichen Seeungeheuer und Tintenfische mit. Mir wird etwas unruhig, daß ich nicht auch an den Strand hinunter kann. Fürchte die Abende, da wird mir traurig, und ich muß um meine kleinen Kinder weinen. Bei Tage geht's leichter, ans Leben zu denken.

Ein weites weißes Meer mit starren Küstenbergen und mitten drin ein Boot mit großem schwarzem Segel, meine zwei kleinen Kinder sitzen drin mit geschlossenen Augen. — Vielleicht könnte ich's einmal malen. Ich muß wie wahnsinnig arbeiten, mich ganz hineinwerfen. Und dann wieder ein Kind, ich muß noch einmal ein Kind haben — zwei kleine Mädels — das wird wohl nie wiederkommen. —

Geh mit Bubi in die Küche und geb' ihm ein Brötchen mit Apfelmus, weil er mir klagt, daß Willy eins kriegt, er aber nicht. Und er war ganz glücklich über das Mus und die Heimlichkeit — «nicht wahr, du verschaffst mir heimlich eins?» — O süßes Herz, und meins, ganz meins. —

Tränen in den Augen, als die Freier erschlagen wurden. Dann rennt er spät noch einmal mit Onsky an den Strand. Ich hab's gern, wenn er mit ihm zusammen ist.

*

Schlecht geschlafen und Kopfweh. Immer noch fließt Milch für meine kleinen Babychen, und sie sind nicht mehr da. Onsky hat dem Sybillchen auch das Silberpapier, das Bubi ihm geschenkt hatte, mit in den Sarg gelegt.

*

Etwas in Küche und Zimmer herum, sehne mich danach, wieder ganz auf zu sein, leg' mich aber doch gern wieder ins Bett. Die Brustschmerzen, die mich arg quälten, lassen nach, ich kann wieder besser liegen. —

Bubi kommt vom Strand mit einem Aal und Tintenfisch wieder, fragt, ob es wohl ein Götteraal wäre und unsterblich, weil er so schwer umzubringen — und nachher: «Ja, wenn eine Göttin gebraten wird, ist sie auch tot.»

*

Reisepläne: mit Onsky und Bubi zu Rad nach München. Wenn O. nur Geduld behielte, könnte es wundervoll sein.

7. Oktober [1904]

Maus bei mir in der Dämmerung, mir Märchen erzählt. Ich dazwischen geschlafen, höre nur immer wieder: «wenn du das und das nicht tust, stech ich das Prinzchen mit der Nadel tot.» —

Und denke an Sybillchen.

Abends dann Willy und O. zum Tee bei mir gesessen, und nachher Onsky allein.

Sollte mich eigentlich etwas zusammennehmen und richtig aufstehn, aber ich kann mich ins gewohnte Leben noch nicht hineinfinden. —

Bubi redet in allen Sprachen si, oui, yes und hat sich eine eigne Sprache erfunden, mit der er uns alle unglücklich macht. Redet von seinem Land, ich bin nicht ganz klar, ob es eigne Erfindung oder Willys Inspirationen sind. Darin soll's kein Geld und keine Schulen geben — und keine menschlichen Bedürfnisse —

Nachmittags geht er allein spazieren mit selbstgemachtem Bogen und Pfeilen und hat einen Hunde-Affenfrosch gefunden, den er Herr Rostfleck nennt. Ich erzähle ihm die Odyssee zu Ende und will ihm dann Homer vorlesen.

8. Oktober [1904]

Nachts Sturm und Regen, heute bewegtes Meer und Schaum. Lese Herodot, und es macht mir Spaß. Richtig aufgestanden und angezogen, viel frischer Nachmittags O. auf dem Bubibett und ich im Stuhl am Fenster. Aber wenn ich so dasitze und nichts tue, überkommt's mich immer wieder, und ich kann nur an die Babies denken. Heute vor vierzehn Tagen legte ich mich. Erst kam der Doktor, der sagte, es würde kommen, und abends der zweite, der mich wieder beruhigte. Am nächsten Tag war ich so froh und glaubte an alles. —

Abends angefangen, der Maus Ilias vorzulesen.

Lieber Gott, behüte mich vor dem ewigen Degout über Kleinigkeiten. Bleibe allein, dann spuckt dir niemand ins Zimmer. —

Etwas dickfelliger bin ich ja schon geworden, aber noch lange nicht genug. Es ist überhaupt ein Unglück, wenn man kein Pläsir an jeder Sorte von Ekligkeiten und Gehenlassen etc pp. hat, was hätte man sonst für Freude an den Menschen. Mir gruselt's hier auf Schritt und Tritt, wenn ich unter Menschen bin. Meine ganze Menschenscheu kommt nur aus dem Degout. Wenn mir einer von oben bis unten appetitlich ist, mag er sonst ein Kamel sein.

9. Oktober [1904]

Bubi beim Waschen: «Ich glaube, in dir ist noch eine kleine Seele zurückgeblieben, und die kann wieder ein Baby werden.» — Ich ihm, ich glaubte, in den Mamais wäre immer eine kleine Seele, und wenn die Götter wollen, wird ein Baby draus.

Vormittags am Strand. Hohe Wellen. Alles blendet so, dabei kalter Wind, Kopfweh und traurig. Als ich zuletzt hier unten war, war alles noch anders. Heute ganz überwältigt von Traurigkeit und viel bitterere als auf dem Krankenlager. Möchte nur immerfort weinen, als ob ich einen Stein in der Kehle hätte, den ich wegweinen müßte. — —

Abends ein Aquarell am Fenster.

10. Oktober [1904]

Geträumt, daß ich mein Baby bekäme, aber es war nur eins. Überall Meer, große Überschwemmung, graue Wellen bis in die Straßen und Zimmer. Ich wollte die Geburt erleichtern und turnte am Trapez. Dann saß plötzlich ein Baby auf meinem Bett mit einer Kapuze und einem Jäckchen wie Bauernkinder — gefiel mir nicht besonders, es war so groß wie ein Einjähriges und glich etwas dem Bubi. —

Dann von Monsieur geträumt. Ich ging in allen möglichen phantastischen goldgestickten Reformkleidern ins Theater, eins war blutrot aus Seide, das andere blau mit Gold, und alle saßen schlecht. Wir trafen und verfehlten uns fortwährend, er war sehr rot im Gesicht, hatte einen Operngucker in der Hand und war mit der C. liiert.

Beim Aufwachen denke ich, ich muß ihm doch einmal schreiben und bin ganz froh, daß er doch noch existiert.

11. Oktober [1904]

Ganzen Tag gezeichnet und froher dabei geworden, kann nur, wenn ich mich schlafen lege und wieder aufwache, die Gedanken nicht ertragen.

Gestern nachmittag mit Bubi gegangen, alles verändert, so herbstlich geworden und traurig.

Maus so besonders lieb und vergnügt, radelt mit Onsky nach Pietra Santa, strahlend zurück. Abends sinnlos traurig — nur einen Menschen haben, der mit mir traurig wäre und weinte und endlos mit mir darüber spräche, wie es hätte sein können. Ich bin so allein, und alles tut so weh.

13. Oktober [1904]

Wundervolles, warmes Wetter, vormittags am Strand und Bubi gezeichnet, nachmittags Skizze von meiner Stube, die ich doch als wehmütige Erinnerung mitnehmen möchte.

14. Oktober [1904]

Gestern abend Willy packen geholfen und in der Küche abgespült. Dann völlig kaputt und traurig, daß O. morgen seine Tour auf ein paar Tage machen will. Ganz früh zu Bett, gegen elf einen schauderhaften Traum. Ich hatte heftige Schmerzen und war ganz krumm gebogen, wollte mich grad strecken und schreien und konnte es nicht. Dann sagte jemand, daß ich jetzt noch ein drittes Kind bekäme, und ich fand Knochen von den beiden andern im Bett. Wieder Schmerzen und verzweifelte Anstrengung, wachte in Schweiß gebadet auf. Willy kam fragen, was mir wäre, weil ich so geschrieen hätte. Licht gemacht, um wach zu werden, sehnte mich so, daß Onsky kommen sollte. Unruhig und schlecht weitergeschlafen, die beiden andern in aller Früh aufgestanden, mir schrecklich melancholisch zumut, daß er fort will, hoffte immer noch, er ginge nicht. Es ist mir jetzt so schlimm, allein zu sein, besonders abends und nachts.

Dann kam Willy und küßte mir zum Abschied sehr gerührt und mehrmals die Hand, und ich dachte daran, daß wir nun auch so bald fortgehn — an die ganze Zeit hier, wie weh mir hier gewesen ist, erst über O. und dann über die Babychen, an die Krankheitszeit, die doch so viel Schönes hatte, so still und viel Liebe um mich. —

Als O. mir Adieu sagte, dachte ich in dem Moment, er möchte eigentlich ebenso gern dableiben und hätte es vielleicht getan, wenn ich etwas gesagt hätte. Das tröstete mich wieder, sah zum Fenster hinaus, wie er in den Morgen hineinlief. Im Bett gelegen und viele sentimentale Gedanken gehabt. Willy sagte neulich, wenn man jemand liebte, wäre man selbst auf die Luft, die ihn umgibt, eifersüchtig. Das bin ich auch, zum erstenmal so sehr und denke, es ist schlimm, sich so an jemand zu gewöhnen, daß man unglücklich ist, wenn er zwei Tage fortgeht ohne mich — wo ich doch jetzt nicht kann.

Rolf genießt es derartig, mit uns allein zu sein, sagt es immer wieder, so daß ich ganz froh werde wie immer, wenn ich tiefere Empfindungen in ihm entdecke. Ach, Mausikind, hätten wir doch wie früher unser Leben ganz für uns, es ist doch schlimm so, aber was soll ich tun? Wie soll ich es dir schaffen? Wo würdest du wieder ein sorgenfreies Mamai, wo ein solches Haus und Garten haben? Wir hätten nur die frühere Misere, für die ich kaum mehr stark genug bin. Sobald ich's kann, dann mit einem Kopfsprung wieder hinein. —

Wir sitzen den ganzen Morgen am Strand und malen Aquarell. Er bewundert und tadelt, was ich mache, sagt viele richtige Bemerkungen. Dann badet er, und das süße braune Körperchen hüpft um mich im Sand herum. Dann spreche ich mit ihm vom Sybillchen. —

Haben keine Uhr und kommen erst um halb drei wieder hinauf, möglichst rasch gekocht, spätes Mittagessen im Herbstnachmittag. Ich auf dem Bett gelegen — so geht der Abend hin. Kochen wieder zusammen und kommen uns wie zwei Kinder vor, die ohne Eltern zu Hause sind. Alles viele Bewegen fällt mir aber noch schwer, ich bin zuletzt ganz kaputt und fiebrig.

15. Oktober [1904]

Maus geht mit Rucksack nach Forte, holt Post, Fleisch und kauft für 40 Centesimi Kuchen für uns beide. Sehe ihn vom Fenster aus kommen, wie er fortwährend Geld aufsammelt, das ihm aus dem Portemonnaie herausfällt. Rennt dann strahlend zurück und will gelobt werden, daß er alles so schön besorgt hat und wird es auch. Strandspaziergang in der schönen Wärme, dann kochen. Mache ihm einen großen Pfannkuchen, und wir sind vergnügt beisammen.

Herodot gelesen, während Maus am Tisch malt, dann noch einmal an den Strand.

Wir treffen eine Frau mit zwei Hunden, mit denen Bubi im Wasser herumjagt, von oben bis unten naß und seelenvergnügt, tauft die Wasserpfützen «Mießen»-und «Sybillchensee», sagt, der eine wäre ausgetrocknet, weil Sibyllchen gestorben.

Hilft mir Abendessen zurechtmachen und abspülen. Brief von Hofmann, Rodi und Gué, der nur ein paar Worte, aber sie gehen mir nah und tun mir tief wohl, und der Gedanke, daß er und Herbert zusammengesessen und von mir gesprochen, zwei Menschen, die mir oft über den Ekel an der Menschheit im allgemeinen hinweghelfen.

Sitze noch allein, als Maus zu Bett und schreibe einen langen Brief an ihn. — Erwarte Orlonsky, aber er kommt nicht, wache verstimmt und enttäuscht auf — dumme Empfindlichkeit darüber, daß er so lange fort ist und doch weiß, daß es mir quälend ist, allein zu sein. Maus tröstet mich und ist etwas eifersüchtig: «Wenn du wählen solltest, ob du ein Kind oder einen Menschen kriegtest, welches Kind würdest du dann nehmen?» —

Ach, Maus, dich, nur dich, und ich habe auch genug an dir. Aber dann sollten die andern lieber gar nicht in meinem Leben sein, dann hätte ich keine Sehnsucht und auch keine Empfindlichkeit.

Aufgestanden und froher geworden. Sonntag morgen, helles Sommerwetter, fühlte mich wohler mit dem geliebten lustigen Mäusekind, das so froh ist, noch einen Tag mit mir allein zu sein. Denke an vieles, an zu Hause in Husum, daß ich jetzt hier bin, ein großes Kind habe, so viel erlebt und noch jung bin und noch Unendliches vor mir habe. — An Fridolin gedacht — überhaupt denke ich gerade am Sonntag morgen oft an ihn — an München und an malen. Wie ich jetzt malen will! Dieser Sommer ist doch sehr bedeutungsvoll für mich gewesen, er hat mich wieder in mich selbst und mein eignes Leben zurückgebracht, jetzt bin ich wieder drin und fühle alle seine Intensität — ich darf mich nicht an einen andern Menschen verlieren, Ach wenn ich ihn noch so sehr liebe. Diese Sehnsucht, wenn er nicht da ist, ist eine schlimme Schwäche, auch die arge Eifersucht, wenn ich ihn ohne mich weiß: selbst auf sein Alleinsein. —

Dann denke ich wieder bessere Gedanken, was hat er denn bisher in diesem Sommer gehabt? Nichts als Plage, Nervosität, Gebundensein und nicht die innere Freude, die mir selbst für alles Ersatz war. Wär ich gesund gewesen, hätte ich mich auch schwer getan, still zu sitzen und für Willys Wohlbefinden zu sorgen. Er hat nicht meine Freude am Meer, an Stimmungen, an Bubi und malen. Was muß es ihm für eine Wohltat sein, sich einmal auszulaufen und Neues zu sehn — sein Verlangen danach ist viel stärker als meins, weil ich noch vieles andere habe. Wir sollten nicht so viel beisammen sein, mich macht es zu weich, ich möchte dann immer zusammenschmelzen mit dem, den ich liebe. Ich selbst würde zum Beispiel nicht fortgehn, wenn ich ihn traurig und halbkrank wüßte. Henry hätte es auch nicht getan, er ging keinen Schritt von mir, wenn ich es nicht selbst wollte. — Aber ich schäme mich dann wieder über meinen Egoismus.

Dann sind wir am Strand, gemalt. Ein so stiller, schöner, sonniger Sonntag wie manchmal, als Bubi noch klein war. Nachmittags nach der Brücke gegangen und dort gesessen. Als wir zurückkommen, sitzt Onsky bei der Lampe in der Küche.

21. Oktober [1904]

Sehr glücklich in der Mondnacht aufgewacht und ganz frisch auf. Silbergrauer Herbstmorgen, keine Sonne. Orlonsky nach Carrara, ich herumgeduselt, mittags Maus Märchen erzählt, zweimal nach Forte. Uhr stehngeblieben, so wußten wir den ganzen Tag nicht, wieviel es sei; einmal war's viel später, dann viel früher, als ich gedacht.

Abends Onsky mit großem Kuchenpaket zurück, Maus kam wieder aus dem Bett, geblendet und verwundert und aß mit Seligkeit Kuchen. —

22. Oktober [1904]

Traum, große Gesellschaft bei Hofmann, ich sollte durchaus hin und zog mich fortwährend in ganz unbekannten Räumen an, die andern kamen in Kostümen mehrmals am Fenster vorbei, um mich zu holen. Dann war meine Mutter in irgendeinem Zimmer, in einem andern Bubi krank, aber ich pflegte ihn nicht, sondern ließ ihn selbst alles tun. Fand in einem Teich meinen Vater, der Selbstmord verübt hatte und mit einem steifen Arm ein Plakat vor sich streckte, worauf das stand. Die Brüder auch da, alle. Ich ging zu den andern herein und wollte es ihnen erzählen, vergaß es aber, dazwischen verwischte sich wieder alles in Hofmanngesellschaft, aber nur ihn sah ich deutlich. Ging noch einmal zu Orlonsky und beim Zurückkommen erzählte ich, daß Papa im Wasser läge, es wurde dann darüber gesprochen.

Zweiter Traum: Ich saß im Wartezimmer von Dr. H. und wollte ihm von den Babies erzählen, war aber trotzdem in der Hoffnung, las riesengroße Bilderbücher.

H.'s Frau hatte Jour, den ich sonst immer besuchte, aber diesmal war irgendein Hindernis da. Endlich kam der Doktor, und wie ich anfangen will zu erzählen, ist's auf einmal eine Art halb Atelier, halb Wartesaal, in dem ein Herr und eine Dame nach Vorlagen zeichnen, große Köpfe. Sie unterhielten sich über ihre Zeichnungen — dann war Onsky da und fragte die Dame: Zeichnen Sie die Nietzsche von Botticelli? Ich sah auf ihrem Blatt einen alten Frauenkopf und dachte, wer die Nietzsche von Botticelli wohl sein möchte. —

*

Neulich ging Maus abends zum Wasserholen hinunter, dabei fiel sein roter Hut in den Brunnen — solches Geschrei, daß ich glaubte, er selbst läge drin und in Angst hinunterstürzte. Zwei Weiber trösteten ihn, am nächsten Tag war das Wasser ganz rot, und der Wirt voller Furcht, ob es giftig wäre.

23. Oktober [1904]

Unsere Tage sind jetzt so still, schön und froh, daß ich bleiben möchte und meine stille Wehmut auch behalten. — Alles ist mir hier voll Erinnerung, innerem Erleben — ich mag in keine andere Stimmung wieder herein.

Gemalt, gemalt, es will jetzt werden, und mir ist ganz heiß dabei, aber ich merke, daß es kommen wird. Lang genug hat's auch gedauert. —

Stiller, naßgrauer und milde melancholischer Tag. O. nach Carrara. Maus Märchen erzählt. Abends am Strand im Dunkeln, Bubi spielt Meertier, das mit mir nach Haus kommt. —

Nein, Orlonsky war ja gar nicht in Carrara, ich bin schon so verduselt, daß ich heute mit gestern oder vorgestern verwechsle. Muß wohl wieder etwas klarer werden, aber eigentlich möchte ich noch lange so still und verwirrt hinleben, es ist sehr gut.

24. Oktober [1904]

Onsky, mein Herz, Bubi, mein Herz, ich habe euch so lieb und bin so glücklich mit euch. —

Sonntag morgen die Pietra-Santa-Brücke gemalt, aber ganz schlecht. Glocken läuten, Sonntagsjäger und anderes Volk kommt und geht an uns vorbei. Bubi spielt im Wasser, ist beglückt über die Wasserspinnen und will sie fangen. Steht auf der Brücke: «Ach, wenn man doch die Fische kriegen könnte!» — Maus, so steht man oft im Leben auf der Brücke und möchte die Fische kriegen. —

Zweite Skizze angefangen, dann kommt O. mit Kaffee und Brötchen. Heim, etwas Zank mit Bubi, der radeln möchte, und ich will schieben, weil zu viel Gepäck — ich werf' ihm seinen Egoismus vor. Versöhnung und Liebe. Nachmittags in O.'s Zimmer genäht und er gepackt. Maus kommt, die Hände voll kleiner Fische, die ihm ein Fischer geschenkt und will sie einsalzen. Mache ihm schonend klar, daß man nichts damit machen kann. Tut mir so leid in seiner Seligkeit über die blanken Fischchen, mit denen man nichts anfangen kann — brate ihm die größten, die er selbst ausweidet. Erklärt mir dann von sich aus, es wäre doch nichts Rechtes. —

Neulich einen Tintenfisch hereingeschleppt. Er wollte Tinte draus «gewinnen», sezierte ihn am Fenster unter vielen Selbstgesprächen, während ich unten malte. Du Kinderherz — ich seh ihn so gern, wenn er Schnecken aufsammelt, mit Liebe herschleppt und sie wieder zu ihren Mamais bringen will — bei einem ganz kleinen: «ich glaube, daß sein Mamai gestorben ist, weil es zu früh ein Baby bekommen hat.» — Verendete Taschenkrebse schleppt er wieder ins Meer zurück. —

Heute nacht geträumt, daß ein Matrose meine beiden Babies in einem Boot nach einem Schiff brachte und dann ohne sie zurückkam. —

Vormittags mit O. in Pietra Santa — kleine überflüssige Gereiztheit und traurig heim. Gott, es wäre schlimm, wenn alle so sentimental wären wie ich — mich quält's den ganzen Tag, daß wir uns unfreundlich getrennt haben, und es kränkt mich wieder, daß er allein fort ist und es ihm ohne mich Vergnügen macht. —

Tiefsinnige Gespräche über Heiden- und Christentum. — «Mamai, ich bleibe immer ein Heide.» —

Planetensystem — meint, daß die Sterne die Welt der Götter seien. — Noch lange gesprochen, erzähle ihm von meiner Jugend, meinem Zuhause und meiner Mutter. Da hat er Tränen in den Augen, ist so weich und liebevoll, versichert mir immer wieder seine Liebe, daß ich doch ihn hätte, und niemand anderes brauchte. «Wenn er so ein Mamai gehabt hätte wie ich, so wäre er ins Wasser gesprungen!»

Sprechen auch von Göttern, davon, was heilig ist. Suche ihm begreiflich zu machen, daß das Leben selbst heilig und die Leute das früher begriffen haben, so zu den Göttern kamen, daß dagegen bei den jetzigen all das nicht heilig sei. — Versteht merkwürdig viel davon. —

26. Oktober [1904]

Gestern abend saß ich in der Küche und schrieb — plötzlich schrie unten die Wirtin so unheimlich im Schlaf, daß mir kalt vor Gruseln wurde. Der Gedanke: wir sind hier ganz allein im Hause, wo die alte Frau des Nachts laut schreit! Suche nach dem Revolver, finde ihn aber nicht und schließe mich im Schlafzimmer ein, nehme Bubi zu mir ins Bett, das Meer rauscht laut, und ich denke immer, jetzt kommen Leute die Treppe herauf, unten liegt sie mit abgeschnittenem Hals — bis ich mich besonnen und mir Vernunft eingeredet habe. Aber bei jedem Geräusch wieder Herzklopfen.

Morgens ganz früh auf, mit Maus per Rad nach Serravezza, Weg namenlos schwer, von Serravezza nach Massa. In Massa in Kuchen geschwelgt, dann zu Fuß nach Carrara, heiß, sonnig, südlich. Vor Carrara auf der Straßenmauer gesessen und gefuttert. Dann durch die Stadt, suchen den Weg zu den Marmorbrüchen, kommen aber immer weiter an einen Bach mit Steinsägen etc., durch schmierige Straßen, hinter uns eine johlende Bande von Kindern. Zurück durch die Stadt ebenso. Hauen hier und da dazwischen. Mit Bauernwagen nach Massa. Maus selig, daß er nicht mehr zu laufen braucht. Hinten auf dem Wagen alte Hexe, die uns mit Liebeserklärungen überschüttet, o che bella, che sympatica, che robusto etc. pp. und uns mit Kastanien favoriert. In Massa noch einmal Kuchenseligkeit und zurück. Am Wege den Mann mit den sechsundzwanzig Sprachen kennen gelernt und eine Zigarette mit ihm geraucht. Bubi findet o yes wunderschön, viel schöner als oui und si.

27. Oktober [1904]. Mittwoch

Die Babies lassen mir keine Ruh, heute sind's vier Wochen — wenn sie jetzt gekommen wären — Abends mit Bubi am Strand, viel zu ihm davon gesprochen. Der Schmerz will mich nicht loslassen, aber ich möchte ihn auch nicht loslassen, möchte nicht vergessen.

28. Oktober [1904]

Bubi weckt mich mit: «du niedliches Mamaichen, die Sonne geht auf» — muß mit ihm in die Küche und es anschauen. Die Sonne kommt gerade hinter den Bergen vor.

Wir gehn am Strand auf Massa zu. Denke an den Gang mit Willy, damals diesen Weg mit allen Mutterfreuden vor mir.

Orlonsky in Forte getroffen. Schöner Nachmittag — Abreise noch bis Montag verschoben; will Abschiedsskizzen machen und möchte die letzten Tage hier noch austrinken. Jetzt ist mir alles so lieb und schwer, davonzugehen — bin seit Schäftlarn und Dietlindenstraße nie so sehr in mir selbst zu Hause gewesen.

29. Oktober [1904]

Nach Forte. Vier Stunden in der Sonne gesessen und mich vergeblich mit dem weißen Marmor und dem blauen Himmel geplagt.. Eine Masse Zuschauer hinter mir, was mich arg nervös machte. Das Bild, von dem ich träumte, wollte es absolut nicht werden. In der Idee ist mir immer, als ob ich alles könnte und kann niemals etwas, nicht viel Stimmung hineinbekommen.

Nachmittags nach Pietra Santa Kupfersachen kaufen. Rad geplatzt und zu Fuß zurück. Zank mit Maus, ist jetzt so bockig oder bin ich's? Abends im Bett großer Spinnanfall über meine Ungeduld und Zufahrigkeit, wo man besser ruhig und überlegt sein sollte. Streite mich mit Bubi, als ob er meinesgleichen. In solchen Momenten, wo mir das auffällt, wird mir alles zur Verstimmung, war vor allem arg übermüde vom Malen und Radeln. Dann Gott sei Dank mit einer inneren Kraftanstrengung alles wieder aufgelöst.

Die alte Wirtin wieder unten im Schlaf geschrien, als ob sie gemordet würde — Gruseln. Ging zur Mans, die rief. Mondschein. In Absätzen allmählich in den Morgen hineingeschlafen. Das Wirtshaus zum Andenken gemalt, aber nachher gemerkt, daß ich statt Terpentin Rizinusöl genommen, nachdem ich mich die ganze Zeit beim Malen gewundert, warum es heute so pappig ist. — Bubi spielt bei mir und erzählt mir aus seinem Reich Fraksika, erfindet neue fraksikanische Redewendungen und Gebräuche.

Todmüde und malmatt. Eine Stunde auf dem Bett gelegen. Briefe von Herbert, mich so darüber gefreut. Gehe lieber nach München zurück, wenn er wieder hinkommt.

Gestern abend plötzlich gedacht, soll ich nicht hier bleiben? Vielleicht würde es ein zweites Schäftlarn oder Samos. — Aber das war es eigentlich schon; eine ganz lange Zeit die zwei Monate, unendlich viel der ganze Sommer. Am Nachmittag gepackt, und alles redet mit mir.

31. Oktober [1904]

Auf einmal ist schon der 31. Oktober, ich bin immer einen Tag zurückgewesen. Gott ja, es wird vielleicht auch schön sein, heimzureisen, aber ich kann mich so schwer losreißen, so schwer, ach so schwer, als ob alles nachher viel leerer sein müßte, wenn ich nicht mehr hier unten bei meinen Babyerinnerungen. Und doch habe ich eine ganze neue Lebensfülle bekommen durch all dies, das ist sonderbar.

Auch körperlich, sehe mich oft im Spiegel und gefalle mir, habe seit langer Zeit mehr Farben und Rundungen.

Abends mit Maus auf die Brücke, der Himmel ganz grau mit dem Meer in lauter Nebel zusammengegangen, darin Leuchtturmlichte. Lange dagesessen und gedacht, Bubi still betrachtend neben mir. Dann von seinem Reich gesprochen, wie die Menschen sein sollen, er will nur Frauen drin haben und ein paar Männer zum Bewachen. Die matriachalische Maus! Auf dem Heimweg noch viel mit ihm über Menschen geredet und seinen Verkehr mit Kindern. Finde soviel bei ihm, was direkt aus ihm herauskommt und in meinem Sinn ist, dann bin ich immer so glücklich.

Dies Aufwachen im Morgenrot über Bergen und Meer, das wird mir fehlen. Die nächsten Male wird es nur in faden Hotels sein. Mir liegt überhaupt nichts daran, Städte abzuklappern — Florenz, ja, aber unterwegs. Ich freue mich mehr auf die Fahrten als auf den Aufenthalt, eigentlich nur, weil in den Städten wieder Menschen sind. Diese verdammte widerwärtige Menschheit, die einen wenigstens zwingt, sie anzusehn, weil sie einem vor den Augen herumläuft. —

Heute ist nun unwiderruflich der letzte Tag, noch einmal hier schlafen gehn, noch einmal hier aufwachen.

Dienstag, den 1. November [1904]

morgens mit Rad fort über Pietra Santa, Viareggio nach Pisa. Mittags in einem kleinen Beisel, dann Dom und Turm. Allerheiligen, blauer Himmel und dieser wundervolle Platz. Bubi ganz verzückt. Nachmittags nach Lucca — der Albergo del Angelo wie in einem Kolportageroman mit seinem wüsten Eingang, den Riesenbetten, geblümten Tapeten und der Kneipe unten. Abends mit Onsky herumgegangen. Heimweh nach Forte. Sonderbarer Traum in vier Kategorien. Herbert und Willy in der Ainmüllerstraße, dann Monsieur, schließlich Husum und Eltern, die mich feierlich verstießen. —

Bis Mittag Lucca angeschaut und nach Pistoja weiter gefahren. Maus manchmal müde und gnaunzig, aber arg lieb, weint viel über den verdammten Wind. Abends Pistoja, Bubi schlafen gelegt und noch etwas gebummelt. Früh Stadt angeschaut, die Luccareliefs. Mittags nach Florenz weiter, nachmittags Ankunft.

Bin ich froh, daß ich hier nicht bleiben muß — könnte hier nicht leben — Menschen — Stadtmenschen überall zum Übelwerden, die wundervollen alten Sachen dazwischen so deplaciert, man kommt zu keiner Stimmung. Allein und mit viel Zeit wär's vielleicht besser. Erste Nacht nicht geschlafen und arg kaputt, der Tag ohne allen Genuß. Mir wird erst wohl, wenn ich abends mit Bubi eine Stunde auf dem Bett liege und mit ihm spreche. — Orlonsky auch grantig. Am zweiten Tag verspricht Bubi mir, artiger zu sein und ist so lieb, daß ich ihn fortwährend umarmen möchte — seine Fragen, das Mühe geben, brav zu sein, die Aufregung, daß das Florenz ist und er alles zu sehen bekommt. —

Wir gehen in den Kirchen herum, und ich erkläre ihm alles. Er wundert sich über die Zentauren in den Wandgemälden, weil die doch griechisch sind und hat ein gewaltiges Durcheinander im Kopf. Hab' ihm ein «Wackelköpfchen» und ein paar rote Pfötchen versprochen, wenn er brav ist. Nun fragt er jeden Augenblick: «Bin ich artig?»

*

Heute in den Uffizien, das Kind neben mir, das alles mit seinen Augen und Sinnen verschlingt. Und doch, wenn man anfängt zu schaun, weiß man nicht mehr aus noch ein vor Mattigkeit.

Maus im Weltgenuß: «Nicht wahr, Mamai, jetzt bist du froh, daß du nicht mehr fromm bist.» —

Abendgang, bella Signora, Unterhaltung über amore. Dann allein durch die Straßen.

Mit O. allein nach Siena. Wache ganz verstört auf, geträumt, daß ich Henry mit einem ganz kleinen Mädel in der Leopoldstraße begegne und frage, ob es seins. Es vor Seligkeit und Liebe umarmt, als ob es mein eignes wäre. War so klein, daß Henry halb bitter, halb scherzhaft sagt: «Ja, such' es nur.» Dann schwand es mir unter den Händen zusammen und wurde ein kleines Tier mit zottigen Ohren. Ich denke, sollte Somi? — — — Sage zu Henry: «Ich habe aber ja meine beiden auch verloren.» Da legt er sich der Länge nach hin und weint — der Traum läßt mich die erste Stunde nicht mehr los.

15. Nov. [1904]

Ab von Florenz, über den Apennin, spät in Marradi. Maus übermüde und weint. Im Albergo Kaminfeuer und Krüppel. Morgens weiter nach Piacenza und abends Ravenna. Spät in der Stadt herum, Pfaff in der dunklen Gasse. Vormittags die Mosaiken angeschaut. Um drei Uhr weiter. Abends Argenta. Albergo. Küche mit Lebemännern. Nächsten Morgen nach Ferrara, nachmittags Rovigo. Dann Padua bis Mesa. Mit der Bahn nach Venedig. Nachdem Bubi schlafen gelegt, auf den Markusplatz gegangen.

Sonntag, den 20. November [1904]

Mit Maus nach dem Platz gegondelt. Dort Onsky getroffen und im Sonnenschein dagesessen. Nächsten Tag schwer erkältet im Bett. Die Tage bei schlechtem, trüben Wetter so verbummelt, bedrückt und Heimweh. Möchte statt Säue wieder Menschen um mich sehn und mag, was mir lieb ist, auch nicht in dieser Umgebung.

Mittwoch, 21. November [1904]

Bubi Festtag mit Diner, Austern und Puppentheater. Außer sich vor Seligkeit. Am nächsten und den übrigen Tagen bin ich nicht wohl. Nach Geld telegraphiert, immer noch trübes Wetter. Ich ungeduldig, fortzukommen, liege noch einen Tag im Bett und Maus immer bei mir. Abends mit O. durch die Straßen.

Endlich der letzte Abend. Noch einmal Sonntag früh mit Maus nach Markusplatz gegondelt. Mittags fort, nachmittags Verona, müde und glücklich und halb sentimental. Bubi unterwegs recht elend, Fieber und klagt manchmal. O. mit Kopfweh auf der andern Bank. Ich lange am Fenster gestanden und den Brenner im Schnee gesehn. Traurige Gedanken, unermeßliches Heimweh. Früh München, Bad im Bahnhof. Maus ganz krank, trugen ihn nach Solln. In der Stadt am Stachus begegnet mir der verdammte M. wie ein böses Omen. Mittags mit Sendt zusammen, O. mir gesagt, er käme erst um vier in die Kaulbachstraße, so kam ich auch erst dann und Sendt mit. Onsky mit Pelz in der warmen Küche, mir so leid, daß wir nicht den Nachmittag allein sind. Nach Solln, Bubi holen, finde ihn besser, ich selbst ganz verwüstet vor Müdigkeit. —

Abends Onskyverstimmnng, und ich spüre über das Heimkommen, das anders ist, als ich dachte, nur Forte, die Babies und alles.

O. und ich gehn umeinander herum, und jeder läuft seiner Wege. Mein Bubikind nicht wohl, er muß zu Hause sitzen oder im Bett liegen, hat die Gelbsucht gekriegt. Aber wir sind doch daheim, und es wird einem allmählich wohler.

Donnerstag, den 8. Dezember [1904]

Nun ist doch alles wieder gut, beinah Forte. Stille, dunkle Tage, man tut nichts Rechtes, noch nicht, freut sich darauf, was man alles tun will, sieht die gewohnten Menschen, aber sehr mit Maßen, pflegt sein Krankes und liebt sein Gesundes, hier und da sehr viel Sommerwehmut. Ich will das Leben jetzt sehr gründlich nehmen, mir viel Ruhe lassen und viel arbeiten. Bin während des letzten Jahrs innerlich sehr viel ruhiger geworden, habe vieles abgeschüttelt und vieles über Menschen gelernt.

11. Dezember [1904]

Maus gemalt, jeden Tag eine Skizze, aber ohne rechten Elan. Panizza in der Irrenanstalt besucht. Unheimlicher Eindruck, all die verschlossenen Türen und er mit seinen Augen und Reden. Ging mir den ganzen Tag im Kopf herum. Der unglückliche Mensch, es ist mir doch eine innere große Freude, daß ich ihm etwas sein kann, trotzdem ich ihn wenig kenne und er mich kaum etwas angeht. Nur das Gefühl, einem etwas Freude bringen zu können, der niemand hat. Man fühlt, wie reich man selbst ist und wie glücklich. Mein Leben hat doch immer von irgendeiner Seite Sonne gehabt.

12. Dezember [1904]

Henry, der liebe, gute.

Angst. Was für Angst. Aber heimliche Sehnsucht dabei. Nur jetzt noch nicht. Wenn dann wieder alles fehlschlüge. Ich möchte gesund und stark sein und allmählich auf immer sonnigere Höhen hinauf. Dann noch ein Kind. —

Die Erlebnisse des Sommers haben irgend etwas in mir auf- und ausgelöst, ich weiß selbst nicht was. Ich werde immer gesünder und froher. Wie kommt das? Weil ein Vorgeschmack von einem ganz unermeßlichen Glücksreichtum an mir vorbeigegangen ist? Das Sybillchen kommt mir vor wie eine wundervolle Vision, die mich reifer und mein Leben intensiver gemacht hat. Alle Eisrinden, die mir im vorigen Jahr angewachsen waren, sind aufgetaut und alte Schmerzen weggefegt. Hallwig — auch davon ist mir jetzt nur eine Sehnsucht geblieben, die mich nicht mehr quält, auch nur die Vision. Und sonderbar, daß ich endlich begriffen habe, was er mir oft sagte, daß gerade das nicht positiv Erlebte das allerwirklichste ist. Daß wir jetzt weit auseinander sind, wo ich verstehen gelernt habe und ihm in Wahrheit viel näher gekommen bin. Damals war ich noch in tausend Kreuz- und Quersachen verfangen.

15. Dezember [1904]

Bubi wieder auf, läuft selig und geschwätzig im roten Kittel herum, und ich bin von meiner Angst erlöst.

Graues Wetter, tiefer Frieden, ganz tiefes Glück. Viel Träume in letzter Zeit. Große, schräg abfallende Wiese mit riesenhaften Stieren, O. und ich sehen sie — dann steigt eine Insel aus dem Meere auf mit einer Menge geharnischter Riesen. —

Bubi erzählt mir, daß ich im Schlaf gesagt: Onsky, laß die Krone liegen, sie ist doch zerbrochen. Erzählt mir auch seine Träume, daß er in Venedig war und die Wasserfrauen ihn über die Lagune zu sich zogen.

Träume noch oft von den zwei Kindern, aber verworren und undeutlich. Jetzt gerade die Tage, wo sie hätten kommen sollen. Denke mein späteres Kind, als ob ich es schon in mir trüge. In meinem Gedanken verwächst es ganz mit dem Sybillchen. Das Gefühl von Glück und Fülle ist ganz unabhängig von wirklichem Erleben …? … Aber in welcher Sphäre liegt es dann und warum ist sie manchmal in uns und manchmal wieder unerreichbar?

16. Dezember [1904]

Traum: Ich wollte Schlittschuh laufen, plötzlich war's der Husumer Schloßgarten, jemand eingebrochen und darin eingefroren. Mir fiel ein, daß ich ihn schon lange hätte herausziehn wollen und rief Orlonsky zur Hilfe. Wir zogen ihn zusammen heraus, er war noch lebendig, riß aber in der Mitte durch. Dann betteten wir ihn im Schlafzimmer meiner Eltern, mein Vater und Bubi waren auch da. Die Haare fielen ihm aus, und die Beine liefen selbständig im Zimmer herum. Wir bemühten uns, sie einzufangen — endlich war er wieder beisammen und lebendig, zog seinen Mantel an, um essen zu gehen, und ich dachte mit Schrecken daran, daß ich mit dieser Wasserleiche im Lokal zusammensitzen müßte. Dabei sah er Düllberg ähnlich. —

17. Dezember [1904]

Panizzabesuche, manchmal unheimlich, wenn er mit seinen scharfen Augen mir seine Halluzinationen erzählt. — Orlonsky räumt seine Gläser einmal hierhin, einmal dorthin und tut auch nichts. Die ganze Atmosphäre ist Bummelei und taugt mir nichts.

30. Dezember [1904]

Monsieur besucht, war sichtlich gerührt, mich wiederzusehn. Mir macht's nicht mehr viel aus, aber ich seh' ihn doch ganz gern einmal.

Silvesternachmittag auch bei ihm. Unser einstiger Silvesterabend, sieben Jahre lang.

Maus nennt es Südwester.

Nachmittags eine Skizze am Küchenfenster. Nachts hör' ich die Glocken läuten — früh mit der Maus durch den Englischen Garten bei rasender Kälte.

1. Januar 1905

Mit Maus angefangen, lesen zu lernen und zwei Skizzen von ihm gemacht. Stellt sich beim Lesen erst furchtbar dumm, und ich werde manchmal ungeduldig. Jetzt geht's schon viel besser.

Nachmittags zu Panizza. So kalt, daß mir die Lippen frieren. Maus zu Omar al Raschid. Abends zu Marchlewski.

2. Januar [1905]

und die nächsten Tage Schlittschuh gelaufen. Maus lernt jetzt sehr nett, und es macht uns beiden Spaß.

Onsky krank, Henry und Baschl zur griechischen Gans geladen.

6. Januar [1905]

Abends bei den Füchsen. Nachts gewaltiger Sturm. Maus legt mit Buchstaben: Eine Gans weint. Warum weint eine Gans? — In der psychiatrischen Klinik behauptet er, es röche nach Hirn, läßt sich's nicht ausreden.

Willy zurück, nun fängt das Kreuz wieder an. Hole ihn sogar heroisch von der Bahn ab.

Herrgott, jetzt muß ich wirklich arbeiten und in die Malschule gehn, immer kam wieder etwas dazwischen, Zähne plombieren etc. pp. Bummeln und Maus ist so schön, aber die Zeit, die Zeit. —

8. Januar [1905]

Onsky immer noch leidend, aber schön, ihn zu pflegen.

Maus erzählt, daß ich morgens im Schlaf gesagt: wenn ich etwas viereckig haben will, ist es immer rund, und wenn ich's rund haben will, ist es immer viereckig, immer viereckig.

Panizzavernehmung. —

Abends Presseball mit Monsieur.

18. Januar [1905]

Gauklerball. Die Maja.

Traum, daß ich ein Pferd hätte. Immer abwechselnd Rad und Pferd. Wollte es im Atelier einstellen. Dann großes Fest bei Böhlaus. Zum Schluß eine Art Umzug von hexenartigen Wesen, die Arabeten genannt wurden und irgendwelche Zeremonie, eine Einweihung oder dergleichen begingen. Maus mit einem langen, blauen Gewand, unten ein spitzer Goldrand.

Maus läuft auf meinen Pferdetraum hin ins Atelier und schaut nach, ob es nicht wirklich drin wäre.

Vormittags Eis, nachmittags die Maja.

Halbakt gemalt, die große Wollust kommt wieder immer mehr über mich, damit auch für das übrige Leben. Maus lernt jetzt sehr schön, die übrige Zeit verbringt er mit sehr dösigen Spielen, fängt alles mögliche an und läßt es wieder liegen. Es ist noch sehr wenig in ihnen zu entdecken, worauf er hinaus will. Holt mich mittags von der Schule ab.

— Einen Tag in Solln, beide fort nach Großhesselohe, um zu rodeln und Skis probiert. Maus mit großem Selbstbewußtsein unter sechs Backfischen. Abends, als wir zurück, Henry.

Sonntag, den 29. Januar [1905]

Mit Maja nach Schäftlarn. Heimweh nach alten Zeiten. Nachmittags mit Gué gerodelt. Mit der Maus die schwierigste Abhänge, was ihm unendliches Vergnügen macht. Die Hildebrandmädel. Abends zu Hause noch an Hildebrand geschrieben, daß ich ihn einmal wiedersehen möchte.

30. Januar [1905]

Früh auf, Malschule. Dann mit Maus gelernt, anfangs mit Tränen, dann ging's sehr schön. Abends Onsky — Akt gezeichnet und sehr glücklich.

Februar [1905]

Malen und reiten. Maus geht mit und darf auch manchmal reiten. Das erstemal ein sonderbares Erinnerungsgefühl an den Sommer, dann helles Vergnügen daran.

Spitzwegfest, Kirch- und Nachkirchweih. Halb mit Genugtuung und halb mit Schmerz konstatiert, daß ich keine Karnevalsseligkeit wie früher mehr habe. Man hat sich noch viel weiter von den Menschen entfremdet und entfernt. Vor allem der Degout, der bei mir schon bald pathologisch wird oder schon ist, at home and abroad.

Maus spielt den Weltlöwen, der seine Inseln in der Gummiwanne putzte.

Mäusetraum von Feuerkleeindien. Kriegt Bogen und Pfeile. Kommt, wenn ich vormittags noch im Bett liege und erzählt mir fraksikanische Heldentaten, wie die Bitaner ihm seine Königstochter geraubt und er sie jetzt besiegt. Spannt den Hund Bobby an den Schlitten und erforscht den Nordpol.

Werdenfelser Fest. Schwips und ganz lustig, aber doch kein eigentliches Pläsir. Mag jetzt nicht mehr, seit Spitzwegfest elendes Halsweh und Husten. Kathi bleibt aus, muß zu Hause bleiben und kann nicht malen. Schlechte Laune. — Juxer zu Tisch. An einem Abend bis ein Uhr geschwätzt. Sympathischer Standpunkt, aber es wird wohl schließlich auch wieder nichts helfen. Es gibt seit Hallwig keinen Menschen mehr für mich, und meine Idiosynkrasien nachher schrecklich. Abends mit Gué manchmal etwas Trost. Die übrige Welt ist ja immer noch voll schöner Sachen, aber momentan habe ich nichts davon und bin matt und schlecht gestimmt.

Abends einmal Monsieur, auch wieder akute und schreckliche Desillusionen. Bisher war's immer noch ein bissel etwas — Erinnerungsduselei und Konversation.

Orlonskys Geburtstag, mit Maus Einkäufe gemacht und Torte bestellt. Maus in froher Aufregung, rast morgens anderthalb Stunden früher los, um die Torte zu erwarten und heimlich heraufzutragen. Kriegt Erlaubnis, davon zu essen, wenn er mag, verhält sich aber sehr unegoistisch und fragt jedesmal erst an .. «Onsky soll doch auch etwas von seinem Törtchen haben.»

Abends mit Juxer, Gué und den Däninnen. Grollte aber mit Juxer und Sendt, mit Fuchs ins russische Konzert. Immer noch ganz verkatert und elend. Habe Angst um meine Lunge. Einmal Gewitter, dann ging's wieder nicht.

Auch nicht Malschule, bin vormittags zu tot und bleibe im Bett. Der liebe Henry. Nun soll ich meinen Freund wirklich hergeben, bin unendlich traurig darüber.

5. März [1905], Faschingssonntag

Bubi hat seine Freunde zum bal paré mit Tiermasken eingeladen. Wäre gern mit ihm herumgetobt, aber so schlechte Laune und die miserable Frau R. den ganzen Nachmittag dagehockt. Überhaupt ein zuwidrer Tag. O. mit Henry nachmittags nach Partenkirchen und ich tief gekränkt, daß ich nicht mitkann — so fad allein. Ach Gott, so miserabel, erst ging's noch mit den Mäusen — meins und der Metzgerbub kamen hilfesuchend zu mir, weil sie zu zweien nichts anzufangen wußten und wurden so lange mit Schokolade getränkt und Kuchen gefüttert, bis die andern Kinder kamen. Dann die R. bei mir in der Küche, später auch noch der R., dazwischen Marchlewski etc. Das Feuer wollte nicht brennen, das Essen nicht kochen, mir war schlecht etc. Der einzige Genuß, daß Bubi selig war mit seinen Bamsen und seinem bal paré. Noch eine schöne einsame Stunde mit ihm, als alle weg waren und er mir immer wieder gerührt versicherte, es wäre wunderschön gewesen. Ich ging dann eine halbe Stunde zu Gué, der ist immer ein wohltuender Ruhepunkt für mich.

Adrians Polterabend bei Fuchsens, nachher plötzlich Lust, noch auf Hofmanns Fest zu gehen, die aber allmählich verging.

Heute wieder so ein zuwidrer Tag. Vorherrschend zu allem Unlust und Kribbligkeit. Als Morgenpost drei Polizeistrafmandate und die verdammte Katarrhelendigkeit. Möchte wieder malen, reiten, fühle mich aber völlig unfähig. Nachmittags geschlafen, darüber wieder das Feuer aus, und nichts wollte mehr kochen. Statt die andern im Café zu treffen, daheimgeblieben, den Herd geheizt, die unvollendete Suppe gekocht und einen langen Ergußbrief an Herbert geschrieben.

Maus vor Kants Bild: «Was ist das für ein halb Mensch, ein halb Fuchs?» —

Dienstag morgen grau und desperat, das ganze Haus leer. Wandre aus zu Sendt und mit ihm zur Stadt. Maus nervös und ungezogen, alles zuwider, bis schließlich mit Bubi allein in der Maximilianstraße auf John Jacks Möbelwagen. Sehr lustigen Abend mit den beiden Henrys und allen andern im Luitpold. Einmal wieder Schwips und Seligkeit. Hallwigtisch, Onsky-Napoleon. Aber ich mag die Henrys nicht — Junggesellen oder Ehemänner auf eine Nacht in der Großstadt. Später Stephanie und zuletzt Simplizissimus, plötzlich aus aller Seligkeit in den Degout und mich mit Onsky daraus gerettet. Küchensitzung bis fünf Uhr, auch Willy erscheint noch in eine Decke gehüllt.

Mittags Orlonsky mit Migräne unten gelegen, erst in der Küche mit Maja und Willy herumgesessen, dann Kätchen. Alles will nicht gehn, Frau kommt nicht, Essen kocht nicht wie immer, wenn ich dösig bin und O. nicht da. Endlich abends alles miteinander abgeschoben, später mit den Henrys im Luitpold. —

Dusele die nächsten Tage in Erinnerungen. Schrecklicher Katarrh, zum Doktor, der ihn etwas besorgniserregend findet. Nachricht, daß wir zu Haus bleiben. Gott sei Dank. Juxer zu Tisch, abends viel geschwätzt, ist lieb und wohltuend. Sehne mich wieder nach Gesundheit und Arbeit und gute innere Regelmäßigkeit.

Samstag früh J. abgeholt, zog sich so sympathisch in meiner Gegenwart an, daß ich ihm für den ästhetischen Beweis förmlich dankbar war.

Abends bei Cherry Brandy lange Unterhaltung mit ihm.

12. März [1905]. Sonntag

Mit Gué im Isartal. Frühling geschwelgt — alle meine Isartalerinnerungen — an mein jetziges Leben gedacht, das weich ist und ruhig, aber doch voll Dissonanzen. Brauche längere Zeit Einsamkeit und muß sehn, sie gegen mich selbst zu erzwingen. Ich möchte nur lieben und mich lieben und pflegen lassen. Nun tut etwas Härte not und viel Besinnen. Ich bin sicher kein unharmonischer Mensch, ich hätte so sehr das Zeug zur Harmonie, aber es kommt zu viel anders von außen über mich her, und da bin ich wieder zu weich und wehrlos. Ach, ich brauche einen Hallwig. Aber ich muß mich vergewaltigen, um selbst fortzugehn und Onsky zu Henrys dickem Bruder zuzureden.

Gingen nach Grünwald, Pullach und Solln. Als ich zurückkam, O. verstimmt, Bubi nicht da. Wußte, daß er zu Otto hatte gehen wollen, aber plötzlich kam es mir so schlimm vor, daß ich einen Tag weg war und niemand sich um ihn bekümmert. Suchte ihn bei Otto und erfuhr, daß beide zu Omar. Kamen zusammen abends selig an.

Er streift in seiner Ritterrüstung auf dem Hofe herum mit einer alten Karnevalsmaske von mir, Mütze als Helm, Hut als Schild, unzählige Stöcke als Messer umgebunden. Otto bringt sich seine Rüstung aus vergoldetem Linoleum mit. Ich muß Zeit finden, um ihm sein Theater zu richten, eine neue Rüstung zu machen und Kittel zu nähen. Ich muß malen und Gott weiß was tun und hüte mich ängstlich vor allem Zuviel, um keine Nerven zu bekommen. —

Abends wieder viel mit Juxer geschwätzt.

Montag, 13. März [1905]

Trotz großer Faulheit auf und zur Malschule, drei Studien gemalt. Zum Doktor, dann reiten. Gaul ging schlecht, ich ritt schlecht und etwas überanstrengt. Bei Tisch wieder große Assemblée. Sendt. Kätchen. Hol's der Teufel — abends zu Monsieur, nicht getroffen, ins Café. J. und O. nicht getroffen und eigentlich ganz froh heim, einmal einen Abend allein zu haben.

Freitag, 17. März [1905]

Zwei Stunden Schule, aber es geht nicht. Doktor befiehlt Eis für den Hals. Abends Solln.

Samstag, den 18. März [1905]

Im Bett gelegen und zwischen dem Schlafen darüber nachgedacht, daß ich nie zu etwas komme, immer wieder meine Lust verliere oder verdusele; die vielen Hemmungen. Dann aufgestanden, sitze mit Eisumschlag zu Hause. Bubi und sein Freund sitzen nebeneinander in einer Gartenecke, daneben der Hund Bobby. Auf einmal kommt es mir wie in einem Traum so seltsam vor, daß ich ein so großes wirkliches Kind habe.

20. März [1905]

Ohne besonderes Mittel eingeschlafen und wieder aufgewacht, eine förmliche Erlösung. Dabei geträumt, daß im dunklen Zimmer auf den Koffern zwei Ärzte saßen und erklärten, ich wäre schwindsüchtig «bis tief hinein». War mit O. in einer Art Gartenzimmer, dahinter ein großer dunkler Garten. Panizza kam, sah genau aus wie damals, als er mich hier im Sommer zuerst besuchte, sagte, er ginge in den Garten und möchte mit mir sprechen. Ich wußte, daß er sich aufhängen wollte, aus seiner Anstalt ausgerissen sei und ich eilen müßte, ihn zu finden. Dachte dazwischen, es wäre vielleicht besser, ihn dabei zu lassen. Fing dann an, meine Sachen zu suchen und verschwätzte mich mit O. immer in dem Gefühl, es wird zu spät, wenn ich mich nicht eile. Etwas Angst vor dem dunklen Garten — daß er mir etwas tun könnte. Als ich dann wirklich in den Garten ging, wußte ich, daß es schon zu spät wäre. —

Mit Maus im Englischen Garten geritten, roter Sonnenuntergang. Gespräch über die «Entchen», ihm dann Agamemnon weiter erzählt.

21. März [1905]

Als ich gerade weggehn wollte, kam Henry, unten herumgesessen. Dann endlich mit Maus in die Stadt, die alten Engländer bei Heinemann angesehen, mit Bubi anschaun ist immer großer Genuß. Nachmittags zum Reiten. Maus schwankt, ob er nicht hierbleiben sollte, seinen Otto erwarten, lief dann aber sehr vergnügt mit. Spät einsamer Spaziergang. Willy mit Salvatorrausch. Pfui Teufel.

22. März [1905]

Maus weckt mich früh und erbietet sich, Feuer zu machen etc. Ich schlafe weiter, dazwischen kommt er gelaufen, blank und morgenfrisch mit rotem Kittel und roter Mütze und meldet, daß er Wasser heißgemacht hat, Milch geholt, kocht sie und bringt sie mir. —

Darin ist das Leben rasend schwer — es hat mir nicht genug Kraft gelassen, um ohne Diät zu leben, und sie zu halten wird mir immer so schwer gemacht. Wenig mit Menschen zusammenkommen, wenig sprechen, unangenehme Eindrücke vermeiden, fortwährend in mich selbst zurückgekrochen sein, viel nachdenken, viel mit mir selbst ins Gericht gehn. Ich brauche ein ganz strenges System, sowie ich das nicht einhalte, klappt es an allen Ecken und Enden nicht. Ich habe jetzt zu viel Liebe in mir und von ihm, er macht mich zu weich und nachgebend. Ich will ihn immer haben, auch wo ich allein sein sollte. Aber wir waren beide ausgehungert nach Liebe, nach unendlichem Hingeben, beide so froh, unsere Panzer fallen lassen zu können. —

Es ist doch nicht ganz wahr, wenn ich meine Energielosigkeit immer daraufschiebe. Es ist Mattigkeit nach allem rauhen Zuviel, ich kann nicht mehr so hart gegen mich sein, mich einfach zwingen, zum Beispiel früh aufzustehn und zu tun, was ich selbst vom Tage will. Immer die Tendenz der Willensmattigkeit: Ach, laß nur bleiben, es geht auch so. Dadurch ein ewiges Verschieben und dann wieder Überhasten, das mich ungeduldig macht. Die Unmöglichkeit, meine Verstimmungen allein zu verschlucken. Ich kann nur halbwegs mit mir zufrieden sein, wenn ich straff und sicher bin — muß, muß es wiederfinden, auch ohne Einsamkeit.

So heute wieder nicht zur Schule, Entschuldigung, daß es mir mit dem Hals wieder schlechter geht. Aber wenigstens geritten, mit Maus gelernt und ihm Orestes zu Ende erzählt. Abendspaziergang und törichte Deprimiertheit, daß O. nicht da ist. Überhaupt in den Straßen abends allein gehn macht mich immer tieftraurig. Die Abendmenschheit ist mir noch zuwidrer als die des Tages, da man in der Tageshelle selbst viel widerstandsfähiger ist. Dann suche ich förmlich nach einem Menschen, der mich entlasten soll, sehe zu Gué hinauf, aber das Zimmer ist dunkel, gehe noch einmal die Leopoldstraße hinunter, vielleicht treffe ich Orlonsky und Henry — (die ich zusammen nicht mag) — bis ich wieder dran denke, zu Hause liegt mein Bübchen im Bett, braucht mich, liebt mich, ist mein Kaiserreich und meine ganze Welt. Und nun kommt eine so gute, einsames Abendstunde in der Küche. Schon wenn ich mein Buch schreibe, ist mir soviel besser, dann lebe ich wieder mit mir. Dies verdammte Vorhandenseinwollen und Durchdringenwollen, es hilft ja doch nichts, gar nichts, das viele Gerede über Menschen erschöpft, und man gibt sich zuviel aus, wogegen das Maulhalten so erholend ist. Wozu dies mit Angst jede Bewegung verfolgen, weil doch immer wieder etwas kommt, was einen stört — und dann wieder zu winden, bis man's hinuntergefressen hat, ein ewiger circulus vitiosus, eine Selbstquälerei anstatt Scheuklappen links und rechts. Ich werde nie und nie den Vollkommenheitsgrad bei andern finden, den ich suche, nie jemand finden, der mir alle Froissements erspart — nur sich selbst. Also zurück in dich selbst und die Fühlhörner einziehn. O Hallwig, Hallwig. Es gab doch eine Serie von Dingen, wo er mir vollkommen war, in seiner ungeheuren Scham vor allem allzu Menschlichen. Und in allem anderen bei ihm, womit ich damals nicht fertig werden konnte; könnte ich es jetzt.

23. März [1905]

Traum: Eine große Fläche mit unregelmäßigen Kreisen, ausgefüllt mit goldenen Tupfen auf schwarzem Grund, die allmählich rot und dann bunt wurden. Jemand, ich glaube Stefan George, sagte mir, das bedeute die Syrochen.

Er hatte noch irgend etwas anderes gesagt, worauf ich mich nicht mehr besinnen konnte, wachte mit dem Gefühl auf, daß ich etwas Großes entdeckt. —

Nicht mehr Traum: Maus erzählt mir, bei seinem Morgengang hätten ihm die Hände so gefroren, daß er sie an einem Pferdemaul gewärmt hätte. Nachher, als wir zur Stadt gehn, behauptet er, ein Gefühl zu haben, als ob eine Schere ihm den Rücken hinunterschnitte — «jetzt schneidet sie wieder, jetzt ist sie wieder zugeklappt». —

25. März [1905]

Geträumt, Bubi hatte Schulprüfung. Großer Saal voll Menschen und Masken mit Goldflittern und Indianerfederschmuck. In der Mitte Sendt als Zauberer in schwarzem langem Kostüm, der Bubi prüfen soll. Bubi rast aufgeregt und selbstbewußt herum und führt ihn ad absurdum. Ich kam dazu und dachte, Bubi ist doch reichlich arrogant. Später ein Tisch wie im Karneval, wo geknutscht wurde, und Henry sagt, Bubi wäre sein Sohn aus Danzig. — Dann amüsierten sich die Masken im Garten, der unser Husumer Garten war. Kinder dazwischen. Ein korallenartiger Gang. Ich legte ihnen falsches Holz hin, was in blauen Flammen brannte, um sie zu amüsieren und lief heimlich fort. —

26. März [1905]

Wieder Malschule, dann reiten mit der Miß. Orlonsky und Wiemerchen zugeschaut.

27. März [1905]

Träume von Herbert, sehe ihn vergnügt ankommen und freue mich, daß er wieder da ist. Er bleibt stehen und hat plötzlich als Kopf die Mondscheibe mit einem Gesicht wie in Kinderbüchern und eine Schnur daran, an der man zieht — dann wackelt er. —

Da kam der gute Viktor, und sein Besuch schleudert mich wieder einmal aus allen Geleisen. Ich rette mir nur die Vormittage, der Rest vergeht mit Herumziehen, alle Abende bis ein, zwei Uhr. Sehr hübsch, wie er dann mit Maja nach Wien abzieht, das blonde, junge, anmutige Mädel wie ein Kind, das auf einen Ausflug mitgenommen wird.

Henrys Abschiedsabend, dann ein paar schwere verstimmte Tage, war sehr kaputt und hatte über Kleinigkeiten das gewohnte Seelenerbrechen. Wieder geritten, Pferd schmeißt mich ab und ich fürchte mich. Abends mit Gulbransson. Wieder gemalt: und dabei sehr glücklich.

4. April [1905]

Juxer zurück, früh morgens — ein dunkler Morgen. Solche Sehnsucht nach Onsky, daß ich hinunterging und ihn wieder versöhnte. Dann mit Freude gemalt. Maus begleitet mich mit dem Bobby, das Mützchen tief im Gesicht.

5. April [1905]

Gemalt. Abends die dramatische Madeleine.

Unruhige Zeit, viel Juxergespräche am Abend, will um neun zu Bett gehn, um frischer zu sein, aber es wird zwölf und eins. Und neben malen und reiten verdammt für die Abreise zu tun.

Abreisewehmut, ich bring's nicht recht fertig, fortzugehn und will doch durchaus, muß allein sein und wirklich mit allem in Ordnung kommen, besonders mit mir selber. Sonntag morgen bei Molton, die Hausaffäre erledigt. Wie bin ich froh, daß wir bleiben.

Orlonsky putzt Räder — alles auseinandergenommen im Eckhaus, und wir müssen mit polieren. Fühle bei allem wieder seine Fürsorge. Jetzt fortzugehn, so entsetzlich schwer. Ihn nicht alle Tage sehn! Aber ebenso heftig fühl' ich, daß es sein muß. Ich bin schon zu lange nicht in die Wüste gegangen, mir tut tiefe lange Einsamkeit not. Seit Dietlindenstraße vor zwei Jahren hatte ich keine Ruhe um mich her, nur Solln und Kaulbachstraße. — Hab' ich sie wieder beisammen, so kann ich auch in Kaulbach schwimmen.

Abends bei Sendt, Gué und in Solln.

Letztes Mal in der Schule und beim Reiten. Die Hose des Prinzen Franz gekauft.

Häusliche Abende mit Vorbereitungen, die kein Ende nehmen. Wollte Samstag reisen und kam nicht dazu, gestern auch nicht.

Mit Juxer und Willy Höllenlärm in der Küche, ich beim Packen mit aller Sehnsucht nach einem letzten ruhigen Abend mit Onsky. Gehe aus und ein und jedesmal in der Küche wieder der Lärm. Schließlich beinah zersprungen vor Nervosität. Onsky Szene gemacht, weil er nicht begreifen wollte, daß er mich reizte, und dann war es ganz aus. Lange dann im Hof auf den Brettern gesessen, das Haus angesehen, die Stimmen von den andern gehört und geweint. Da kommt aber wie immer die dumme Sehnsucht nach Liebe, und man streckt die Arme danach aus, alles an sich zu ziehn. Aber dann hat man für das Eigentliche die Arme nicht frei. Wehe, aber heilsame Erkenntnis. —

Noch einen Tag dageblieben, um nicht in dieser gräßlichen Stimmung abzureisen, nur nicht fortgehn mit einem Rest von Verbitterung. Nun dieser wirklich allerletzte Tag nach vielen letzten Tagen so blutig schmerzlich und wehmütig. Ich hab' wohl nie gedacht, daß ich noch so lieben könnte wie in diesen letzten zwei Jahren. Darin waren sie unendlich reich. Aber ich hab' mich auch ungeheuer ausgegeben und erschöpft mit allem, was noch nebenher ging, und nicht die Kraft gehabt, allem gerecht zu werden. In mir ist alles nur ein einziges Tränenbad.

Als ich abends heimkomme, die Sollner. Erst fast verstimmt, daß nun schon wieder nicht der ruhige Letzte sein sollte. Packe meinen Rucksack auf und radle noch zu den alten Lenbachs, aber die schlafen schon. Dann war der Abend doch recht gut, dachte an voriges Jahr, als sie auch am letzten Abend vor Italien da waren und ich das rote Kleid anhatte und mein Baby.

Fahre aus Müdigkeit erst nachmittags, wollte mit O. allein sein und war greulich gegen den guten Juxer. Wie sie da am Bahnhof standen, die zehrende Sehnsucht nach ihm, ihn noch einmal zu umarmen.

Die erste Stunde tut es mir so weh, daß ich kaum sprechen konnte. Sag' zur Maus nur Onsky, und da fängt der Gute an, laut zu weinen, und wir weinen lange zusammen. Tröste ihn dann mit lauter schönen Versprechungen, wie wir vergnügt zusammen sein wollen. In Würzburg der Maxl, führt uns in sein altes Kleinstadthaus, und wir soupieren mit einer großen Suppenterrine auf dem Tisch. Der Abend ging noch, aber es war nicht der Mühe wert. Am nächsten Tag bin ich ganz kribblig und treibe zum Aufbruch. Selig, als Bubi und ich zum Tor hinausradeln und hinter Würzburg den großen Berg hinaufschieben, in lauter freundliche kleine Orte kommen mit netten Leuten, die uns bewundern. Abends in Mondfeld übernachtet, ganz kleines Wirtshaus und der Wirt, der uns für Seiltänzer hält.

Am zweiten Tag nach Miltenberg, Odenburg und Babenhausen, wo uns der Radlklub «Adler» umringt und huldigt. Alles ist schön, Wetter, Land und das Zusammensein mit dem geliebten Tier — wir genießen es aus vollem Herzen. Der dritte Tag etwas schwierig, starker Wind, Hagel, Regen, mühsam winden wir uns bis Diburg. Von da aus etwas besser, aber beide müde und etwas unglücklich, daß es immer noch weiter geht. Rast an der Straße im Wald und noch einmal Mut gefaßt. Endlich abends in das Tal hinein und Alsbach gefunden. Maus bei Kaffee mit Kuchen und Mandelcreme mit froh erstaunten Augen: «Mamai, es ist ganz, als ob wir Prinzen wären.» —

Die weiche Luft drückt mich und macht mich müde und unlustig. Angefangen, Maus vormittags im Hemd vor grüner Wand zu malen. Na Gott sei Dank, nun wird's schon kommen. Auch mit unserm Unterricht angefangen. Ganz entsetzliches Heimweh, die ersten Tage manchmal am Weinen, wenn ich an Onsky und mein Zimmer denke. Ach, ich sehe ihn immer, wie wir in unserm Zimmer am Nachmittag waren, beide Tränen hatten und nicht sprechen konnten, um nicht zu weinen. —

Maus fährt mit der Frau Doktor aus und allein zurück. «Ich glaub', die Leute haben gemeint, ich wär' ein Königssohn.»

1. Mai [1905]

Gestern tödlicher Sonntag, mit aller Unlust morgens gemalt, wollte nachmittags zu dem alten Schloß und es für uns in Besitz nehmen — lauter fade Sonntagsleute um uns her. Stecke das Kind mit meiner Nervosität an und halte ihm eine große Rede, daß ich nie Ruhe habe. Er wird ganz nachdenklich und traurig, und dann wieder war's so wundervoll, wie wir uns scheu und ablehnend zusammen durch die Leute nach Hause drücken und er bei mir saß, während ich auf dem Sofa eine Art Todesschlaf hielt. Er geht allein zum Essen hinauf, und als ich eben vor sieben aufwache, höre ich das süße Getrappel den Gang hinunter.

3. Mai [1905]

Morgens bei trübem Wetter geradelt, nachmittags mit Maus gelernt, er faul, gelangweilt, und ich schelte. Dann große Aussprache, Versöhnung und Versprechen, daß er jetzt besser lernen will, abends mit großem Vergnügen zusammen den Berg hinuntergaloppiert.

Brief von O., bin ganz ausgehungert danach, sehr traurig und sehnsüchtig. Träume so oft von ihm, aber immer sind andere Leute dazwischen, und wir können nicht zusammenkommen.

4. Mai [1905]. Donnerstag

Jetzt beginnt die Einrenkung, ich kann wieder allein sein, hatte gestern abend ein so schlechtes Gewissen, daß ich nicht freundlich genug mit dem Bübchen — ich weckte es und unterhielt mich lange mit ihm über Soldaten und Uniformen, ein Thema, das ich sonst mit Nervosität abgelehnt hatte.

11. Mai [1905]

Mit Doktor und Bubi geradelt, gestern Balkstädt, Thal, heute Fürstenlager. Jeden Tag eine Skizze gemacht, weniger geraucht, also im ganzen Anfang zu innerer Umkehr. Die Nachmittage mit Bubi gelernt, heut kriegt das arme Tierle Nasenbluten und jammert über Kopfweh. Da draußen heißer Tag, hab' ich ihn aufs Sofa gelegt, und er spielt mit seinem Osterhasen.

Gestern kriegt er ein Stück Land, um Blumen zu säen, die alte Frau hat heimlich welche drauf gepflanzt, nun glaubt er heut' voll Seligkeit, daß sie über Nacht schon aufgegangen.

Heute kam die alte Baum und hat ihres Mannes Porträt bei mir bestellt.

Jeden Tag wird's schöner, hab' sie jetzt gern, diese Landschaft mit all ihren weichen Stimmungen, sie hat etwas unendlich Ruhiges.

Bubi in blau auf blauem Sofa gemalt, erst ganz selig, weil ich glaubte, es würde etwas Fabelhaftes, meinte, endlich einmal die Gesichtstöne erwischt zu haben. Nachher sieht's doch wieder schmierig aus.

Sonntag, den 14. nach Bensheim, Gué getroffen im Fürstenlager. War am Morgen vorher mit dem Doktor da und fand im Park schöne Stimmung. Diesmal nicht. Sonntagsmenschen. Liege am Abhang, Bubi spielt, wir sind zwei Riesen, er der Mensch.

Montag noch einmal über den blauen Bubi.

Mittwoch, 17. Mai [1905]

Bubi fängt an, meinen Geburtstag zu feiern. Bringt erst einen Rucksack voll Blumen vom Schuster mit und versteckt ihn, marschiert dann mit seinen 47 Pf. zum Gärtner und holt Flieder. Ich muß ins Nebenzimmer gehen, und er macht mir einen weißgedeckten Tisch mit all den Blumen und einem geschriebenen Glückwunsch. Dann auf Fraksikarisch: «Ich schenke Dir sechzig Kriegsschiffe, vierunddreißig Jahre altes Mamai, junges Mamai.» —

Am Abend den Abschiedstee für Frau v. K. mit Mondspaziergang auf der Elfenwiese. Komme um eins zu meinem Häuschen zurück, Maus noch wach, hören zusammen die Nachtigallen und die Käuzchen.

18. Mai [1905]

Bubi ganz früh aufgestanden und malt im andern Zimmer. Dann baut er uns seine Geschenke wieder auf einem Stuhl vor dem Bett auf einem weißen Tuch auf, ein Bildchen aus Silberpapier und ein bemaltes Holzklötzchen, weint, weil Onsky mich vergessen hat. Dann kriegt er seinen Zauberkasten. Nachmittags auf die Burg mit seiner silbernen Rüstung, aber Leute da, so konnten wir nicht ordentlich spielen. Gewitter. Wieder heim. Da war das Paket von O. da mit wundervollen Schätzen.

Nach Holland, von einem Tag auf den andern beschlossen und getan. Von Mainz an den Rhein. Hinter Köln die Abendlandschaft, zum erstenmal seit zwölf Jahren etwas, was mich an den Norden erinnert. Nachts in der Kajüte böse Tiere. Drei Engländerinnen kommen herein, sprechen und gehn wieder hinaus. Ich schließlich verzweifelt barfuß auf Deck, finde dort die eine, mit ihr die ganze Nacht draußen gesessen. Irländerin, Geigenspielerin, schwarz und hübsch. Geraten in Nachtekstase und unterhalten uns über das Leben. Hier und da erscheinen Petrichs in Decken gehüllt und verschwinden wieder. Wir versuchen vergebens, etwas zum Trinken zu bekommen, nur der Kapitän hat ein Fläschchen Kognak und Verbandsstoff, trauen uns aber nicht, ihn zu wecken. Die Fabrikstädte wie brennende Märchenschlösser.

Dachte an die Nachtschiffahrten mit Henry im Süden.

Sonnenaufgang. Landschaft nordisch. Mühlen, Marschen und Kühe — mir ist, als ob ich heimkäme, möchte am liebsten jetzt gradewegs nach Husum.

Nachmittags Ankunft in Rotterdam. Abends mit Rad nach Delft. Wundervolle Marsch. Bei einer Rast mit Bubi in die Wiesen hinein, und es war ganz, als ob man in Husum wäre. Nacht und Vormittag in Delft. Blumentische am Kanal. Nachmittags Leiden und Harlem. Abends Amsterdam. Sonntag und großes Gewimmel, aber es ist doch überall das gleiche Kroppzeug, was da herumläuft. Nächsten Tag im Zoologischen Garten. Maus ganz außer sich über die Tiere. Judenviertel — brrr. Insel Marken. Petrichs ab, wir nach Haag und Scheveningen. Den Abend allein gebummelt. Andern Tags nach Köln, Abend bei Fuldas. Auf dem Rückweg Hotel vergessen und lange gesucht. Der Mann mit der Rose. War aber fad, hab' ihn mir abgewimmelt. Früher hätte er mich begeistert. Schlimm, das man immer wählerischer wird, das Unkraut am Weg stehn läßt. Frühmorgens in maßlosem Regen herumgelaufen, endlich Geld, Billet und Radschwierigkeiten. Der Mann mit der Rose taucht wieder auf, pumpe ihn um 20 M. an und bestelle ihn auf abends. Dann Geldtelegramm von Laudenheimer. Zu Fuldas und nachmittags nach Darmstadt ab. Alsbach ganz nett heimatlich. — Petrichs zurück, viel bei ihnen, mag die Frau sehr gern. Am meisten von allem lieb' ich mein kleines, helles, lustiges Schlafzimmer. Im ganzen ist's eine hübsche Zeit, vor allem mit der Maus, und ich bleib' ganz gern noch.

Mit P.'s bei Vollmond aufs Auerbacher Schloß. Wundervoller Abend, Bubi durfte aufbleiben, ganz selig.

Letzte Tage, schon beim Packen. Großer Katzenjammer, daß ich hier wieder nichts getan habe, etwas ja schließlich doch, aber die Hauptzeit verbummelt. Wollte z. B. die alte Frau aus dem Armenhaus malen und war jedesmal erleichtert, wenn sie nicht zu kriegen war. Der Doktor sagte, ich müßte mindestens zwei Jahre gar nichts tun und absolut ruhn.—

Finde zufällig die Namen, die O. mir schickte. Ob er eine Ahnung hat? Warum sonst es mir schicken? Nur weil .... drin steht? —

Gott sei Dank, daß dieser Kelch an mir vorübergegangen ist. Mir wäre nichts geblieben als das Ausland, und ich kann doch nicht ohne München leben. Eigentlich bin ich eine gute Komödiantin. Oder auch nicht, es liegt in meiner Natur, solche Sachen tun zu können, ohne daß sie mir schaden und so, daß sie mich weiter nicht berühren. Es war ja auch eiserne Notwendigkeit, manchmal auch das Pläsir an dunklen Situationen und Sachen. Manchmal ist es mir ein komisches Gefühl, daß doch eigentlich kein Mensch auf der weiten Welt mich wirklich kennt. Vor allem erraten sie mich nie da, wo ich nicht erraten sein will. Meine «dunkelsten Punkte» errät niemand. Nur dem Bubi will ich's einmal alles erzählen, wenn seine Seele so an mich angewachsen bleibt wie jetzt.

Aber grad hier muß ich so oft dran denken, wenn man sich mit dem Doktorpaar über Lebensfragen unterhält und sie bewundern, wie ich erhobenen Hauptes durchs Leben gegangen bin.

Wieder München. Am 24. Juni von Alsbach fort. Doktor und Frau begleiten mich per Rad nach Bensheim, dann traf ich Petrichs, und wir radelten zusammen nach Heidelberg. Nächsten Tag abends mit Gué nach Rastatt, ins erste schäbige Gasthaus hinein, Bubi zu Bett gebracht. Dann hieß es, ich könnte keinen Schlüssel bekommen und müßte um elf Uhr heim sein. Bubi wieder aus dem Bett geholt und ein anderes gesucht, wo ich nach einigen Schwierigkeiten den Schlüssel bekomme. Mit Gué im Dunkeln um das Schloß herum und im Wiener Café bis eins. Abschied am Paterrefenster, er wußte, daß ich ihn in München sehr entbehren würde. Am nächsten Morgen weiter bis Beiersbrunn. Nächsten Morgen, am Sonntag, auf dem Kniebis verlaufen und vier Stunden in dem fabelhaften Tannenwald herumgestiegen, ohne einen Menschen zu treffen, es war wie verzaubert. Hinunter nach Rippoldsau und von da bis Hornberg. Zweimal Gewitter, in Bauernhäusern untergekrochen, wo wir mit großem Erstaunen betrachtet wurden. Wollten noch bis Triberg, abends in Homburg rasendes Gewitter mit Platzregen. Darüber ins erste Hotel hineingefallen und fast kein Geld mehr. Uns um sieben ins Bett gelegt und wie wahnsinnig geschlafen. Früh ausgerissen, um kein Trinkgeld zu geben. Nach Triberg hinaufgeschoben, wieder ein wundervoller Weg. 20 Pf. gefunden und mit Dank eingesteckt. Vor Triberg ein Stück gefahren, dann bis Donaueschingen. In Villingen wieder strömender Regen, komisches Wirtshaus mit netten Leuten. Kaum losgefahren, wieder unterkriechen müssen, ich noch auf der Bank geschlafen; alte Weiber, die uns jedenfalls für sehr heruntergekommen hielten und uns schauderhafte Wurstbrote dedizierten. Bis Donaueschingen immer ganz schlechtes Wetter, ich ganz ab. Auf der Post dann glücklich Geld aus München — man verlangte einen Wandergewerbeschein als Ausweis — kriegte es aber schließlich doch. Dann im Bahnhof gefressen, waren total ausgehungert. Auf dem Jahrmarkt, stehn beim Karussell, als ein Wagen vorbeikommt. Pferd scheut und springt, zwei Kinder drunter, eins läuft weg, das andre zwischen Pferdebeinen und Rad. Allgemeine Panik, alles schreit: «O Gott, das Kind.» Ich «beherzt zugesprungen», d. h. etwas rascher als die andern und das Kind noch eben erwischt. Rad auf ein Haar mir über den Fuß. Das Wurm brüllt, faßt mich vertrauensvoll an der Hand und galoppiert neben mir, bis eine Frau es in Empfang nimmt. Große Sensation über die edle Tat. Mir zu meinem Ärger die Kniee geschlottert, daß ich kaum stehen konnte. Rette mich mit Bubi auf das Karussell und sechzig Mal gefahren. Dann in die Stadt hinauf. Sechs Gassenbuben hinter uns. Unsere Räder von allen Leuten angefaßt. Statt mich zu ärgern, probier ich's diesmal mit Liebenswürdigkeit und laß sie mitlaufen, was entschieden eine bessere Methode war. Zum Schluß die ganze Bande Karussell fahren gelassen, und die Kerle waren sehr vergnügt. Dann allgemein gefeiert und bewundert abgefahren.

Abends in Konstanz. Nach gutem altem Brauch im «Schlüssel» übernachtet. Morgens nach Bregenz, Rolf getroffen, drei Tage geblieben. Wütendes Telegramm von Onsky: «Fahre Montag nach Posen». — Einen Nachmittag über den See nach Meersburg und Friedrichshafen. Mußte immer an den armen Müller denken und hätte so gern etwas über ihn erfahren. Am andern Tag mit der Arlbergbahn gefahren und über den Flechsenpaß gegangen. Wundervolle Blumen, alles so schön und glühende Hitze. Maus tapfer mitgetrappelt. Den Heimwegzug verfehlt, noch ein paar Stunden gelaufen, dann in irgendeinem Nest bis elf gewartet. Um drei Uhr nachts nach Bregenz zurück. Am andern Tag mittags nach München. Willy und Maja an der Bahn. Ludwig schon angekommen und wieder entschwunden. Mich sehr darüber geärgert, daß er solch einen Empfang gehabt hat. — Sonst das Heimkommen so schön, der gute Orlonsky hat mein Schlafzimmer in einen Feenpalast verwandelt, alles weiß und gold, große weiße Vorhänge, vor dem Bett wundervolle chinesische Pantoffeln. Aber er selbst nicht da. Maja und Lisa, spät O. Sitzen den ganzen Abend vergnügt zusammen, bis spät Ludwig kommt. Wir beide noch bis zwei auf. Der arme Kerl, so elend und so gut.

Nächsten Tag mit Ludwig. Reist sehr elend wieder ab. S'ist schön, jetzt in München zu sein, es kommt mir immer vor wie die richtige Sommerstadt. Einige Tage später Rolf. Acht Tage geblieben und ungeheure Sauferei. Anfangs nichts mitgetan. Keine Lust und Augenentzündung, dann doch hinein. Barabende erst mit Petrichs und Henry, dann Kaulbachstraße. Großer Spektakel, prügeln zu drei'n den Henry. Am Hauptabend ich mit Rolf, Lisl und Martha. Auf dem Heimweg ich den Wagen gefahren. Lisl wie eine Tigerin in der Küche auf und ab, schreit: Henry, Henry, ich will den Henry haben. Dann mit mir Ringkampf. O. erscheint plötzlich wütend, begießt uns mit großen Wasserkübeln. Martha und ich in namenloser Wut mit Kübeln hinunter und ihn begossen. Schreien uns furchtbar an, die andern wieder hinauf, Onsky mich an der Kehle gepackt, dann ab in sein Zimmer. Ich hinauf, er tut mir dann wieder leid, und ich hole ihn zum Tee. Am nächsten Tag Kommissar, warnt wegen argem Spektakel und jungen Mädchen. Abends Magdalenenorgie. Um zwölf Uhr zehn leere Fiaker vor und wieder abgefahren. Wir alle an den Fenstern. O. im steifen Hut zur Abfahrt gepfiffen. Nächsten Tag ein andrer Polizist: «Ich glaube, wir kennen uns schon, Frau Gräfin.»

Jetzt wieder alles still — mir geht dieser ganze «Betrieb» eigentlich gegen den Geschmack, langweilig, etwas krampfhaft, nichts geht aus Lust hervor, sondern bringt sich mühsam hinein. Ich habe genug davon.

Vom letzten Abend einen Grusel behalten, nahm Willy mitleidig und gerührt in die Arme. — Viel später liege ich im Bett noch bei Licht, denke, Onskys Schritte sind's — und Willy im Chinesengewand schleicht an mein Bett. Rührte mich entsetzlich, aber was tun als ihn möglichst liebenswürdig weiterschicken. Am nächsten Abend dann noch sentimentale Aussprache. Ich war auch wirklich gerührt, wer weiß, was aus dieser Rührung für Unheil hätte entstehen können. Gott sei Dank ist es nicht entstanden. Willy fällt mir jetzt doppelt auf die Nerven, komisch mit dem Menschen, seine Seele ist manchmal nicht unsympatisch, aber dann wieder kann man ihn direkt nicht ertragen. Zudem empört mich seine Knauserei — könnte er mich nicht in Seide wickeln und mir ein Pferd schenken? Und dann abwarten, ob ich geneigt werde? Das würde mir wenigstens imponieren. —

Stilles Leben in dem grünen Häuschen mit dem guten verträglichen Onsky und den vielen netten Mädeln, die oft kommen. Radle manchmal früh mit Maus. Tagsüber mit Martha genäht — immer hab' ich wieder etwas fortzuräumen anstatt zu malen und immer wegen Geld. Verdammter Willy. Dazwischen Übersetzung um elende hundert Mark mit rasender Geschwindigkeit gemacht. Einen Tag zur Anita Augsburg nach Irschenhausen. Herbert. Merke jetzt erst wieder, wie nah er mir steht oder ich ihm, und wie er mir hier fehlt.

Ach, die schöne alte Zeit, wo ich mein Asyl bei ihm hatte vor aller Nervenraserei. Abends zusammen in der Bar. Wollte am nächsten Tag aufs Land, er kam aber nicht, erst abends um halb elf sein Rad geholt — wir saßen eine halbe Stunde in der Küche. — Bei Herbert macht mir's nichts aus. Er soll nur kommen und gehen, wie's gerade trifft. —

Hab' eigentlich gar keine Lust, fortzufahren. Da war auch noch Dr. Zimmermann aus Lübeck, mit dem ich einen Abend zusammensaß und der mir die schönsten Sachen über mein liebes Ich sagte: daß er es nicht erwartet hätte, mich so wiederzufinden etc. «Sie sind doch ein tolles Geniekind» — ach Gott, ich bin ein ziemlich abgeklapptes — — — mich weiblichen Siegfried genannt und was weiß ich noch. Aber er war sehr nett und ich beinah etwas verliebt wie dazumal im Seminar.

Endlich naht die verdammte Näherei sich dem Ende. Schon am Packen. Und wie immer gräßlich schwer fortzufahren.

Marchlewski mit Gericht gedroht, bis er 200 Mark herausgibt — aber im Handumdrehen ist's wieder zum Teufel. Da ist nichts zu wollen, der Stein ist zu heiß. Treffe Schnotzing auf der Straße und denke daran, ob's nicht doch am besten wäre. — Wenn meine Seele los und ledig wäre, auf der Stelle ohne Besinnen. Ich hab' viel zugelernt seit damals, wo ich noch manchmal Ideale in der Beziehung hatte. Hätt' er mir gleich damals gründlich herausgeholfen, so wär's auch gegangen. Jetzt bin ich nicht mehr in Not, aber ich habe tausendmal mehr Wünsche. Er hat's damals richtig erfaßt, daß ich ein Faß ohne Boden bin — und war zu vorsichtig. In letzter Zeit das Buch der Verlorenen gelesen, wie vieles davon ähnlich.

Bregenz, August [1905]

Ich hätte am See in einer Fischerhütte sitzen sollen und malen. Im Hotel ist's viel bequemer und besser und hat auch viel Reiz, aber zum Malen alles so umständlich. Und wieder matt und müde und schwindsüchtig. Das schauderhafte Schnarren in der Brust und manchmal halbe Erstickungsanfälle. Zahnweh, Magen und Kopf. Herr, es ist genug.

Am Nachmittag abgefahren. Orlonsky war mit an der Bahn, wehmütig. — Wozu fahr' ich weg? Zwei scheußliche alte Juden, die sich umarmen. Unterwegs Kitschroman gelesen, um nicht sentimental zu werden. In Lindau der große Rolf an der Bahn, mit Wagen im strömenden Regen hin. Spät noch alles herausgetrommelt um Fütterung.

Am Samstag Abend im Regen zum Werk hinaus. Die unheimlichen Riesenmaschinen. Nachher im Zollhaus. Montag auf dem Wasser herumgetrieben. Abends lange in Rolfs Zimmer geschwätzt.

Dienstag kommt Martha an. — Die Tage so herumgebummelt, an Wasser und Land, abends meist Laufen und spät zu Bett.

In Schaffhausen, spät zum Rheinfall. Mondnacht. Zimmer zu eng mit Bubi, also zu Rolf übergesiedelt. Komisch, daß niemals Fluidum zwischen uns beiden (in der Sollner Zeit ein wenig und früher einmal).

Morgens noch einmal Rheinfall, mit Boot zum Felsen. Maus Angst, jämmerlich «Mamai» geschrien.

Schrecken und Entsetzen — Onkel Kêf. Glücklich nach einem Tag wieder abgewimmelt.

Dann Zürich, alle in ein Zimmer gesteckt. Abends Weinstube, Martha fröhlichen Schwips, ich nervös. Früh mit Maus durch die Stadt, dann mit den andern. Nachmittags Museum, abends nach Basel.

Endlich finden sich die beiden, nur scheint mir, sie werden nervös auf mich. Hätte mich mit Vergnügen eliminiert, aber wie? Früh wieder mit der Maus schönen Gang am Rhein, dann mit den anderen Kirche. Nachmittags Museum, die Böcklins. Abends in Laufenburg, entzückendes altes Nest und Hotel alt und gemütlich. Gott sei Dank, wieder geräumiges Zimmer mit Maus. Hab' schändliche Nerven auf unsere Vielheit, besonders, weil Maus ungezogen und unruhig — andere amüsieren sich, und ich soll Ordnung halten. Früh auf, dann gelaufen und Skizzen gemacht. Rest des Tages zurückgefahren. Die beiden wünschen mich zum Teufel, hab' ein unangenehmes Gefühl dabei. Werde mich von jetzt ab drücken.

Kann mich des Gedankens nicht ganz erwehren: «Was soll ich hier?»

Bin «überflüssig wie ein Kropf» und kann anderswo besser arbeiten.

Sonntag, 27. August [1905]

Früh mit Maus auf dem Pfänder, erst schwül, dann aber eisiger dichter Nebel und Regen. Abwärts im Trab über Stock und Stein gelaufen. Ganz frisch zurückgekommen und ersten Brief von O. vorgefunden, dreihundert Mark von Marchlewski. Ich war ganz beseligt und froh. Rolf und Martha den ganzen Tag in Lindau. Mittagsruhe, dann mit Bubi im Zirkus. Abends mich gedrückt und an O. geschrieben. Montag wieder die beiden wegen der Yacht fort.

Donnerstag, 31. August [1905]

Ganz ehrlich fühl' ich mich etwas zurückgesetzt, hatte so schöne Ideen, Rolf hier aufzuheitern, mit ihm Berge zu steigen etc. Und nun ist es ganz überflüssig, daß ich herkam. Mit den Unternehmungen ist's auch nichts, aber dafür hab' ich eben schöne Maus-Zeit.

Vorgestern die beiden zusammen im Sturm gesegelt, beinahe wär's schief gegangen. Mich nachher blödsinnig erschrocken, aber Lust bekommen, auch mitzusegeln. —

Kinderei — eigentlich ist es sehr stumpfsinnig, im Boot zu sitzen, wenn man nichts damit zu tun hat. Trau' der Sache auch nicht recht, ob Rolf wirklich so arg sicher ist, und ich hab' das Bübchen. Ist auch keine Lebensfrage.

Wieder ein Onskybrief, möchte dort sein und mitreiten. Alles möchte ich immer —

Mit Maus im Affentheater. Große Wonne über «die guten Tiere».

Vorbereitungen zum Mausgeburtstag.

Rolf und Martha nachmittags zusammen nach München. —

1. September [1905]

Mausgeburtstag. Große Torte mit Rolf 1897–1905 und Lichtern, Tiere, Bilderbücher, Futtersachen. Sehr glücklich, das Kleine und ich auch. Vormittags nach Lindau geradelt. Am Bahndamm will man gerade die Barriere herunterlassen, rufe Bubi zu: «Schneller fahren» — da ich schon durch die erste bin — er fährt natürlich ganz langsam, und Eisenbahn kommt heran. Rufe: «Ab,» er steigt aber nicht ab — packe ihn am Arm, daß er hinfliegt, welcher Vorfall eine kleine Mißstimmung hervorruft, aber bald wieder vergessen. Ich nach Tisch geschlafen, Bubi mit Automobil und Pikkolo im Speisesaal. Dann drei Stunden im Boot, um seine Boote schwimmen zu lassen, will aber alles nicht recht gehn. Abends im Zimmer ihm Ali Baba und die vierzig Räuber erzählt, dann Turnübungen. Muß mich wieder einmal dran machen, bin im letzten Jahr ganz eingerostet, und es ist mir notwendig. Ganz schwindsüchtig, schwitze bei der kleinsten Bewegung. Nach dem Rudern blödsinniger Husten und Heiserkeit.

Merke bei alledem, daß ich im letzten Jahr viel Kräfte verloren. Das stimmt mich nachdenklich. Krieg' ich sie wieder?

2. September [1905]

Etwas skizziert; Freude darüber. Gott, wie man sich gegen den Ruin auf der ganzen Linie bäumt. Und doch jeden Tag das Gefühl: «Könntest du nur so liegen bleiben.» Das ist der Herbst. Im Sommer war ich frischer.

3. September [1905]

Geträumt, daß ich nach Hause zurückgekehrt wäre. Erst ein namenloses Wonnegefühl, mein Husum, Schloß und Garten, wie immer in solchen Träumen alles in einer Art überirdischer Beleuchtung, die etwas besonders Beseligendes hat.

Dann wurde es umgeworfen, die Leute — unfreundlich — sagten mir, ich wäre schon neununddreißig Jahre und sehr alt geworden. Irgendeine sonderbare orientalische Szenerie, man sah durch runde Bogen auf Wasser, in dem Blumen schwammen. Ich plötzlich wahnsinniges Heimweh nach München, stelle es mir in Gedanken vor, alles so sonnig und bekannt und sage mir, in München bin ich wieder viel jünger. Entschließe mich, fortzufahren. Bin dann plötzlich in München, aber ohne Bubi. Den mußte ich da lassen und überlege nun immer, wie ich ihn jetzt wiederbekommen soll. —

In den Zirkus, komisch, ich habe doch jedesmal das Gefühl, das wäre eigentlich mein Beruf und mein Leben gewesen und zwar so stark, daß ich ganz von der Überzeugung durchdrungen bin. Ich hatte auch Talent gehabt, bis Gottes Hand mich traf.

Drei Bregenzer Lebemänner mir nachgestiegen bis vors Hotel.

4. September [1905]

Vormittags Zirkusprobe und Zirkuswehmut. Nachmittags nach Lindau, um ein Paket von O. zu holen — Honig. Froh, daß ich nicht per Rad war und den Gummimantel um hatte. Nachher mit Bubi zweirudrig Boot gefahren, er macht es ganz geschickt, und ich freue mich über mein Junges.

Abends im Bett in Ellen Olestjerne gelesen. Axel Juncker schrieb, daß er es nehmen will.

5. September [1905]

Nach Markdorf gefahren. Konnte es doch nicht lassen, mich noch einmal in diesen wehen Punkt hineinzutauchen. Im Wirtshaus nach Rudi gefragt, wußten alle von ihm — er ist in Bruchsal. Dann in dem wundervollen sommerlichen Wetter durch den Ort und hinauf zur Anstalt. Dachte an den Wintermorgen, wo ich da mit vielen Sorgen hinaufging und wie er nachher mit einer Flasche Wein an die Post gestürzt kam. Das schöne alte Haus lag so still, als ob man's in Frieden stehn gelassen hätte, die Jalousien nur zum Teil herunter, der Garten im Nebengebäude ganz verwachsen in Grün. Mir war entsetzlich zumut — da hat man ihn also herausgeschleppt, den lebenslustigsten und leichtherzigsten Menschen, den es überhaupt gab, den Kavalier und eleganten Salonschurken und zu Sträflingen, ruppigen gesteckt. Armer, armer Rudi, grad der wundervolle Leichtsinn soll durchaus kaputt gemacht werden, so oder so. Könnt' ich doch nur einmal zu ihm hin, ihm Sekt bringen und ihn für eine Stunde froh machen. Nachher an einem Abhang unter Obstbäumen gelegen und immer an ihn gedacht. Dann zum Bahnhof. Hier ist er überall gegangen, jahrelang, all diese Menschen sind ihm begegnet. Wie mag ihm nur jetzt sein, verzweifelt oder lustig geblieben? Ob er es merkt, daß heute jemand da war und so intensiv an ihn gedacht hat? —

Ob er überhaupt jemals noch an mich denkt? Ich muß ihn doch einmal besuchen. Armer Rudi, vielleicht würde es ihn freuen, daß ich ihn nicht vergessen hab'. —

6. September [1905]

Geträumt, daß ich mich mit zwei Zollbeamten verabredet hatte und halb einen Moralischen kriegte, weil es solch eine subalterne Geschichte, dachte aber, sie sind doch auch ganz nett.

Vormittags mit Rad nach Romanshorn, Lulu Linnekogels Schwestern besucht, die sehr nett. Und eine Gegend, Herrgott, da könnte man malen! Schad', daß ich's nicht früher entdeckt. Abends in strömendem Regen zurück, zum Auswinden naß.

7. September [1905]

Nach Tisch die Räder geputzt, die in wahnsinnigem Zustand. Dann Gebhardsberg, aber zuwidre Leute. Schöner stiller Rückweg, Kühe auf den Weiden. Maus entzückt: «Sieh nur die friedlichen Kühe!» — Weiß Gott, mir sind sie auch lieber als die Menschen. Wahnsinniges Heimweh, zapplig auf Rückfahrt und Schäftlarn. Hab' die Reiserei satt. Alsbach, Schwarzwald war noch das beste, aber dies hier etwas verfehlt. Schadet schließlich nichts. Heute abend schon Koffer gepackt. Maus hüpft mit all seinen Tieren ins Bett, die Gummitiere quieksen laut dabei. Bei gutem Wetter will ich morgen nach Romanshorn und malen, aber natürlich wird Rolf dann gerade zurückkommen, und ich muß noch bleiben. Möchte ihn ja auch gern noch ein bissel in Ruhe sehn.

9. September [1905]

Nach Romanshorn. Mit Sack und Pack. Natürlich wird's Wetter sofort trüb und mit dem Malen ist's nichts. Großer Zwist mit Maus, die mich dann heulend ihrer Liebe versichert. Beide furchtbar gerührt, wollen uns nie mehr zanken. Abends mit der Luluschwester gesessen, erzählt mir ihre Krankheitsgeschichte. Kriege plötzlich solches Gruseln, fürchte mich so vor ihr, daß ich einen Augenblick meinte, ich würde verrückt.

Sonntag, 10. September [1905]

In den Bregenzer Wald gefahren. Leider Gottes unterwegs faden Kerl aufgesammelt, der uns nicht mehr verließ. Zu Fuß über Bödeln nach Dornbirn.

Montag, 11. September [1905]

In den Bregenzer Wald nach Bezau, Andelsbach etc. Zu Bubis Entzücken in den Tunnel hinein und dem Bohrer zugeschaut.

Todmüde zurück und immer noch kein Rolf. Weiß nicht, was für eine blödsinnige Unruhe in mir steckt und mich durchaus von hier wegtreibt: Möchte sie bezwingen und wenigstens noch ein paar Tage auf Rolf warten, aber es zerreißt mich förmlich, nach München zu fahren.

München, 12. September [1905]

So und jetzt bin ich richtig schon wieder da. Eben sind Rolf und Martha fort, und ich hab' mich ins Atelier gerettet, um Willy nicht in die Hände zu fallen. Heute früh waren Wolken am Himmel, da konnte ich's absolut nicht mehr, im Galopp gepackt. B. um 50 M. angepumpt und dann in rasender Ungeduld davon. Rolf in München am Bahnhof, hatte auch heute fahren wollen. Jetzt tut's mir natürlich leid, daß ich nicht noch etwas gewartet. Ach, ich bin ein Schaf.

16. September [1905]

All die Tage viel Gebrause und Räumen. Überall große Wüstenei, greulich. Sehe Willy wenig und hasse ihn. Hat doch der freche Bengel der Kathi meinen Schlüssel abverlangt und fremde Weiber in mein Zimmer gesteckt. Fresse aber meine Wut in mich hinein und sage nichts. Müßte sonst zu sehr explodieren. Es ist eine unglaubliche Unverschämtheit.

Vormittags bei dem armen Hofmann, der im Dunklen sitzt. —

19. September [1905]

Lisa, Petrichs und ich gestern abend mit Rolfs, aber jedesmal fades, dumpfes Gefühl, denke, ich säße lieber daheim bei meiner Maus.

Geträumt, ich hätte Buben, blond und in blauen Matrosenanzügen.

Morgens beim Doktor. Ohrengeschichte, immer was Neues. Vielleicht hängt das Kopfweh damit zusammen, hab' auch Fieber. Sakrament.

Rolf mir gestern mein Geld zurückgegeben, abzüglich der 50 M. für B. Hatte eigentlich auf eine Vergrößerung gehofft, weil er einmal sagte, er wolle meine Schulden zahlen. O weh, das jetzige ist schon alles disponiert und der Rest Grausen. Mir überlegt, daß ich meine Finanzen unbedingt aufbessern muß und zu Schnotzing geradelt, die alte Freundschaft aufzufrischen. — Prosit, wieder verreist, und es ist so selten, daß ich genug Initiative zu dem blöden Kerl hab'. Schicksal, was willst du von mir? Ewige Misere? Oder hast du irgendeinen tröstlichen Hauptcoup in petto? Nun ist's nichts mit dem grauen Sammetmantel und Jackett etc. pp. Vorerst muß der Bubi einmal ordentlich ausgestattet werden.

29. September 1905

Ich spinne ganz entsetzlich, o Gott, o Gott. Die Zeit geht mir seit ein paar Jahren unter den Händen weg und ich kann nicht zugreifen. Seit dem Roman — zwei Jahre nichts getan, einmal angefangen und wieder angefangen, aber im ganzen — nichts. Wie ein zäher Teig, mit dem man herumarbeitet und bringt ihn nicht zusammen. Was habe ich für Zeit verloren, und es hilft nichts, ich muß doch noch malen. Ich muß noch tausend Sachen tun und komme zu nichts. Immer sind es andere Dinge, die mich abbringen, mir die Zeit fressen. Ewige Unruhe, ewiges hin und her. Wo ist meine schöne eiserne Energie geblieben? Eigentlich weiß ich's ja ganz genau: ich bin immer und immer krank, einmal hier und einmal da. Vor zwei Jahren Dietlindenstraße, alles wundervoll. Nun konnte ich anfangen — da Stomatitis, die mich für den ganzen Sommer ruiniert. Solln, Winkl, müde, elend. Winter Operation. Frühling und Sommer, Baby und Italien. Winter Bronchitis. Wieviele Itisse haben schon an meinem Leben gefressen. Das Gemeine dabei ist, daß ich im Grund solche Kerngesundheit habe. Und kann sie nie genießen, weil dann wieder irgendein Itis kommt. Jetzt wieder ein Katarrh, daß man vor Husten platzt, Schmerzen, Fieber, Kehlkopf entzündet, kurz die ganze Janitscharenmusik. Teufel, Teufel. Es ist geradezu und immer mehr so, als ob sich etwas mit aller Macht gegen alles stemmt, was ich will, von jeher. Und ich möchte Ruhe, Sonne, Arbeit, meine Arbeit! Ich war wohl auch all die letzten Jahre entsetzlich matt und müde — die innere Müdigkeit vergeht mehr und mehr, ich habe mich ausgeruht. Aber dann kommen die wahnsinnigen Bagatellen, eine Übersetzung, die Zeit Bregenz — Luft, die ich nicht vertrage. Ich möchte mich totfluchen über den Kram. Denke über mich nach, viel, sehr viel. Bin ich denn überhaupt noch? Ich glaube, die letzten Jahre war ich's nicht. Und im Grunde doch ein wahnsinniges Zutraun zu mir selbst, daß ich noch alles zwingen werde, was für Ungetüme hab' ich nicht schon bezwungen. Ein rasendes Gefühl von Heimweh, und weiß nicht wonach. Hallwig — ein Mensch. Mußte dran denken, wie ich mir damals oft gedacht habe: wieder ohne ihn leben — unmöglich, und nun leb' ich doch schon Jahre ohne ihn, aber eigentlich kann ich's nicht. Ich warte immer noch, daß er wiederkommt. Für meine «Seele» war er die einzige Heimat, die sie jemals gefunden hat. Hat er mich gebrochen? Ich kann nicht brechen — das ist eben das Schlimme. Ich zerbreche nie, bin der prädestinierte Phönix. Aber es ist Zeit, es ist Zeit, ich bin schon verdammt alt. Äußerlich ja Gott sei Dank noch nicht, aber innen spür' ich's manchmal doch. Ich sehe anders, fühle anders. Ach, es ist alles verrückt. Denn andrerseits bin ich noch so greulich jung, will noch so viel, wünsche, begehre fortwährend. Und gerade diese Melancholien sind manchmal wie die meiner ersten Jugend. Es ist wie mit dem Brechen — ich kann auch nicht alt werden, es geht einfach nicht. — Summa, ich könnte alles, wenn ich nicht immerfort körperlich zu leiden hätte. Ach, ich winde mich innerlich — und bin auch wieder rasend glücklich. Wenn ich nur den Bubi anschau' im Bett abends und frühmorgens. Oder denke, daß ich noch Zeit und alles vor mir habe.

Ich muß und muß und muß mich zusammenraffen aus all dem Gedusel und Herumhocken und Herumlieben, und was weiß noch alles. Ich möchte ja, daß ich was zusammenbringe, weiß es seit zwanzig Jahren. Und wenn alles sich dagegen gestemmt hat und versucht, es mir auszuprügeln, jetzt erst recht. Mir war, als ob ich mich auch einmal wieder selbst erfühlt. Wie Hexerei, denn das Gefühl hab' ich ewig lange nicht gehabt. Nur manchmal ein Vorahnen. Nein, die Götter können es nicht wollen, daß ich doch am Wege liegen bleibe. Manchmal hab' ich's schon gemeint, ich bleib' nun liegen. Aber ich will nicht und will nicht. Ich stehe wieder auf, wenn der liebe Gott mich tausendmal in die Kniekehlen schlägt. —

Dann gleich mit Wut zu malen angefangen. Abends bei Licht und nach langer Zeit froh zu Bett. Es liegt nur da, nur da. Wenn ich male, bin ich froh, und das Leben ist gut. Mein Gott, ich darf mich nicht jetzt noch mit dem Leben zerkriegen aus bloßer Mattigkeit. —

30. September [1905]

Na, endlich ein guter Tag. Komisch, ich bin schon so oft abgeklappt und habe doch, wenn ich wieder anfange, immer das bombenfeste Zutraun. Diesmal wird's. Dabei ist auch zu meinen Gunsten zu erinnern, durch was für Wirrwarr ich mich bis jetzt durchgearbeitet habe, um wenigstens soweit zu kommen.

Sonntag, 1. Oktober [1905]

Früh Bubi gemalt, mir scheint mit Glück angefangen. Nachmittags Interieur in meinem Schlafzimmer, das bodenlos schwer und eigentlich ganz sinnlos ist. Die weißen Vorhänge am blauen Bette mit angezündeter roter Lampe. Aber mit solcher Wollust — dann begreife ich wieder nicht, wie ich sonst so herumdösen kann, ohne etwas zu tun. Möchte mich in die Arbeit ganz hineinwälzen.

Nachmittags Lisa, mit Bubi am Boden Domino gespielt, wir sprechen über Rolf und ich ärgere mich noch einmal gründlich über Bregenz. Verfehlte Zeit, die ich so gut hätte brauchen können. Hätte ich Schaf ruhig hier gesessen und gearbeitet, wie gut wäre mir gewesen. Aber wenigstens hat's mir die Erfahrung eingebracht, so etwas nicht wieder zu tun. Und das Ärgern hab' ich eigentlich aus meinem Programm gestrichen, ebenso das Verwundern über meine Mitmenschen. Daß Rolf und Martha unliebenswürdig von mir gesprochen und sich jetzt sichtlich abwenden — — im ersten Moment erstaunt es mich etwas, dann ist es mir ganz wurscht. Fühl' mich nur in diesem Fall absolut mißverstanden, aber vielleicht war ich eben sehr mißverständlich. Ach, all der Kram ist ja so gleichgültig, ich habe im letzten Jahr mit so viel Menschlichein aufgeräumt. Lisa wenigstens ist ein klarer, ehrlicher Kerl.

5. Oktober [1905]

Gemalt und gemalt, alle verfügbare Zeit und ein ganz neues Gefühl von Energie, was mir lange abging. Es scheint wirklich wiederzukommen, trotzdem mir körperlich ziemlich miserabel ist — Husten — Hals- — Rücken- — Brustweh etc. Morgens bin ich wie tot, liege von acht bis acht im Bett und schlafe wie ein Stein. — Der liebe Gott sieht, daß ich mich nicht an ihn kehre, und dafür rächt er sich. Ich wollte nach Schäftlarn, er läßt schlechtes Wetter kommen. Und ich hab' nicht genug Geld.

Die Damen aus Schlesien nachts um ein Uhr von der Leopoldstraße über Gitter und Bauplätze in unser Haus geführt, konnten sich nicht beruhigen, und wir lachten wie die Wahnsinnigen.

Nächsten Tag verjammert, Vormittag verduselt, ich ärgere mich, daß ich nicht gemalt. Nach Tisch aufs Bett gelegt. Maus liest mir aus seinem Struwelpeter vor, ich schlafe zwischendurch und höre wie im Traum die süße Kinderstimme. Dann plötzlich mich wild emporgerafft und gemalt. Seit ich wieder dran bin, habe ich keine Nerven mehr, fühle mich jung, quäle mich nicht mehr mit Gedanken, es muß also durch sein. Zweimal von spitzen Schuhen mit hohen Absätzen geträumt — heute nacht, daß ich mit mir selbst ins Restaurant ging und nicht wußte, wie ich mich andern gegenüber bezeichnen sollte. Dachte ganz verwirrt: «Soll ich sagen meine Frau oder er?»

6. Oktober [1905]

Vormittags endlos im Rathaus wegen Bubis Religion. Hoffnung, daß man's durchdrückt. Nach Tisch am Schlafzimmerinterieur gemalt, dann neues, Skizze gemacht. Alles nichts Rechtes geworden, aber dies wundervolle Gefühl, wieder zu malen, bin ganz dabei. Mein Gott, hab' ich all die Jahre geschlafen. Mir ist jetzt so, als ob ich eben wieder aufwachte — und wieder die kleine Komtesse mit dem eisernen Willen wäre. Könnte man nur noch zwanzig Jahre jung sein. Das Leben geht so unerhört vorbei. Man wird verrückt, wenn man darüber nachdenkt.

Nun, wo alles im besten Zug ist, scheint mir, daß wirklich meine Lunge oder der Hals wenigstens etwas bedroht ist. Bei bloßer Erkältung hat man doch nicht überall Schmerzen und Hitze. Na, lassen wir's erst mal auf sich beruhen. Es wäre der infamste Streich des lieben Gottes, und er dürfte seine Rache an mir doch schon gekühlt haben. —

Samstag, 14. Oktober [1905]

Mit Orlonsky und Braunsfeld Dult. Bubi bei Petrichs. Winterberg mit Regen und Schnee. Zurück. Lisa Zahnschmerzen, im Atelier auf den Kissen. Ich habe doch wieder mal einen Menschen gern.

Montag, 16. Oktober [1905]

Holosy Schule. Auch Abendakt. Seit zehn Jahren zum erstenmal. Na, direkt in weihevoller Stimmung. —

Ohrenarzt — einen Tag lang deprimiert, stellt mir in Aussicht, daß ich allmählich taub werde. Gehörnerven erkrankt, gehe herum und male mir aus, daß ich Bubi nicht mehr hören kann. —

Wieder Hals und die Ohren sehr schlecht. Morgens höre ich mit großer Mühe, beim Radeln Schmerzen — na, wie Gott will.

Herrgott, ich habe nie mehr einen Moment Zeit. In den «Freistunden» Bubi unterrichten, spazierengehn und mit ihm schwätzen, schiebe ihn nachmittags zu Petrichs und hole ihn um sieben ab. Fall dann schon beinah um. Aber es ist so schön.

Schlecht gemalt, langweiliges Modell und schlechtes Atelier, aber doch meine Malerei. Das Majakind auch in der Schule. Traum vom «Erlösungspeter». Abends bei Lulu mit Gulbransson, bringt mich heim, bindet die Skis, bewundert das Haus und gefällt mir.

Überhaupt, hab' das Gefühl, daß ein «Quartal» heranrückt. O mein Gott, wie oft haben mich die Quartale verschlungen.

Hofmann mit Lechter. Gué Sonntag nachmittags nach Schleißheim, Dienstag nachmittag bei Hofmann. L. mich wieder etwas über die Malerei aufgerührt. Ach, das tut wohl — was deprimiert, ist, daß Maja mehr Talent im kleinen Finger hat als ich in der ganzen Hand. —

Es geht nicht mehr — a domani. — Abends kaum eingeschlafen, klopft es an der Tür des Ateliers, Männerstimmen. Kann nicht recht hören, steh auf frage, wer da ist — dachte G. und war ganz benommen von dem Abenteuer. — Onsky in solch einem sonderbaren Gewirr und Stimmungen, daß ganz umnebelt. Und diese sonderbare Fremdheit, die ich manchmal habe, wenn ich jemand Geliebtes lange nicht gesehn. Aber eine schöne weihnachtliche Stimmung, ich nur ganz still und benommen und er ganz anders.

Wieder all mein Liebes um mich. Eine schmerzliche Angst, daß er enttäuscht von meinem Empfang. Kann niemand leiden sehn — und glaube doch, es ist anders geworden. In mir ist wieder einmal der universelle Lebenssturm mit dem Untergrund von verstärkter Daseinsberechtigung und der Qual, daß wir uns zu sehr lieben, was bei mir immer ein Unglück ist — für mich und den andern. — Und er fühlt alles. —

Der Morgen schön und frisch, Maja, allgemeine Onskyfreude. Mir wurden die Ohrenschmerzen qualvoll, ich gehe zur Schule, plage mich mit dem Akt und meiner Ohnmacht, bin aber gleich wieder ruhig von allem Toben in mir.

Da sitzt O. in der Küche, und ich gehe den ersten Abend gleich von ihm fort zu der dummen Vorlesung und weiß alles, was geschehen wird. — Und bin unglaublich ausgelassen wie ein Pferd, das im Stall gestanden. —

Cruel énigme — das Zeichen, unter dem mein ganzes Leben steht. — Warum gerade jetzt? — Wenn ich das eine halten möchte, braust tausend anderes über mich her, und ich wirble mit. — Was ist jetzt mit mir los? — als ob ich zwanzig Jahre wäre. Und es war lange nicht so. Wenn ich liebe, ist es immer ein Unglück für alle beide, immer, immer, unweigerlich. —

Ich liebe einen und begehre sechs andere, einen nach dem andern. Mich reizt nur gerade der Wechsel und der «fremde Herr».

Geh lachend mit ihm hinaus und fühle mich so strahlend und siegend unter all den andern Menschen. Und nicht deswegen, weil es mich reizt, sondern weil irgend etwas sich in mir begibt. Mich hat der liebe Gott aus allen Widersprüchen geschaffen, die er übrig hatte, das ist sicher. Fühle mich als ganz ich selbst, wenn alles durcheinandergeht, Wehmut, Sehnsucht, tiefe Liebe und frivole Oberflächlichkeiten. — —

Früh zur Kirche und den Austritt erklärt. Das war auch wieder verrückt, als der Pfaff mir mit tragischer Gebärde das Papier reicht — und ich, innerlich sentimental, denke an meine Jugend. Aber das flog vorbei wie eine Fledermaus.

Bubi liest meinen Roman und erzählt mir draus, bittet, ich soll ihm einen schenken.

I. I. begegnet. Warum nun auch gerade der «Seltsame?»

Abschied verabredet.

Ach, ich lebe doch wieder, ich lebe wieder einmal ganz intensiv. Das hab' ich so lang nicht gehabt. Dies Gefühl, dem Leben nah zu sein — und doch sind's lauter unwesentliche Dinge. Abends zum Baschl, nachts mit der großen Palette herumgeradelt. Alles freut mich, amüsiert mich, und dabei quält mich unablässig das Gefühl: Wie ist ihm? Fühlt er's? Oder nicht, und versteht er mich? —

Sonntag, 22. Oktober [1905]

Lange geschlafen, Morgenstunde mit O. und herzensfroh. Mit Maus bei wundervollem Wetter im Englischen Garten. Nachmittags Jour mit Lisa und Maja. Hofmann mit Anspielungen, ich gelacht, du lieber Gott, geht das vorüber, oder bin ich wirklich aufgewacht und lebe wieder?

November [1905]

Immer an der Arbeit, denke, ich komme vorwärts. Mag nicht wie sonst viel gehn, sondern lieber herumliegen und dösen außer der Arbeit. Denke morgens im Bett, wie fabelhaft ich malen will und nachher — aber glücklich dabei.

Bubi: «nein, ich mag keinen Papa, das ist für mich ein unbeliebtes Volk.»

Erfahren, daß Willy Ostern fort will und etwas gesponnen — was nun? Denselben Morgen Nachricht von Mamas Tod. Einen Tag doch etwas Heimweh und melancholisch. Nachher mehrmals von ihr geträumt, und da war sie immer so gut und sanft, wie ich sie fast nie gesehn habe.

Für ein paar Jahre vielleicht kann ich jetzt leben und malen, malen. Niemand merkt's mir an, wie rabiat ich jetzt darauf bin.

Das Malen — ich male schauderhaft und meine immer, es müßte wundervoll werden und bin fest überzeugt, daß es doch noch einmal wird.

Dieser unvergleichlich ruhegebende Gedanke, daß ich nun für ein paar Jahre sicher dabeibleiben kann. Als ob Bergeslasten fort wären. Und doch hat's mich nie so sehr bedrückt, ich habe immer geglaubt, es wird so kommen, wie ich will. Es muß aber doch gedrückt haben, sonst wäre mir nicht so traumhaft leicht.

Nun soll ich nach Berlin fahren, um Ludwig zu treffen. Das möcht' ich ja gern, hab' aber sonst gar keine Lust, vor allem mich in der Arbeit zu unterbrechen und ohne Bubi zu fahren. Aber es wäre nichts für ihn, nur eine große Zappelei.

11. Dezember [1905]

Ja, morgen muß ich nun dahin. Hanna hat mir noch ein schwarzes Kleid gegeben, aber das hat etwas so Deprimierendes. Gräßlich, mag mich selbst nicht in Schwarz sehen.

20. Dezember [1905]

Am ersten Tag mit Ludwig im Reichstag. Alles machte mir törichten Spaß, die Bücklinge der Portiers, die Zigaretten angesichts der greisen Parlamentarier und der Freiherr von Rheinbaben. Nur als er von Catty sprach, wurde mir ein wenig schlimm. Wie hübsch, in einem guten Hotel zu wohnen unter einer schönen roten Decke und fortwährend Fiaker zu fahren. Als ich ins Hotel kam, gleich umgezogen — ich fühlte mich viel wohler in meinem Samtkleid. Zu Bruhns, ihre Freude und Nettigkeit rührten mich, wie Ina schrie: «O Gott, Fanny!» und die Alte mich umarmte, als ob man nach Hause käme. Ina konnte sich gar nicht beruhigen, daß ich soviel hübscher geworden wäre.

Am nächsten Morgen Jäger in seinem Bau aufgestöbert. Als ich zurückkam, war Ludwig schon dagewesen. Ganz deprimiert, daß er wieder weggelaufen. Dann lange allein gebummelt und an alte Zeiten gedacht, wo wir wie die Tollen da herumliefen. Und das letztemal mit Walter, als wir abends am Wasser standen und ich auf einmal sagte: «Wirf mich da hinein. Dann hat's ein Ende.» — Was hab' ich in dieser fremden Stadt früher alles erlebt, es war sonderbar, daran zu denken.

Abends holte mich Ludwig zu Limans ab. Unterwegs sprach er davon, daß Ernst mich gebeten hat, ich soll kommen, aber Catty wollte nicht. Beides gab mir einen merkwürdigen Ruck. —

Der Abend bei Limans fad. Nachher Ludwig und ich noch zu Dalbelli. Es war rührend, wie er mich amüsieren wollte, und ich freute mich doch am meisten, mit ihm zusammenzusitzen. Er meint immer, ich müßte irgend etwas extra zum Pläsier haben. Zu Ernst. Ich wurde entsetzlich aufgeregt. —

Ernst — so wahnsinnig verändert — es dauerte eine Zeitlang, bis ich begriff, daß er es wäre, und gerührt wurde ich erst, als ich die alten Husumer Sachen und die Ahnenbilder von Papas Schreibtisch sah. Ein Bild von Mama aus den letzten Jahren. Da konnte ich mich auf einmal wieder an alles erinnern, und mich quälte der Gedanke, daß ich nicht doch noch einmal zu ihr gekommen bin. Ich konnte sie mir wieder denken, und das tat weh.

Abends einen süßen Mäusebrief gekriegt, «Komme bald, liebes Mamai, und sei recht fleißig.» Ach Gott, das Kinderherz. Es war so schön, ihm alle Tage zu schreiben, ein Kind zu haben, an das man schreiben kann.

Den Jäger abgeholt. Komisch, wir kennen uns doch gar nicht und sind wie ein paar alte Freunde. Trafen später Ludwig und saßen dann noch lange allein, erzählte mir von seiner Liebe, seinen Wirren und wir redeten vieles. Samstag mittag mit Ludwig, Jäger und Rheinbaben in großer Heiterkeit diniert. Dann noch einmal zu Ernst. Wollte eigentlich den Abend fort. Ludwig kam noch um halb neun ins Hotel, um mir Adieu zu sagen. Fragte: «Fährst du auch wirklich heute abend?»

Zu Jäger, ein Glas Portwein getrunken. Dann lag ich auf dem Sofa und erklärte, eher würden Himmel und Erde untergehn, als daß ich wieder aufstände. Und er so lieb und fürsorglich, holte meine Sachen aus dem Hotel, ging dann aus, und ich schlief auf dem Sofa in seliger Müdigkeit und begeistert, daß ich nicht fahren brauchte. Um halb drei kam er wieder, brachte mir Futter mit, und wir tranken ein Glas Sekt, weil nichts anderes da war. Ich dann ins Bett, er auf dem Sofa und uns all-mählich in den Schlaf unterhalten. Um acht Uhr früh auf, ich wollte abreisen, aber noch einmal charakterlos dageblieben. Bis ein Uhr mittags weitergeschlafen — er spielte mir vor, während ich noch im Bett lag — allmähliches Aufstehn mit vieler Fröhlichkeit. Ich war so namenlos gut aufgelegt wie bei einem kindischen Streich, er übrigens auch und die Situation so erheiternd. Wie manchmal Kleinigkeiten einen so mit Vergnügen durchtränken können. —

Ich war eigentlich etwas verliebt — aber Eros aus der Ferne, etwas Ähnliches wie seinerzeit mit Herbert. Dann mußte er fort zu seinen Leuten, ich herumgebummelt, um fünf wieder zurück. Noch ein paar schöne gemütliche Stunden — um zehn mußte ich fort. Beinahe wäre ich doch dageblieben, aber ich wollte nicht länger von meinem Bübchen fort sein. —

Vielleicht war es ebenso gut. Oder auch nicht. Ich war in Stimmung, der fremde Mann, der für mich sorgte wie für ein kleines Kind. Wirklich wehmütig, daß die Idylle so kurz war.

Beim Abschied total verliebt und noch lange nachher.

Kam dann in der Früh bei eisiger Kälte in Lissa an. Zu Witschewski. Niemand da, das war unglaublich schmerzlich. Am liebsten wäre ich sofort nach Berlin zurückgefahren und mußte den ganzen Tag dort aushalten, mich mit den Scipio unterhalten. Nur mit den Kindern war es nett. Abends mit dem melancholischen Scipio nach Lissa und in Lissa geschlafen. Nächsten Tag von sechs Uhr früh bis abends durchgefahren und immer noch mit Wehmut hier angekommen. Mein Bübchen guckt, große Seligkeit, es wieder zu haben. Aber sonst war mir etwas fremd und fad, wirklich, als ob ein bissel Herz in Berlin geblieben wäre.

31. Dezember [1905]. Silvesterabend

Ja, mein Kind, dein Herz ist noch entsetzlich jung, danke dem lieben Gott, daß dein Gesicht es auch noch ist und du selbst überhaupt. Warum muß nun dieser Mann wieder eine unglückliche Liebe haben und so arg monogam geartet sein. Aber cela ne fait rien, schön war's doch und so vielleicht um so schöner. Ich möchte wieder einmal hinfahren und einen Tag im Atelier oben liegen, Klavier spielen hören und ihn damit necken, ob er sich nicht ganz verheiratet vorkomme, sein Lachen hören. —

In den Rheinbaben war ich ja auch etwas verliebt, das war nur so ganz unmöglich.

Hallwig hat doch recht gehabt mit den Erlebnissen, die keine wirklichen zu sein brauchen. Tausendmal recht. Für mich ist dies Erlebnis, das keins war, voll schöner und heimlicher Reize gewesen. —

So bin ich wieder daheim in meiner Kaulbachstraße, bin so glücklich, innerlich froh und leicht, als ob das ganze Leben von vorn anfänge. Immer wieder von neuem werde ich jung und froh, wenn es mir nur ein wenig gut geht. Herrgott, und wie ist es mir meistens gegangen! Wenn ich daran denke — wer hat soviel durchgemacht wie ich in großen und tausend kleinen Sachen und ist überhaupt noch fähig froh zu sein?

Weihnachten so schön — Rolf herzlich lieb und kinderselig. Das Kind allein und alles um ihn herum ist unendlicher Sonnenschein. Auch, daß ich nun malen kann, Jahre vor mir habe statt tausend und tausend Hindernisse. Ich danke ja dem Himmel auf den Knieen, daß es noch einmal gekommen ist. Bin ganz voll innerer Glückseligkeit.

Trotzdem — ich bin beim großen Müller gewesen, und er sagte, meine rechte Lunge wäre angegriffen, wenn ich mich nicht schonte, könnte es recht ernst werden. Ich wußte es ja schon lange und war nicht so sehr überrascht. Habe auch keine Angst und finde es ganz stilvoll. Ich kann mich ja jetzt schonen und brauche nicht zu rasen und zu hetzen. Wenn ich vier Jahre malen kann, soll alles gut sein. Nein, das Leben ist gut und wundervoll und immer wieder neu.

1. Januar 1906

Neujahrstag. Helles, klares Winterwetter. Fröhlich herumgeduselt. Onsky nachmittags nach Solln. Ich mit Bubi Weihnachtsbaum fortgeräumt, mich dabei etwas überanstrengt und nachher recht schlecht. Immer wieder solche Dummheiten.

4. Januar [1906]

Nachmittags mit Otto und Bubi aufs Eis bei fabelhafter Beleuchtung, Abendrot und schwarze Bäume, dichter weißer Nebel und Mond.

Ich möchte fortfahren, irgendeine ganz andere Umgebung um mich. Dies Getobe von andern Leuten um mich her, so monoton, so immer dasselbe.

Was soll ich tun? Soll ich fort von München? Vielleicht wär' es gut und gerade das, was ich brauche. Aber auch die andere Seite: es wäre besser, noch ein bis zwei Jahre zu warten, bis ich etwas mehr kann, und es kommt mir vor, als ob ich den letzten Rest und die letzte Möglichkeit von Heimat aufgäbe, vor allem für Rolf. Ob es nicht besser ist, er wäre erst etwas größer?

In die Hallwigbriefe hineingeschaut — dann weiß ich immer, wo mich eigentlich der Schuh drückt. Daß ich doch ohne ihn leben kann, ist mir stärkster Lebensbeweis, aber was hat es mich gekostet, und kostet's mich immer noch.

10. Januar [1906]

Seit Montag in der Jarlewskyschule. Sonntag Rodi. Nachmittags mit ihm bei Büttners zusammen. Wieder einmal so richtig geredet. Erzählte mir von Riccarda, das hatte für mich etwas direkt Ergreifendes, wie ein Ursleukapitel.

Bubi und Otto derweil bei uns die Krönung der Königin Kaninchen gefeiert. Die guten lieben Tiere. Hab' leichtsinnig gelobt, daß ich den Otto drei Wochen nehmen will, nun drückt's mich wieder wie eine arge Unbequemlichkeit. Ach, diese dumme Gefälligkeit, sobald jemand was will, sagt man ja. Sinne hin und her, es wieder rückgängig zu machen, aber kein Vorwand, der anständig wäre.

Drei Nachmittage bei Cecconi, Rechnungen geschrieben, halb blödsinnig.

11. Januar [1906]. Donnerstag

Jarlewsky mich gelobt, daß ich ganz starr war, fand es selber ziemlich schlecht und fühlte mich gräßlich verlegen, da die andern alle herumstanden und mein Werk andächtig betrachteten. Oh, wenn ich doch etwas könnte! Eine kindische Freude darüber gehabt und etwas mehr Mut.

Neulich eine Spiritistenversammlung, zirka fünfzehn Russen in einer Dachstube. — Fürchterlicher Blödsinn. Außer den drei oder vier Agierenden lagen wir auf dem Riesensofa und lachten bis zu Tränen.

Februar [1906]

Schlittschuhlaufen. Schöne, lange Nachmittage beim Tee, vormittags malen, gesund und sehr froh. Alles geht vorwärts, vor allem quält mich die schreckliche Nervosität der letzten Jahre nicht mehr. Oft war ich am Umklappen. Sehe besser und jünger aus, Schultern und Gesicht runder, schließe daraus, daß die Lunge wieder ganz werden wird. Auch die Ohrenplage gibt sich. Die andern haben angefangen zu karnevalen, ich soll nicht, will nicht, hab' aber die ärgste Lust. Manchmal fühl' ich mich überlegen und tugendstolz, wenn sie heimkommen und verjammert aussehn, im letzten Grunde aber wäre ich doch lieber dabei. Tugendstolz ist immer nur frisierter Neid oder böse Lust.

16. Februar [1906]

Gott sei Dank von meinem Sockel heruntergefallen und auf den zweiten Bauernball. C'était plus fort que moi. Meine alte Parole, bei der mir doch immer am wohlsten ist. Konnte doch nicht mehr ordentlich arbeiten, weil die Gedanken mich zupften: «Soll ich, oder soll ich nicht?» —

Ach dies alte Faschingsheimatsgefühl, wenn man den Bauernball gesehn und mitgetan. Und das Bübchen so lieb «ach Mamai, geh doch, amüsier dich!» Die Sollner gingen mit uns hin, Bubi ruft Fädchen an sein Bett: «Fädchen, du mußt Mamai gut amüsieren.» — Streichelt meine Arme, ist verliebt in mich: «Mit der Haube bist du noch verjüngter als sonst.»

Die Zwischentage in der Schule, ein Werdenfelsfest heroisch versäumt, schwindle mir selbst vor, daß ich keine Lust mehr habe. Zwei Tage in Solln, auf dem Rückweg plötzlich bodenlose Lust. Onsky hat andere Leute abzuholen, ärgere mich darüber und will doch nicht. Herrgott, ich glaube, im Grunde will der gute Onsky mich unmerklich hindern, weil er für meine Gesundheit Angst hat. Herum zu Willy, ich immer noch unentschlossen im Kostüm, bewege dann die beiden andern, mitzugehn, stürze mich gleich ins Tanzen und siehe, der Abend wurde wundervoll. Früh nehmen wir Lampert und Blei mit zum Frühstück. Plötzlich erscheint die Maus verschlafen und vergnügt in der Küche mit einem Mäntelchen über dem Nachthemd. Der Gute hat gestern abend arg geweint, als ich doch nicht gehn wollte, hat immer diese rührende Selbstlosigkeit, wenn es um mein Vergnügen geht. Ich glaube, die meisten Kinder quäksen, wenn man fortgeht. Als die andern eben zu Onsky hinüber, der Gerichtsvollzieher, ihn noch im Holländerkostüm empfangen.

Wieder einen Tag in der Schule mit alter Wut gemalt; jetzt feiere ich und genieße sie mächtig, die Frühlingsmorgen mit Bubiherz im Bett, und draußen piepsen die Vögel, wieder Betrachtungen über mein zweites Leben: «Da würden du und ich vielleicht zusammen ein Hofrat.» Wie das wäre, wenn man eben Schreiben und Lesen gelernt hätte und stürbe, ob man's dann in der nächsten Welt noch einmal lernen müßte.

Samstag Römerfest, mit Lampert hin, eigentlich nur, um den alten Hildebrand zu sehen und ihn zu fragen, ob er noch der schönen Maientage von damals gedenkt? Hatte mein schäbiges Griechenhemd mit dem Kranz von 1903 an, fand mich aber sehr schön dabei, die andern auch. Ist das doch immer ein angenehmes Gefühl, denke manchmal, wie soll man leben, wenn das aufhört.

Das Fest von einem horrenden Stumpfsinn, so sehr, daß man sich wieder darüber amüsieren konnte. Die alte Hildebrandin wie ein Drache die ihren bewacht, daß sich keiner getraut, mit mir zu sprechen. Gegen zwei Uhr, als ich schon eine Gesellschaft zum Weggehn zusammenzutrommeln versuchte, erzählte Lisa mir, daß die Alte von ihren Kindern verlangt hätte, heimzugehn, weil ich da wäre. Mordsfreude darüber.

Rücke dann mit Sendt, Haupt, Knudsen, Lampert ab ins Luitpold, machen dort mit unseren Kostümen große Sensation zwischen all den Redoutenleuten. Alles war sehr lustig. Zuletzt Henry. Tags drauf nach Solln. Alles schön schläfrig und verkatert.

Mich in dem dummen Kostüm elend erkältet und kriege Bedenken, halb Lust, halb nicht, noch neue Feste mitzumachen. Frau C. sagt, sie hätte mich immer schwindsüchtig aussehend gefunden. Zur Arbeit keine Lust.

Abends noch zur Näherin und anprobiert. Und dann ging's los. G. mich brav abgeholt und zu zweien mit ganz ernsten Gesprächen zwischen den bal paré-Leuten. Mit stillem Schwips ins Getöse, und es wurde bald laut. Baltentisch, wo es drunter und drüber ging und ich mit. Auf der andern Seite jemand, der mir von Catty spricht. Ich werde nie lustiger, nie, wenn mich etwas sentimental anrührt. Coeurbub, der in allem abgewechselte Zärtlichkeitsclou dieses Karnevals. Nachher Luitpold, der Walzer auf seinen Knieen, wo S. mich herausholt und ernste Worte redet. Danach ein schön blöder Sonntag mit Frühlingswetter. Abends nach Solln zu neuem Fest. Früh um halb acht heim und heroisch an die Hauswirtschaft mit keiner Kathi. Zwei Stunden geschlafen, dann Bubis bal paré. Er hat sich eine Affenmaske und wahnsinnig gelben Stoff dazu gekauft, Martha und ich gestalten ein fabelhaftes Ungeheuer aus ihm mit Roßschwanz. Dann kommen seine einzelnen Freunde und Freundinnen, und sie sind selig. Ich auf Willys Sofa geduselt, erscheine schließlich als Clou, weil ich das «Schafparé» mit Halbmaske und Boa als Schwanz. Die Seligkeit war enorm. Mit Mähgeschrei zu einer Tür heraus und zur andern herein. Das war von mächtiger Wirkung. Bubi ganz aufgelöst, leise mit mir getuschelt: «Du gutes Schäfchen,» erklärt mir, es wäre herrlich, daß ich mitspielte. Zum Schluß mit Willy, der auch eine Tiermaske aufsetzt, eine Française mit Otto und Bubi unter wahnsinnigem Geschrei.

Die Anstrengung war der Mühe wert, Bubi erklärt, einen solchen Ball hätte er noch nie gehabt.

Wieder mit den Sollnern zum bal paré. Großes Caressement mit Lolo, Coeurbub und Nöck zum allgemeinen Skandal, bis unser Tisch sich in sich selbst auflöste. Dann noch einmal gehopst. War in einer unglaubhaft seligen Stimmung.

Nachher Luitpold, mit P. im roten Kleid getanzt. Das flog, und Hallwig sah zu. Ich sah ihn erst, als wir aufhörten und wußte, daß er mich wieder enorm fand. Fühlte mich auch in allen diesen Tagen enorm.

Faschingsdienstag nachmittag mit der Maus auf der Maximilianstraße. Abends sagt Onsky, er wolle nichts mehr von mir wissen, mir war so versteinert zumut, als ob man mir das Herz herausreißt mitten in der größten Seligkeit. Aber noch viel zu sehr im allgemeinen Rausch, um mit Bewußtsein traurig zu werden. Das sind so ganz wahnsinnige Momente im Leben, wo alles nach beiden Seiten hin gesteigert wird, ganz tief hinein und ganz nach außen. Ging dann mit Willy ins Luitpold — da waren Coeurbub — und die Juxer und der Reitknecht und der alte Hildebrand und Gott weiß wer. Dazwischen manchmal wieder das versteinerte Gefühl — Onsky — und dann wirft man sich wieder ganz hinein. Alles möchte ich haben und alle umschlingen. Zuletzt mit Coeurbub endlos, endlos am Fenster am Juxertisch gesessen — der Bub hat entschieden eine kosmische Zärtlichkeit ganz ohne Direktheit — bis Hofmann uns trennte. Im Wagen — der Geheimrat wird zärtlich — zu Hause in der Küche steht Onsky plötzlich vor mir, und ich schreie auf, weil ich glaube, er will mich umbringen. Dann Willy — will mich in seine Arme schließen.

Nächsten Morgen gegen Mittag aufgewacht, ganz ohne Stimme und mit sehr wehem Hals. O. bringt mir alles mögliche und ist wieder so maßlos lieb, alles in einer unsagbaren Süßigkeit und Schwermut. Ach Leben, Leben, Leben, es ist doch göttlich. Schlafe den ganzen Tag durch, manchmal Onsky, höre halb im Schlaf wie er sagt: «Noch ein paarmal, und dann haben Sie plötzlich Kehlkopfschwindsucht und sind in ein paar Tagen weg.» — Lache, aber es kommt mir auch so vor, als ob es schon sein könnte. Nacht durchgeschlafen bis Donnerstag mittag. Nachmittag auf der Küchenbank gelegen, mit Gaupp und Willy geblöde[l]t. Alles ist noch voll Konfetti und ich selbst voll stumpfer Seligkeit, möchte am liebsten das rote Kleid anziehn und wieder tanzen gehn. Wieder geschlafen bis zum nächsten Mittag, so wahnsinnig schwer geschlafen, immer dabei gefühlt: Ich schlafe, ich schlafe.

Freitag früh aufgerappelt, ins Heck, wo auch Lolo und ein paar andere und alles voll von Erinnerungen an diese Taumeltage. Dann zum Doktor, der eine mächtige Lache anschlägt, daß ich wieder nach dem Fasching so ankomme.

Samstag früh aufs Gericht wegen Ricarda. Immer noch in der Duselstimmung, die kann bei mir manchmal endlos dauern, wenn sie stark genug war. Nachher bei Cecconi Glühwein getrunken.

Sonntag alle zum Jour, abends zu Bassewi's, wieder erst um vier Uhr zu Bett. Hab' manchmal in diesen Tagen gedacht: wenn ich mein Leben lang gesund gewesen wäre, um Gotteswillen, ich hätte mich in Fetzen getobt. Aber wie hab' ich manchmal glauben können, es sei schon ziemlich aus. Noch ist so entsetzlich viel Toberei in mir.

Und dann ganz von selber in stille Vergnügtheit übergegangen, herrliches Frühlingswetter, halbe Tage mit Bubi herumgelaufen im Englischen Garten.

Dazwischen kommen immer die Nachrichten von Ludwig, die quälend sind, aber ich fühle mich selbst zu stark im Leben, als daß ich glauben könnte, es könnte schlimm gehn. Möchte aber hinfahren, manchmal so unruhig, daß ich mich gleich auf die Bahn stürzen könnte. Dann warte ich wieder ab und denke, es kann nicht schlimm werden, es wäre ja unmöglich. —

Mitunter schauderhafte Träume: Bubi hat ganz fürchterliches Nasenbluten, wir stehen beide am Meer, das ganz schwarz ist und gegen den Strand schäumt. Ich nehme sein Köpfchen und sage: «Was ist denn mit meinem Bübchen?» Dann liegen wir plötzlich beide da, er kratzt mit beiden Händen über mein Gesicht und sagt: «Du bist ein böses Mamai» — und das Meer kommt heran, als ob es über uns beide wegwollte. Wache mit furchtbarem Geschrei auf.

Beim Nachmittagsschlaf einen Vers, den ich ganz genau behalten: «Recken und blecken ist starr und stamm. Ich bin der König von Carlikam.» — Ganz Schwabing mußte furchtbar lachen. —

Wir sind in Solln, die andern wollen auf ein Fest, ich soll nicht mit, soll schlafen. Bin halb bereit, aber in meinem Zimmer liegt ein riesiges Schwein mit einem steifen Hut. Ich sage zu Onsky: «Wie kann Fädchen mir solch ein Zimmer geben?» und er: «Wenn Fädchen es tut, wird es sehr gut sein, ich solle stillschweigen.» —

Komme immer noch nicht zur Arbeit, eigentlich vor lauter Vergnügtheit. Finde es momentan schön, ziellos zu bummeln, fühle mich so recht sinnlos wohl.

Freitag, den 9. März [1906]

Jetzt wird einmal angefangen, regelmäßig über jeden Tag Buch zu führen. Es erhöht mir immer das Wohlbefinden, wenn ich es tu, ein Gefühl von Ordnung und Sammeln, ob man das Leben besser festhielte, während es einem sonst so rasch durch die Finger läuft. In der Nacht gegen Morgen gab es einen wilden Frühlingssturm, alle Fenster und Türen flogen auf, und irgendeine Tür oder sonst was brummte wie ein Tier. Bubis Freude und Gelächter über das brummende Frühlingstier.

— An Hallwig und Wildenroth gedacht. —

Lieg dann im Bett und schau zu, wie mein Bübchen seine Gymnastik macht und sich unendlich langsam anzieht. Und das Frühlingstier brummt noch ein paarmal.

10. März [1906]

Gestern abend nach Solln. Bei blödsinnigem Wind auf dem Marienplatz, fühlte die Lunge und dachte: O weh. Ein bucklige Frau gesehn. Bassewi's dort getroffen. Die Frau anschaun ist ein Vergnügen. Aber sonst sitzt man eben da, trinkt Rotwein und ist müde. Heute früh Cecconi und Schneesturm. Nachmittags Petrichs, die ein Baby haben.

Sonntag, 11. März [1906]

Wundervoll ausgeschlafen und schönes Wetter. Briefe geschrieben und alles mögliche gerichtet, damit ich die nächsten Tage arbeiten kann. Bubi im Garten spielen lassen. Er träumt von herrlichen Palästen und seinen Ministern.

Onsky beim «Kaffeeklatsch» unten, und man hört Blei lachen.

Als ich grad mit Bubi ausgehn will, kommt Knudsen, der nicht wieder loszukriegen ist. Gehn die Landstraße hinaus. Roter Sonnenuntergang über der Vorstadtlandschaft und zuwidre Sonntagsleute. Ich wäre so gern allein mit dem Bubikind gewesen,. das in seinen Wasserstiefeln auf die Wiesen und Sandhaufen rennt. Ach, das verdammte Stadtleben. Abends noch an Herbert geschrieben. Das ist immer ein besonderes Vergnügen. Herbert ist mir das Reine und Angenehme vom Menschen und bei allem so schön fern. Schluß der Sonntagsbetrachtungen.

12. März [1906]

Bubis Tierreich: der Palast, den ich ihm Weihnachten gemacht hab', König und Königin Kaninchen, die beiden «Struwels», die er auf allen Reisen mitschleppt, als Minister auf einem Sofa, die Katze aus Bregenz als Intrigant, der Affe als Priester und der Eisbär sein Kind, das er zärtlich auf den Armen trägt. Manchmal ist große Tierhochzeit, Elephanten und Katzen werden vermählt und ein Hähnchen wird ihnen als Kind beigegeben. —

Catty und ich haben ganz ähnlich mit Tieren gespielt.

Dienstag, 13. März [1906]

Nachmittags Luitpold, um den Balten zu treffen, der meinen Haarkamm weggenommen hat.

Kaum zu Hause, klingeln Coeurbub und Götz, wollen mich zur Abschiedsfeier für Coeurbub abholen. Die andern kamen alle nicht, nur Schwarz. Dann in höchster Eile den Knaben an die Bahn gebracht. Er hat doch viel Charme, auch außerhalb des Karnevals ist er eigentlich genau so, etwas von Gazellenaugen und viel Weichheit und Schmelz. Schaut einen so lieb an. Warum soll man nicht gern haben, was sich an einen anschmiegt, und gerade das universelle Anschmiegen an jede Frau hab' ich gern an dem Jungen. Dabei ist er sehr wohlerzogen.

Aber zu Hause sagt mir Onsky bitterböse Sachen, daß niemals, niemals ein Mensch mit mir bleiben wird und kann, und ich bekomme wieder das versteinerte Gefühl. Ich weiß es ja, aber warum? Weil alle, die mich einmal haben, mich ganz für sich haben und auffressen wollen. Aber ich bin viel zu expansiv und geh' nach allen Seiten, möchte hier das und da das, aber gerade O. — Hab' ich überhaupt an einen Menschen so viel Wärme, so viel Dauerndes, Fortwährendes fortgegeben? Und ich kann ihn so absolut nicht lassen, kann freilich auch den vielen Blödsinn pour tout le monde nicht lassen.

Nun aber ist wieder die ganz entsetzliche Spannung zwischen uns, die mich lähmt und krank macht. Kann nicht schlafen, Mondnacht und Stürme, meine immer, daß O. hinter der Tür steht und mich totschlägt. Das wird ja doch einmal das Ende sein. Und sehne mich nach einem lieben Wort, wir waren die letzte Zeit so glücklich und einig, und alles war so schön. Denke, daß er unten liegt und sich ebenso quält. Was soll das alles? Man kann mich nicht ändern, ich auch nicht und würde es nicht einmal wollen. Und doch wollen sie mich lieben und wollen mich haben.

15. März [1906]

So haben wir uns nun durch drei Tage gewunden, sprechen offiziell miteinander. Diesmal kann ich nicht das erste Wort anfangen. Alles, was ihr wollt, Vorwürfe etc., aber zunahetreten lasse ich mir nicht. Empfinde darin wie ein Korpsstudent. Und Ludwig, Ludwig. Jeden Augenblick fällt es mir ein, daß er schwer krank liegt und mit dem Tod kämpft, und ich kann ihn doch nicht hergeben. Bin in einer schrecklich zerrissenen Stimmung, und ein Nichts genügte, daß ich wieder lustig und glücklich wäre, und ich möchte es so gerne.

Heute wenigstens mit Bubi sehr vergnügt gewesen, er will mich über Onsky trösten, weiß und begreift alles. «Versöhn' doch Onsky» und weint darüber.

Wir gingen in die Katzenausstellung, voll von Glück und Seligkeit über die vielen Kätzchen. Nachher Konditorei und nachmittags um mich herumgespielt. Götterkind.

Und dann löst sich wieder alles zwischen uns wie ein Gewitter.

Warum komme ich nie in die volle Sonne? Mein Leben geht zwischen Stürmen und Gewitter, Frühlingsregen und einzelnen sengend heißen Tagen.

21. März [1906]

Gestern Willy fort. Ich hab' ihm zum Abschied einen Kuß gegeben, und er zerschmolz vollständig.

27. März [1906]

Nach Berlin. Erster Gang zu Jäger, der aber diesmal okkupiert ist. Es hätte auch nicht getaugt, unsern Eros der Ferne noch einmal auf die Probe zu stellen. Schickt mich zu Engelhardt. Soll ihn fragen, ob ich bei ihm wohnen kann. Der, furchtbar erstaunt, räumt mir sein Zimmer ein. «Aber meiner Braut muß ich's doch sagen.»

Dann zu Ernst hinaus. Viel Trauriges über Ludwig. Spät heim, durch den dunkeln Garten getappt. Im Atelier all die weißen Gestalten, die mir plötzlich entgegenspringen. Ofen im Schlafzimmer raucht zum Verzweifeln. Ihn mit Wasser ausgegossen. Vor Kälte mich in Engelhardts Gehrock gewickelt. Vormittags zu Ludwig. Nur Benedikta gesprochen, daß ich ihn vielleicht morgen sehen kann. Dann zu Ernst. Nachmittags Willy im Romanischen Café. Später Sendt. Abends Coeurbub mich abgeholt, erst mit Sendt, dann wir zwei weiter bis früh im Roland, Auto durch den Tiergarten im Schneetreiben.

Donnerstag Ludwig. Beide so lieb, aber er zum Erschrecken elend. Doch beruhigend, ihn wirklich zu sehen, das Gefühl, daß er da ist, spricht. Mit Willy in die Ausstellung, dann zu Ernst. Am Freitag abend mit Coeurbub und dem Engelhardtschen Brautpaar. Nachher wir zwei aus. Um halb sieben, bei schönster Morgensonne, zurück. An einer Mauer steht «ja» mit Kreide angeschrieben. —

Alles zwischen Schlafen und Wachen, Lachen und ganz stummem Ernst. Wie ein Zaubertrank, daß es so sein mußte. Mein Gott, wie allererster Frühling. Und der Tag wie ein Traum. Mit der Braut Mittag gegessen, wußte nicht, was ich redete, ob ich schlief oder wachte. Bei Ernst schon Tag vorher Abschied genommen. Nachmittags für Bubi Häschen gekauft, dann unweigerlich der letzte Tag. Bis gegen sechs auf dem Sofa gelegen, Greve gelesen und geschlafen. Später Jäger, dann Coeurbub. — Beim Heimkommen Engelhardt noch da, entzückt, mit uns zusammenzusitzen. Cherry Brandy mitgebracht und den Polyphem berauscht, bis er einäugig und schlaftrunken hinunterwankt. —

Das alles ist nun vierzehn Tage her, und ich gehe immer wieder in Gedanken dieselben Wege. Was war das? Woher kam das? Es folgt mir nach und ist immer um mich mit einer namenlosen Süße, überirdisch anders als alles andere.

Ach und die Qualen, die O. mir macht. Ich kann doch nicht den Mund auftun und reden, wo keiner von allen mich verstehen würde. Gott weiß, woher er sich alles zusammengedacht und geahnt hat. Es gibt immer Erlebnisse, von denen man nie und nimmer reden kann und doch jemand wünschte, der es schweigend verstünde, ohne daran zu rühren. Ich glaubte schon alles zu kennen und zu wissen, und doch schenken mir die Götter noch neue Momente von so unendlichem Reichtum.

Ach, lauter dumme Worte. —

Muß ich dafür nun den besten, treusten, einzigen Menschen, den ich hab', hergeben?

Der Sturm hat sich einstweilen wieder gelegt, aber ich warte auf die Stürme, die immer wieder kommen, weil sie nicht von mir ausgehen, immer von außen her. Ich selbst möchte nur immer dem Leben die Arme ausbreiten, alles empfangen, alles an mich drücken. Orlonsky sagt, wenn man so ist wie ich, darf man keinen Menschen für sich haben wollen — aber warum nicht, ich habe soviel Liebe zu geben, warum will nur jeder sie für sich allein haben?

Ostersonntag [15. April 1906]

Es ist wieder Ruhe, komm' ich über die Klippen hinüber oder geht mein Hab und Gut daran entzwei? Ich weiß es nicht. Es handelt sich ja nicht um den oder den Menschen, ob ich ihn «habe» oder nicht. Ich will ihn ja um Gotteswillen nicht «haben». Es geht um mein ganzes Lebensgeäst, das ich mir nicht selbst gemacht habe. —

Das Mausikind schon in aller Frühe wach, schaut mich mit seinen großen Augen an, ob ich bald ganz aufwache und der Osterhase kommt.

All die volle ungetrübte Seligkeit um ein paar bunte Sachen. Warum versteht die jeder bei einem Kind und niemand bei einem großen Menschen — Dann setzt es sich hin und bemalt für mich zwei Eier und ein Löschblatt mit den herrlichsten Motiven. Und ich muß danach suchen.

Zwei Aquarelle gemacht, aber schlecht. Doch bin ich froh, wenn ich wieder einmal etwas tu'. —

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