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Tagebücher 1897-1910

  1. Epoche: Erwartung
  2. Epoche: Die Mutter
  3. Epoche: Reise nach Kleinasien
  4. Epoche: Der Roman
  5. Epoche: Kreuz und quer
  6. Epoche: Das Eckhaus
  7. Epoche: Die Schwester
  8. Epoche: Das Zeitalter der Päule
  9. Epoche: Der wirtschaftliche Bankrott
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Dritte Epoche

Reise nach Kleinasien

Gestalten:

Bubi

Henry — der Gründer

Onkel Kêf — der Siegertypus

Flüchtige Gestalten des Orients:

Vajan Effendi

Halim Bey Exzellenz

Aristaghi Bey

Anakréon — der Arzt auf Samos

Jassimo — die Dienerin

31. Mai [1900]

Abends von München ab. Abschiedssouper mit Natalie, Baschl, Adrian, Hallwig im Künstlerhaus. Am Bahnhof Marie mit Bubi. Marie in Tränen zerflossen. Adrian, Baschl bis Ostbahnhof mit. Bubi schlief die ganze Nacht, wachte sehr vergnügt in Wien auf. Morgens um sieben dort, ins Grand Hotel. Zwei Tage dort herumgelaufen und gefahren.

Dann nach Budapest. Vormittags auf der Festung. Dann ich mit Bubi am Quai gebummelt. Er fängt an, Reiseroutine zu bekommen, brachte mich anfangs durch sein Gemaunze zur Verzweiflung. Läuft jetzt artig überall mit hin.

Von Budapest nach Belgrad. Abends spät angekommen, von dienstfertigen Strolchen umringt. «Hotel» schmierig, Wanzen und Knoblauch. Morgens um vier Uhr aufs Schiff. Bubi selig, mit allem zufrieden. Bis Mittag geschlafen. Dann auf Deck. Ziemlicher Sturm, zuletzt großartiges Gewitter. Bei strömendem Regen in Turn Severin an. Menschliches Hotel, wohlwollende, fette, geschminkte Wirtin. — Um drei Uhr auf. Die Maus geweckt, sie lachte und amüsierte sich über die nächtliche Fiakerfahrt zum Bahnhof. Schöne Morgenfahrt, überall weiße Gestalten mit roten Schärpen auf den Feldern, sahen aus wie Sonnenanbeter. Henry und Maus schliefen. Mittags in Bukarest, in ein ziemlich verdächtiges Hotel, wo Bubi und ich ein paar Stunden schliefen. Dann weiter bis Konstanza, über die weit ausgetretene Donau, zu beiden Seiten nur weite Seen, an deren Ränder weidenartige, silbergrüne Baumgruppen. Am Ende der Brücke Cernawoda wie eine Märchenstadt mit Kuppeln und kleinen spitzen Türmen im Sonnenuntergang. An der Dobrudscha Sumpfland mit vielen Störchen. Beim Mondschein durch Konstanza aufs Schiff. Ging heute nicht, bis zum nächsten Abend geblieben. Balkon aufs Meer hinaus. Nächsten Vormittag an den Strand. Alle drei gebadet angesichts aller Reußen. Bubi furchtbar geschrien, lief nackt und entzückend mit seinem roten Hut am Strand herum. Nachmittags rasendes Gewitter. Um neun Uhr aufs Schiff. Mondschein.

Vormittags in Konstantinopel eingefahren bei Regen und trübem Wetter. Am Bahnhof Gewimmel genossen, während Henry Zoll besorgte. Zollbeamte sich für Bubi begeistert, ihm Bussi gegeben und ihm einen Affen geschenkt. Nachmittags zu den Derwischen. Todesangst, ob Bubi ruhig sein würde, benahm sich tadellos zu meinem Stolz, fragte ganz leise: «Nachher wieder Straße gehn?» und schlief zuletzt ein. Zu den Süßen Wassern, lange Wagenfahrt, dann ein Boot, Haremsdamen, schöne Türken, Zigeunerinnen, das Ganze wie in einem Märchen. Man kann so etwas nicht aufschreiben, nur schauen.

10. Juni [1900]

Um ein Uhr per Schiff den Bosporus entlang nach — — —, dort zwei Pferde genommen. Henry mir auf einer Wiese, wo eine Menge Türken, Zigeuner, Tscherkessen etc. zu sehen waren, erste Reitstunde gegeben. Bubi mit Dragoman im Wagen daneben hergefahren, war selig. Ich auch. Dann mit dem Schiff zurück.

11. Juni [1900], Montag

Vormittags mit zwei Damen, die hier kennengelernt, zwei Harems besucht. Im ersten scheußliche, meist alte und äußerst schlampige Weiber, eine neu-vermählte, plumpe, aber ganz niedliche Araberin, die uns mit Zigaretten, Erdbeeren etc. bewirtete. Verschiedene Schwiegermütter. Große Pracht in der Einrichtung, perlmuttereingelegte Schränke und Tische, Prachtbetten mit Perlmutterhalbmond. Eine von den Hexen sich für Bubi begeistert, ihn geküßt und ihm Bonbons geschenkt. Herrlicher Garten mit Ausblick auf das Meer. — — Dann noch ein zweiter Harem mit drei sehr niedlichen, ganz jungen Frauen und noch eine mit drei Kindern. Erinnerte etwas an ein Mädchenpensionat. Der erste soll einem Schwager des Sultans gehören, der letzte einem alten reichen Türken. Mittags im Teppichbasar, dann in die Agia Sofia. Zuletzt in den großen Basar, schließlich in einen Laden, wo Limonade getrunken, Teppiche usw. angeschaut. Abends mit Henry geritten.

12. Juni [1900], Dienstag

Um sechs Uhr mit Henry, Dragoman und den Damen um die Stadtmauern geritten. Bei den sieben Türmen in dem verfallenen Schloßhof gesessen, roter Mohn, Lorbeer, Feigen. Alter Türke uns Kaffee gemacht, alter Bettler herumgekrochen. Dann zurück. Alles in allem zirka vier Stunden geritten.

[14. Juni 1900,] Donnerstag

Mit Bubi und Dragoman nach Skutari, mächtig großer türkischer Friedhof mit einem Wald von Zypressen, dahinter der tiefblaue Himmel. Unten ein Feld mit großen Quadersteinen, dazwischen malerische Türkengruppen. Herrliche Aussicht über Meer und Häusermassen. Dann zu den heulenden Derwischen. Unheimlicher riesiger Neger, der schäumt und die Zähne fletscht, als ob er einen fressen wollte. Ganze Prozedur anspannend, als ob man selbst getanzt hätte. Bubi saß dick und süß in seinem Schemel und fragte leise: «Wieder Straße gehn? Und Mama schön tanzen.»

[15. Juni 1900,] Freitag

Noch einmal zu den Süßen Wassern im Kaik.

[16. Juni 1900,] Samstag

Auf dem Galataturm, nachher in Galata gebummelt.

[17. Juni 1900,] Sonntag

Henry nach Trapia. Ich mit Bubi von morgens bis abends im Hotelgarten gesessen und gespielt. Die Goldmaus, die Einzige. Sie ist die Seligkeit und Ruhe für mich, wenn sie jetzt auch manchmal eine kleine Last ist und ihre Mama am Loshüpfen hindert. Ein Tag wie heute, wo ich mich so ganz in mein Kind versenken kann, nimmt jedes andere Gefühl mit weg.

Geld ausgegangen, alle abgespannt. Die nächsten Tage daher etwas blödsinnig im Hotel versessen. Onkel Kêf — wertvolle Errungenschaft.

Donnerstag Museum, Freitag Basar. Nachmittags aufs Schiff, das erst gegen zehn abging. Der drei Sprachen redende Muli-Bubi. Nachts mit geringer Unterbrechung auf Deck.

Das Meer, mein Meer.

Sonnenaufgang. Heißer herrlicher Tag auf dem Schiff. Vajan Effendi. Abends elf Uhr in Lesbos.

Die nächsten Tage krank im Schaukelstuhl auf dem Balkon gesessen und aufs Meer hinausgesehn. Aristaghi Bey und die Exzellenz. Zimmer wimmelt von Fez und Sprachen. Dicke Messalina.

Bubi fängt Fliegen und amüsiert sich immer über die «Vogi», die ihm immer in den Kaffee fallen.

Hier wohltuende Ruhe.

Mittwoch morgen um fünf Uhr auf. Etwas wohler, Henry ausgeritten. Ich im Balkonzimmer langen Brief an Hallwig geschrieben, dann mit Bubi durch die Stadt zur Ruine. Herumgeklettert, im Cafe gesessen, mit Zigeunerweib angefreundet. Im Kaik zurück. Möchte malen!!! Abends mit Bubi allein gesegelt. Er hatte Angst. — Das Meer!! —

1. Juli [1900]

Immer noch kein Dampfer. Hitze, Bauchweh, Balkonzimmer. Türkengewimmel fortwährend aus und ein. Mit Halim Bey, Exzellenz, Freundschaft gemacht, netter würdevoller alter Herr, ihm den größtmöglichsten Blödsinn über Deutschland aufgebunden, traktiert uns mit Bier, liebt den Bubi.

Vajan Effendi von seiner Reise zurück. Etwas Faible für ihn, ist so angenehm kultiviert.

Abends mit ihm und Hollbach zusammen. Das Geheimnis unserer Ehe entschleiert. Große — ich glaube freudige — Überraschung. Spät noch im Kaik zum Blumengarten.

2. Juli [1900]

Hollbach und Vajan fort. Unser Dampfer wieder nicht gekommen. Hatten schon gepackt und wollten siegesfroh abziehen. Bubi erst freudig, dann heulend: «Jetzt gehn wir Samos. Samos gehn, Samos gehn!»

3. Juli [1900]

Endlich! Nachmittags Samosdampfer auf der Bildfläche erschienen. Abschiedstrunk mit Aristaghi Bey. Dann an Bord. Endlich einmal wieder kalte Getränke und anständigen Kaffee.

Ziemlich windig. Kajütenfenster trotz Mahnung aufgelassen. Mitten in der Nacht ein tüchtiges Sturzbad. So schön salzig und kühl.

4. Juli [1900]

Morgens um sieben in Vathy. Die schöne Bucht mit dem blauen Wasser, den weißen Häusern und ringsumher Berge, alles in der Morgensonne.

Menschliches Hotel. Briefe abgeholt, ausgeruht. Henry Besuche. Bubi und ich auf dem Balkon bis Abends.

Jetzt sind wir da! —

Acht Tage in Vathy, erst aufgeatmet, weil am Ziel. Aber das war nur ein Augenblick. Jetzt wieder so tief niedergedrückt. Den ganzen Tag apathisch in dem heißen Zimmer. Abends am Quai mit den faden Menschen, die einen hier nicht locker lassen.

Wenn nur der eine Punkt in Ordnung, diese dumpfe körperliche Angst und Schwere von mir genommen wäre. Quäle mich selbst und Henry. Gefühl, als ob er mich innerlich verwünschte. Bin nichts für ihn. — Im Anfang war das anders. Glaubte, ich könnte mit ihm ein Stück Weges lachend durchs Leben gehn. Aber er hat nicht das Lachen, das ich brauche, das Gleiches in mir auslösen kann. Er hat keinen Schmerz in sich, der auf das, was weh in mir, antwortet. Er weiß mich nicht anzufassen, trifft immer auf meine Fühlhörner— und versteht nicht, warum ich sie einziehe.

Er hat nicht gesiegt in mir, — es ist alles wieder da, schwerer, wehmütiger, qualvoller als je.

Eine halbe Nacht durchgesprochen, über Liebe, speziell über mich und Liebe. Er glaubt mich so ganz anders, wie ich bin, muß es ja auch glauben, weil ich mich nie so geben kann — nicht alles sagen. Aber ich kann nicht, innerlich zugeschlossen, und er findet den Schlüssel nicht. — —

Es kommt mir wie ein Unrecht vor, bei ihm zu bleiben.

Ich falle ihm auch auf die Nerven. Er fühlt wohl, wie ich bin oder besser nicht bin und fühlt doch nicht warum.

Es ist schrecklich, wenn zwei Menschen immer so verkehrt ineinander eingreifen, bei jeder Kleinigkeit dies Hängenbleiben, das nie in Richtigstellen, immer nur in Aushaken endigt.

Besonders über den Bubi. Das hört nicht auf und ist so überflüssig. Fühle mich gerade darin meiner Sache so sicher. Gewiß, manchmal Handlungsweise durch Nerven etwas getrübt — aber das macht's ja doch nicht besser, dieses fortwährende Dreinfahren. Wenn ein Instrument einen schlechten Ton gibt, haut man auch nicht drauf. Brauche jemand, der auf mir zu spielen versteht oder Alleinsein.

Montag, den 9. Juli [1900]

Früh um vier nach Tigani. Bubi auf Henrys Pferd, Galopp, Galopp. Armes Kerlchen, zuletzt müde und gnaunzig.

Schauderhafte Gäule, trotzdem Ritt herrlich. Lebensfreude.

Ungemütlicher Tag. Herumhetzen, Nervenraserei, Henry Bubibeinchen mit Reitpeitsche gestreichelt. Sinn-lose Wut in mir — Haßgefühl in dem Moment. Hat es doch gefühlt — verstanden nicht! — Gelindes Mitgefühl mit meinen verschrobenen Empfindungen. Henry abends nach Vathy zurück, mit Bubi allein in dem öden Haus, nur Matratze am Boden, umringt von neugierigen Griechenweibern und den Zorn von heute früh im Herzen. Totunglücklich gefühlt.

Nachts bis zur Raserei von Mücken zerstochen.

Jetzt acht Tage hier, nachts Jagd, tags Einrichtung etc. Drüben lockt und ruft das Meer. Das soll in diesem Sommer mein bester Freund sein.

Seit gestern früh allein bis heute abend. Das war es, was mir not tat. Jetzt ist bald alles eingerenkt, jeder an seiner Arbeit. Dann soll es besser werden. Diese zwei Monate sollen so werden, daß er es nicht bereut, mich mitgenommen zu haben — die Last nicht fühlt. Es ist ein so schöner Zug, daß er es mich nicht bisher fühlen läßt, mich zu überzeugen sucht, daß es etwas für ihn ist. — Mit Bubi in ein anderes Zimmer gezogen, wo anscheinend wirklich weniger Ungeziefer. Seit acht Tagen zum erstenmal gut geschlafen, wachte um vier auf. Auf den Balkon. Starker Wind. Mond am Himmel. Drinnen mein süßes schlafendes Kind. Ringt sich doch wieder etwas Freude in mir durch.

Zwei Tage allein, Henry in Vathy. Wie gut, diese Einsamkeit. Mich wieder ganz auf mich selbst besonnen, so glücklich mit Bubi.

Früh mit ihm baden gegangen. Ihn die steile Wand hinabgetragen und auf einen flachen Stein ins Wasser gesetzt. Wie ein kleiner Nix — und seine Angst um mich: «Mama nicht Wasser fallen — Mama, Fisch.» —

Mir war so jung und leicht und gesund zumut wie lange nicht.

Abends Henry zurück.

Mir fest vorgenommen, daß es jetzt anders werden sollte.

Es war ein Moment, als ob sich etwas über uns aufhellen wollte. Dann meine törichte Erzählung von dem Abenteuer mit Herrn W. in Konstantinopel. — Sturm! Mein Gefühl: Tant de bruit pour une omelette. Ich habe nun einmal nicht das Talent, mich Schutz suchend in die Arme des geliebten Mannes zu flüchten, komme im Moment nicht einmal auf den Gedanken. Ganze Szene berührt mich gar nicht weiter. Warum soll ich mich beleidigt fühlen, Begehren des Mannes ist nie eine Beleidigung, selbst dann nicht, wenn rein gelegenheitlich und ohne alle «seelische Beimischung». Auffassung, wie die Henrys, daß er «meine Schmach rächen müßte», verletzt mich viel mehr. Empfinde es als so namenlos übertrieben und unreif.

Henry Absicht geäußert, an Onkel Kêf zu schreiben. Keine Aussöhnung. — Am nächsten Morgen nach Vathy.

Peinliche Tage, nur froh, wenn mit Bubi allein. Beide es wohl mehr oder weniger als Unmöglichkeit empfunden, zusammenzubleiben.

26. oder 27. zusammen nach Vathy geritten. Sonntagmorgen, unfroh, physisch und moralisch, gedrückte Stimmung zwischen uns beiden. — —

Diner bei R.'s. Nerven! Doktor.

Noch drei Tage in diesem Gewirr. Henry ernstlichen Trennungsvorschlag gemacht. Ich hatte im Scherz abzulenken versucht.

Donnerstag der große Tag. Le divorce. Basis zu unserer wirklichen Freundschaft. Wie ein leises Gewitter war es, in dem sich alles löste. Meine Beichte, und wo er mir von sich erzählte, ohne Donner und ohne Qual. — —

Hab' Dank. Wir waren Mann und Weib —

Es ist geschehn.

Nun laß uns wieder aufrecht gehn

Allein und klar. Wir wollen uns nicht trüb' gebärden,

Wir können jetzt erst Freunde werden

Ganz und wahr. — —

Gleichzeitig die physische Katastrophe, d. h. kaum Katastrophe, sondern ein langsames Vollziehen unter vielen Schmerzen, Fieber etc. Aber jetzt war es körperliches Leiden unter einer großen seelischen Befreiung. — —

Warum wohl diesmal so wenig Muttergefühl?

Ein Augenblick, wo ich glaubte, es sei der Tod, es war aber nur eine tiefe Ohnmacht. — — Zwei Nächte und anderthalb Tage ohne Schlaf um mich geschlagen. Ich kann nicht mehr! Dann die Morphiumnacht und ein langer einsamer Tag zwischen Träumen und Wachen.

Friedliche Rekonvaleszenz. Nicht Geliebter, nicht Freund, nicht Bruder — etwas von allen dreien. Manchmal Erinnerung an Walter. All der quälende Druck der letzten Monate ist von mir genommen, alles wie ein neuer Lebensanfang. — Lust zum Roman und in weiter Ferne dahinter noch einmal mein alter Traum von der Kunst.

Schöne stille Tage. Viele Aussprachen, endlich aufgeschlossen. Trotzdem nicht Verstehen bis zum letzten Grunde wie bei Hallwig.

Und Bubi — die lachende, braune Sommerfreude auf seinem Gesicht, das Sonnige, Blühende an dem Kinde. Seit ich hier krank liege, muß ich ihn wohl oder übel sich selbst überlassen. Er strolcht davon mit seinem lachenden: «Adieu, Mama», geht in die Küche, ißt den ganzen Tag Melonen und Kartoffeln, läßt sich von den Stammgästen einladen. Vor drei Tagen machte er seinen ersten selbständigen Ausflug zu den Konsulkindern. Wir sahen vom Balkon aus den kleinen dicken Kerl die Straße entlang strampeln, dann und wann ein paar vergnügte Sprünge.

14. August [1900]

Heute nachmittag wollte Mausi allein zu Henry gehn, Frau R. sollte ihn abends zurückbringen. Um fünf Uhr allein gekommen. Ziemlicher Weg am Quai entlang und das Haus schwer zu finden. War im Grunde sehr stolz auf ihn und doch ein wenig ängstlich. Ihn nicht an die Schürze hängen und doch nicht va banque spielen — sehr schwer, das Mittel dazwischen zu finden. Aber wie schön dies Leuchtende, wenn er heim kommt!

Eines Morgens kommt er mit drei gestohlenen Melonen angeschleppt, eine nach der andern. Wenn sein Kleid schmutzig wird, wäscht er es unten am Brunnen und kommt patschnaß herauf. Draußen in den Anlagen kommt er zum Doktor, setzt sich neben ihn und klopft mit dem Stock auf den Tisch nach der Bedienung. — — Henry, sein bester Freund, sitzt alle Abende bei ihm und ißt mit ihm, hat ihn allein essen gelehrt. Abends vom Balkon ihm zugesehn. Jetzt seit zwei Tagen auch zum Essen hinunter. Aber noch so schwach. Und doch noch so gnädig vorübergegangen.

Der Arzt: «C'est extraordinaire. Quand elle était presque mourante, et quand moi-même je commençais à être fâché de l'affaire, toujours elle dit: o je vais bien, je suis contente — c'est extraordinaire. —»

Eben dieser Doktor angenehme Ausnahme unter den Samioten — immer Kulturmensch bis auf ein kleines Eckchen, wo er auch Samiot ist. — — Die versunkene Stadt mit lauter Larven. — — — — Was mögen diese «Leute» sich unter dem Leben vorstellen?

15. August [1900]

Gestern mit Zigarettenentwöhnung angefangen. Leichter im Kopf. Tugendstolz. Nächtliches Intermezzo. Morgens so froh und hell aufgewacht. — — Lebensfreude, Lebensmut, Arbeitslust. Eine Zeit, von der ich schwer Abschied nehme. Bubi heute früh wieder mit Henry gegangen. Zeitlang nach ihm. Eifersüchtig auf jeden Strahl meiner Sonne, der auf andere fällt! — Abends gelesen. Zigarettendurst wieder mit einigem Erfolg besiegt, wenn auch noch nicht ganz. Henry versteht nicht, daß es ein so schwerer Kampf für mich ist. Wenn er wüßte, wie ich mit meinen Nerven ringe.

Jetzt kommt endlich das, was ich von diesem Sommer erwartete. — Aber was war das für ein Durchbeißen bis jetzt. Wie das Auseinanderwirren eines ganzen Knäuels, wozu man nie Zeit hatte und das immer heilloser wurde. Jetzt habe ich wieder den Faden gefunden, jetzt muß eine Umschlingung nach der andern weichen. Dann wird's ein bedeutungsvoller Sommer.

In den letzten Tagen habe ich ein paarmal wirklich lachen können. — Das ist bei mir ein sehr schwer-wiegendes Symptom. —

Langen Brief an Monsieur geschrieben. Auch die Sehnsucht schweigt jetzt mehr.

16. August [1900]

Gestern abend großes Tanzvergnügen, auf dem Balkon auf Henry zum Ausgehn gewartet. Maus erscheint strahlend unter dem Balkon, kommt dann herauf, alle drei fort. Unten die Doktorskinder wollen sich seiner bemächtigen, er maunzt, will meine Hand. Wir drei am Quai entlang, Bubi maunzt weiter. — Henry will nicht, daß er an meiner Hand läuft, weil für mich unbequem. Bubi geheult, eigensinnig, trottelt hinterher. Henry ungeduldig, verhaut ihn schließlich en pleine rue. Bubi brüllt. Rückweg im gleichen Stil.

Mein Herz wehgetan. Der kleine Kerl war den ganzen Tag fortgewesen, wollte jetzt seine Mama haben. Warum ihm nicht die Hand geben, wenn er sich «gewöhnen soll, allein zu gehen». Er wäre vergnügt gewesen, ich auch.

Aber lieber Stillschweigen, um keine Auseinandersetzungen — zurückgekommen mit Bubi allein ins Zimmer, ihn mit Redenhalten und kaltem Wasser beruhigt, er immer nur: «lieb haben, lieb haben.» Er soll nie Mangel an Liebe fühlen, wenn auch dabei mal ein Prinzip überhüpft wird. — — —

War dann nachher ganz ruhig und artig unten, und ich war nicht böse auf Henry, wenn ich auch diesmal ganz anderer Meinung war. Siehe innere Umwandlung seit der Reitpeitschenaffäre.

Das alles so flüchtig und oberflächlich hingeschrieben, um das lang verbummelte Aufschreiben nachzuholen.

Henry nach Tigani. — — Die letzten Male in der bösen Zeit war es wie eine Erleichterung, wenn ich allein blieb. Das ist jetzt so ganz anders geworden. Jetzt ist es ein Losreißen, ich fühle, daß etwas Liebes von mir geht, mir fehlt. Ich mag nicht diesen einen Abend mit ihm hergeben.

Wie schön ist es zwischen uns geworden mit dem Moment der Aussprache an jenem Tag, wo ich mit großen Schmerzen im Bett lag. Wir sprachen und sprachen, und mit jedem Wort wurde es leichter in uns. Was wir einander sagten, war in der Hauptsache, daß eben jeder von uns einen andern liebt. Und doch sind wir mehr wie nur Freunde, wir sind auch Mann und Weib.

Aber fertig war es doch noch nicht mit dem einen Tage, mit jedem neuen Tage kam wieder ein Stück sich geben, vom andern nehmen, sich noch mehr verstehn.

Wie hat er mich gepflegt in diesen bösen langen Stunden, und wie konnte ich mir jetzt von ihm wohltun lassen. In dem Augenblick, wo ich in seinen Armen «starb» und seinen Schrecken fühlte, dann, als das Schlimmste vorüber war und ich einen langen, stillen Tag alleine dalag, da war ich sehr glücklich. Und jetzt ist es so gut, das frohe helle Aufwachen und «Guten Morgen» sagen, die langen, sonnigen Vormittage, wo wir schreiben oder lesen oder «schwatzen», der heiße Nachmittag mit geschlossenen Fensterläden, dann Fenster und Türen auf, wenn die Sonne weggeht, Tee und wieder Plauderstunde. Aber was für Plauderstunden, es wird nie zuviel und nie abgestanden. Dann wird es allmählich Abend auf dem Balkon. Drunten stellt man die Tische heraus. Henry kommt, manchmal klingen die Stimmen der Kinder zu uns herauf. Wir gehen zum Essen herunter; nachher noch eine stille Stunde oben.

Besonders der eine Abend, wo Henry mir sagte, daß ich doch noch einmal malen sollte.

Die Monate, die uns hier noch bleiben, liegen jetzt in vollstem Sonnenschein vor mir. — Jetzt bin ich nicht einsam, einen langen frohen Sommertag nicht einsam. Ich fühle so viel neues Leben in mir, das ich mit Henry teilen kann, nichts einsam hinunterschlucken.

17. August [1900]

Draußen Feuerwerk mit Lärm, drinnen große Käfer, die klatschend auf die Erde fielen. Kopa, der schwarze Küchenkerl auf dem Balkon, verschiedentlich über sein Schnarchen erschrocken, außerdem die Tiere. Infolgedessen bis zehn Uhr verschlafen.

An Hallwig geschrieben. Bis abends mit dem Doktor Peripato. Henry uns überrascht, war so still, daß ich glaubte, er wäre gegen mich verstimmt. Es war aber Somi-Stimmung. Ärgerte mich dann nachher, daß ich ihn mit Fragen geplagt, muß ihn doch als Taktlosigkeit berührt haben. So beide etwas nervös.

Gegen drei Uhr nachts Läuten und Feuerlärm. Henry fort, ich auf den Balkon, großes Feuer, Funkenmassen, eine einsame Zypresse, die ganz bleich dazwischen stand und schwankte wie eine menschliche Gestalt.

Allmählich heller Sommermorgen. Henry durchnäßt heim, mitgelöscht. Stadtberühmtheit.

Mut und Zugreifen immer schön, aber ist es wert, für ein Haus in Vathy ein reiches, schönes Leben aufs Spiel zu setzen? — Hierüber viel mit Henry gesprochen.

Sonntag, den 18. August [1900]

Etwas müd von der unruhigen Nacht. — Jetzt vier Wochen her —

Nachmittags Besuch beim Konsul, dann mit Doktor und Frau nachmittags am Quai. — Sympathische Leute, können doch etwas lachen und sind gewiß nicht so leichenhaft.

Nachts wieder Feuer. Henry wieder hin.

Montag, den 19. August [1900]

Nachmittags mit Schiff nach Tigani. Anfangs sehr schlecht. Die Wasserfahrt hatte trotz des sonnigen Augustnachmittags etwas Unheimliches in der Stimmung: das schmutzige Schiff mit den schwarzen Kerlen, die eine unverständliche Sprache redeten, rechts das steinige Samosufer, dahinter der Sonnenuntergang, auf der andern Seite das offene, duftblaue Meer und dann die Küste von Anatolien wie ein verzaubertes Land, das Mykalegebirge rosaviolett — etwas Lachendes, Stummes, Tot-Heiteres, davor weiße Seevögel.

Dienstag, den 20. August [1900]

Elend. Nicht geschlafen vor Mücken. Nerven fangen an, nach Schlaf zu schreien. Früh auf. Haus in Ordnung gebracht. Abends grantig und nervös.

21. August [1900]

Brandes «Menschen und Werke» gelesen. Muß wieder viel lesen. Bubi selig, spielt den ganzen Tag mit Mädi, hängt sich Karton an den Arm und ruft den ganzen Tag Weintrauben aus:

Staffilia, Staffiliaaa —

22. August [1900]

Henry ganzen Vormittag fort. Briefe geschrieben. Bubi läuft aus und ein und sucht bald seinen Stuhl, bald seinen Eimer. Sitzt mit fünf kleinen Mädchen auf der Haustreppe. Die kleine Italienerin Margherita Hauptfreundin. Nimmt seinen Eimer, und er schlägt ihr damit über den Kopf. Sie heult und läuft weg. Er sieht ihr liebenswürdig lächelnd nach. Mama holt ihn herein und prügelt ihn durch, sieht sie unter Tränen mit seinen wunderschönen Augen an: Du böse Mama! —

Auf dem Balkon alles so sommerlich, links die kahle sonnige Wand mit einzelnen Zypressen, Ölbäumen, im Garten die staubigen Feigenbüsche. — Auf einem Altan hängt eine Frau Wäsche auf, manchmal ein singender Junge den Weg entlang. Vor mir das tiefblaue Meer mit weißen Schaumkronen und die asiatische Küste.

Den Anfang meiner Kindergeschichte zu skizzieren begonnen. Ob es wohl einmal vorwärts damit geht?

23. August [1900]

Nerven! Nerven! Nerven! —

24. August [1900]

Endlich einmal wieder ein guter froher Tag, so daß ich von morgens bis abends lachen möchte.

Brandes Essays über «Menschen und Werke» gelesen.

Christa in die Hauswirtschaft eingedrillt. Das war ein Stück Arbeit, besonders das blöde Angrinsen dieser Klasse zu ertragen resp. abzugewöhnen. Jassimo dazwischen mit indolenter Anmut. Der arme Henry viel Geduld.

Jetzt ist es wirklich so schön, daß mit Schmerzen daran denken muß, nur noch zwei Monate. — Möchte noch viel Griechisch und Italienisch lernen, am Roman schreiben, malen, Homer, Shakespeare, Nietzsche lesen. Lange geschlafener Bildungsdrang erwacht wieder.

Abends: Verfluchtes Bett. —

25. August [1900]. Sonntag

Nachts etwas unruhig. Viele Mücken und großes Gelächter. — Morgens trotzdem frisch. — Henry fort. Angefangen, Vorrede zum Dante zu lesen. Dann Brandes «Shakespeare». Nachmittags wieder wild-nervös, verfalle immer wieder dem Rauchteufel. Verfluchte Energielosigkeit. —

Abends Balkon. Jassimo zu meinen Füßen kauernd, mit ihren schwarzen Augen erzählt sie mir von ihrem Leben. Können uns doch schon ganz gut unterhalten.

26. August [1900]

Gestern abend Gespräch über das Thema: ob ich wohl noch einmal den Mann finden würde, der für mich geschaffen ist. — — — — — — Dabei aber wieder Mißverständnis, soviel ich mich erinnere, aber keine Gereiztheit meinerseits. Henry auf einmal ablehnend, und ich weiß nicht, warum. — — Sehr traurig darüber.

Henry immer noch verstimmt. — — — — Warum? — — — Dann nach Vathy. Ich heroischen Tag. Früh italienisch gelesen, nachmittags Roman. Erstes Kapitel im Entwurf fertig. Wenn ich alle Tage so arbeiten könnte, in einem halben Jahr ganze Geschichte.

Bubi mit Kimon Perikles spazieren, kommt mit einem Spiel Karten wieder, furchtbares Geheul, weil ein kleines Mädel sie ihm nachher vor der Tür fortnahm und damit davon lief. Stand da mit seinem kleinen Blecheimer in der brennenden Sonne und heulte: «Mädi Bildi weggenommen». Konnte es ihm so in tiefster Seele nachfühlen.

Nachmittags gewaltig ungezogen, ihm eine gewiß nicht arge Ohrfeige gegeben.

Nasenbluten — das Gefühl vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht wieder.

Meine eigne Mutter mir förmlich als Gespenst erschienen. Mein Kind, mein Kind. Es darf nicht so weiter gehen, daß man ein hysterisches Werkzeug seiner Nerven ist, immer mehr und mehr. —

27. August [1900]

Am Roman geschrieben.

Bubi mit Henry baden, ganz durchnäßt heim, schon ein paar Tage nicht wohl. Ich sehr unzufrieden. Gegen halb neun Uhr morgens mit Bauchweh aufgewacht, aber so herzig dabei.

28. August [1900]

Ich auf dem «Sofa», Bubi in seinem Bettchen, beteuert, daß er keine Schmerzen mehr hat, muß aber doch noch liegen bleiben. Henry hat ihn mir ins Zimmer getragen. Da liegt er und strampelt und bittet, aus dem Bettchen heraus zu dürfen.

Gegen zehn Uhr kommt er auch heraus und wir spielen zusammen.

Ihn den ganzen Tag um mich gehabt, weil er nicht hinaus sollte. Alles wieder liegen gelassen und mit ihm gespielt. Das sind Feststunden. Warum muß ich mich immer mit so vielen andern Sachen herumschleppen. Nur das Kind haben und meine «Kunst», und das Leben wäre überreich.

Mit Henry wieder ausgesöhnt — dummes Wort. Er will so viel, und ich bin in keinem zum Geben fähigen Stadium. Vielleicht kommt es bald. Es kommt mir vor, als ob ich mir eine Blöße gebe, wenn ohne alles. Wenn man bereit ist, es gerne will, und es geht dann nicht — — dann soll man es nicht forcieren.

Der Nachmittag, als Henry fort war, ganz sonderbar wehmütig — — — — — fleißig am Roman, erstes Kapitel.

1. September [1900]

Bubis Geburtstag. Schöner Vorabend zwischen Henry und mir trotz «Schema». Bis zwölf gesprochen. Morgens um vier kam Henry und sagte: «Gnädige Frau, es ist ein großer unwillkürlicher Schmerz» und verkündigte dann die Geburt der Maus. Maus den ganzen Tag schrecklich süß. Die drei Jahre waren wie ein langer schwerer Arbeitstag mit vielen Festen und Festmomenten. Schwer und reich und schön. Aber doch etwas zuviel für ein schwaches Weib, es möchte manchmal aus mir hinausschreien: es ist genug, Herr.

Es hat sich «wunderbar gefügt» mit diesem Sommer. Muß immer an den einen Satz aus Garborg denken: «Und sie war so glückselig jung geworden.» —

Sie ist es noch nicht ganz geworden, aber sie fängt an, es zu werden. Besser: Glückselig gesund.

Meine Nerven fangen an, sich einzurenken, wieder aufzustellen. Es sind jetzt manchmal ganz verwegene Hoffnungen in mir — doch noch — doch noch einmal. — Und wie anders würde ich jetzt drangehn können. Aber erst muß der Roman fertig sein. — Henry der wirkliche Freund. Aber miteinander fliegen können wir nicht.

7. September [1900]

Mit H. auf dem Molo. Mondschein. So recht empfunden, wie wertvoll die Einsamkeit ist. «Einsamkeit, du meiner Seele Heimat, — Einsamkeit —»

Ernstlich daran gedacht, ein ganzes Jahr hier zu bleiben.

10. September [1900]

Bubi nicht wohl. Sein Bettchen steht bei mir im Zimmer, nachmittags am Balkon. Ist so lieb, spielt und singt.

Abends mit H. am Strand. Weit draußen auf dem Meere dann und wann ein Aufblitzen, als ob Sterne hineingefallen wären.

Auf einmal daran erinnert, daß Walters Geburtstag — als ob er in diesem Augenblick an mich gedacht hätte.

Vielleicht war es so. Dachte dann, wie wir ihn vor sechs Jahren zusammen feierten. — — Fange an, mich hier an diesem Strand leidenschaftlich wohl zu fühlen. Wenn Monsieur nicht wäre, bliebe ich ein ganzes Jahr hier in einem stillen schönen Kloster, vergäße die Welt und schriebe meinen Roman.

Henry will meine Beziehungen zu Monsieur durchaus zu einer großen Liebe stempeln.

— — Würde ich dann wohl so seelenruhig hier mit ihm herumgehn?

— — Das viel hätte sein können und nicht ist. — —

21. September [1900]

Fieberabende — schöne heitere Tage. — Schon etwas wehmütig in dem Gedanken, daß nur noch sechs Wochen — — — Zinganii!! — hier bin ich gesund und wieder froh geworden.

[23. September 1900,] Sonntag

Nachmittag auf Colonna zugeritten.

[24. September 1900,] Montag

Nach Choa und etwas weiter gegangen. Erster wirklicher Spaziergang und so schön. Abends Brief von Monsieur. Traurig und doch viel Freude. Das erste von meinem Leben, was in diesen vier Monaten plötzlich wieder zu mir herübergreift. —

26. September [1900]

Vieles dieser Tage im Kopf herumgegangen. Wie gut, hier zu sein in dieser Stille, wo alles wohltut, nichts quält.

Täglich ca. 20 bis 30 Kindern Augen gewaschen. So nett und zutunlich. — Küssen Hand und bringen Eier als Dank.

Jetzt glücklich selbst Augenentzündung erwischt. Henry nach Anatolien. Herz schwer geworden, daß ich nicht mitkonnte. Krüppelgefühle.

Unruhige Nacht mit herumwandernder Schildkröte. Augenschmerzen und Bubi Bauchweh. — Letzteres fängt allmählich an, mich zu beunruhigen. Wenn ich nur nicht deshalb eher fort muß aus dem gelobten Land. —

Mit Jassimo Religionsgespräche geführt. Ihr erklärt, daß wir weder Katholiken noch orthodox noch Protestanten, sondern Heiden seien. — Sie: Ob wir zu Apollo beteten?

Am Sonntag abend zurück. Und dann reckte Gott seine Hand aus und schlug mich mit Blindheit. Drei Wochen lang unfähig, irgend etwas mit den Augen zu tun und auszugehn. Bei jedem Lichtstrahl bohrt es im Gehirn bis zur Übelkeit. Nachts Morphium, weil Schmerzen zu arg. Stimmungsvoller Tag im Bett im halbdunklen Zimmer und ganz befangen von Morphium.

Kristos spielte in der Küche Harmonika. H. fährt täglich nach Mytilinious und abends zurück. Bubi immer noch Dysenterie.

Augen besser, mit plötzlichem Entschluß aufgemacht und nach Vathy. Den Ritt genossen nach der langen Haft.

Vathy, 5. November [1900]

Kühl und herbstlich geworden, aber immer noch Sonne. Den Tag nach unserer Ankunft starkes Gewitter. Ich mit der Maus am Fenster im Dunkeln zusammen gesungen. Bubi: «Der Sommer macht Bumsda.» —

Nächsten Tag ihn wieder ins Bett gelegt, wieder gefangen, nicht hinauskönnen. — Heimweh nach Tigani.

Und doch so schön mit Bubi. Ein krankes Baby ist so unendlich rührend, wenn es so lieb und geduldig ist. Und H. so gut und das Meer und die Luft — — — warum also maunzen.

Und er sieht aus wie das Leben, kann nicht wirklich krank sein. Aber doch steigt manchmal eine bange Sorge auf.

Abends mit Henry am Quai. Da sitzt er nun wieder und kann nichts tun und läßt's mich doch nicht entgelten. Ich bin doch schuld daran, daß er seine Zeit verloren hat. Unser Zusammensein ist so schön. Mir ist wieder einmal warm ums Herz geworden. —

Die Emanuelbriefe. Tagelang mich ganz darin versenkt in meine reiche stürmische Jugend. Aber ganz ohne Wehmut. Ich habe dem Leben doch mein Wort gehalten. — Und bin noch jung, und habe so viel vor mir. Es soll doch noch werden, alles.

Einen Abend in Tigani haben H. und ich zusammen gesungen. Singstunde und Gitarre verheißen — — also wieder einer meiner tiefsten und am schwersten unterdrückten Herzenswünsche.

Die weiß er herauszuholen und ihnen ja zu sagen. Ich habe wohl selten gegen jemand so tiefen Dank gefühlt — und immer wieder erinnert er mich an Walter, wenn er auch so ganz anders ist. Was war das für ein reicher schöner Sommer.

Mit dem Doktor Griechisch gelernt, der Roman ruht.

6. November [1900]

Gestern und heute abend einsamen Spaziergang längs dem Quai. Heute endlich wieder einmal am Roman geschrieben. Abend in so seltsam wehmütiger Alleinseinstimmung. Die arme Maus hat ihren dritten nur Milchtag mit der gleichen Geduld überstanden. Es kommt mir schwer an, nein zu sagen, wenn er so niedlich um einen Kuchen bittet — und beinahe noch schwerer, wenn er resigniert darauf verzichtet.

Wie ich nach dem Spaziergang und Abendessen zu ihm heraufkomme, liegt er noch wach und fragt, ob ich ihm keine Briefchen mitgebracht hätte.

9. November [1900]

Wieder einen Tag hier. Dann zum Demetriusfest nach Myt. Muß wieder hierbleiben.

Abends in der Konditorei Kaffee getrunken und zum erstenmal etwas entdeckt, was einem Liebespaar ähnlich sah.

Anakréon fängt immer mehr an, den verfluchten Kerl herauszubeißen! Gestern in der griechischen Stunde arabisches Sprichwort zitiert: si un homme et une femme sont ensemble dans un endroit, le diable etc. —

Die Maus hat nicht so ganz unrecht: Herr Doktor hat Kopfi verloren.

Il sent le papier rougé brûlé.

Heute nacht sonderbaren Traum. Mit H. am Strand, sehen einen Dampfer stranden und die Leichen herumschwimmen. Einige standen nachher wieder auf und stiegen herum.

13. November [1900]

Sonntag mit H. nach Mytilini—Tigani, wehmütig schön in dem verödeten Haus.

Hier liegt ein Stück von meinem Leben, das ich um nichts hergeben möchte.

Montag früh zu Fuß nach M. Meer unruhig, gebadet im Novembersturm.

Dann allein zurückgeritten. Bubi wohler. Heimweh nach H. und Tigani.

Jassimo war, während ich fort, bei Bubi. In Tigani das anziehendste Wesen, das man sich denken kann, paßt aber hier nicht in die Landschaft, wirkt wie der richtige Sonntagsbesen vom Lande.

Abends mächtiges Gewitter, ganze Nacht durch geregnet, morgens schwimmt das ganze Zimmer.

Bubi hat Jassimo schlecht behandelt, Jassimo oxo Mama, Jassimo oxo Henry krewati!

Sonntag, den 18. November [1900]

Μεγάλη δυστιχία, ein paar etwas getrübte Tage. Man gewöhnt sich wirklich daran, unter Damoklesschwertern zu leben.

Und wenigstens ist Bubi ja wieder gesund. Heute nachmittag mit ihm spazieren gegangen, nachher Simplizissimus besehen. Wie er jetzt aufwacht.

19. November [1900]

Morgens auf der Post schöne Möglichkeit vorgefunden. Mit den lockeren Greisen Isai und Epaminondas Kaffee getrunken. Nachher mit der Maus im fürstlichen Garten, Sonnenschein, Palmen, Orangenbäume. Es ist so herrlich, wieder mit ihm auszugehn und ihn in seiner weißen Matrosenbluse trotteln zu sehen.

20. November [1900]

Morgen oder übermorgen abreisen, um die Μεγάλη δυστιχία abzuwenden. Dann merke ich, wie anders stark das Leben wieder in mir ist — daß mir diesmal nicht so bange und schwer ist, nicht, als ob man vor einem Berg steht, sondern mehr, als ob man einen Stein mit dem Fuß wegstößt.

Und doch und doch — das alte Lied: verlaß mich nicht, Frau Herzeleide. — Nachmittags wieder mit Bubi aus. Anakréon und Frau getroffen. Böse Lust verflogen — sie war doch einmal da.

Sonderbar, doch einmal in meinem Leben nicht getan, was momentan reizte. — Einer Liebe wäre ich vielleicht untreu geworden, aber nicht dem Freund, während er seine helfenden Arme über mir hält. Hätte mir selbst etwas damit zerrissen, für den Augenblick und die Erinnerung getrübt, was jetzt einen schönen vollen Klang gibt. —

Dabei die Wertigkeit des Objekts. — Seiltänzer ohne moralische Berechtigung seines Daseins. Und Henry! Ich hab' ihn jetzt noch viel lieber.

Wie ist es schön zwischen uns geworden, soviel Wärme und soviel Dank.

So schwer, wieder auseinanderzugehen, nur noch drei Wochen, wo wir so ganz beisammen sind. Immer wieder Abschied nehmen, immer wieder.

Und meine große Liebe? Die Klaue, die sich wieder um mein Leben krallt? Und das Heimkommen? Wie war doch der alte Vers:

«Heimat und Liebe, laß sie den andern,

Still geh' vorüber an ihrem Haus.»

Möchte wenigstens Henry sie finden. Ich mag keine Wolken über ihm sehn.

22. November abends [1900]

So wird denn morgen wirklich Ernst mit der Abreise. So namenlos traurig, heute bei all dem «zum letztenmal». Ein schönes, volles Stück Leben, das sich wieder ablöst, und das man doch als neuen Reichtum mit sich nimmt. Ein langer, reicher, sonniger Ferientag.

H. ist nun zum letztenmal in Tigani, und ich sehe zum letztenmal die Bucht und die Schiffe dunkel werden.

Das war unser Samos!

«Bubi, morgen gehn wir weg von Samos.»

«Ja, Mama, morgen gehn wir weg von Samos.»

Ich mußte dran denken, wie er damals auf Lesbos immer rief: »Jetzt gehn wir Samos.» —

Namenstag des Fürsten. Volksmenge, Illumination und die unvermeidlichen Raketen. — Die versunkene Stadt im Festjubel. —

Lange auf dem Balkon.

Die Maus kann heute nicht einschlafen.

Ich dachte an alte Zeiten und den alten Schrei nach ungebundenem Hineinstürzen ins Leben.

Wie bin ich ruhig geworden.

Dann durch dieses Fenster hineinschauen, wo mein Kind im Bett liegt und auf mich wartet. —

Da liegt mein Kaiserreich! —

23. November [1900]

In großer Eile mittags um halb zwei mit dem Lloyd fort.

Abschiedsbesuch bei Anakréon. Er uns aufs Schiff begleitet. Gewaltsamer Händedruck. Mir wehmütig zumut. Es war doch etwas zwischen uns. Und gerade, weil es «nicht weiter kam». Etwas verliebt war ich doch. Sah ihm nach, wie er zurückfuhr, am Quai entlang ging und dann in einer schmalen dunkeln Spalte zwischen den weißen Mauern verschwand. Und nun muß er da sitzen bleiben in diesem trostlosen Nest, ein Jemand, der noch nicht auszuruhen braucht.

Den ganzen Nachmittag an Deck gesessen. Souper mit dem kreuzfidelen Kapitän, ein Mensch, der lachend, singend und aufschneidend durchs Leben trollt.

In Chios gelandet, dann am Morgen um vier in Smyrna.

Schöner und freier ist es hier als in Vathy und mehr Leben.

Im Bazar, am Quai. Am letzten Tag Fahrt zur Karawanenbrücke. Einmal wieder lauter türkische Bilder und zwei Negerbuben auf dem Gitter, die wie Vögel in der Sonne zwitscherten.

Ärztliches Intermezzo. Dann dummerweise aus Ungeduld abgereist, um die Sache in Athen wieder aufzunehmen. Kann es nicht mehr ansehn, daß Henry durch mich so festgehängt, aber was tun?

Überfahrt auf russischem Dampfer. Sympathische Engländerin. Sang am Abend vor. Traurig geworden: «Per te vorrei morir.»

Die Nacht in einer fürchterlichen Kabine mit einer türkischen Prinzessin — wie man sagte — und deren Dienerschaft. Die Alte in lauter Goldstickereien gewickelt. Ungeheuer war sehr freundlich, sprach durch die Dienerin griechisch mit mir und wollte mit Bubi anbinden, der sich aber fürchtete. Am Morgen dann die wundervollste Seefahrt, au Inseln und Felsen vorbei. Mit dem Wagen von Piräus nach Athen. Diese heitere, helle, staubgetönte Landschaft, die man sich so gut mit schönen, schöngewandeten Menschen denken kann. —

Furchtbar erkältet, Schmerzen in der Lunge, dazu das andere. Physisch und psychisch also im denkbar ungenußfähigsten Zustande. Und kann doch nicht niedergedrückt sein.

Akropolis. Gerade in diesem körperlich zerschlagenen Zustand, wo man seinen Körper kaum mehr fühlt, war es schön, weil man da ganz sein eignes Dasein vergißt und nur sieht.

Die ganze Nacht und noch viele Tage von Himmel und Säulen geträumt. Tags drauf die Mondscheinfahrt zum Sokratesgrab und Thesaion.

Warum gehen wir beide so innerlich einsam nebeneinander her bei allem, was wir zusammen sehen? Kommt das nur von den beiden, die nicht da sind?

Ich kann nur schweigend in mich aufnehmen, und doch sehne ich mich, daß schweigend etwas von Seele zu Seele übergeht, wenn ich nicht auch äußerlich allein bin.

Wenn ich dies entsetzliche Mißtrauen loswerden könnte, daß H. mich immer als Fremdkörper empfindet. Ich sage es ihm — aber er möchte mir wohl nicht wehtun.

Warum habe ich mich nicht vielmehr in mich zurückgezogen, ihn mehr in Ruhe gelassen? Es ist dies törichte Verlangen, sich anzuschmiegen, ausgelöst werden zu wollen.

— Und doch war die Zeit hier für mich von einer wunderbaren Fülle und Weichheit — zuletzt noch ein stilles Ausruhn auf dem kurzen Krankenlager, das mir wie ein verklingender Gruß von alten Freuden war — bittreu und doch lieben Freuden.

Ich fühle wohl dabei die verzehrende Unruhe in ihm. Aber mein Herz ist ja auch weit fort, wenn es jetzt auch noch nicht laut redet. Bald genug wird es wieder laut aufschreien in dem seligen, wilden Schmerz, der meine Liebe ist. Und auch wieder still werden und dann Ruhe geben, meinem Friedlosen. — Diesen Winter muß ich endlich den «Fliegenden Holländer» hören. Mir fällt wieder der Abend in Pullach ein, die kleine rauchige Gartenkneipe und der Gesang «Unselig holder Mann». Wie bin ich ihm untreu gewesen, daß ich seinem müden Kopf seine Ruhestätte nahm. Und wie soll es nun zwischen uns werden?

Ich bin soviel reicher und gesünder geworden in mir selbst. Jetzt soll das kommen, wozu ich doch und doch und doch noch jung genug bin.

Mein Gefühl für Henry wird mit jedem Tag tiefer und wärmer. Er soll mich doch noch einmal «leuchten» sehn — dann wird er sehn, was ich ihm danke. Und Angst um sein Glück. Um die Frau, die auf ihn wartet — die ich immer neben und um ihn fühle.

Seine Liebe zum Bubi. Jetzt kann ich ihn mit ihm teilen. Sonderbares Leben, daß wir drei zusammen sind.

Die Märchenfahrt durch den Peloponnes, in den hohen Felsabhängen die goldenen Weinfelder mit dem Meer dahinter und die fernen Schneeberge über dem Meere in der Abendsonne.

Der Abend in Patras, die Meeresfahrt. In der Mittagssonne auf Deck sitzen bei Korfu. Der lange dunkle Abend in Brindisi. Dann fuhren wir in den frischen Morgen hinein mit dem Gefühl: nun endlich! Henry wirft das Billett zum Fenster hinaus. Wir steigen in Ostuni aus und wandern endlos auf dem schönen breiten Weg zwischen Feldern und nur alten Ölbäumen. Das war so der letzte tiefe Eindruck vom Süden. Dann warten wir noch eine Stunde auf dem Bahnhof, mit seinem Mantel zugedeckt. Ein alter italienischer Bauer will Bubi von seinem Brot geben, aber er will kein «schmutziges Brot» essen. —

In Brindisi kommt das Billett wirklich wieder. Langer Mittagsschlaf und so frisch wieder aufgewacht. Im Abendschein zum Bahnhof. H. und Bubi legen sich nieder, und ich sitze ein paar Stunden froh und wach daneben. Wir hungern uns vergnügt durch und kommen noch mit einer Lira nach München. Eine Stunde in Verona und soviel gesehen in dieser einen Stunde. Ich muß einmal nach Italien. Was werde ich da für einen Reichtum finden, den ich jetzt nur ahne. — Wie hat das alles in mir geschlafen, während das heiße Leben mich in den Klauen hatte. Was hab' ich entbehrt, während ich auf der andern Seite so unendlich lebte. Aber es ist mir jetzt, als ob alles das noch für mich aufgehoben wäre und jetzt nach mir riefe. — Und das war da, während über mich die Räder der Notwendigkeit hingingen.

Wie hab' ich jetzt mein Leben lieb, weil noch alles vor mir liegt. Wie habe ich mich lieb, daß ich Stand gehalten habe. —

Am 22. Dezember morgens früh angekommen. Zum Baschl. Dann nach Henrys Atelier. Gehetzte Tage. Von Pontius zu Pilatus um Geld.

Die Familie M. contra H. Gekocht hat es in mir. Miserable Schmarotzer. Bei solchen Dingen kommt erst ganz heraus, was H. ist. Da liebe ich seine Vornehmheit. Da kommt er heim von der langen Reise, um in diese widerliche Kleinkrämerei hineinzupatschen. Wenn sie ihm nur nicht wirklich wehgetan haben, mir hat es wütend wehgetan, daß er nun Weihnachten nicht heimfuhr. Ich wäre so gern ganz mit ihm allein gewesen und hätte ihm wohlgetan, wenn ich es hätte können. Ich wollte den Baum recht schön machen, aber es wollte bei der Eile nicht so recht gelingen. Dann holte ich wieder die Marie und meine alten Lenbachs. Das war doch ein Stück Heimatgefühl.

Bubi hatte den ganzen Nachmittag geschlafen und war dann ganz Seligkeit mit seinem kleinen Tisch und Stuhl und seinen Spielsachen. Ich wollte ihn nur andächtiger genießen können mit Henry alleine.

Spät wartete ich noch auf ihn, als er das Baschl nach Hause brachte. Aber diesmal hab' ich mich doch wieder wie ein Kind an meinen Geschenken gefreut. Er kann so wundervoll geben und schenken. Zu Weihnachten Schlittschuh zu bekommen war wie ein lange nicht empfundenes Kindergefühl. Die Frau v. Stein-Briefe sind mir gerade jetzt etwas so Wunderbares. Wie hat er das herausfinden können.

Muß mich erst wieder an diesen grauen Himmel und die schweren Häuser und Menschen gewöhnen. Alles kommt mir so fremd und langweilig vor. Wie schön, daß ich noch hier bei ihm sein darf. Dieser Raum hat für mich etwas so Wohltuendes.

— — — Nun kommt der Augenblick, wo ich stark sein muß, von meiner warmen Sonne Abschied nehmen. Noch will es nicht recht gehn. Aber du mußt, mein Kind, du mußt. Jetzt gilt es, den Reichtum festzuhalten, sich Wort zu halten.

Meine arme, alte Mama schwer krank. Möchte hin. Die vielen traurigen Gedanken. Warum immer noch diese unglückselige Weichheit?

Und dann das andere. Kann ich denn jetzt anders wie dran denken? Wenn gerade jetzt das käme, was ich gerade jetzt brauche — — — — —

29. Dezember [1900]

Traurige Nachrichten über Mama. Wenn sie mich doch rufen ließe! Bubi wieder Dysenterieanfall. Immer wieder muß das arme Tierle ins Bett. Da liegt es und spielt mit seinen Weihnachtssachen.

H. fort. Traurig und deprimiert. Sehne mich nach ihm. Wie bin ich an ihn gewöhnt, an die Wärme, die von ihm ausgeht. Ich weiß noch gar nicht, wie ohne ihn leben! Das nicht zu bekämpfende wehmütige Gefühl — Tigani — Vathy — Athen.

Ich habe furchtbare Sehnsucht nach ihm.

Ein Atelier gemietet, muß mir ja wieder «ein Heim» suchen.

Aber das Alleinsein tut so weh. An Monsieur geschrieben.

Neujahrsabend 1901

Mit dem Baschl eingerichtet. Bubi blieb mit der kleinen Marie in Henrys Atelier. «Mama muß neues Heim fertig machen. Hier ist Papa Heim» — jetzt nennt er Henry immer vor anderen Leuten Papa! —

Abends, als ich ihn abholte, war er ganz aufgeregt: «Mausi muß ins neue Heim gehen.» — Ach, mein Kind, wo haben wir beiden denn ein Heim?

Baschl war mit ihm drin im Atelier, ich draußen, als er auf einmal vor mir stand. — Er wollte später kommen. Um halb eins Uhr kam er.

Unsere Neujahrsnacht. Wie sonst, aber es steht alles zwischen uns beiden. Ist es noch Liebe von mir? Oder ist mein Stern vom Himmel gefallen? — Ich sah ihn schlafen und deckte ihn zu. Legte mich dann ins andere Zimmer ins Bett. Gegen sechs Uhr ging er fort.

Ich kann die alte Seligkeit nicht wiederfinden. — —

1. Januar 1901

Auch heute abend wieder da. Warum ist es so still in mir?

3. Januar [1901]

Bubi: «Mausi will tot sein. Mama soll Mausi ins große Wasser hineinwerfen.» —

Warum jetzt wieder solche Gedanken? Wenn wir beide drin lägen! —

Er erholt sich wieder, ist etwas munterer und sieht besser aus. Aber das Leiden immer noch nicht gehoben. Habe ich ihn auch gepflegt, wie ich sollte, es nicht etwa zu leicht genommen?

Von Mama Nachricht, daß noch Lungenentzündung hinzugekommen und das Ende so gut wie sicher. Für mich bedeutet es, daß alles, was noch mit der alten Heimat zusammenhängt, tot ist — und dabei die Befreiung, wenigstens für eine Zeit, von allen Sorgen.

So wie jetzt war es doch noch selten. Ein Sturm von Rechnungen, nach allen Seiten hin geliehen. «Mama, wollen wir jetzt betteln gehn?»

Mama geht alle Tage fechten, so weit, daß man eben durchkommen kann. Henry läßt nichts von sich hören.

6. Januar [1901]

Das hättest du nicht tun sollen! —

— — — — — — — — — — — — — — —

Was soll das, wie komme ich dazu? —

Abends dann Telegramm von H.: Ich hab' sie. Zusammen in Berlin. —

Damit losch wieder etwas aus für mich. Immer steh' ich draußen vor der Tür, wenn die andern Feste feiern. Dies furchtbare Alleinsein. — Und so quälendes Heimweh nach dem Sommer. Alles, was an Weichheit und Liebesbedürftigkeit in mir ist, schreit auf dagegen. Ich halt es ja nicht aus, so allein zu sein.

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