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Bubi
Der große Rolf
Ludwig Reventlow
Die Geschwister Hallwig
Baschl
Monsieur
Onkel Kêf
Rodi
Putti
Falkenberg
Wanda Falkenberg
Fädchen und Lutz ein musikalisches Ehepaar
Dhesyllas der Korfiote
Beethoven ein aufgeregter Liebhaber
Orlonsky ein polnischer Edelmann
Willy ein begüterter junger Mann von äthiopischem Äußern
Herbert eine freundschaftliche Beziehung
Cecconi ein Zahnarzt
Marchlewski ein Verleger und Revolutionär
Frank Wedekind
Gestern von Gebirgstour zurück. Henry und Baschl an der Bahn. Henry plötzlich grantig niemand weiß, warum. Wir andern im «Leopold» zu Abend gegessen, plötzlich Deprimiertheit, weil wieder in München.
Am andern Morgen gehn wir zu Hallwig. Er, schlecht aussehend, spricht von vinum et circenses abweisend kühl, diese Art von Kühle, die ich nicht vertragen kann, weil sie mir so beabsichtigt vorkommt.
Es ist alles aus dem Geleise zwischen uns.
Donnerstag Italienisch mit Dhesyllas.
Freitag mit D., Hallwigs Schwester und Schnuckl zu den Ringern. Wir drei im Fiaker zurück, plötzlich Anwandlung, zu Hallwig zu gehen und mit ihm zu sprechen. Durch seine Schwester verhindert. Fast zornig geworden. Sie steht jetzt in gewisser Weise zwischen uns, weil sie zuviel von uns beiden weiß. Ebenso Henry
Mir ist der Weg zu ihm förmlich abgeschnitten, und ich muß ihn doch wiederfinden. Wir können so nicht auseinandergehn. Aber unsere Sache ist quasi Gemeingut geworden, lauter fremde Hände dazwischen.
Warum überhaupt schweigen wir alle nicht viel mehr? Alles wird beredet, auseinandergelegt wieder zusammengesetzt und dann wieder von vorn angefangen.
Nächsten Abend Henry, redet in seinem unangenehmsten Ton mit lauter Stimme über Bubi.
«Ihm war, als habe seine Seele einen Schlag mit dem Stock erhalten.» So war mir, nicht allein über das, was er sagte, ich glaub' da doch besser zu sehen, jedes Kind schauspielert oder wenigstens jedes schlaue, wenn es etwas zu erreichen gibt, und manche Mätzchen bei Bubi, die er meist aus der Schule bringt, berühren mich selbst unangenehm, und ich suche sie ihm abzugewöhnen. Wenn er nicht beachtet wird, ist er ein völlig unberührtes Kind, und ich kenn' ihn am besten. Aber Henry: «Der Bubi ist ein raffinierter Komödiant» etc. pp.
Er möchte die Maus vier Wochen um sich haben, um ihm alles auszutreiben. Und wenn er ihn allein vier Wochen um sich hätte, würde er auch ohne «austreiben» sehn, daß die Maus ziemlich so ist, wie sie sein soll.
Im Grunde doch wieder das Stück Philisterhenry, der Frau und Kind nur in absoluter Tadellosigkeit will.
Sie sollen nur erst einmal ihre eigenen Kinder erziehen und mir dann sagen, wie ich meins erziehen soll.
Der Bubi hat eine gute Witterung; obgleich er nicht bei diesem Gespräch dabei war, zeigte er sich Henry abgeneigt und wollte ihm nicht gute Nacht sagen.
*
Die ganze Art und Weise von H. hat mich tief verstimmt. Warum wir dann nicht lieber mit ein wenig Ruhe und Wärme sagen: Das und das gefällt mir nicht am Bubi siehst du es nicht auch?
Ich fühle, daß auch da etwas gegen mich ist Feindseligkeit. Wir gleiten immer weiter auseinander. Henry hat als Freund nicht gehalten, was er mir versprach.
Und dann denke ich an Samos und würge den ganzen Tag an Tränen, während ich mit dem Griechen durch den Englischen Garten gehe.
Morgens mit dem gleichen Gefühl aufgewacht unaufgelöste Tränen, die mir jeden Augenblick in die Augen steigen.
Und Sehnsucht nach dem Freund, der jetzt so weit weg ist. Könnte ich einmal in Ruhe und Güte mit ihm sprechen, er müßte doch fühlen, wie stark ich an ihm hänge.
Entbehren wenigstens kann ich ihn nicht, in diesen wenigen Tagen ist's mir ganz klar geworden. Wir beide dürfen nicht voneinander weggleiten und uns verlieren, weil seine Liebe zu mir anders ist als meine. Keiner von uns wird das in einem andern Menschen jemals wiederfinden.
Es kommt mir so schmachvoll und allzu menschlich vor.
Maus: «Mamai, wenn ich ein großer Henry bin, nehm' ich dich mit nach Samos.»
Sonntag und Sonnenschein, aber immer noch die würgenden Tränen. Wollte nachmittags mit Monsieur auf die Jagd, aber nicht wohl, auch darüber noch deprimiert. Weiß nicht mehr, wohin mit mir vor innerer Gereiztheit.
Und jetzt einmal mich selbst bei den Ohren genommen und gründlich mit mir ins Gericht gegangen. Ich denke auch immer nur daran, was die andern verfehlen.
Vormittags zu Hallwig. Tränenstunde.
Ein paar gute, stille Tage mit ausgleichenden Gesprächen über alle Streitpunkte und dann wieder Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Wenn er immer so wäre, mein Gott, wieviel könnte man von dem Menschen haben.
Donnerstag bis Samstag nach Schäftlarn. Bubi erklärt auf einmal, daß er jetzt auch mit Hallwig wieder gut Freund sein wollte und küßt ihm die Hand. Wir malen uns aus, wie er später die Maus lehren und leiten soll.
In Schäftlarn blauer Frühling und die schöne Einsamkeitsstimmung des vergangenen Jahres. Ließe man mich immer so in Ruhe, so hätte ich ganz andre Nerven.
Morgens mit dem Rolfi durch den Wald, Wiesen und Sümpfe, Blumen gepflückt. Ich die Strümpfe aus und in die Sümpfe hinein, um Dotterblumen und schwarzes Schilf zu sammeln. (Hallwig wird sofort wieder den Glauben an meine Lebensbejahung verlieren, wenn ich solche Sünden gegen meine Gesundheit begehe.)
Samstag vormittag zurück. Nachmittags bei Hallwig, essen zusammen im «Leopold» zu Abend.
Au milieu de la nuit Monsieur arrive, frappe à la fenêtre comme autrefois, s'en va après une heure. Nous causons encore à la fenêtre, lui dans le jardin debout sous les arbres fleurissants m'invite a l'accompagner au travers du jardin anglais mais je suis trop fatiguée, vais dormir. D'après, je l'ai regretté.
Henry, Hallwig und ich die Maus zur Schule begleitet. Ihr eingeredet, daß ein Luftballon, der am Himmel stand, der liebe Gott sei, aber wenn er herunterfällt, platzt er. Bubi rennt in die Schule: «Fräulein, der liebe Gott ist draußen» aber sie glaubt es nicht.
Bubi hat sich neuerdings auf Leben und Tod mit Alex, unserm Nachbar, befreundet. Ich kannte die Eltern schon von der Ažbeschule her.
Alex ist drei Jahre älter, aber sie kommen wundersam zusammen aus, sind unzertrennlich, sobald Alex aus der Schule kommt.
Ludwig. Die nächsten Tage fast von morgens bis abends mit ihm zusammen. Mittags im Ratskeller. Abends saßen wir bei den Scharfrichtern. Wedekind seine Ballade, zur Gitarre singen gehört. O Du mon Dieu, mon Dieu! Das Karnevals Faible für ihn erwacht wieder aber arg.
Ludwig mit Henry und Hallwig bekannt gemacht, dazu kommt der unglückselige Kêf, der mich nach Italien entführen will und von verschwiegenen Palazzi in Venedig vorschwärmt. Aber die Kosten der Reise will er nicht tragen, wie aus seinen Briefen hervorging. Und ich bin längst entschlossen, nach der Idiotenanstalt in der Schweiz zu gehen, eigentlich reut es mich schon, wenn auch die Reise mit Kêf nichts weniger als lockend ist. Vor allem in den Süden und heimlich einen Sprung nach Samos. Wenn mir nur jetzt nicht allzusehr die Initiative zu unsolid arischen und folgenschweren Handlungen fehlte! und ich nicht in einem geknickten Moment den vereinigten Dr. v. N.-Hallwig versprochen hätte, nach Montreux zu gehen.
Besuch von Rolf. Mein guter Rolf spinnt wieder und schüttet mir endlich sein Herz über «sie» aus. Wir schmieden Ehebruchspläne für ihn. Ich habe mein Leichtsinnsquartal wo ich «sie alle» lieben könnte. Mir scheint, als ob manchmal, so wie jetzt, auch zwischen uns beiden Funken springen. Aber wir haben beide eine Art Scheu, unsern geschwisterlichen Bund in anderes zu verwandeln. Er begleitet mich abends in die Stadt, wo ich Ludwig treffe, weiß nicht, was sonst geworden wäre und wir verabreden uns, einen Abend zusammen auszugehn. Und dann natürlich wird's wieder nichts. Rolf am nächsten Tag mit seinem Freund, der wie Beethoven aussieht, dabei in Wadlstrümpfen und Lodenjoppe.
Freitag fuhr Ludwig ab. Ich abends mit Rolf und Beethoven bei ersterem soupiert. Rolfs Frau auf dem Land. Wir sind alle drei etwas verjammert, jeder aus einem audern Grunde und müde, reden nur in abgebrochenen Sätzen, sitzen alle im Dämmerlicht nebeneinander auf dem Sofa. Als Rolf hinausgeht, zieht Beethoven meine Hand an die Lippen.
Ich: Wollen Sie mir den Puls fühlen?
Beethoven schmerzlich bewegt mit tiefer Stimme: «Warum sagen Sie das?»
Um die «komische Situation» möglichst rasch im Keime zu ersticken, stehe ich auf und gehe auf und ab mit einigen allgemeinen weltschmerzlichen Bemerkungen, die in solchen Fällen immer am angebrachtesten sind. Sie wurde dann auch gerettet. Beethoven macht nur nach Tisch eine bittre Bemerkung, daß ich von jeher die Besten verschmäht hätte, z. B. den M., den angeblich die unglückliche Liebe zu mir in den Alkohol trieb.
Sonntag abend bei Hallwig.
Montag früh erscheint Beethoven mit düsterer Miene, fragt mich unter vier Augen, ob ich einen Sekundanten für ihn wüßte, will sich mit Rolf schießen. Ich nachher ans Telephon, um mit Rolf zu sprechen, statt seiner seine Frau, ich soll sofort kommen. Ich fürchte mich etwas wegen des Soupers, aber statt dessen in das Drama eingeweiht, das zwischen den Dreien spielt. Am schwerbegreiflichsten ist es mir, daß eine Frau leidenschaftlich bewegt sagen kann: «Ich liebe ihn» ohne dabei zu lachen.
Um Rolfs willen ärgert es mich.
Lerne bei dieser Gelegenheit C. Reichel kennen, der entschieden der Mühe wert ist.
Sie sitzt nachmittags zwei Stunden bei mir, um auf Beethoven zu warten, denn sie haben sich bei mir ein Rendezvous gegeben. Als er nicht kommt, hofft man, daß er inzwischen einen suicide élégant begangen hat. Aber gegen Abend erscheint er doch, und sie unterhalten sich drei Stunden in meinem Zimmer, wobei Beethoven in seiner Erregtheit die Kaffeemaschine demoliert.
Ich abends mit Rodi zu den Scharfrichtern, wo wir unserer gemeinsamen Verliebtheit für Wedekind frönen. Nachher mit Falkenberg im Cafe, der bestürmt wird, uns ein Rendezvous mit Wedekind zu verschaffen. Mittwoch Lösung des Konfliktes in Wohlgefallen, das versöhnte Ehepaar erscheint bei mir, ebenso C. Reichel. Etwas verlegene Sitzung. Dann das Rendezvous mit Wedekind im «Luitpold», das etwas ins Wasser fällt. Rodis Gegenwart, Verschwinden und Wiederkommen erschwert die Sache und erzeugt Verlegenheit. Ich begleite W. noch ein Stück, wobei er etwas wärmer wird, aber es wurde nichts Rechtes mehr.
Abends zu Monsieur aufs Bureau, schlafe auf dem Sofa, während er noch arbeitet. Dann im Parkhotel soupiert. Friedlichen und guten Abschluß.
So kommt der letzte Münchner Tag mit langem Nachmittagskaffee bei Falkenberg.
Ich nachher zu Hallwig. Und da gab's wieder Stürme, wohl die ärgsten von allen bisher. Trennten uns in Zorn und Verstimmtheit. Er redet immer wieder in meine tiefe Erschöpfung von heiligen Versprechen, Haltlosigkeit, Launen etc. pp., verlangt zum Schluß Versprechen, daß ich nicht später wie Samstag früh abreise. Ich, sicher, daß ich morgen abfahre, ärgere mich darüber und verweigere es, worauf er geht.
bringt der gute Henry mich an die Bahn. Im letzten Moment erscheint Hallwig strahlend in dem Siegesbewußtsein, daß ich doch abfahre, was er wohl für sein Werk hält, und mit unglücklichen Scherzen, auf die ich kein Wort antworte.
Reise etwas ermüdend und deprimierend. Regenwetter, Maus erkältet, ich müde und über Hallwig verstimmt. Ersten Tag nach Lindau und über den Bodensee. Bubi bändelt mit Gott und der Welt an, so auch mit einem Lebemann zweiten Ranges, der seine und meine schönen Augen bewundert und gelegentlich mit «ach, wenn doch deine Mama auch so lieb sein wollte», sich an mich wendet, während seine verlassene Begleiterin mich sehr unliebenswürdig mustert. Er meinte, daß ich Schauspielerin wäre, ich suchte aber dahin zu wirken, daß er uns für Akrobaten hielte. Er war ungefähr das Genre, das mich vor zehn Jahren willenlos entzückte, aber jetzt nimmer. Trotzdem hob es mein Selbstbewußtsein, daß er uns noch bis zum Hotel nachstieg.
Aus alter Erinnerung im «Schlüssel» übernachtet, wo ich vor fünf Jahren eine entsetzliche Nacht zubrachte. Nächsten Morgen nach Kurzrickenbach hinausgefahren, wo ich mit der Maus unter dem Herzen wohl die allerschlimmsten Tage zubrachte. Und jetzt sitzt das lebendige vergnügte Tier neben mir im Wagen, und ich erzähle ihm von dem Haus, wo ich krank und traurig war, weil ich noch kein Mausi hatte. Er wurde ganz nachdenklich gestimmt und fragte immer wieder.
Die Äschlimans, meine damaligen Wirte, erkannten mich gleich und freuten sich. Dann fuhren wir zurück und weiter nach Zürich. Dort zwei Stunden Herumgegangen und nachmittags nach Lausanne. Bubi befreundete sich wieder mit drei Zigarettenreisenden, ich verhielt mich anfangs in eiserner Kühle, wurde aber schließlich durch gute Zigaretten entwaffnet und hatte es nicht zu bereuen, da sie mir in Lausanne die Maus und sämtliche Gepäckstücke hinaustrugen. Komisch und eigentlich deprimierend, daß eben dieses Genre Lebemänner und bessere Reisende mir immer die Cour machen.
Nacht in Lausanne. Nächsten Mittag nach Territet. Maus hat immer ärgeren Husten, der sich als Keuchhusten entpuppt und das arme Tierle sehr quält.
Die ersten Tage hier in schlimmer Stimmung, hätte allein sein wollen, keinen Menschen sehn. Allein, allein, allein, nur mit der Maus. Träumte unaufhörlich von München, von den letzten Verstimmungen, daß ich abreisen sollte und nicht wollte etc. pp. Dazu die nächtliche Unruhe mit dem Hustenbubi.
Jetzt geht's schon wieder auswärts. Mir wird jeden Tag wohler, wenn auch noch in namenloser Faulheit. Nur Heimweh, Heimweh nach Samos. Darf nicht daran denken, daß Henry demnächst allein hinfährt und der See erinnert mich an die Bucht von Vathy.
Träume spielen mal wieder eine große Rolle, aber jetzt sind es schöne:
Fuhr nach Markdorf, um Dr. N. zu besuchen, er hatte keinen Bart mehr und sah aus wie in den Zeiten, wo ich in ihn verliebt war. Lud mich zu einem Abendessen auf grüner Wiese ein, wir fuhren in einem Kahn über den See etc.
Wieder einen ähnlichen Traum, aber diesmal war es Wedekind. Ich saß auf der Bühne bei den Scharfrichtern in einer Ecke, während er sang, und wir waren sehr amoureux.
Diese Träume bringen mich in eine angenehme verträumte Stimmung, die den ganzen Tag anhält. Sonst immer noch etwas Energielosigkeit und im ganzen schlechte Nächte. Aber die Maus ist so süß und dankbar, wenn man sie pflegt: «Mamai, du bist so brav, daß du mir immer hilfst, wenn ich husten muß.»
Wir machen schöne Spaziergänge auf möglichst einsamen Wegen und erzählen Märchen. Einmal sind wir zwei Katzis, die auf Vogeljagd gehen oder Hänsel und Gretel oder Königstochter und Frosch.
Trotz Heimweh bin ich froh, von München weg zu sein. Es ist die beste Möglichkeit, um wieder in einen andern Lebensstil hineinzukommen. Die ganze Zerrerei dieser letzten Monate ging im Grunde genommen doch nur von Hallwig aus, sie bebt immer noch nach, wenn ich an ihn denke. Und ich hatte nicht genug Kräfte, um darauf zu reagieren, wie ich's hätte sollen, nämlich einfach jede Einmischung in mein Leben ablehnen was aber von jetzt an geschehen wird. Er hat mich damit halb verrückt gemacht und sich dann gewundert, daß ich verfahren und gereizt war.
Strich drunter und von jetzt an ein anderes Regime, wozu die Entfernung der erste Schritt ist.
Rodi ich spinne ihm viel vor und bin sehr deprimiert.
Brief von Hallwig. Henry hat ihm vorgelesen, was ich über meine Gefühle beim Abschied schrieb. Nun tut es mir sehr weh. Es schmilzt wieder etwas in mir, und ich muß mir Zwang antun, um ablehnend und kühl zu schreiben. Aber das muß sein, ich brauche jetzt Form zwischen uns und Alleinsein.
Endlich einmal ein Strafgericht an der Maus vollzogen, die in letzter Zeit wieder mehr und mehr verwilderte wie immer in den Zeiten meiner eignen inneren Verstörtheit.
Dann wieder die Todesangst, eine ungeduldige, ungleichmäßige Mutter zu werden, überhaupt die Angst, meine Nerven nicht wieder in die Hand zu bekommen. Meine Nerven haben schon vieles aus mir gemacht, was ich von Natur nicht bin zappelig, gereizt etc. Manchmal kann man darüber nicht schlafen. Der eiserne Wille ist mir abhanden gekommen, ich hatte ihn doch einmal. Vielleicht bin ich eben doch ein Wrack. Der Zigaretten-Morphinismus, über den man nicht mehr Herr wird. Bis jetzt auf drei pro Tag abgewöhnt, aber ich werde stumpfsinnig, sobald mir das Gift fehlt. Misère de moi.
Wäre ich nur mehr allein mit dem Bubi. Er soll, soll, soll nicht unter meinen Nerven und Launen leiden, und er tut es doch manchmal. Ach, meine kleine einzige Maus.
Vormittags mit ihr in Chillon das Gefängnis. Die Maus zeigt lebhaftes Interesse, ich erzähle ihm die Geschichte von Bonivard. Er sucht ein Loch und voller Eifer: «Da haben sie gewiß die Brüder hinuntergeschmissen.»
Sage ihm, daß morgen mein Geburtstag wäre, ich könnte ihm aber nichts schenken, und ob er dann böse wäre, wenn ich ihm nichts schenkte: «Nein, nein, ich bin nicht böse.»
In der Früh des 18. kommt er angekrochen, und ich feire in Gedanken all' unsere Jahrestage. Wir essen Schokolade, dann verbinde ich ihm die Augen und lege ihm seine Geschenke aufs Bett, ein großes und zwei kleine Schiffchen und zwei Bilderbücher, die Hallwig geschickt hatte. Und er freute sich so und wollte so artig sein an mich hat in diesem Jahr kein Mensch gedacht, und ich bin wieder sentimental. Regenwetter, mit Rodi und Maus spazieren gegangen, entsetzlich gesponnen. Dann gehn wir in unser Schnapsbeisel vis-à-vis Chillon und lassen die Spieluhr spielen, die Karnevalsklänge wieder aufweckte.
Endlich einmal frischer aufgewacht. Maus ohne Husten durchgeschlafen. Erzähle ihm beim Aufstehen von Thor, der ein Gott und ein Schmied war und wenn er schmiedete, so war es Donner. Dann, daß es viele, viele Götter gäbe, während die dummen Leute meinen, es gäbe nur einen. «Mamai, erzähl' mir noch mehr von den Göttern.»
Von Wedekind geträumt. Gingen zusammen über einen dunklen Hof zu einer Bretterbude. Er gab mir einen kleinen Frosch zu verschlucken und fragte dann, ob er nicht ein Schweinehund wäre. Ich: Nein, er wäre doch wundervoll.
Maus: «Mamai, erzähl' mir doch wieder von den Göttern.» Erzähle ihm von dem Sonnenwagen und wie Prometheus die Menschen machte. Will immer mehr davon.
In Clarens. Ich kaufe mir einen Tropenhut, die Maus will auch etwas haben. Trambahn, Dampfschiff etc. Wir einigen uns auf Spielkarten.
Zum Abschied noch ein paar wundervolle Sonnentage. Aber mir ist hier immer so schwer zumut, ich weiß nicht, warum. Könnte ich nur irgendwo in tiefer Einsamkeit sein, Ruhe, mit Bubi allein. Die Menschen bedrücken mich, alles, was um mich ist.
Ab am Freitag, und nun doch etwas Bedauern. Über den Genfer See nach Genf. Genf abends am Quai die Musikbanden. Auch auf dem Schiff, wo Bubi seine Holzflöte nimmt und spielt.
Unruhige Nacht mit Ungeziefer. Brachte Bubi eine rote Nelke mit, die er küßte und Bonbons. Er setzt sich im Bett auf und sagt: «Bäumchen, rüttle dich, schüttle dich, wirf schöne Gutln über mich.»
Noch ein schöner, sonniger Tag. Nachmittags auf den Mont Sàlève, durch ein entzückendes französisches Dorf zum Hotel Bellevue, schwache Aussicht auf den Montblanc.
Nachher im Fiaker den Quai weit hinausgefahren in wundervoller Abendbeleuchtung.
Nächsten Vormittag nach Straßburg. Münster, Bubi gefallen am meisten die Teppiche.
Einen Abend nach Kehl am Rhein.
Montag, den 2. Juni abends nach Basel. Hôtel de la fleure. Entsetzliche Höhle mit Mitbewohnern. Bubi flüchtet zu mir ins Bett.
Trotzdem sehr munter aufgewacht und den ganzen Tag in Basel herumgelaufen. Vormittags in Museen, Böcklin und Holbein. Bubi selig über die Fischfrauen und die Fischmausis. Nachmittags im historischen Museum. Es ist so entzückend, wie die Maus alles begierig anstaunt, fragt, sich erzählen läßt. Manchmal regt sich etwas mütterliche Eitelkeit über seine Intelligenz. Abends nach Zürich. In Olten fährt uns der Schnellzug vor der Nase weg, unser Dienstmann unfreiwillig mit wir mit dem nächsten nach.
Nicht wohl, Ruhetage, zwischen durch bummeln und Seidenwaren kaufen. Nun ist's herum, morgen nach München zurück. Die ganze Reise war doch schön, und ich bin ein undankbares Tier mit meinem vielen Gemaunze. Nur möchte ich einmal die Ruhe, und die war noch nicht bisher, die Ruhe, in der man sich dehnen und recken kann wie in Samos oder in Schäftlarn.
Gestern abend spät an, die gute dicke Flingelli an der Haustür und wieder in unsern alten Betten geschlafen.
Bubi in Alexseligkeit, ich in namenloser Faulheit den halben Vormittag im Bett Regen, Regen.
C. Reichel und das Mopshundi mit Freuden wieder begrüßt. Auch die Braut kennengelernt. Mit beiden einen Abend bei Rolfs. Endlich mal ein Mensch, den man um sich haben kann.
Auch Henry, aber der macht mir Schmerzen, es sticht mich jedesmal, wenn er von Samos spricht oder ich daran denke.
Schluß: man darf eben nicht daran denken sonst hat man wieder so einen Nagewurm im Innern.
An einem Abend Monsieur. Der nagt nicht mehr so an mir. Es ist alles ruhiger geworden von mir zu ihm. Und doch, und doch dies ist eine Liebe, die nicht sterben will.
Daneben werde ich blaß, wenn ich mit den andern bei Tisch sitze und plötzlich Wedekind hereintritt. Rodi sah es und lächelte mit mir.
Ich gehe nachher mit Absicht an ihm vorbei, und bin glücklich wie ein Backfisch über ein paar liebenswürdige Worte und daß die Maus ihm sichtlich gefiel.
Wiedersehn mit Hallwig. Nein, ich bin nicht mehr böse, aber es ist etwas anders geworden. Ich habe keine Illusion mehr über ihn, und er zerrt nicht mehr an meinem Herzen. Auch daran nicht denken.
Für Sonntag abend mit Henry verabredet, um nicht mit Hallwig allein zu sein. Henry nicht zu Hause, und so blieben wir doch allein. Ich anfangs in feindseliger Stimmung, die nachher in eine ganz andere überschlug, ein Gefühl von wahnsinniger Einsamkeit. Wir saßen bei Ungerer unter dunklen Bäumen und dunkelblauem Himmel, und ich dachte mir ein Bild, das ich malen wollte. Zwischen weißen, kahlen Bergen die Einsamkeit als menschliche Gestalt mit bluttriefenden Augen.
Aber dann kam ich heim zu meinem Kind. Von dem Tag an hab' ich etwas in mir zusammengerafft zum Vorwärtsschauen auf das, was ich noch leisten will. Ich muß mich mit meiner Kunst wieder zusammenfinden, dann wird alles Schwanken und Zerren ein Ende haben. O Gott, wenn ich nur nicht in dies verfluchte Stahlbad gehen müßte. Ich wollte mich so schön selbst kurieren und mit Schlaf und Bubi allmählich zu mir kommen.
So oft wie ich München verwünschte, es wird mir doch wieder arg schwer zu gehen. Das letzte Mittagessen mit C. Reichel, Rodi etc. Wedekind am Nebentisch. Bubi will mit dem Mopshundi Friseur spielen, dem Mopshundi gefällt es nicht, springt auf den Bubi, wirft ihn um und zerkratzt ihm das Gesicht ein bissel. Bubi mörderisches Geschrei, Reichel prügelt den Hund, alles in allem ein ohrenerschütternder Lärm. Wedekind grinst vor sich hin in unentwegter Ruhe.
Nachmittags. Henry kriegt wider Willen ein Bussi aufs Ohr. Am Bahnhof Reichel und Rodi, beklagen sich darüber, daß ich nicht noch einen Tag bleibe. Mir wurde das Herz immer schwerer. Dann fort. Mit drei alten Damen gefahren, gräßlichen Norddeutschen. Als der Bubi schlafen gelegt wurde: «Sag' mal, kleiner Junge, betest du denn auch?»
«Nein» sagte die Maus mit großen Augen.
Bis zwölf mit der Maus auf den Knieen geduselt, sie schlief so süß. Dann in Hof ausgestiegen, ins Hotel. Andern Morgen nach Steben. Mir ist fremd und unruhig, ich kann keinen Augenblick ohne den Bubi sein. Suchen uns ein Zimmer, zum Doktor etc. Wir haben ein Parterrezimmer mit Aussicht auf die Wiesen. Der Mond scheint, die Wiesen sind weiß vor Nebel, und Frösche quaken.
Im Kurgarten spielt schon die Musik. Ich kauf' mir ein Glas, die Maus möchte mir ein recht buntes aussuchen, dann zum Brunnen. Ein heller Sommermorgen, das süße Tier mit seinem bloßen Hals und bloßen Füßchen trippelt neben mir. «Mamai, laß dir's schmecken.» Nachher im Kurgarten herumgebummelt, mittags in unserm gestrigen Hotel.
So geht jetzt jeder Tag. Brunnenkur, baden, herumbummeln, hier und da im Gras schlafen. Erzähle dem Bubi Märchen. Wir sind den ganzen Tag zusammen, immer, immer. Zwei Buben im Haus, der eine ist mir widerwärtig, und ich lasse ihn nicht mitspielen, obgleich es mir wehtut. Suche die Buben bei ihm auszustechen und hab' es so weit gebracht, daß er sagt: «Du kannst so schön spielen wie drei Bobitschen.» Wir gehn in den Wald, ich bin ein Räuber und binde ihn, der Räuber läuft weg, und ich komme als braver Frosch und befreie ihn. Dann kriechen wir zwei Frösche den Berg hinauf mit Blättern als Laternen und kommen in ein großes Froschschloß mit goldenen Säulen, wo wir tanzen. Das einzige Göttertier, wenn es so mit seiner ganzen kleinen Seele beim Spiel ist und seine tiefen Augen macht.
Molche für Frau Geheimrat gefangen. Die Maus in Jagdeifer und Aufregung.
Sonntagabend bin ich bei Geheimrats. Er wacht auf, als ich zurückkomme, und es gibt ein großes Liebhaben. Er nennt mich Fanny und sagt, ich wäre ein Mädelmamai.
Grantig und Nerven. Aber wir lassen sie nicht mehr laufen und sind doch vergnügt zusammen. Gebe der Maus Kletter- und Purzelbaumunterricht. Er ist etwas träge und ängstlich, fürchtet sich vor allem Kopfüber was ich so nachfühlen kann. Spielen Reise, ich bin aber etwas ungeduldig und ärgere mich darüber. Waten abends in dem Froschteich, dabei vom Platzregen überrascht, dann unter der Halle den Regen abgewartet und Märchen von Zweiäuglein erzählt.
Träumte nachts Sonnenuntergang in Husum, stieg aus dem Fenster, um ihn zu sehen, alles rot und brennend. Nachmittags ziehen wir mit Keschern, Eimer etc. aus, um Frösche zu fangen, kriegen keine, dafür ein Kiebitznest mit vier Eiern. Erzähle der Maus, wie die Vögel brüten und dann aus den Eiern die Kleinen herausschlüpfen. Große Augen und viele «Warum?»
Schöner, sonniger Tag. Mit der Maus die Bilder in der Mythologie besehen, von Laokoon, der Unterwelt und Orpheus erzählt. Abends Feuerwerk. Maus: «Da kommt Feuer vom Himmel, der liebe Gott straft.» Nachher: «Nein, das kommt aus der Unterwelt.»
Im Bett: «Die dumme Unterwelt.»
«Warum?»
«Weil sie immer so schießt.» Ich: «Maus, ich hab' dich gemacht.»
«Nein, das haben die Götter getan, die haben mich aus Erde gemacht, dann auseinandergeblasen und wieder lebendig gemacht.»
Von Zeus, Hera, Athene erzählt. Die Geschichte von Arachne, die eine Spinne wurde Naturgeschichte der Spinnen.
Nachmittags im Rabenholz. Maus baut Vogelnester und ruft: «Komm jetzt, Vögelchen, komm.»
Bekommt von Frau Geheimrat ein Armband, von jungen Mädchen ein Herzchen drangehängt.
Ihm von Raupen und Verwandlung in Schmetterlinge erzählt, worüber er strahlend entzückt ist. Dann immer wieder von den Göttern. In der Badewanne läßt er seine Schiffe und Tiere schwimmen, und ich bin Poseidon, der das Meer bewegt und die Schiffe untergehen läßt.
Abends besuchen wir die «Herren Frösche» in ihrem Teich.
Als ich etwas später heimkomme: «Mamai, du bist ein Lump.»
«Wenn ich ein böses Mamai gekriegt hätte, täte ich's in eine Kiste und schickte es in die Unterwelt. Und dann kauft ich mir ein braves Mamai, wie du's bist.»
Abends: «Ich kann nicht schlafen, ich hör' den Mond im Himmel immer sprechen.»
Durch Hallwig die schlimme Nachricht, daß Frau Paula Unterstützung eingestellt, alles aus, Pläne, Träume. Aber nun will ich erst recht.
Nach München. Alles totungemütlich. Unsere zwei Zimmer fast unbewohnbar, erinnern an allertiefste Miserezeit. Ich sehe meine alten Sachen an und denke: Nun bleiben wir doch zusammen.
Zu Wanda gezogen. Noch ein Brief von Frau Paula. Es ist wohl wirklich alles zu Ende. Mein Gott, nun merkt man's erst, was es heißt, wieder von vorn anfangen.
Durch lauter glückliche Zufälle Geld zusammenbekommen. Mit Wanda Kleider genäht, ganzen Tag auf dem Balkon an der Maschine. Bubi meist bei Alex, hole ihn abends und sehne mich den ganzen Tag, ihn mehr zu haben. Süßes, Geliebtes, wir armen obdachlosen Vögel.
Einen Abend bei Hallwig, Friedrich Huch, Busse, Putti. Fast dabei in einer fremden Welt die Puttiatmosphäre ist schlimm, ich möchte nicht täglich drin atmen. Und sie meinen, ich bin's, die von ihnen fortbleibt. Aber heimkommen zum schlafenden Bubi ist immer heimkommen.
Giselaabend mit Hallwig etc. Monsieur wieder verliebt. Wir kommen doch nicht voneinander zwischen allen andern Kreuz- und Querfahrten immer Wiedertreffen.
Mit Hallwig lange gesprochen, einen Vormittag und einen Abend. Vielleicht finden wir uns wieder ich weiß es nicht recht.
Bubi kommt täglich mit Orakelsprüchen von Alex:
«Die Götter haben Gips im Magen. Daher können sie nicht sterben. In Buchloe ist ein Land, wo keine Götter sind.» Und immer: «Der Alex hat's gesagt.»
Ich nähe und nähe.
Von Henry ein paar Karten, sonst kein Wort.
Sonntagmorgen mit der Maus Kahn gefahren. Ach, Maus, wenn wir erst wieder allein wären. Wenn ich Geld bekommen kann, gehn wir nach Schäftlarn.
Morgen ist Mausigeburtstag vor zwei Jahren war er in Samos.
Abends baden Rodi und ich in seinem Garten, gehn dann noch lange nackt im Tau spazieren.
Strahlende Sommernächte und das rauschende Wasser. Ich fühle mich so jung.
Gestern Mausigeburtstag. Kriegte die lang gewünschte Eisenbahn und war entzückt. Nachmittags mit ihm nach Schäftlarn, mußte ihn heute wenigstens ein paar Stunden allein haben. Jedes Jahr kriege ich ihn wieder, denke jede Stunde durch. Abends mit Rodi gebadet, fassen uns bei der Hand und gehen romantisierend auf die Märchenlandschaft zu. Auf einmal den Grund verloren, sagen beide à tempo: O Gott und drehn uns dann im Strudel. Ich komm' unter Wasser und dann wieder in die Höh'. Ich weiß nur noch, daß ich ein paar Stöße zu schwimmen versuchte und den Kopf rückwärts wegtreibe das schwarze Wasser und der Gedanke: Bubi liegt irgendwo oben im Hellen, und ich ertrinke hier. Todesangst! «Rodi, hilf mir!» Dann hängt Rodi mich an einen Baumast. Der schwankte und ich dachte, wenn er nun bricht, ehe ich hinauf bin. Rodi kriegt einen andern zu fassen und kommt hinauf, zieht mich dann heraus. Wäre ihm beinah um den Hals gefallen, war aber zu atemlos und verschluckt.
Ohne den Rodi wäre ich sicher und elend ertrunken, denn mit dem Widerstand war's vorbei. Dann lachen wir beide, sitzen zuerst auf der Landspitze und müssen dann noch durch den andern Kanalarm, der aber nicht tief ist. Unter dem runden Baum hängen unsere Kleider, und mir malen uns alles aus und schaudern nun doch noch gründlich. Dann sofort zur Wanda, Schnäpse getrunken und die Maus umarmt, wie jemand umarmt, der vom Tode zurückkommt.
Nächsten Tag erzählt Rodis Hausfrau, daß an derselben Stelle schon zwei Pferde ertrunken sind.
Noch am Abend mit Monsieur intimes Gespräch, wie früher manchmal. Und dann wacht es wieder auf und wogt wieder. Auch mit Hallwig ein guter Abschied, besser wie die vorige Zeit. Aber er ist doch sehr weit weg. Letzten Mittag mit ihm gegessen, nachher Putti. Putti fällt mir namenlos auf die Nerven, äußerlich und innerlich.
Eifersüchtig? Nein, dazu müßte mir irgend etwas an ihr gefallen und mir mißfällt alles. Nimmt mir auch nichts, denn das, was sie hat, möchte ich nicht haben. Das ist ein anderer Hallwig.
Letzten Abend in Rodis Gartensaal gewohnt. Nach dem Gewitter noch ein Bad. Waten mit der Laterne zu der Unglücksstelle und gruseln uns. Die schönen Abende sind nun vorbei.
Bei strömendem Regen nach Schäftlarn. Müssen im Wirtshaus wohnen, in einem Bett und alles ziemlich greulich.
Nächsten Tag Sonntag und schönes Wetter. Ganzen Tag draußen. Nachmittags Orlonsky und Rodi. O. bleibt. Abends Deklaration d'amour, die aber im Keim erstickt wird. Ich mag jetzt überhaupt nichts von amour wissen denke wieder nur an ihn wie ein Backfisch.
Montag früh mit Orlonsky und Bubi nach Wolfratshausen. Mittags zurück und fest geschlafen. Dann kommt das Geliebte und weckt mich. Er feiert hier tausend Wiedersehn mit all seinen Freunden.
Heute abend hinübergezogen in mein altes Zimmer. Jetzt ist erst wirkliches Schäftlarn, und mir ist so wohl, daß es beinah weh tut. Mag immer noch nicht arbeiten. Baden in der Isar und in der Sonne.
Freitag Hallwig vor seiner Abreise nach Lodz zu Frau Paula. Wie wird es nun werden?
Ich schlafe und schlafe. Unheimlicher Traum mit Sturm.
Mit Roman angefangen. Wir sehn alle Morgen im Bett die Sonne aufgehn. Hallwig meint, ich hätte wenig Liebe, aber ich möchte vor Liebe vergehen zu dem kleinen Geschöpf und auch zu den großen. Sie fangen's nur nicht richtig an.
Monsieur kommt von Wolfratshausen. Wir stehn spät auf und gehn im Sonnenschein hinauf, ihn abholen. Ein Tag mit tiefem Glück, ihn einmal hier zu haben, ihm alles zu zeigen. Es wühlt mich auf und macht mich doch still und froh. Und er war sehr lieb. Bringen ihn wieder hinauf und fahren bis Hohenschäftlarn mit. Zu Fuß zurück, auf den Feldern die Leute beim Heuen. Herbstdunst in der Ferne, aber in der Sonne ist noch Sommer. Ich bin ganz schwindlig vor Glück über nichts eigentlich und doch. Denke über meine Lebensjahreszeit nach. Es ist doch erst Mitte Juli.
Sonderbar, wie demütig ich vor diesem Mann bin, es rührt und freut mich jedes gute Wort wenn ich nur dürfte, ich wollte ihn überschütten mit Liebe.
Diese Tage sind noch Sommer. Sitze vormittags draußen unter dem Apfelbaum. Bubi steckt fast immer in der Mühle, bis mir der Müller erzählt, daß er einmal beinah ins Rad gefallen.
Wild an der Arbeit, dieser Roman ist entsetzlich, wie ein Gewirr, aus dem man niemals hinauskommt, und wirkt schlecht, sentimental, affektiert. Hätte ich meine Finger lieber davon gelassen, gibt's ein Fiasko, so wird mich die Zeit jämmerlich gereuen. Und im letzten Grunde hätte ich doch gewünscht, daß es etwas «Ungeheures» würde. Aber das wird's nicht. Schrecklich nervös manchmal, fürchte mich am hellen Tage. Das Schreiben richtet mich sicherlich zugrunde, wenn ich nicht rechtzeitig herauskomme. Geb' mir alle Mühe, Bubi nicht darunter leiden zu lassen, das beste Gegengewicht ist, an meine Mutter zu denken. Ich will die wenige Zeit, wo ich mit ihm bin, mich an ihm freuen und ihn froh machen, ihm Märchen oder Göttergeschichten erzählen, mit ihm spielen. Aber manchmal gelingt's nicht. Der Roman geht mir im Kopf herum. Und ich möchte lieber vor mich hindösen. Manchmal bin ich auch unzufrieden mit der dicken, bequemen, stabilen Maus, ich möchte, daß er klettern und springen sollte wie eine Katze, er muß morgens mit mir Purzelübungen machen, und da werde ich leicht ungeduldig, wenn er gar so schwerfällig ist.
Eines Morgens erfreut er mich durch Purzelbäume, ich war einen ganzen Tag glücklich darüber. Jede Woche waschen wir zusammen unsere Wäsche, und er bürstet mit großem Eifer.
Maus, wenn ich kein Geld mehr habe, muß ich mich aufhängen. «Aber dann hängst du mich auch mit auf.»
Er denkt es sich sehr lustig und freut sich darauf. Nun malt er mir immer aus, wie wir reich werden, wenn er groß ist, und wie ich dann weiße Haare krieg', und dann noch ein paar Tage lebe und dann tot bin. Will sich dann auch totmachen und in demselben Grab begraben werden.
Ich glaube auch, wir müssen einmal zusammen sterben.
Wenn ich heftig gewesen bin und frage, ob ich ein böses Mamai sei: «Nein, nein, du bist ein gutes, ich will dies Mamai behalten.» Und ich tröste mich damit, daß er doch immer weiß, daß ich ihn so lieb habe.
Für einen Tag nach München hereingefahren, um die Maus auf die Oktoberwiese zu führen, die sie strahlend genießt, ohne das bei den Kindern übliche Übersättigungsgeheul. Ganz zerstreut und abwesend vor lauter Freude. Abends mit Monsieur im Zirkus, hatte meinen beau jour und alles ohne Mißklang. Am nächsten Abend mit Rodi und Baschl wieder im Zirkus. Das Reiten versetzt mir beinah den Atem vor Verlangen. Nächsten Nachmittag noch einmal mit Rodi und Bubi auf der Wiese. Beide kein Geld mehr und riesige Kälte, mit der Maus in sämtlichen Schaukeln und Karrussels und dann ängstlich die Pfennige gezählt. Abends nach Schäftlarn zurück mit Rucksack, Tasche, Paketen, Bubi; eine etwas schwierige Trambahnfahrt.
Gestern mit Rodi in den Wald, Bubi klettert auf einen Steinblock und ist Zeus, wir die Titanen, die ihm sein Holz aufsammeln müssen. Dann wieder schöne, heitre Tage. Abends spielt er unter meinem Fenster am Tisch, bis es dunkel wird. Als der Mond kommt, tanzt er auf dem Tisch und singt:
«Mondgöttin, Mondgöttin.»
Muß einmal gesagt haben, daß ich mich totschießen wollte, wenn er tot wäre. Geht zur Regina und erzählt, wenn ich einmal groß bin, dann lebt meine Mamai nur noch ein paar Tage, und dann schieß' ich mich auch tot mit einem Revolver. Laufen auf den Feldern herum und sehen den Feldmäusen zu. Seligkeit und innige Liebe zu den Mäuschen. «Wenn wir Kätzchen wären, würden wir sie nicht fressen.» Lachen uns halbtot über zwei dicke Mäuse, die vor ihrer Haustür sitzen, auf einmal kehrt machen und im Loch verschwinden. Brombeersuche bei schönem Wetter auf dem Deiningerweg. Alles wie ein sonniger Festtag. Göttertier, unendlich geliebtes.
Bubi war den ganzen Nachmittag in der Waschküche und schenkte den Handwerksburschen Bier ein.
Sein erstes Gedicht, das durch klare Ausdrucksweise ermöglicht, nachgeschrieben zu werden:
,,Wo bist du, wo bist du
Hier im Apfelbaum, Arme Kuh, arme Kuh Spring zum Alex runter.
Ha hi, ha hi, ha hi, ha hi.
Es gibt keinen Gott,
Hi ha hi.
Es gibt nur Götter.
Jetzt spring' ich runter vom Apfelbaum,
Und spring' in das Meer,
Und schwimm und schwimm.
Die Pferde, die goldnen,
Die kommen ja heraus.
Von heihei, von heia hei.
Juheiha, Juheiha.»
*
Erste Lesestunde, in der i, u, n erläutert und begriffen werden. Wenn man vom Igel das gel wegnimmt, bleibt ein halber Igel, ein i.
Meine Erläuterungsmethode: Wenn man einen Finger in die Tinte steckt und ein Tipferl auftut, ist's ein i, zwei Finger in Tinte ohne ein Tipferl n etc.
*
Mein Gott, erlöse mich von dem Roman, werde noch verrückt darüber.
*
Nachricht von Leipzig, daß wir nicht kommen können, weil Frau Geheimrat krank ist o weh was nun?
Allerseelentag. Bubi wild drauf, in die Kirche zu gehn, schließt sich der Nachbarsfamilie an, die ihn aber zurückschickt. Bitterlich weinend kommt er bei mir an, tröste ihn mit einem Isarspaziergang. Auf dem Heimweg finden wir Primeln, ein ganzes Glas voll richtiger Frühlingsblumen.
Roman fertig. In einer Art glückseligem Rausch, der sich auch der Maus mitteilt.
Abends, als ich den Roman durchlese, ruft ihn die Frau «mit dem langen Bub» herein, und ich lasse ihn etwas charakterlos zu den Leuten hinübergehn. Seligkeit weil sie ihm vom «Jessaskindl» erzählt hat.
Am nächsten Abend Spaziergang und große Auseinandersetzung über den lieben Gott und Götter. Male ihm aus, wie viel schöner die Götter sind, so viel, so schön, und dagegen nur ein greulicher lieber Gott, der die Bösen bestraft und erst im Himmel die Guten belohnt. Sage ihm auch, daß man zu den Göttern nur im Freien oder in Tempeln, wo die Sonne hereinscheint, beten kann, nicht in einer Kirche. Dabei bringt er einige Sophistik auf, er bete auch in der Kirche nur zu den Göttern, und die Kirche wäre schön war aber schließlich davon überzeugt, daß er nicht mehr hineingehen will, nur mit mir, wenn ich ihm große, schöne Kirchen zeige. Dann gehn wir heim und schaun das «Götterbuch» durch, und ich erzähle ihm sage ihm, daß wir einmal draußen den Göttern opfern wollten, ein großes Feuer machen er begeistert: «Aber Hallwig und Henry sollen auch dabei sein.»
Was für eine Unsumme von Verstimmtheit, Nervosität, Unruhe etc. ist mit dem Ende des Romans von mir weg. Möchte den ganzen Tag singen und mit der Maus Lärm machen, und Schäftlarn wird wieder die alte geliebte Heimat. Erst wollte ich rasch weg, um die Bahn der neuen Taten einzuschlagen, aber ich will nun um alles in der Welt noch ein paar stille Tage bleiben und sie in mich hineintrinken.
Wann werden wir wieder einmal hierher kommen, und dann ist alles verändert
auf keiner Stätte zu ruhn Die alte Geschichte
An einem wundervollen sonnigen, halbnebligen Herbstmorgen von Schäftlarn weg mit argem Heimweh. Es war schrecklich viel Heimat in diesen letzten Jahren, und München ist viel weniger geworden, seit Hallwig von mir fort ist.
Baschl bietet uns Obdach, ich habe fast gar kein Geld mehr und ahne nicht, wie es weitergehn soll, sitze tags in dem Atelier am großen Teich und schreibe Roman ab. Maus spielt.
So geht es nicht, habe nicht genug Ruhe. Herrgott, könnte ich ihn einfach abschreiben lassen, noch einmal wieder den Kelch, den ich schon vorüber glaubte. Aber am letzten Schäftlarntag ein Brief von Langen, der den Vorschuß von 100 Mark abschlägt.
Andere Einrichtung gemacht, bringe morgens die Maus in den Kindergarten, gehe dann zu Rolfs, und schreibe dort. Nachmittags bei Mieze. Mittagessen bei Baschl, also ein ewiges Hin- und Herlaufen, aber es zu machen und das viele Laufen tut mir ganz gut.
Bubi nicht wohl, matt, daß er kaum mitzuziehen ist, stark erkältet. Ins Bett gesteckt, Wickel gemacht, Doktor gerufen, hält es für Masern. Von Monsieur das notwendigste Geld mit Mühe extrahiert, verflucht, so zu betteln «und dann, wenn alles auseinander stiebt, den anzuflehen, den wir einst geliebt». Kleide es aber in scherzhafte und frivole Form, so geht es noch am ehesten.
Die süße Bubimaus liegt mit argem Fieber im Bett, ist so unendlich lieb, liebevoll und gut zu pflegen. Ich sitze den ganzen Tag daneben am Schreiben, melde mich nach Rußland an für die Zeit, wenn er wieder gesund ist.
Berlin mir auch abgeschrieben. Schreibe und schreibe, bald fertig, zweite Abschrift macht Mieze. Geh' immer abends spazieren, an einem Abend zu Anna Derleth, sprechen von alten Zeiten und von Menschen Hallwig Habe sie, wenn ich sie so sehe, sehr gern, sie darf nur nicht symbolisieren
Orlonsky brachte mir eine Gürtelschnalle mit Blumen draufgesteckt. Baschl macht ihm auf und streckt nur eine schöne weiße Hand heraus, Licht fällt gerade auf die «schimmernden» Nägel. O. kommt an einem der nächsten Tage und schildert es. Einen Abend zu Hallwig, aber nicht hineingegangen, weil Putti mir aufmachte und alle zusammen im Zimmer sitzen. Geh' zu Fuß heim, ein Gemisch von Sehnsucht, Zorn, Abneigung, Abgestoßensein etc. Last not least das Gefühl, daß man mich nicht mehr braucht, beiseite gelegt hat, und etwas Bitternis, die nicht mit Wollust gemischt.
Mausi besser, doch keine Masern sehr lieb und artig, erzähle ihm Geschichten, wenn genug gearbeitet habe, und er spielt im Bett, muß alles wegschieben, damit er mich sehen kann. Erreiche die stolze Höhe von 40 Seiten pro Tag und gedenke alter Zeiten.
«Kommst du denn nimmer hinaus über die hohen, hohen Berge?»
Es scheint nicht, denn alles zersplittert wieder nach Hallwigs neuer Theorie bin ich das, was zersplittert aber es ist nicht wahr, ich halte mich noch grandios zusammen.
Es hat noch niemand in meiner Haut gesteckt! Nur Atem holen, nie ein wenig Sicherheit. Wöchentlich die peinlich erkämpften 20 M. von ihm und dann wo hinaus? Was soll werden?
Absagebrief von Frau Paula und zornig geantwortet.
Maus wieder wohl, spielt den ganzen Tag bei mir und baut aus Papierschnitzeln die Stadt «Frakrika». Zu Falkenbergs übergesiedelt, merkte wohl, daß es dem Baschl lästig wurde auch wieder so ein angenehmes Gefühl. Komme abends in leere Wohnung bei wahnsinniger Kälte, das Wasser zugefroren, unheizbare Zimmer. Zu Hallwig, um Hilfe zu holen. Auch Orlonsky kommt, richten erst mit vieler Müh' die Betten her, dann den ganzen Abend gestöbert, bis es etwas menschlicher war. Onsky als Obereunuch Badezimmer geheizt, soupieren vor Kälte bebend, sitzen dann noch im Badezimmer und wärmen uns.
Heulen und Zähneklappern. Frost immer ärger. Zimmer nicht zu heizen, nachts vor Kälte kaum schlafbar, ziehe alle möglichen Pelzgegenstände an, Wärmflasche, Handschuhe und lese Jörn Uhl. Morgens bebend aufgewacht, dabei nachts schrecklich geschwitzt Badezimmer geheizt, gebadet, im Badezimmer gefrühstückt und dann aufs Eis. Maus lernt auch Schlittschuh laufen und stellt sich gut an, krabbelt hilflos und vergnügt herum. Onsky immer da.
Denke viel an Wanda und das Baby. Es ist so etwas, was man gar nicht begreifen kann, daß man's aushält. Mir selber geht's durch und durch, wenn ich die Sachen vom Kind sehe. Ich hielt es nicht aus.
Nachricht von Falkenbergs, daß sie schon zurückkommen, bin selbst froh, aus der Eishöhle herauszukommen, aber das ewige: Was nun?
Nachmittags mit Henry, sitzen im Badezimmer, und ich lese ihm Roman vor.
Richte der Mieze ein Bad gegen Bezahlung von zwei wollnen Strümpfen.
Monsieur gibt nur noch 10 M. her, kann ihn nicht mehr anpumpen.
Von Ludwig 200 M. Trunkene Seligkeit, muß aber Berge von Schulden bezahlen.
Wieder für zwei Tage zum Baschl übergesiedelt, bekomme dann Miezens Zimmer über Weihnachten niemand da, muß alles allein machen, kann nicht aufs Eis. Klappernd die Wohnung wieder umgerichtet, Betten zusammengeklappt, auf den Speicher geschleppt.
Krawall mit der Megäre.
Nachmittags zum Baschl. Henry erscheint, verheißt goldene Berge, soll Molton einen Anteilschein abkaufen und hohe Provision. Abends mit Henry und Hallwig bei Hofmanns; sehr lieber, netter Abend, kann mich immer noch nicht von der Falkenbergschen Wohnung erwärmen und brate mich am Petroleumofen.
Andern Abend Hofmann mit zum Baschl, mir meine Sachen umziehn geholfen in die Miezenbude.
Greulich ungemütlich so ein möbliertes Zimmer, zum Davonlaufen, aber fasse mich. Immerhin für die nächsten vierzehn Tage wieder untergeschlüpft.
Henry wieder abgereist, der schrecklich liebe Henry, mein Vermögen bis auf ein Weniges mitgenommen, bin etwas bös dran, möcht's ihn aber nicht merken lassen. Es ist wie an der Sonne zerschmolzen und rückwärts gegangen.
Hallwig kommt wieder manchmal, und es wird etwas lieber zwischen uns einen Abend bis eins geschwätzt.
Hasse diese Bude und möchte heraus, aber wie? Zum erstenmal mit der Maus ein heimloses Weihnachten, hier kann man keinen Baum machen mit neugierigen Leuten herum. Werde also zum Baschl gehen.
Mörderische Zahnentzündung.
Koche jetzt mittags bei Strahlendorf als Wanderköchin, esse dafür umsonst, Zähne rasen aber man muß wohl oder übel schaun, wie leben. So schaut man denn und lebt.
Zu Cecconi, Zahnbehandlung, nehme vorher Morphium und habe dann die nötige Courage.
Abends zu Hofmanns Baum schmücken. Hallwig und Putti. Ich schmerzgelähmt auf dem Sofa.
Weihnachtmittag erscheint Hofmann mit Kegelspiel für die Maus. Strahlendorf bringt Blumen, dann zum großen Rolf. Er mit Maus in die Stadt und Spielsachen beladen zurück. Seine Frau überreicht mir 100 M. im Böhlauschen Auftrag und ich zerfließe in Tränen vor Erleichterung, ärgere mich schrecklich darüber.
Zum Baschl die alten Lenbachs und Kopp große Mäuseseligkeit. Ich bin ganz Zahnweh. Spät mit der Maus und all ihren Weihnachtssachen im Fiaker heim und zu Bett. Wie haben wir uns lieb, o Gott, meine Maus.
Die arme Wanda, ich war nachmittags dort und fing ebenfalls an zu weinen, sie war so trostlos anzusehen. Also ein tränenreicher Tag!
Früh am ersten Weihnachtstag Orlonsky mit Futterkost von Frau Güttner. Ich noch im Bett, macht mir Kaffee etc. Alle Mittage bei Strahlendorf, sehr zahnwehig und angegriffen, ich liege auf dem Sofa, und er kocht, dazwischen Wohnungssuche, verstimmt darüber, daß ich doch wieder in München bleiben muß ohne alle goldenen Berge, ohne malen zu können.
Silvesterabend. Mit Monsieur in seinem Bureau, unser fünfjähriges Jubiläum gefeiert. Erotische Freundschaft mit etwas Heimweh drin. Soupieren zusammen im Künstlerheim. Nachher um Mitternacht zu Hofmanns, wo diese mit Hallwig und Putti, Schuler und seiner «Mama» zechen.
Schuler weissagt aus den Bleigießereien, ich habe einen Tod mit Pierrotkrause und eine Schlange dabei, Hallwig eine Menge verschiedener Sachen, die z. T. wie Schiffe aussehn. «Hallwig, Sie sind ein zerfahrener Mensch.»
Er selbst betont die Schiffe und das «Schweifende». Die ganze Stimmung sehr froh und schön. Putti in ohnmächtigem Schwips. Ich kriege auch einen. Er zog mich in sein Zimmer, um mir die Eulen zu zeigen: «Ich habe dich so furchtbar lieb »
Ich etwas umnachtet rufe nach Luft, er die Fenster auf, ich will aber zur Tür hinaus, nehme «halb unbewußt» meinen Mantel und gehe heim. Im Bett Reue, daß ich fortgegangen.
Neujahrsmorgen zu Hallwig, bei ihm im Zimmer, dann kommt Hofmann. Wir sprechen von gestern abend.
Mit Orlonskys Hilfe Wohnung gefunden, herrenlose, wo man nicht einmal zu mieten braucht. Bekomme von der Bäckerin den Schlüssel und nehme sie. Atelier dabei !
Nächsten Tag schwieriger Umzug, mit Onsky auch den Baschlspeicher geräumt, nächsten Morgen die Sachen von Wanda, der Miezewohnung und Rodi zusammengeräumt. Draußen tiefer Schnee, Maus im Schlitten hinter den Dienstleuten her gefahren. In dem dunklen Rodizimmer die letzten Sachen auf Bubis Schlitten gepackt und damit in unsere neue Wohnung. Am andern Morgen kommt Hofmann helfen. Gespräch im Atelier Montag nachmittag. Was will das werden? Ich habe nichts davon gewußt, aber es geht mir auf wie etwas Leuchtendes.
Onsky und ich den ganzen Tag eingerichtet, abends noch in die Stadt und zur Flingelli gefahren. «Die Flingelli hat Sie wohl sehr lieb? Ich habe Sie ja auch furchtbar lieb.» Ich entziehe meine Hand und werde verhängnisvoll: man darf mich überhaupt nicht lieben etc. etc. Glücklich abgewendet.
Carlo
Unsere Nachmittage. Mein Leben ist jetzt sehr sonnig, ohne allen Schmerz unendlich viel innere Heiterkeit. Gesund sein und Ruhe. Bubi und ich fangen am frühsten Morgen an zu singen, er geht in all meinen Stimmungen mit, und alle strahlen auf ihn aus. Ich kann mit allem zu ihm. Alle Morgen gleich nach dem Frühstück aufs Eis. Dort Onsky und nachher bei Rodi. Laute helle, kalte, wundervoll frohe Wintertage mit lauter Sonne im Innern. So hab' ich seit Iahren nicht gelebt.
Der Moltonsche Kuhhandel zustande gekommen. So sind die Sorgen auf lange Zeit beseitigt. Will Massage lernen, kann aber nicht als Schülerin ankommen. Verdinge mich als Lehrling im Atelier Jessonde, jeden Nachmittag von zwei bis sechs. Vormittags Eis, dann Mittag essen, Bubi Kindergarten und ich ins Atelier, wo ich mich «Fräulein Emmy» rufen lasse als Pseudonym. Komme mir ganz verrückt vor mit der dicken, alten «Direktrice», die trotz fünfzig Jahren noch keine Falten oder doch ziemlich viele hat und der kleinen Greti, «einer Zofe». Die sonderbaren Weiber, die zur Schönheitspflege hinkommen und mit der Alten ziemlich entkleidete Gespräche führen dazwischen langes Herumsitzen in dem halbdunklen Zimmer.
Man sieht so ungefähr, wie der Schwindel gemacht wird, aber das ist auch alles.
Greti plaudert mir an einem Nachmittag alles mögliche aus über den Schwindel, die Alte etc., daß nie mehr Klienten kommen wie jetzt, alle paar Tage einer etc.
An einem der nächsten Tage meine Sachen genommen und ausgerissen, halte aber bei meinen Bekannten aufrecht, daß ich noch hingehe. Noch ein Versuch gemacht, die wirkliche Massage zu erlernen, aber vorderhand nichts zu wollen.
Zwischendurch viel Näherei und alle Tage Eis mit Onsky. Habe noch etwa zwei Monate zu leben und lebe einmal ganz zwecklos, dehne mich in der Sonne, die so ungewohnt ist. Es ist ein ganz neues Stadium, die sonnige Höhe und auch neu, daß ich's hüte.
Turne mit der Maus und bin wirklich einmal so gesund und voller Kraft.
Von Hallwig löse mich mehr und mehr und es tut nicht mehr so weh und doch manchmal soviel Sehnsucht.
Der Karneval geht an, immer noch Eis und Schlittschuhlaufen. Schon seit langem kommt Onsky jeden Abend und gehört auch ganz zu meinem Leben. Reden tun wir nicht viel, aber ich merke ihm vieles an, worüber er schweigt, sehe aber nicht ganz klar durch. Moi sie äußert sich manchmal, er nie.
Vorbereitung zur Elendenkirchweih, Kostümproben. O. bleibt auf dem Sofa schlafen. Kostümieren uns. Rodi, Mieze und ich bei Falkenbergs, Bubi bleibt zur Nacht bei Wanda. Ich altes griechisches Theaterkostüm mit Dolch im Herzen. Gehen dann zu Hofmanns, holen ihn ab und fahren nach Pullach, von Großhesselohe mit Schlitten.
Das Fest sehr bunt und froh trotz der allgemeinen ziemlichen Blödheit. Die gewohnten Karnevalsintermezzi mit Falkenberg und Wedekind, wieder schöne Augenblicke mit meinem Tannhäuser, Pierrot, der mich als Lukretia verfolgt. Onskys schöne Berserkerwut wirft das Brüderlein an die Wand, haut sich selbst an seinem Schwert blutig ich möchte sehr gut und lieb zu ihm sein, aber er ist nicht zu fassen, stürmt immer wieder davon, und ich werde in lauter anderes hereingezogen.
Wurde aber im Augenblick ganz traurig, daß er mit den andern schon um vier Uhr fort. Dann durch die Morgenstunden große Gemischtheit im Teesalon die verbrecherischen «Geschwister», dann ist Tannhäuser auch fort, und Falkenberg versucht, mir mit meinem Dolch «die Haut zu ritzen».
Heimfahrt im Wintermorgen zu Falkenbergs. Die Maus grad aufgewacht und kriegt was mitgebracht. Heimkehr zur Maus ist immer so wunderschön. Warmes Bad mit ihm, dann Morgenspaziergang nach Hause und aufs Eis. Orlonsky läßt sich nicht sehen, nachher bei Rodi Botschaft, daß er krank. Mittags bei Sokisch, geschlafen, dann zu O., er steht im Regenmantel und Mütze am Ofen und ist sehr elend.
Wieder Eistage und helles Wetter, gehe heroisch nicht zum Bauernball, dafür zur Nachkirchweih. O. erscheint fast jeden Abend in einem andern Kostüm. Zur Nachkirchweih Holländerinnenkostüm. Rodi, Mieze, Onsky und Adrian versammeln sich bei mir. Gehen erst um zwölf hin. Schwierigkeiten, bis Mieze hereingemogelt ist.
Rodi, Adrian und meine Trios im Bierstübl.
Zum Scharfrichterball. Rodi, Onsky und ich als griechische Knaben in schwarzen Trikots, roten Kränzen und weiß beschnürten Beinen, waren wirklich sehr schön. Onsky Keilerei mit dem schönen Meier, der mir «zu nahe trat».
Auch wieder in Wedekind verliebt, er nahm mich gegen Morgen an die Hand, führt mich um sich herum und schaut mich an. Frage ihn, ob ich ihm jetzt endlich einmal gefalle. Darauf «fabelhafter» Blick, und ich reiße aus, damit dieser große Augenblick durch nichts zerstört würde.
Morgens mit Onsky und Maus Schlittschuh gelaufen auf allerletztem dünnen Eis, dann bei Rodi Tee.
Sonntag das Hofmannfest, wieder im griechischen Kostüm, alles sehr wundervoll. Erscheinen der verschleierten Dame.
Überhaupt noch keinen Karneval so erlebt wie diesen, so unendlich bewegt, so einmal in «vollen Zügen». Nur Monsieur ist ganz daraus verschwunden.
Nachher noch mit Onsky, Adrian, Willy im Leopold. Dann mit O. heim, übernachtet auf meinem Sofa. Einen Augenblick schwankt die Grenze auch bei mir.
Montag Schererabend vorher: wie er sie getroffen hat. Zorn.
Das Anziehen wieder dieselben Kostüme, nur wir beide. Gefühl, als ob ein Sturm oder eine Lawine käme, nicht zu entrinnen. Hinfahrt bei Regen und sehr spät. Dort alles sehr stimmungslos, bis der «Knäuel» sich arrangiert und immer das Gefühl von Sturm, der näher kommt.
In strömendem Regen zu Fuß heim, verlieren die andern erzählt mir alles, die ganze Geschichte, die mich sonderbar erschüttert und aufwühlt. Dann die Morgenfrühe und der Sturm kommt. Mein zorniger, verwundeter Krieger.
*
Langer Schlaf: «Bereuen Sie?»
Fühle mich Erosdurchleuchtet. Der Krieger bleibt liegen, ich mit der Maus und der ganzen Gesellschaft zum Straßenkarneval, abends zu Rodi, Beardsley holt mich ab. Alle müde, klappen ab, trotzdem Luitpold.
Unsere Stunde daß wir zusammengehören.
Daheim wartet der Krieger auf mich kein Konflikt, fühle mich so überreich. Liebe alle und alles.
Spät noch mit Herbert ins Leopold, komme heim, alles voll Konfetti.
Aschermittwochmorgen im Rodigarten, sitzen in der Sonne, mir ist frühlings- und lebensselig. Schlafe nachmittags von Rodi und Orlonsky behütet auf Rodis Bett unter dem grünen Plumeau, wie schon oft.
Das Panzerhemd hängt an meiner Wand und das Eisenhemd, darüber mein roter Weinlaubkranz.
Frühlingsspaziergänge durch Biederstein und nach Föhring. «Gemäuse».
Maus spielt unten auf den Wiesen, es sind lauter Frühlinge um mich her; denke viel an diesen Winter, all diese letzten Monate, die unsagbar reich waren, habe jeden Tag in mich getrunken und soviel Sonne in mich aufgenommen.
Morgens mit Hofmann im Biedersteiner Park war noch nie so wenig zur Arbeit aufgelegt wie jetzt, alles sträubt sich dagegen, bin ganz ent- und verwöhnt.
Werdenfelserfest. Tanz mit Onsky, ich wieder Griechin, er Panzer. Mit ihm tanzen ist wirklich schöner Wahnsinn ob wohl andere es auch so empfinden?
Mittags Hofmanns abgeholt, aber nicht ganz glücklich verlaufen. Herbert Affäre. In der Früh Herbert, Onsky und ich zu mir, vormittags geschlafen, nachmittags Weg nach Schleißheim, liegen im Fichtenwald, Rodi und Büttner, Kaffee in der kalten Herberge. Drei Tage später Nachfeier das allerletzte Ausklingen des Karnevals. Masur. Eifersucht, wenn andere mit ihm tanzen sonst nicht.
Immer noch Frühlingsgänge und Rodigartensitzungen. Kann mich nicht recht aus der schönen Bummelei zurückfinden so langsam wie möglich. Schließlich doch wieder in den Fleiß mit hartem Bemühen ein Tag nach dem andern, und es will nicht recht weiter.
Der unselige Freitagnachmittag.
Meinte zuerst, daß alles verschüttet. Weiß es noch nicht. Etwas ist sicher verschüttet in mir. Er leidet vielleicht noch mehr darunter, und ich kann es nicht von ihm nehmen. Ein paar schlimme dunkle Tage. Dann wird's wieder etwas lichter, aber nicht ganz. Es ist doch etwas geschehn, hat sich zwischen uns gelegt. Der Glanz ist verwischt, der vorher über uns war.
Mundentzündung. Fühl' mich todelend, fiebrig, schauderhafte Schmerzen und Deprimiertheit, liege herum. Gott sei Dank ist die Arbeit eben noch fertig geworden. Sehen uns oft, fast alle Tage aber wir kommen nicht drüber hinweg. Es erneuert sich immer wieder. Auch von andern Seiten soviel Vergessenheit, die mir jetzt wohltut. Liebe und Pflege von beiden, aber verschieden.
Die gute, gute Maus. Ihr Gemüt kommt immer mehr zum Vorschein. Erzähle ihm Geschichten, soviel ich's aushalten kann, doch jedes Wort sprechen tut mir weh; überhaupt, ein unsagbar gräßlicher Zustand. Früh und spät zu Cecconi, sonst gar nicht heraus, nur keinen Menschen sehn. Dabei die Marie fort, muß alles selbst machen. Hallwigs Krankenbesuch.
Mal besser, dann wieder schlimmer. Jammre um die schöne Zeit, die vergeht mit infamen Gefühl und Unlust zu allem.
Henry.
*
Hofmann fort regnerischer Tag.
Laufe mit der Romansubskription herum. Henry kommt oft, ist endlich wieder der alte liebe Freund, der sehr geliebte.
Hab' alle Zeitrechnung und allen Zusammenhang verloren. Und soviel schöne Zeit eingebüßt. Draußen ist es grün geworden, und ich habe es kaum bemerkt, nur täglich zum Arzt und notwendige Sachen rennen, sonst stumpfsinnig und verzagt über die Endlosigkeit zu Hause gesessen. Nun ist's schon Mai; das Geld längst zu Ende, man «fristet» wieder, rutscht so durch, kann nichts Rechtes anfangen, aber vorgestern wieder eine Arbeit von Marchlewski bekommen, die etwas bringt. Durch alles das verzettelt sich das Leben so, und das hass' ich so sehr andere glauben, es läge tief in meiner Natur, und ich wollte es im Grunde so. Gott erleuchte sie besser. Eben war alles so schön im Geleise, in Friede und Freude, da muß mir dies kommen. Liegt das denn an mir?
Ewige Besuche und Besprechungen wegen der Subskription. Briefe, daß ich nach Ravello kommen soll aber wie kann ich? Von der Maus fort, es ist mir doch undenkbar. Und mit der Maus geht es nicht.
Viel hin und her. Eigentlich will ich nicht, und doch zieht's mich arg.
Heut morgen plötzlich das Gefühl: ich tu's doch und dem folge ich jetzt. Wanda will die Maus nehmen, ich weiß noch nicht, wie ich es aushalten soll. Soll ich's wirklich tun?
Geschrieben, daß ich komme, aber eigentlich nur halb sicher, daß ich es wirklich tu', zieh' es noch etwas hin.
Henry gesagt
Henry-Abend! Und so froh!
Heute will ich nun wirklich fort, aber mir ist entsetzlich trübe und angstvoll zumut. Das «Vorausheimweh» habe mir alles so schön klargemacht, daß Bubi sehr gut aufgehoben, daß man nicht so sentimental sein soll, daß ich doch so große Lust habe aber wenn ich das kleine Geschöpf ansehe, denke ich wieder, ich kann's nicht aushalten.
*
Tat es aber doch am Mittwoch nachmittag. Onsky mir packen geholfen. War so sehr gut und ich melancholisch und in allem unsicher. Abends die Maus zu Wanda, ins Bett gebracht. Sie nimmt es sehr vernünftig, sagt, sie wolle sehr artig sein, und ich sollte nicht traurig sein und nicht dran denken. Müssen uns unendliche Male, ruft noch einmal etwas weinerlich hinter mir her: «Mamai, mach doch die Türe auf» da bin ich beinah' noch dageblieben. Dann zum Bahnhof. Mit Falkenberg bis Verona gefahren. Abends elf in Rom, morgens früh in Neapel. Mich abgeholt.
Zwei Tage Ravello, ganz sonderbares Gefühl, mit einmal dort zu sein in dieser ganz andern Welt, an der blauen Bucht. Wundervolle Tage, viel Aussprachen in der Sonne herumgehn. Wahnsinnige Sehnsucht nach der Maus, die ich nur dadurch zu beruhigen suche, daß ich kurz bleibe. Dabei wieder ganz vom Süden angetan.
Ob das Eine je wieder gut wird je wieder kommt?
Viel darüber geredet. Aber im ganzen alles doch so sehr schön, harmonisch.
Rückfahrt nach Vietri ein Sonntagmorgen, brennendes Heimweh nach der Maus, hätt's nimmer ausgehalten, wenn ich nicht gewußt, daß ich heute fahre, ihr entgegen. Der dunkle Bahnhof wie ein Hohlweg, um elf Uhr in Neapel, nächsten Morgen früh in Rom, zwei Stunden herumgefahren, alles so sonnig und froh. Nachmittag Bologna, entschließe mich doch noch, nach Venedig zu Falkenberg zu fahren und morgen mittag weiter. Kam abends um elf an, mein Geburtstag, fahre in der Gondel zum Hotel, gehe dann essen, wo ich in Ohnmacht falle, und dann noch über den Markusplatz hin und her bis zwei Uhr. Nächsten Morgen zu den Bildern und auf dem Wasser. Dann um zwei Uhr nach Verona und weiter die Nacht durch. Früh München, zur Maus, feiern jetzt meinen Geburtstag nach.
Die ganze Reise wie ein sehr, sehr rascher, beinahe vorbeisausender Traum, mit sehr viel Schönem, und eigentlich gerade so schön, daß es so vorbeisauste. Die ersten Tage kommt einem München ganz fad vor, möchte die kleine Maus nehmen und mit ihm wieder in den Süden zurück.
Hals und Zähne wieder wie toll, miserable Schmerzen und nichts schlucken können, zum Doktor und Cecconi. Salzerbrief und Gegenbesuch Cecconikrach.
Monsieurabend.
Hofmann aus Italien zurück. Schöne heiße Tage, jetzt schon ganz Sommer. Arbeit, endlich wieder eine Zugeherin aufgesammelt und somit ziemlich entlastet, nur die Schreiberei, die nicht besonders schlimm.
Willy mit dem Sollnplan, auf drei Monate. So ist die nächste Zukunft wieder gedeckt, brauch' mich nicht zu überarbeiten und zu hetzen und werde bald wieder ganz droben sein auf dem Land mit Ruhe, Ausspannung und Maus!
Abschiedsnachmittag von Carlo. Voll Ruhe und schön. Zusammengehören.
Donnerstag früh mit Onsky und Willy an die Bahn.
Vormittags bei Hallwig. Annäherung von ihm von mir aus in einem ganz andern Sinn. Dort alles sehr fremd geworden und lieber nichts mehr, wenn alles frühere tot ist.
Mir ist jetzt wieder so sehr auf Einsamkeit und Tagebuch, hab's dies Jahr bisher sehr liederlich versäumt und vieles entgehen lassen, was ich gern festgehalten hätte. Das sind immer so Zeiten, wo man mehr nach außen lebt, aber die andere folgt immer. Jetzt möchte ich wieder lange Zeit nichts von außen in mich aufnehmen, mich ganz abschließen, allein sein Bubieinsamkeit mit Arbeit oder lieber ohne.
Mit Willy, Bubi und dem kleinen Franz nach Solln, Wohnung suchen. Todmüde zurück, bei Onsky halbe Stunde abgrundtief geschlafen. Nachts von Theodor Storms Zimmern in Husum geträumt, die ich gerne haben wollte. Ludwig wohnte darin, versprach sie mir aber für später.
Letzte Tage hier in der Dietlindenstraße soll schon nächster Tage hinaus Montag, mag nicht. Onskyabende und Herbert Abschiedswehmut, die mir immer so arg ist. Möchte im letzten Augenblick noch nein sagen. Nur für Bubi wird's sehr schön sein und außerdem sehr praktisch. Verflucht!
Fühl' mich heute, Montag, so schlecht, daß ich streike erst Mittwoch. Früh Willy mit Rosen, ich ganzen Tag auf dem Sofa mit Kopfweh. Abends Onsky.
Solln fad, fad. Möchte allein sein, nur allein. Fahre jeden Augenblick vor Nervosität nach München, zu Herbert, Onsky, Wanda.
Bubi hat's sehr schön, Platz und alles zum Spielen, ich auch meine Ruh. Aber trotz allem ist mir greulich zumut.
Heimwehkrank nach der Dietlindenstraße mit all ihren Erinnerungen und roten Wänden.
Arbeite an der polnischen Korrektur kann wegen Heuschnupfen nicht draußen sitzen, noch mit Bubi spazieren gehn. Aber die gute Maus ist in Sandekstase und hat einen Sandhaufen, in den ich ihm Treppen machen muß.
Wie ich dies Gefühl kenne, in einer Atmosphäre zu leben, die mir nicht paßt, wie ein Kleid, das schlecht sitzt.
Lutz vom Chiemsee zurück, die andern drüben in seiner Villa bringe Onsky an die Bahn, dann auch hinüber Weiber mit großen Mohnsträußen am Weg.
Polnische Arbeit, oft nach München, nachmittags bei Orlonsky.
Sitzungen im Hofgarten über die Subskription.
Mit Onsky Wendelsteintour, so schön, daß ich hinterher ganz sentimental bin. Nachmittags von hier fort; Bubi begleitet uns noch bis Ludwigshöhe mit einer Schokoladenstange in der Hand, kehrt brav und allein um. Bis Schliersee gefahren, von dort Birkenstein, Waldwiese, Glühwürmer, tiefster Traum. Das Wotanzeichen zur Erinnerung in den Baum. Der dunkle Waldweg, wo plötzlich dicht neben uns ein junges Pferd wiehert und auf die Berge. Rast in der Mitte, Schlaf, dann bei wildem Regen weiter. Kuhtränke und Teekochen an einem Stein. Um drei Uhr oben auf der höchsten Spitze, am Abhang eine kleine Weile geschlafen. Sonnenaufgang. Wolken darüber wie ein schwerer dunkler Vorhang, der sich allmählich hebt. Die wundervolle Morgenfrühe unter lauter greulichen Touristengesichtern. Toilette in der Kapelle, wo man die Tür aufreißt und bei unserm Anblick rasch wieder zumacht. Frühstück bei erstem Sonnenschein im Wendelsteinhaus. Dann Abstieg nach Brannenburg durch lauter Blumen und Steine. Der eratische Block am Bach. Bad, wo die Höhle des Urmenschen. O Leben, mein Gott, wie ist es reich und tief. Glühender Sommertag, als wir in Br. ankommen. Nach Tisch im Gras geschlafen, dann ein langer Nachmittagskaffee auf der Altane unter roten Blumen und Heimfahrt. Onsky hier auf dem Diwan.
*
Wäre ich nur allein mit Bubi, der Alltag ist fad hier, aber nur noch drei bis vier Wochen, dann ist Schluß und Freiheit.
Onskyabend.
Maus malt Pilze, die er sich aus dem Wald mitbringt und ich ihm zeichne. Bauen zusammen Indianerhütte und schleppen dazu Holz von weit her. Bubi: «wir müssen so tun, als ob wir Holzweiber wären, wenn jemand kommt.»
Will morgens nicht mehr nackt hinunterlaufen, weil der Metzger ihn ausgelacht und «Adam» genannt hat und die Magdalena ihm gesagt: «schamst di denn net?»
Daß das dumme Pack nicht begreift, wie schön ein nacktes Tierchen ist es verdient es nicht, daß man sich ihm zeigt, hab' ich ihm gesagt.
Jetzt kommt der Zeitpunkt für wesentliche Erziehungsmomente.
Ich will mit Onsky nach Kochl, aber krank. Fürchterliches Kopfweh, ganzen Nachmittag mit Eis auf dem Kopf im dunklen Zimmer, abends mit ihm nach Pullach. Nächsten Tage ganz krank, so wie mir launge nicht zumut gewesen ist. Bubi so lieb und ruhig und voller Rücksichten.
Ich bin eigentlich immer verzweifelt, wenn krank.
Mausiana: Wie wir im Wald liegen und die Bäume sich im Winde bewegen: «Die Bäume schütteln sich, wenn sie vergnügt sind, ich will das gute Bäumchen auch vergnügt machen,» worauf eine kleine Birke heftig geschüttelt wird. Angst vor «Kreuzackern». Erzähle ihm das Andersen Märchen von der Kröte mit dem Edelstein im Kopf.
Sonntag mit Maus nach Tisch nach Höllriegelskreuth, Böhlau besuchen, wahnsinnige Hitze. Nur Omar und das Fränzle getroffen, fuhren mit den beiden Buben Karussell. Dann bei Regen und Gewitter nach Pullach zurück.
Nachmittags mit Bubi gebadet. Onsky am Ufer. Maus schreit laut und selig: «Das ist ein schönes Gefühl,» und traut sich zum erstenmal etwas ins Wasser hinein. Nächsten Tag nach Kochel zu Rad. Die vermeinten drei Stunden verwandeln sich in sieben. Mit Todesverachtung hinter O. hergefahren. Hinter Wolfratshausen am Bach Rast und Tee. Immer dunkler, einsames Bauernhaus, wo alles schon schläft, die Frau aber aufsteht und uns mit Wasser tränkt. Abends um halb elf in Kochel an. Am nächsten Morgen Regen in Strömen, frühstücken in der Veranda am See und schaun, ob es heller wird. Dann Räder über den Kesselberg geschoben und von Urfeld nach Mittenwald. Waldlager am Ende des Sees. Halb drei Mittenwald, gegessen, ich auf der Bank vorm Hans geschlafen. Gewitter, dann durch den Ort gezogen. Nachmittags fünf auf Garmisch zu. Unterwegs wieder Regenguß in Heuhütte abgewartet. Nach Garmisch, Souper an der Landstraße bei einer Brücke. Bis Oberau, in einem Bauernhaus übernachtet, die Empiretassen auf dem Schrank. Früh um fünf nach Murnau weiter, dann Weilheim. Unterwegs mit dem Rad hingesegelt. Noch über zwei endlose Berge geschoben, dann an der Straße hingelegt, ich aus einem Bauernhaus Wasser geholt und Tee gekocht. In Feldafing bei Rolfs gegessen, um vier weiter nach Solln.
Bubi uns mit solchem Freudenschrei: «Mamai!» entgegen, daß mir Tränen in die Augen kamen.
Nächste Tage müde und wehmütig, wie immer, wenn etwas so unglaublich schön ist.
Bubi fragt unendlich: Wie die ersten Menschen auf die Welt gekommen ich: die waren eben schon da. «Und die ersten Bäume, wo noch keine Sonne und keine Bäume da waren? Mamai, manchmal sind Bäume doch keine Frauen, und dann haben sie kein kleines Bäumchen.»
350 Subskribenten fühle mich millionenreich.
Liegen in unserm Wäldchen auf der sonnigen Lichtung, und ich erzähle ihm den Trojanischen Krieg.
Solln naht sich dem Ende. Bin die letzte Zeit doch gern dagewesen, jetzt ist mir leid, fortzugehn, gerade wo das Fädchen sich der schweren Stunde naht. Kann aber nicht dabei bleiben, weil mich vor solchen Sachen furchtbar fürchte.
Morgenspaziergang nach Pullach. Der Hund stöbert einen Igel auf. Bubi ganz leise: «Mamai, ist das ein wirklicher Swinegel?» Eine halbe Stunde sehr nachdenklich, dann plötzlich: «Deshalb ist das Leben für den Swinegel so schön, weil er die Stacheln hat und ihm niemand etwas tun kann.»
*
Nachmittags nach München, schrecklich nervös und deprimiert und sentimental.
Wohnung suchen mit Willy. Mon Dieu, mon Dieu, ich werd's doch nicht aushalten. Lebenskommunismus ist mir doch unmöglich. Aber ich werde wieder malen, das leuchtet über alles.
*
Roman wird jetzt gedruckt.
Nun hab' ich sechsmal Rolfs Geburtstag erlebt, und jedesmal ist es, als ob ich ihn neu bekäme.
Rad von Fädchen, ich glaube, ich habe mich ebenso sehr darüber gefreut wie Bubi, war ganz gerührt, und mußte morgens früh hinuntergehen, um das Rad zu sehen, ob es wirklich wäre.
Maus bekam seine Sachen im verdunkelten Zimmer, damit die Lichter mehr Effekt machten. Entdeckt alles erst allmählich, ganz zuletzt auch das Rad und begriff erst allmählich, daß es ihm gehörte. Ganz entgeistert vor Glück. Nachmittags mit Maus nach der Menterschwaige, kleine Differenz zwischen uns und Tränen. Dann ganz schmerzlich: «Nun hab' ich an meinem Geburtstag geheult.» Das tat mir so entsetzlich leid, und wir sprachen uns aus und trösteten uns wieder. Maus überhaupt etwas übererregt, ganz blaß, ist doch ein nervöses Kind.
*
Er muß jetzt schwimmen lernen. Erst versuche ich ihn mitzunehmen und zu halten, aber so entsetzlich geschrien, sich das ganze Mäulchen innen blutig gebissen. Hab' ihn dann der Schwimmlehrerin übergeben, erst immer noch Geschrei, allmählich gewöhnt er sich dran, aber immer noch mit innerer Angst in Augen und Mund und ein ängstliches Fragen.
«Es ist ein schreckliches Gefühl.»
Heute macht es ihm schon Spaß, nur einige große Angstmomente.
Wo bleibt O.? Kommt nicht und kommt nicht. Hat Seerosen geschickt, habe sie in einer großen Schale vorm Bett und träume mir einen heimatlichen See daraus.
Hofmann auch immer noch nicht da. Ihr solltet alle um mich sein und die andern fort.
Monsieur von der Tram aus gesehen und den alten Schock gefühlt. Muß ihn doch immer und immer wiedersehen.
Ich sage nun den ganzen Tag innerlich o Gott, o Gott, o Gott, so schlecht und zerrissen ist mir von den Menschen im besonderen und im allgemeinen, so einer der Momente, wo die zu angespannte Saite in mir reißen möchte und alles nach Einsamkeit schreit, so tief, wie sie nur sein kann. Mein Gott, an unser Zusammenleben zu dritt soll ich meine Freiheit verkaufen, aber der Preis ist malen, und ich habe immer den Bubi neben mir, Ruhe vor den Sorgen, die mich wie Wanzen fressen.
In Schloß Winkl. Sonntagnachmittag. Onsky fort, Maus malt am Fenster eine Gebirgslandschaft. Habe mittags lange bei ihm am Brunnen gesessen, wo seine Tiere schwimmen und ihm Geschichten erzählt. So wundervolle Sonntagsstille, kann mich nicht entschließen, von Hans fortzugehn. Dann hinauf und meine Malsachen ausgepackt, in einer Ecke vom großen Zimmer etabliert, all die Skizzenbücher und Leinwand, die schon mit in Samos waren. Und noch einmal geht mir das Samos-Henry-Heimweh wieder durch. Aber es soll eine frohe Auferstehung der Toten werden.
Letzten Münchner Tag kam Henry. Abends mit ihm Osteria, unendlich viel von Hallwig gesprochen, nachher vor dem Cafe die Straße auf und ab. Dann mit Onsky und Hofmann bis spät nachts.
Konnte es dann nimmer in München aushalten und Hals über Kopf den nächsten Tag aufgepackt und hierher. Lange müde, regnerische Fahrt, eine Stunde mit der Post schon im Dunkel. In Grabenstädt abgestiegen, mit der Maus in einem guten Bett geschlafen und mit seiner Negerpuppe, die ich ihm noch auf dem Weg zum Bahnhof gekauft.
Samstag morgen übergesiedelt, ausgepackt und eingeräumt. O, hier wird mir wohl sein. Mir bangt nur, wie es in München werden soll. Dazu einiges Zahnweh und ärgere mich immer, wenn ich mich so gar nicht von meiner Glanzseite zeige. Werde ein paarmal sehr gereizt gegen O. und Bubi. Ich kann und kann und kann doch nicht mit Menschen leben, jetzt kommt wieder der ganze Rückschlag von dem Sollner Sommer.
Mit Orlonsky ja, auf Zeiten wenigstens, weil er die Ferne hat und hält, d. h. zu mir, sonst hat er bei aller Einsiedlerei doch wenig Menschenferne, gibt zu leicht die Hand. Ich will mich sehr versenken, um all die Zersetztheit der letzten Jahre loszuwerden. Das andere geht nur drüber hin wie Wolken, aber ich möchte, daß der Himmel einmal sehr blau würde mit vielen Sternen. Denke viel nach und mache Resümees. Nach Samos die Zeit am Roman war gut, nur von dem vielen Arbeiten aufreibend, und ich hätte Ruhe gebraucht. Dann der schreckliche Münchenwinter Territet Steben mit allen Hallwigaufregungen, der Ausgleich wieder in dem Schäftlarnherbst, wo der Roman fertig wurde. Der Winter sehr sonnig und heiter und froh. Dann die lange Krankheitszeit, unterbrochen von Italien und dann Solln, das sehr schlimm war. Kulminationspunkt nach unten München Willy. So mußte es jetzt wieder in die Höhe gehen. Und das Winter-Konglomerat muß durchgebissen werden, und überhaupt alles muß jetzt durchgebissen werden, wenn ich nur wieder malen kann und nicht mehr schreiben. Die Schreiberei kommt mir vor wie ein Tier mit einem Stachel, den man sich langsam und mühsam aus dem Fleisch ziehen muß. Aber hier ist gut sein und gut zu allem werden. Die Zimmer, wie ich's gern hab', groß, luftig, nur wenig Sachen drin und freies Land ringsum. Wenn jetzt die Götter gnädig sein wollten! Ich will viel ausruhen und Zarathustra lesen und die Greulichkeit der Zukunft auslachen.
In den Herbstabend hinaus, alles schwarz und der Himmel rot. Laufen um die Wette, ich fürchte mich, nahe an den Wald zu gehn. «Du feiges Mamai».
Dann noch ein Stück die Landstraße hinunter an den Häusern vorbei, wo alle schon drin sind bei Licht. Eine Probe auf die Mausliebe gemacht.
Wenn ich nun ein anderes Geschöpf möchte wie dich? Steht vor mir im Nachthemd und sieht wahnsinnig entzückend aus. «Willst du ein schöneres aber ich bin doch schön, wenn ich nackt bin.» Ich: alle Kinder sind schön, wenn sie nackt sind. «Aber sie schauen nicht so rund aus» dann mit Tränen: «wenn du mich nicht mehr willst, dann geh' ich.» Wohin? «In den Wald oder ins Gartenhäuschen.» Man fühlt, wie er sich's ausmalt und wirklich Angst hat.
Wird dann schnell beruhigt ich kann manchmal so etwas nicht lassen, liegt solch ein Reiz drin, tiefere Affekte hervorzuholen. Aber wenn ich nun auch einmal stürbe? Wieder in Tränen: «Aber das glanb' ich nicht, ich glaube, du stirbst noch nicht erst, wenn ich groß bin.»
So und dann kann ich sterben.
«Nein, eigentlich möchte ich, daß du dann auch noch lebst.»
Möchtest du denn gar kein anders Mamai?
«Nein, ich möchte nur noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen, aber dazu ist es zu spät.»
Nach Tisch mit Bubi und Onsky durchs Schilfrohr mit dem Fischerkahn zum See. Den Rückweg nicht gefunden, bis zur Dunkelheit im Schilf herumgesucht, endlich ans Land. Maus beim Herumpatschen alle Kleider durchnäßt, in Onskys Jacke gewickelt, war sehr müde und lieb. Sage ihm im Boot, er sollte schlafen: «nein, ich möchte die schöne Welt noch sehn.»
*
Wieder in München, um Ludwig zu treffen. Abends mit Hofmann im Cafe. Den Nachmittag zu Hause auf dem Diwan gelegen, ganz allein, bis in den Abend draußen die Herbstsonne.
Ich habe so selten einmal Zeit zum Träumen und doch so viele Träume.
Mit Ludwig und Maus auf die Oktoberwiese. Maus in zerstreutem Entzücken. Um vier Uhr Ludwig abgefahren. Abends Hofmann. Ruhige, liebe stumme Stunden neben meinem Sofa gesessen, fühlte mich ihm wieder so sehr nahe. Bei mir wechseln immer Zeiten, wo ich überhaupt innerlich kalt und müde bin und nur schlafen will und solche, wo alles lebendig ist. Und ebenso stehe ich dann zu den Menschen, entweder ich liebe keinen oder alle.
Sonntag früh schlimmen Brief von Onsky, hat Hofmanns Brief in einem Buch gefunden, es fiel mir ganz dumpf und schwer auf die Brust und solch ein Gefühl von Verzagen. Ich habe so viel geschwiegen und bin so vorsichtig gewesen, um ihm nie weh zu tun und glaubte doch, daß er alles ganz gut wüßte. Es ist so selten gewesen, daß ich so viel gebe, und er will immer mehr. Ich will nur begehrt sein, wenn ich selbst begehre ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtlegen.
Sonntag mittag mit Adrian und Willy nach Solln. Zug entgleist und wir alle im Fiaker zu Hofmann. Ich am Abend müde nach Winkl. Und nun wieder gerührt über das Schweigen.
Bin sehr unliebenswürdig letzteres beiderseitig, aber immer: bei mir gibt's nicht vielleicht ebenso wie bei mir bestimmte Schwächen nicht zugeben wollen, damit sie nicht etabliert werden. Zum Beispiel bei der Bemerkung, der und der wäre so, wenn du gut gelaunt wärst ich: man braucht mir nicht immer von meinen Launen zu sprechen. Onsky höchst erstaunt: er hätte nie Launen, wäre immer gleichmäßig und brillant aufgelegt. O Orlonsky! gehört immer zu denen, denen man unbedingt recht geben muß, sonst werden alle Spieße umgedreht, und ich bin die eigensinnige, die niemals Räson annimmt, die immer schwarz findet, was weiß ist etc. Ich wurde verstimmt über ein solches Gespräch und bekomme erklärt, daß es überhaupt unmöglich ist, mit mir darüber zu reden. Kenne das noch von Hallwig her, gerade diese Seite von Eigensinn, die es immer so dreht, daß nur der andere eigensinnig ist. Gewinne aber dabei die Einsicht, daß ich mich zu sehr gehn lasse, wenn mich die Nerven zwicken und beschließe jetzt, einen wahren Kultus der Selbstbeherrschung zu treiben, vor allem im «Nachgeben».
Weiß selber ganz gut, wann und warum ich kratzbürstig bin, vor allem, wenn ich nicht genug Zaun um mich herum habe.
*
Mausiana:
Beim Baden, als O. ihn zu sich locken will, aus Angst untergetaucht zu werden: «Nein, Onsky, du sollst selbst dein Vergnügen haben, du sollst selbst dein Vergnügen haben.»
Als er einmal gespritzt wird: «Nein, Onsky, ich bin jetzt schon genug abgekühlt, ich glaube, die Wasserkraft ist zu stark für mich.»
Erzähle ihm gestern abend das Andersenmärchen von der Lerche, die im Käfig verdurstet, und dem Gänseblümchen, das zugleich verwelkt. Bubi liegt neben mir am Boden, fängt auf einmal entsetzlich an zu weinen. Ströme von Tränen «Das arme Vögelchen und das arme Blümchen, ich hätte ihm einen großen Käfig gegeben und viel Wasser.»
Tröste ihn mit lustiger Geschichte er will nachher dem Onsky erzählen, daß er über dies Märchen geweint hat ich: aber das erzählt man doch nicht worauf er beschämt schweigt.
«Mamai, du hast doch eigentlich eine schöne Stimme!»
Reiten brenne darauf und fürchte mich. Überhaupt ängstlich mit meinem Leben, seit ich immer denke, wenn mir was passiert, muß ich die Maus zurücklassen. O. reitet einstweilen die Pferde zu, die beide bockig sind.
Porträt von Bubi angefangen, zitternd innerlich. Das erstemal, daß ich seit sechs Jahren wieder einen Pinsel in der Hand habe, und mit Glücksgefühl, daß es doch «dasjenige» ist alles einfach. Ich bin verwildert bei all dem Hin und Her der Muß-Arbeit. Aber es ist noch nicht zu spät.
Das gute Herz [gibt] sich die größte Mühe, still zu halten, es tut's aber doch nicht immer, und ich bin so töricht, dann ungeduldig zu werden.
Hab' die Flingelli Marie herauskommen lassen, um mir die Hausarbeit abnehmen zu lassen, damit wir manchmal Touren machen können.
Morgens Radübungen, ich lerne am Herrnrad aufsteigen, und mit dem gewohnten Pech trete fortwährend Speichen heraus. Dann geb' ich der Maus Radlstunde.
Nach Traunstein mit Onsky geradelt, mußte wieder an Monsieur denken, wie wir uns vor vielen Jahren einmal dort treffen wollten, und doch nichts daraus wurde, weil ich keine anständigen Kleider hatte.
Ihm eine Karte geschrieben.
Tour auf den Hochfelln um halb fünf bei herrlichem Morgenrot aufgestanden, Maus aufgewacht, bleibt im Morgenrot im Bettchen liegen, als wir fortgehn, freut sich daran und ist so lieb, daß ich mich kaum entschließen kann.
Erster Reitversuch, traue mich nicht einmal zu traben nur ein ganz klein bissel. Bei der Traunsteintour nur ein Pedal ums Bein geschlagen, weil ein alter Herr mir beim Aufsteigen auf die Füße sah. Trotz geschwollenem Bein um den Chiemsee geradelt bei herrlichem Wetter, einmal langes Stück zu Fuß durch den Wald, allein und ganz versunken, während O. weit voraus war. Mit argen Schmerzen zurück und über acht Tage lahm. Muß das Reiten deshalb wieder lassen. Am Bubibild, das nicht werden will, und eine Skizze von der Maus gemalt. Im ganzen bummle ich schrecklich, aber mit Genuß und dem Gefühl tiefen Ausruhens. Bin viel verliebt in den Onsky so, daß er mich unruhig macht. Traurig, wenn er nicht da ist und über jede Kleinigkeit, die mir an ihm nicht gefällt. Sein ganzes Wesen mit andern Leuten, dies viele Anbiedern, joviale Intimität mit Gutsleuten, Bierbrauern etc. stört mich fortwährend ich will ihn vornehm und reserviert haben. Es ist kindisch, aber ich werde das nie los und bin fortwährend froissiert. Hätte ich ihn nicht so lieb, wäre es mir gleichgültiger eine alte Geschichte.
Und er versteht nie, warum ich grantig oder nervös bin.
Herbstmattigkeit, ein paarmal Blut ausgespuckt und wieder Schwindsuchtsangst, die mich auch sehr deprimiert.
Willy einen Abend und Tag. Früh Reitstunde auf der Wiese, der Gaul bockt, und ich fürchte mich, bleibe aber doch oben.
Früh zwei Uhr mit Willy nach Übersee und nach München. Erst nach Solln, dann Marchlewski, Rolfs und Hofgarten in der Hoffnung, Henry zu sehn. Unendliche Besorgungen, abends bei Herbert und auf einem Sofa übernachtet. Fahren um halb nenn nach dem Bahnhof und ich wieder zurück nach Winkl. Bubi und Onsky an der Bahn. Heimatsgefühl und sehr viel Liebe.
*
Male im Kuhstall, Onsky dressiert den Stier, läßt Maus auf ihm reiten. Manchmal Pferdereiten, aber immer kommt etwas dazwischen, Lahmheit oder Wetter.
O. abends nach Grabenstädt, ärgere mich darüber wieder ganz kindisch. Es kränkt, daß jemand, der jeden Abend mit mir zusammen sein kann, lieber in dem stumpfsinnigen Nest mit Fischern oder Honoratioren am Biertisch hockt. Finde es Mangel an Geschmack und etc. pp. und bin dann auf ihn verstimmt.
Sonntag nachmittag mit Bubi und sechs kleinen Mädchen in den Wald, ich gemalt und die Kinder gespielt. Bubi hat doch viel Feminines, aber das liebe ich sehr an ihm und protegiere es, damit er später nicht einmal mannsimpelt. Denn ein wirklicher Mensch hat doch beides in sich ich zum Beispiel.
Sehnsucht nach Hallwig, die manchmal ganz plötzlich und dann mit unglaublicher Heftigkeit aufwacht. Sie wird auch immer und immer bleiben.
Von allem Persönlichen, womit wir uns gegenseitig zerreißen, abgerechnet, bleibt er doch der einzige Mensch, mit dem ich mich in letzten Tiefen verstanden habe. Darin bin ich seither ganz allein.
Madonna für den Onsky malen. Bubi vergoldet alle möglichen Schachteldeckel. Erzähle ihm abends Märchen, und wir singen zusammen.
Er erzählt mir auch Märchen.
Dreschfest bei Sassana, O. und ich in Karnevalslust uns kostümiert, er ungarisch, ich in seinem «G'scheerten» mit Lederhosen.
Mit Bubi beim Schnee nach Bergen. Letzte Tage! Vorletzten Tag mit Bubi zu Hildebrand, bei strömendem Regen aus der Kapelle die alte Wetterfahne geraubt. Bubi als Vertrauter und Mit-Spitzbube. Am Abend in unserm großen Zimmer mit dem glühenden Ofen. Kann es nur immer nicht recht begreifen, daß ich wirklich fort soll.
Vorletzten Abend mit Orlonsky Grabenstädt, im Schneesturm mit einem Schwips zurück. Bild, das ich malen will, Stier mit Najade.
Fort um sechs nach Übersee, und der Onsky bleibt da und sagt in der Post zur dicken, greulichen Posthalterin: «Hätt' ich gewußt, daß Sie nach Chieming fahren, so wär' ich mit.»
Ach, Onsky!
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