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Ludwig Reventlow
Catty Reventlow eine Kindheitserinnerung
Das Baschl eine junge Dame aus guter Familie Die Freunde:
Hallwig Psychodiagnostiker
Falkenberg Theaterdirektor
Friedrich Huch
Hans Busse
Adrian ein indiskreter Schriftsteller
Schnotzing ein Herr mit Geld
Miller
Wurm jugendliche Liebhaber
Ferdinand
Bobby eine nächtliche Episode
Henry l'homme blonde
Am ersten September ist mein Kleines geboren, nach schweren Schmerzen. Ich glaube, ich wäre beinahe wahnsinnig geworden, wollte nur noch aus dem Fenster springen, wenn sie mich nicht gehalten hätten. Als ich dann aus der Narkose erwachte, fing der Morgen an zu dämmern. Dr. v. N. weckte mich und sagte: Es ist ein Sohn, und wir gaben uns die Hand. Es war so gut, diesen treuen alten Freund bei mir zu haben, ich war mir so entsetzlich allein vorgekommen.
Alles war so sonderbar, wie ein schwerer Traum, das halbdunkle Zimmer mit all den Menschen, und ich fragte nur, ob es lebte. Dann gingen sie fort ich lag in halbem Bewußtsein mit großen Schmerzen. Alles in mir zitterte noch. Nachher brachten sie mir das ganz kleine Süße, Herrliche in seinem weißen Kissen. So glatt und rosig war es, ich hatte es mir lange nicht so schön gedacht.
Die erste Zeit kam ich kaum zur wirklichen Freude. Vor Fieber, Schmerzen und entsetzlicher Zerschlagenheit wußte ich kaum, wie mir war und hatte nur ein dunkles Gefühl in mir, daß im Nebenzimmer mein kleines Kind liegt und das Wundervolle auf mich wartet. Und dabei immer, als ob ich den Schrecken gar nicht verwinden könnte, das Todesentsetzen in jener Nacht. Mit jedem Schmerz kam es wieder, daß alle Nerven bebten. Ich dachte, ich würde nie wieder gesund werden oder noch nachträglich den Verstand verlieren.
Dann kam man so langsam ins Leben zurück. Ich lag in meinem Wohnzimmer und sah grüne Bäume und Sonne und hatte mein Kind, endlich mein Kind, o mein Gott, mein Kind. Alles hängt an ihm, all meine Liebe und all mein Leben, und die Welt ist wieder herrlich für mich geworden, wieder Götter und Tempel und der blaue Himmel darüber.
Aber wie zerbrochen beim ersten Aufstehn nach vierzehn Tagen. Der Doktor wollte, ich sollte sechs Wochen liegen. Aber das geht ja nicht ich wollte es auch immer, immer bei mir haben.
Vor ein paar Tagen hatte ich das Geliebte zum erstemal nachts bei mir, bin wieder in mein Schlafzimmer umgezogen. Ach, war das eine Wirtschaft, ich so krank, keine Pflegerin, nur das Trampeltier von Mädchen und die gute Frau Güttner, die auch nach dem Kleinen sah. Rolf und Lulu besuchten mich und waren sehr entzückt von dem Baby. Es ist auch so schön und göttlich.
Aber in dieser ersten Nacht war ich fast noch hilfloser als das kleine Geschöpf, das immer schrie. Schließlich saß ich auf dem Bettrand und weinte auch, und es kam mir so vor, als ob wir beide ganz verlassen wären und zugrunde gehen müßten.
Dann ein trüber, grauer Herbstsonntag. Ich lag wie zerschmettert auf dem Divan und dachte: was soll aus uns werden?
Am Abend N., ich hab' soviel geweint, es war Erlösung, daß jemand kam und gut war. Ich bekam wieder Mut die nächste Nacht war solche Seligkeit, das Kleine bei mir zu haben, und aufzuwachen, wenn es schrie.
Jetzt ist es immer, immer bei mir, Tag und Nacht, und es ist herrlich geworden, in all dem Reichtum zu leben mit meinem süßen, schönen Baby. Es ist so blühend mit seinen großen dunklen Augen und dem rosigen Gesicht. Am Tag liegt es im Wohnzimmer in seiner alten Bauernwiege und nachts in einem Korb an meinem Bett. Ich noch immer auf dem Sofa, aber ich werde wieder wohler. Es läßt mich wenig schlafen, aber ich freue mich auf jede Nacht, da hab' ich es so ganz bei mir, niemand hört und sieht uns. Bei Tag stell' ich oft den Schirm davor, damit das greuliche Mädchen es nicht anschaut. Ich will es nur für mich haben, ganz für mich. Es soll Rolf heißen. Der große Rolf ist sein Pate, er kommt oft und hilft mir es pflegen.
Es wird alle Tage größer und schöner und ich glücklicher. Ich bin wie in einer Traumwelt, alles schimmert und leuchtet für mich das einzige Mal im Leben, wo man ganz das Gefühl erfüllter Sehnsucht hat.
Ich kann mich nicht entschließen, auszugehen, es ist so schön, den ganzen Tag nur mit ihm zusammen sein, solange ich das haben kann. Bald muß ich wieder ans Geldverdienen denken. Wie wird das gehen? Aber mir ist alles gleich, ich hab' mein Kind und bin selig.
Nun ist es fünf Wochen alt, fängt schon an, mich zu kennen. Wenn ich mit ihm spreche, sieht es mich verwundert mit seinen großen schönen Augen an. Alle behaupten, es wäre mir ähnlich. Morgens im Bad hat es Angst, klammert sich mit den Händchen an meinen Arm. Nachher ist es am schönsten, leuchtet nur so vor Gesundheit und roten Backen, wenn es wieder in der Wiege liegt mit seiner Flasche und einem Spitzenhäubchen. Manchmal muß ich so drüber lachen, dann macht es ein verdutztes Gesicht. Es sollte nur mehr lachen, das ist so hinreißend. Aber es kommt mir viel zu ernst vor, und ich habe Angst, daß es ein melancholisches Kind wird durch meine viele Schwermut während der ganzen Zeit. Du Göttliches, ich will dir schon eine sonnige Kindheit schaffen und dir alles geben, was ich noch an Lebensfreude hab'. Wenn die ganze Welt auch noch so gemein ist.
Die alte Lenbach besuchte uns, schlug Kreuz über mir und ihm. Die gute Alte ist völlig weg über das «Wunderkind». Mir kommt's ja auch vor, als ob mein Kind ein besonderes Wunder wäre.
Ein langer stiller Sonntag, ganz allein mit dem Kleinen. Er hat mich so süß angelacht, als er in dem Bett lag und ich mit ihm spielte. Jede Bewegung ist für mich wie ein neues Wunder, ich bin ganz angefüllt von all dem kleinen Leben.
Nachmittag ihn gemalt, wenn ich auch sonst schreiben muß, so will ich ihn doch jeden Sonntag zeichnen. Dann kam Puhn. «Ja, wo hat er denn die schönen Augen her?»
Jetzt wundervolle Mondnacht draußen. Der Kleine schon im Bett, liegt da mit offenen Augen und freut sich an seiner Flasche.
Zum erstenmal aus. Wurde mir sehr schwer, den Kleinen für eine Stunde zu verlassen. Als ich wieder kam, fragte ich, ob er böse wäre, und er schüttelte langsam den Kopf. Frau Güttner und ich mußten sehr darüber lachen.
Abends Metzger und Monsieur sie waren auch alle voll Bewunderung wie ich selbst. Es machte die Augen weit auf und lachte und lallte förmliche Reden. Heut ist es sechs Wochen alt.
Morgens in die Stadt, mochte wieder nicht fort. Aber draußen kam ich mir wie bei einem Triumphzug vor und hätte allen Leuten zurufen mögen: ich hab' ein Kind.
Als ich heute aus der Stadt zurückkam, wickelte das greuliche Weib ihn. Ich hätte sie erschlagen mögen, kann's nicht leiden, wenn jemand Unsympathisches ihn anfaßt.
Morgen soll er photographiert werden. Ich freu' mich kindisch darauf, mich und ihn dafür schön zu machen.
Anstrengender Nachmittag, den Kleinen still zu halten, ich fürchtete, seine Eleganz würde dabei hin werden. Ich hatte meinen weißen Schlafrock angezogen, um möglichst schöne Mutter zu sein. Von der besseren Profilseite photographiert. Bubi schläft jetzt nach großer Anstrengung.
Vormittags Standesamt, um ihn anzumelden. Soviel Glück in mir. Heute vor zwei Jahren die große Operation. Damals sagte man mir, ich würde nie ein Kind haben, und jetzt?
Wieder ein Sonntag. Nachmittags mit dem Kleinen im Hof. Eine düstere Umgebung dieser armselige Hof zwischen den Hinterhäusern mit armen Leuten. Und unwillkürlich das Gefühl, daß wir doch ganz wo anders hin gehörten. Landgut mit eignem Fuhrwerk oder so
Aber jetzt kommt es mir kaum mehr melancholisch vor. Gewöhnlich schläft es draußen, aber heut hat es die Augen weit auf- und zugemacht und um sich gesehen.
Die alten Weiber kommen und bewundern ihn, und ich bin sehr stolz auf mein Werk. Später halbe Stunde zu Güttners. Nachher förmlich Reue, ihn solange allein gelassen zu haben er lag ruhig da und schaute mich an. Jeder Augenblick, wo ich ihn nicht bei mir habe, ist verloren und dumm.
Die letzten Tage war das Bübchen nicht ganz wohl, weint manchmal die halbe Nacht. Ich war halb wahnsinnig bei dem Gedanken, er könnte krank werden. Nehme ihn aus seinem Kissen zu mir ins Bett, Gott, ist das ein süßes Gefühl, das kleine Wesen zu fühlen, wie es sich jammernd an mich drückt.
Doktor kommen lassen, natürlich fehlte ihm gar nichts.
Mit Otto Savoye im Glaspalast, dunkler Sonntag. Nachmittags Gespräche von alten Zeiten und vom Bubi. O Gott, wenn ich nur wieder malen könnte. Bei der Rückkehr Lulu Linnekogel mit Arbeit von Langen. Ich muß ja froh darüber sein, aber nun sind meine Flitterwochen zu Ende.
Mit Monsieur aus bei Geis. So unruhig nach dem Bubikind und beinah' ein schlechtes Gewissen, als ich um zwölf Uhr nach Haus kam und es ganz friedlich schlief. War froh, als es nachher meine Nachtruhe wieder störte.
Jetzt wieder mitten in der Arbeit. Ich muß ja verdienen und hab' doch keine Kräfte dazu, ich möchte immer so weiter leben wie bisher in dem Sonnenschein, der von meinem Herzkind ausgeht und von mir selbst. Und dann wieder malen, immerfort das Kind malen.
Aber es hilft nichts, und jetzt ist auch bei allem soviel Freude, selbst bei der abscheulichen Fronarbeit. Aber schwer geht's, wenn das Baby unruhig ist. Von eins bis sieben Uhr abends immer wieder gequiekt, manchmal ihn in den Arm genommen und mit dem andern geschrieben.
Und doch zum erstenmal macht mir selbst das Arbeiten Freude, geh' immer wieder dazwischen an seine Wiege und berausche mich an seinem Anblick.
Nachts ist's am schönsten, da hab' ich ihn ungestört, er weckt mich oft, und dann lieg' ich da und schwelge in all meiner Seligkeit. Nur fang' ich an, aus lauter Müdigkeit so fest zu schlafen, daß ich ihn manchmal wie im Traum höre. Und wenn ich dann endlich aufwache, reut es mich so, daß das arme Tierle so lange nach mir gerufen hat. Wenn's irgend geht, fahre ich ihn alle Tage aus. Zuerst genierte ich mich mit dem Kinderwagen. Kamel, anstatt stolz darauf zu sein, jetzt bin ich's aber auch. Gott sei Dank, daß ich ihn selber fahren kann, mit dem Mädchen lass' ich ihn gar nicht fort.
Große Mordgeschichte mit dem Mädchen. Sie ist jede Nacht ausgeblieben und um acht oder neun Uhr wieder erschienen, darum hab' ich mich nicht gekümmert. Nun höre ich mit viel Pläsier, daß sie die Strizzis der Gegend im Nordendhof traktiert, nur leider auf meine Kosten, da verläßt mich doch die Langmut. Zudem hat sie überall ausposaunt, daß Monsieur solche Freude an seinem Buberl hätte etc. p. p.
Kurz, ganze Kolportageromane, und ich Kamel merke erst jetzt, daß mich die ganze Nachbarschaft mit ahnungsvollem Staunen betrachtet. Also Knall und Fall herausgeschmissen, nachdem Monsieur sie mit der Stimme des Gerichts verdonnert.
Jetzt ohne das Weibsbild im Götterzustand, trotzdem ich alles selbst machen muß und beinahe in Atome zerplatze vor Arbeit.
Zugeherin gefunden, braves Tier, die gleich in Bubi und mich völlig verliebt ist und behauptet, die schönste Zeit ihres Lebens wäre angebrochen mit 12 M. im Monat und Kaffeesatz. Jetzt ist wenigstens Friede auf Erden und Wohlgefallen.
Mir bleibt aber noch verdammt viel Arbeit, da sie nur morgens kommt. Kinderwagen selbst hinunter und hinauf, Wäsche bügeln etc. p. p. Finde kaum mehr Zeit zum Schreiben für mich selbst, stehe um halb sechs auf und um zwölf Uhr zu Bett.
Nun ist es schon elf Wochen alt, das Göttliche, und wird immer süßer, strampelt, lacht und kann «la» sagen. Ich möchte den ganzen Tag mit ihm spielen und hab' fast nie Zeit dazu. Hausarbeit und Übersetzung es geht doch über meine Kräfte, und manchmal bin ich halbtot. Und fühle mich doch wieder so jung mit so viel Verlangen nach allem Leben. Um Gottes willen soll mein kleiner Rolf keine abgearbeitete Mutter haben, die mit dreißig Jahren alt ist. Sehe mich immer morgens im Spiegel, ob's schon anfängt. Aber bisher nicht, nur bin ich so übermüdet, daß ich die Augen oft erst nach zwei Stunden ganz aufbringe.
Alle Welt macht ihm die Cour, sogar gestern der alte Gerichtsvollzieher stellte sich an die Wiege und sagt gerührt: «ach das unschuldige Kind», dann der dicke Versicherungsagent, der ihn auf den Arm nehmen mußte, während ich schrieb.
Heute ist er getauft, nur aus praktischen Gründen, damit er später eventuell einen legitimen Taufschein hat für die Schule oder so. Aber recht dumm kam's mir doch vor. Hatte dem großen Rolf vor ein paar Tagen meine Silbersachen zum Versetzen gegeben, um die heilige Handlung zahlen zu können, und der Elende brennt damit durch und läßt sich nicht mehr sehn, weil er sich geniert. Und siehe da, gerade heut morgen kommt ein Brief von Panizza mit 20 Frcs., da er meine Misere ahnt. Aber Rolf kommt nicht, hole also Frau Güttner, da ich jemand als Zeugen brauche und schreibe mit Kreide an die Tür: Rolf, komm' sofort in die Kirche. Dann schieben wir los, ganz würdelos ohne Droschke. Treffen Rolf in der Türkenstraße, er versucht noch zu entfliehen, wird aber erwischt und muß mit. Der Küster empfängt uns mit Vorwürfen, weil eine Stunde Verspätung. Wir in heiterster Stimmung platzen immer wieder heraus, und der Pfaff wird ganz verlegen, verwechselt alles. Hält Rolf für den Vater und Frau G. für die Hebamme und macht die Sache möglichst rasch, um unsern Lachsalven ein Ende zu machen. Als er uns dann noch Gottes Segen wünscht, sind wir ganz verloren. Am Heimweg hab' ich meinen Bereiter getroffen und Rolf in den Bäckerladen geschickt, seinen Namen zu erfragen. Es scheint, die Bestie in mir erwacht wieder nach langem Schlummer. Er gefällt mir jetzt wieder, und ich hab' ihm den «reizenden Käfer» verziehen. Gott, damals, als wir in der Barterrasse miteinander kokettierten, und wenn er immer an mir vorbeiritt, wie ich in den letzten Bubistadien ausging und wir uns dann so vielsagend anlächelten.
Dann mit Frau G. und Rolf Taufe gefeiert, freuten uns besonders darüber, daß Bubi die Zunge ausstreckte und «la» sagte, als der Pastor ihn auf die Erbsünde aufmerksam machte.
Rolf ist dick und gesund, aber mir geht's schlimm. Überanstrengt bis dahinaus, und pekuniär war der Monat schlimm, o weh, o weh. Alles Geld geht rückwärts, Schulden, Vorschuß, fürs Tägliche ist nie etwas da. Aber das Götterkind blüht, wächst, hab' täglich mehr Wonne an ihm.
Göhler kam einmal morgens: «ich wollte Sie nur sehn.» Dann gleich wieder gegangen.
Unmöglich Zeit gefunden zum Aufschreiben. Abends klappe ich einfach um. Fühle mich wieder krank und hab' oft solche Angst, daß ich's nicht lange mehr mache. Und ich möchte leben, muß leben.
Rolf lacht jetzt den ganzen Tag und freut sich, wenn man ihn etwas tanzen läßt. Er hat einen Ball über der Wiege hängen und schlägt danach.
Da liegt es, hält seinen Mittagsschlaf. Die Haube ist ihm übers Gesicht gerutscht, er sieht aus wie eine betrunkene Amorette. O malen, malen statt dieses Arbeitswahnsinns, um nur Geld zu schaffen.
Bubi etwas krank, schreit viel. Todesangst, Doktor holen lassen. Ist aber nichts. Lacht wieder und läßt mit sich spielen.
Das Herz ist wieder gesund.
Der erste Weihnachtsabend, wo ich ganz allein bin. Ich habe mir einen Baum gemacht, und die alten Lenbachs waren da. Wir saßen um Bubis Wiege und huldigten ihm wie die heiligen drei Könige. Der alte Lenbach: In ganz Deutschland, ja in Europa gibt's kein Kind wie dies und keine Frau wie die Frau Assessor. Bubi fürchtet sich vor den Lichtern und schreit, ich leg' ihn ins Bett und trinke mit den Alten Punsch.
Jetzt allein. Der gute N. schickt mir Wein. Denke an zu Hause, die Geschwister erst fünf Jahre. Mir kommt es so lange, lange vor.
Ich möchte reich und verwöhnt sein, einen großen Weihnachtstisch mit Geschenken haben.
Sonderbares Leben. Aber es ist doch gut, ich bin so froh, daß ich lebe, seit ich mein süßes Kind habe.
Die Woche wie ein Tier gearbeitet und jetzt wieder allein. Um halb sieben kamen Zugeherin und der Kohlenmann, der für mich schwärmt und es schade findet, daß die schöne Frau Gräfin so allein ist, wünschten mir beide frohes Neujahr. Ich war in so froher und sonderbarer Stimmung, dachte an voriges Jahr, wo ich nachts heim kam und so ganz verzweifelt war. Kann heute nicht zu Bett gehen, bis jetzt an der Nähmaschine gesessen und Kissen für Bubi genäht.
Gott, mein Gott, eine solche Hochflut von Leben, Freude, Seligkeit nach dieser Nacht.
Um halb ein Uhr kam er unter mein Fenster und rief «Prosit Neujahr» herauf. Dann saßen wir von Stunde zu Stunde da und sprachen. Ich habe nie daran gedacht, daß es einmal so kommen würde, nicht, weil gewünscht. Und dann war es plötzlich doch da und schlug über uns zusammen. Es war alles wie ein Märchen, das gar nicht wahr sein konnte. Dies ganze Jahr war ich so einsam und oft so schwermütig gewesen, nun braust wieder die alte, frohe Lebensfreude, mir ist, als ob meine Seele sich nach allen Seiten auflösen möchte, zerschmelzen in lauter Seligkeiten. Als er um sieben fortging in den Wintermorgen, ging ich zu meinem Kleinen herein. Ich hab' lange an seinem Bettchen gelegen und ihn an mich gedrückt, und es hätte mich fast zersprengen mögen. O Leben, göttliches, göttliches.
Heute so wundervoll übernächtig, weiß kaum, wo ich bin. Vormittags mein Kind genommen und ausgefahren. Es war so wie ein weiches Frühlingswetter, ich wollte durchaus Veilchen haben, konnte aber keine auftreiben. Und den ganzen Tag ging mir die Stimmung dieser Nacht wieder durchs Herz und durch alle Nerven.
Abends kam er wieder.
So lange nicht geschrieben Es brauste zu sehr in mir. In mir sind lauter stürmische Frühlingstage mit Sonne und Sturm. Und mein kleiner Rolf liegt in seiner Wiege und blüht vor Gesundheit und weiß nichts vom Leben, wie schlimm und herrlich es sein kann.
Diese wilde Liebe ist so stumm und verhalten manchmal liegt sie zentnerschwer auf mir und dann wieder ein unendlicher Jubel ganz tief drin in mir. Was in ihm ist, weiß ich nicht. Nun möchte ich wieder alle lieben.
Kleinen Moment Ruhe. Arbeit, über die ich kaum Herr werde. Möchte Bubi malen, immer wieder, ich möchte alles, alles.
Ich halte aus, es muß alles noch kommen.
Heute alle Bekannten zum Bauernball. Ich hätte dies Jahr solche Lust, mitzutun, aber kann nicht von dem Kleinen fort und hab' kein Geld. Und doch lockt's so. Heut hat es mich ganz melancholisch gemacht. Da liegt das süße Herz und schläft, und es ist ihm ganz gleichgültig, ob ich tanze oder bei ihm bin.
Künstlerfest, Monsieur auch hin. Schlug mir vor, mitzukommen. Ach Gott, ich hab' einfach keine Kräfte, mir ist alles gleich, selbst der Gedanke, mit ihm zum Fest zu gehen.
Wenn mich doch jemand herausrisse, aber In der Frühe um fünf Uhr, als ich aufstand, dachte ich daran, wie die andern jetzt vom Fest heimkommen und tröste mich mit dem Besuch des Kaminkehrers, der jetzt in einen andern Bezirk kommt und sagt: «Ja, Fräulein, da kommen wir nimmer z'samm.» Das heitert mich wieder auf. Manchmal macht mir die ganze Situation Spaß, es ist, als ob man ganz verzaubert wäre als Aschenbrödel oder so.
Jetzt ist es kein Wickelbaby mehr, sondern ein richtiges Kind mit Kleidchen. Die Nähmaschine ist mächtig in Betrieb zur Erholung von der Tagesarbeit.
Monsieur liebt ihn sehr. Gegen große Leute posiert er darauf, möglichst wenig Gefühl zu zeigen. Für mich ist's immer noch ein Traum, aber manchmal tut es weh und zerrt an mir. Ich möchte mich lieber in sonniger Ruhe erhalten, dies liegt mir besser, aber sie wird in dieser Liebe nie sein.
In letzter Zeit waren noch manche andere Sachen, die mich innerlich störten. Ich denke lieber nicht daran, wenn es vorbei ist. Es muß ja sein, das Kind soll es wenigstens gut haben, und ich will auch nicht kaputt gehen. Du lieber Gott, ich brauche mich wirklich nicht vor mir selbst zu entschuldigen, nur ist so etwas ein lästiges Gefühl, das ich mit Reflexionen abzuschütteln versuche. Aber es hat auch seine heiteren Seiten. Daß Monsieur nie auf den Gedanken kommt, mich aus der Misere zu ziehen, macht mich manchmal stutzig. Aber ich will bei ihm über nichts stutzen, ich bin eigentlich ihm gegenüber sehr blind.
Wenn ich ihm z. B. einmal von dieser Woche erzählte ich glaube, er ist im Grunde doch ein gänzlich moralischer Mensch, und ich hab' deshalb den sündigen Reiz für ihn.
Jetzt bin ich wieder an der redlichen Arbeit. Oft sehr kaputt, o weh, diese Gesundheit. Mein Kinderherz, ich trinke all mein Glück mit vollen Zügen und denke manchmal, wie lang werde ich das können.
Keine Zeit, immer keine Zeit, um alles auszuschreiben, all die kleinen Fortschritte, die das kleine Tierchen macht. Gott, wieviel Egoismus steckt gerade in der Mutterliebe, mehr wie in allem andern. Ich versage mir alles mögliche, vergewaltige mich selbst zu allem möglichen, um für ihn zu sorgen, aber ich will auch, daß er alles von mir hat.
Jetzt fängt er schon an, sich für alles mögliche zu interessieren und zu spielen. Heute den ersten Zahn gekriegt, ich wurde so gerührt, daß mir beinah Tränen kamen und mußte dann selbst drüber lachen. Aber geschrien hat er, bis der Zahn da war du lieber Gott dabei schreiben! In letzter Zeit viele Nächte durchgearbeitet. Durchschnittlich schlafe ich überhaupt höchstens fünf Stunden und manchmal in Kleidern, weil's nicht der Mühe wert, ins Bett zu gehen.
An sich macht's mir nichts aus, ich möchte nur nicht zu müde und aufgearbeitet werden. Abgearbeitete Frauen sind etwas Greuliches. Jung und froh möchte ich sein, wenn er groß ist.
Eine herrliche Wohnung gefunden mit Hofplatz und Garten. Sonst ist sie etwas dunkel und feucht. Aber nun kann mein Bübchen immer draußen sein und rote Backen kriegen, in letzter Zeit ist es vom Zahnen so blaß geworden. Und ich hab' manchmal nicht mehr die Kräfte, ihn auszufahren. Die drei Monate waren eine ziemliche Fastenkur und wenig Schlaf. Wenn ich vernünftig lebte, wäre ich vielleicht kerngesund. Aber das Leben ist doch so schön, und ich bin bei allem unendlich glücklich.
Einen Plan gefaßt, zum Theater zu gehen. Vielleicht gelingt mir's damit, in ein anderes Leben hineinzukommen. Zum Malen komme ich ja jetzt auch nicht, das liegt hinter einer hohen Mauer, über die ich auf diese Weise nie hinüberkomme, sondern ich sitze vor ihr und bin froh, wenn ich mein Leben eben erhalten kann. Gut, daß mich der Arbeitsstumpfsinn so betäubt.
Mitten in den Vorbereitungen zum Umzug. War heute sieben Stunden von Rolf fort, noch nie vorgekommen. Rolf hilft mir bei allem, der große Rolf. Wir streichen zusammen alle Böden an, haben ein Zimmer tapeziert, aus dem Grund des Kleisterkübels finden wir einen Ring mit rotem Stein. Das kam mir wie irgendeine gute Vorbedeutung vor. Irgend jemand wollte mich sprechen und die Hausmeisterin sagte: «Frau Gräfin und Herr Baron sind beim Anstreichen.»
Das klang sehr hübsch.
Ausgezogen aus der alten Wohnung, wo mein Geliebtes geboren ist, und wo ich viel Schönes und einiges Schwere erlebt habe.
Es war während des Umzugs bei Güttners und schrie die ganze Zeit. Abends holte ich ihn ab und fuhr ihn im Wagen die Leopoldstraße hinauf in den schönen Frühlingsabend.
Einrichten fertig und wieder ans Schreiben. Têtes de maris übersetzt. Sitze draußen, Rolf neben mir im Wagen und lacht den Himmel an, ist so gut und still. Ich warte immer darauf, daß er eigensinnig wird, aber bisher nichts.
Also, ich habe glücklich ein neues Kleid und einen Hut, der mir steht und sehe wie ein Mensch aus. Ging sehr zufrieden durch die Stadt und mit plötzlichem Entschluß zur Theaterschule.
«Direktor» O. richtiger alter Schmierenkomödiant. Vorläufige Prüfung: ich muß immer die Augen verdrehn und mit schmelzender Stimme sagen: Mutter, sieh herab aus dein Kind.
Er findet, daß ich eine schöne Stimme habe das haben schon andere Leute gefunden.
Erste Stunde. Franziska geübt.
Das Schelmische ist sicher nichts für mich. Gott im Himmel, wenn's was würde, irgendeine Zukunft aus dem Höllenleben und der Schreiberei heraus. Ich sehe mich natürlich schon mit Brillanten und eigenem Wagen.
Theaterstunde. Mein Geburtstag. Marie hat mir Blumen gebracht. Monsieur kam, findet natürlich, ich wäre verrückt mit dem Theater.
Na, wir werden ja sehen.
Bubi geimpft, hatte ihn sehr schön gemacht und bin im Fiaker mit ihm zum Doktor gefahren. Ich war sehr stolz auf mein dickes schönes Kind, das so wohlgepflegt aussieht, als ob es wohlhabenden Leuten gehörte.
Theaterstunde, es wird gehen. Aber mit Mühe. Tageslauf: Um halb sechs oder fünf aufstehn, Hausarbeit, Bubi versorgen, üben, übersetzen, abends wieder eine Stunde üben und schreiben. Denn jetzt müssen wir auch noch das Geld für die Stunden schaffen. O mei.
Aber es ist Frühling, herrlicher Frühling, mir ist so jung und froh und viel lebendiger zumut, seit ich dies vorhabe. Ich hab' auch anständige Kleider und gefalle mir.
Halb sechs auf, geübt und Theaterstunde, Knicksen und Augen verdrehen. Der alte Hund will mich Franziska nennen, blase ihm was. Bei Langen, mittags zwei Stunden gelegen, Mordskopfweh. Rolle gelernt. Mit Eis früh zu Bett.
Halb sechs auf. Geübt. Zur Stunde. Zufriedenheit erregt durch schmelzende Töne. Mittags mit Vetter Rolf bei Schmidt. Alter Stammtisch mit Trompeter und der alten Näherin. Nachher Räder angesehen, um mir eins zu kaufen. Dann Linnekogel, später Metzger. Nur drei Seiten übersetzt. Kopf besser, ein paar Tage früh zu Bett mit Eis, dann wird's wieder gehen. Es ist oft, als ob mein Hirn brennte.
Halbe Nacht mit Bubi durchtobt und ganz kaputt. Mittags mit Rolf Rolle geübt, Luise Millerin. Er muß den Ferdinand machen. Weit schöner ist's, wenn der alte O. ihn in der Stunde macht. Oder die Lady, oder den alten Miller, je nachdem. Am schönsten ist's, wenn man ihm als Lady die Hand küssen muß. Dann mit Bubi ausgefahren. Gearbeitet. Abends wieder Rolle. Könnt' ich doch ganz dabei sein, alles andere lassen.
Halb sechs auf. Stunde. Szene Luise Wurm. O. wurmte herrlich, ich konnte kaum ernsthaft bleiben. Mittags abschreiben, dann Radlstunde, wieder schreiben. Abends zu Langen und Metzger. Langen drei Witze verkauft a 3 M. und 100 M. Vorschuß genommen. Schweres Kopfweh.
Bis acht verschlafen. Bubi macht Sprechversuche, aber es geht nicht. Besuche, die mich am Arbeiten gestört. Mittags mit Rolf Wurmszene geübt. Die Marie muß ums Haus herumgehn, ob man es draußen hört. Abends Bummelei. Les trois étudiants. Souper und Orgie. Dann ihnen etwas von meinem Leben erzählt, von Theaterplänen, heulte ihnen eine Luisenszene a la O. vor, und wir lachten uns tot. Dann zwischen Wollust und Tragik und was weiß ich noch. «Wir wollen zusammenlegen, damit Sie ein Star werden.» 150 M. damit wird man noch kein Star, aber es war lieb. Marie war bei Bubi geblieben, ich kam erst um vier heim durch den schönen Morgen, ließ mich nicht begleiten, weil inkognito bleiben wollte. Aber Wiedersehen verabredet.
Fauler Tag; verkatert, aber froh. Ach Bubiherz, ich bin noch so jung, ich muß leben und toben und möchte dir ein schönes Leben schaffen. Warum sollen wir zwei immer entbehren.
Im Café mit den drei Jungens, abends geübt: Luise Lady.
Geübt. 3 Têtes de maris. Abends mit Bruck und Schwarz im Volkstheater «Mein Leopold». Bubi fängt an zu stehen, d. h. stehen zu wollen. Mein Himmelskind, manchmal legt es mir die Arme um den Hals und küßt mich. Monsieur hatte beinahe Lust, ihm meine Aventüren zu erzählen, um sein Gesicht zu sehen. Unsere Abende ja das ist wieder etwas ganz anderes. Schwere Wogen keine Heiterkeit. Und die brauche ich auch so sehr. Oft kommt er mitten in der Nacht, wenn ich noch schreibe oder schon schlafe. Für ihn bin ich nie müde aber wenn ich drüber nachdenke, was denkt er sich eigentlich? Er muß doch sehen, daß ich immer aufs äußerste meiner Kräfte gehe, und wie ich dabei lebe. Und rührt keinen Finger, d. h. manchmal ein wenig.
Macht mir eine blöde Szene, weil ich mir ein Rad gekauft, wahrscheinlich findet er mich so verschwendungswahnsinnig, daß man mich nicht noch darin bestärken soll.
Kopfweh. Têtes de maris zu Ende. Abends kaputt, früh zu Bett statt zu den Dreien.
Wie soll ich sie nun wieder auftreiben!
Schmerzen an der alten Stelle, es geht nicht lange mehr gut.
Theaterstunde. Lobsprüche über mein Talent. Alter Hund, das weiß ich selbst besser. Engagement in Österreich in Aussicht an einer Schmiere. Sehr verlockend. Ausgerechnet auch da hab' ich Talent. Es ist sehr tröstlich, talentvoll zu sein. Neue Rolle: Christine, Liebelei. In der Zeitung Inserat: Luise, wo bist du? Kleeblatt. Gleich geschrieben, auf übermorgen.
Abends Rolle. Dann Monsieur und viele Tränen.
Kopfweh, nervös. Das kommt von den Szenen. Warum so dumm, mich quälen zu lassen. Aber ihm gegenüber bin ich wie Wachs.
Theaterstunde. Lob geerntet für Pantomime der Angst und Verzweiflung. Das scheint meine Force. Kein Wunder nach dem Abend gestern. Zur Redaktion. Arbeit abgeliefert, neue mitgenommen, 252 Seiten = 192 M., wenn er auf die Erhöhung eingeht. Mir ist nicht gut, tröste mich mit dem Bubiherz. Warum will ich noch mehr haben!
Abends überglücklich mit den Dreien vereinigt. «Unsere Luise, unser Mädel.» Ach du lieber Gott, wenn die wüßten, daß ich eine Gräfin bin, verheiratet war etc. Das macht mir Spaß. Erst Weinrestaurant, dann zu ihnen und wieder Theater gespielt. Albern wie Kinder, ach, das ist so wohltuend. Sie getauft: Wurm, Ferdinand und Vater Miller. Der arme Dicke wollte durchaus Ferdinand sein. Aber es ging ihm auch als Vater M. ganz gut. Unsere Kabale nein, unsere Liebe, Liebe à trois. Liebe Kerle trotz alledem. Sind nur so schrecklich neugierig, wo und wie ich lebe. Kollekte, die Luisenkollekte, die diesmal 100 M. gab. Wenn sie doch reich wären.
Faul und abgespannt. Nachmittag erstes Stück Maupassant. Bauerngeschichten mit Plattdeutsch. O Langen!
Wenn meine Drei doch reich wären und mich in lauter Seide wickelten, wie sie sagten.
Morgens friedlich Christine geübt. Dann plötzlich entdeckt, daß meine sämtlichen Silbersachen verfallen und schon versteigert sind. Ganze Stadt nach der Tändlerin abgesucht, die's eingesteigert hat und mit Verlust von 9 M. und einigem Schwindel wieder an mich gebracht. Gleich wieder versetzt, weil nur noch 40 Pf.
Am Heimweg zu Wurm und Ferdinand hinauf, ihnen Kaffee gemacht und eine heitere Stunde. Die guten Kerle, sie wollen mich alle zusammen heiraten, ich sollte zu ihnen ziehn.
Abends Kopfweh und früh zu Bett.
Cornelia Schorer. Bei fürchterlichem Regen mit ihr Sezession besucht. Dabei erkältet, immer Schmerzen.
Dann geschrieben, geübt, etc. pp.
Geübt, geradelt, übersetzt. Zweite Bauerngeschichte. Abends Redaktion. 6 M. für Witze.
Halbtot. Vormittags mit Eis im Bett. Nachmittags eine Geschichte übersetzt. Sachen aus dem Leihhaus und Überschuß abgeholt. Mit Bubi gespielt.
Ist das ein Hetzleben. Saß mit ihm vor der Tür und dachte, wenn ich doch mehr Ruhe hätte. Aber ich hab' doch immer Sonne um mich und denke manchmal, ob alle späteren Jahre wohl auch so schön sein werden, so voll und reich und im inneren Gleichgewicht. Bubi könnte sich eigentlich beklagen, daß ich immer nur so wenig von ihm aufschreibe, aber ich könnte nur jeden Tag dasselbe sagen, daß er alles und alles für mich ist, daß er täglich fetter und gesünder wird und furchtbar gut und lieb und süß zum Anschaun. Die Leute sehn sich nach ihm um, wenn ich ihn im Sitzwagen fahre. Ich sehe mich auch nach andern hübschen Babys um. Und er ist so still und vernünftig, außer, wenn er zahnt, als ob er wüßte, daß er mir helfen muß.
Morgens zu Langen. 5 M. für einen Witz und andere zum Bearbeiten. Außerdem «Le lys rouge» neben der Bauerngeschichte. Nachmittags Rolle gelernt. O mein Kopf, wenn nur mein Gehirn nicht ganz kaputt geht. Dann Conrad, ihn für meine Theateraffäre interessiert, er will mich mit Drach bekannt machen. Wieder neuer Mut.
Stiller Abend. Mein Gott, wenn das Leben nur so bliebe. Etwas mehr Gesundheit, mein blühendes Kind, Zukunftspläne und Luftschlösser.
Stunde. O. hat mir Aussicht aufs Schauspielhaus gemacht, wenn Drach verkracht. Wenn er nicht verkracht, komme ich durch Conrad zu ihm.
Müde, Kopfweh, ärgerlich, daß gestern gebummelt und bis acht verschlafen. Lys rouge bis Seite 32. Bubi viel gequiekt.
Wieder bis halb sieben verschlafen. Keine Zeit zum Üben. Mittags mit Monsieur in der Stadt gebummelt. Nobler Anfall, hat mir Wäsche und eine Kravatte geschenkt. Nachher über meine Faulheit geärgert, geübt und 10 Seiten gemacht.
Bubi hat zum zwanzigstenmal, ich hab's gezählt, seine Flasche zerschmettert und sich in seine kleine Pfote geschnitten. Großer Schreck. Er pflegt jede Flasche nach dem Trinken, wenn man sie ihm nicht gleich fortnimmt, auf dem Wagenrand mit großem Vergnügen zu zerknallen.
Sehr zufrieden mit der Welt, möchte nur fleißiger sein. Jetzt alle Kräfte zusammennehmen und mit großem Anlauf alles nehmen. Dann gibt's vielleicht einmal mehr Ruhe.
Mit Monsieur in die Stadt. Erste Ensemblestunde. Wir platzten vor Lachen, und O. wird wütend. Mimik. Wir stehn in einer Reihe und schneiden Grimassen. Dann sterben. Als wir's nicht gut machten, wirft er einen roten Mantel um und erdolcht sich. Wir barsten und er grollt.
Nachmittags übersetzt.
Jetzt Abend. Ich denke, wie glücklich ich bin und wie unendlich einsam. Gott, wenn mein Kind erst so groß ist, daß man mit ihm sprechen kann.
Beim Radeln das ganze Bein zerschlagen. Ich kann kaum gehen. Lys rouge übersetzt.
Vormittags 40 Seiten abgeschrieben, nachmittags mit dem Fuß zum Doktor.
Ensemblestunde, Liebelei. Nachmittags und abends Witze für den Simplizissimus frisiert.
Morgens Witze zu Langen gebracht, 20 M. Nachher Besuche und nichts getan.
Desto fleißiger, halb sechs aufgestanden. Rolle geübt. Zwei Bauerngeschichten übersetzt. Abends große Theaterübung. Bubi wollte sich darüber halbtot lachen und glaubte, ich tät's, um ihn zu amüsieren. Heute mittag stand er im Wagen an der Hecke, riß eine Menge Weinblätter ab und bestreute sich damit.
Heute ein Geldtag. 30 M. Honorar. Brief von Jakobowski.
Theaterstunde. Nachmittags völlig matsch. Nur ein paar Seiten übersetzt, um so mehr bei Bubi gewesen. Es ist so schön, in diesem Sommer einen Platz draußen zu haben, hab' den Bubi immer neben mir und freu' mich auf die langen Sommertage und -abende. Es ist gut, daß mein Leben jetzt so still ist, vielleicht kommt's später wieder ganz anders.
26 Seiten übersetzt. Rolle. Abends Theater. Raskolnikow mit Matkowski. Einzige gute Szene, wo die Bühne leer ist und er im Nebenzimmer die Alte erschlägt.
Theaterstunde. Ensemble. Übersetzt. Bin melancholisch und finde, ich komme mit nichts vom Fleck. Das Bübchen liegt draußen im Wagen und lächelt.
Ensemblestunde. Liebelei, das ganze Stück durchgearbeitet. Mittags Monsieur. Nachmittags mit Bubi im Garten und gearbeitet.
Bei Langen. Lys rouge abgeschrieben. Nachmittags war Langen bei mir, mich Schreibmaschine zu lehren, fragt: «Ist das das Kind?» Ich: «Nein, woher denn?»
Lys rouge abgeschrieben. Bis Mitte August noch 500 Seiten.
Zwei Bauerngeschichten. Ganze Woche nicht zum Üben gekommen, wie soll das weiter gehen. Ich kann nicht alles zwingen. Ach Gott, hätt' ich doch nichts zu tun als mit dem Herzkind zu leben und mit ihm zu spielen. Dazu komm' ich so wenig. Eine Nachmittagsstunde jedoch mach' ich mich immer ganz für ihn frei. Abends, wenn es zu Bett ist, Geschirr waschen etc. Das ist auch erholend.
Das Wehgeheul ist dumm und überflüssig. Monsieur behauptet, ich kokettiere mit meiner Misere. Aber ihm scheint sie auch ganz gut zu gefallen. Und wenn man einen Spaß daraus macht, damit kokettiert, läßt sich's noch besser ertragen wie mit Lamentieren.
Mit Bruck in der Liebelei, um meine Rolle zu studieren.
Komme nicht zum Üben, meine schöne Stimme wird wieder lahm.
Mit einem andern Theatermädel gebummelt. Freches, lustiges Ding. In zwei Theesalons. Einen französischen Schriftsteller aufgegabelt, der das Leben studieren wollte. Mit ihm nachts weitergebummelt, in unzählige Lokale. Zuletzt Luitpold. Da saßen meine Drei. Ich die beiden andern versetzt und mit ihnen noch auf die Bude. Fünf Uhr heim.
Theaterstunde. Die kleine Lizzie macht mir über gestern Vorwürfe, daß ich sie allein gelassen. Hat auf morgen ein Rendez-vous mit dem Franzosen, den sie langweilig findet. Zur Buße übernehme ich es.
Jetzt will ich Komteß Guckerl lernen. Blöde Idee mit meinem Wiener Dialekt. Schreibmaschine geübt.
Zwei Witze für Simpl.
Brief von Walter. Viele harte Worte. Schluß, daß ich ihm schreibe, ich wollte überhaupt nichts mehr von ihm über kurz oder lang hätte es ja doch aufgehört. Aber nun 150 M. weniger, wo ich schon so nie auskomme.
Was tu' ich eigentlich mit dem Geld, es ist mir selbst unklar. Ich arbeite wie ein Pferd und lebe miserabel und habe nie etwas. Allerdings passiert es wie neulich, daß ich einen Fiaker nahm, um nicht zu spät zur Stunde zu kommen, und ihm 10 M. gegeben, weil ich mich nicht mit wechseln aufhalten wollte. Na ja, ich bin eben nie um die Schulden herumgekommen, und das richtige Sparen lerne ich auch nie. Zudem verschlingen in diesem Jahr die Theaterstunden ein Heidengeld. Mir sind schon lange Zweifel gekommen, ob es nicht eine schreckliche Dummheit war, zu dem alten Gauner zu gehen nur wollte ich die Sache gern geheim halten und hab' deshalb niemanden gefragt. Und er verschafft einem Engagements.
Ach, Walter diese Geldaffäre ist ein ziemlich trauriges Ende deiner «großen Liebe».
Heute vor drei Jahren fuhr ich von Bozen hierher und blieb im Hotel krank liegen. Damals war ich gleichgültig gegen Leben und Sterben und jetzt nur leben, leben, leben.
15 M. für Witze. Wütender Fleiß. Beide Rollen. 50 Seiten übersetzt.
Nichts getan, Kopfweh. Mich mit dem Bübchen vergnügt.
Theaterstunde. Die Nacht durch abgeschrieben. Das ist immer eine wundervolle Stimmung, besonders jetzt im Sommer, wenn dann in der Früh die Vögel zwitschern und später der Bubi aufwacht und der ganze übernächtige Tag.
66 Seiten und Rolle. Ich möchte mir mein eignes Leben und Bubis mit Aufschreiben festhalten und schreib immer nur langweilige Arbeit aus. Aber zum Denken komm' ich überhaupt nicht mehr, zum Nichtstun auch nicht und wenn, so wirbeln mir nur Seitenzahlen durch den Kopf. Und es ermuntert mich, dann mir wenigstens das zu notieren, was ich getan habe. Käme doch jemand und holte mich aus diesem Fronleben heraus. Es hat ja auch sein Schönes, aber das bliebe ja, wenn ich nicht arbeiten müßte.
Der Franzose damals, den ich der Lizzie abnahm, hätte mich nach Paris mitgenommen aber mehr wie 200 Frs. im Monat konnte er mir nicht verheißen, und wer weiß, wie ich dann dort mit Bubi leben würde, jedenfalls nicht so ruhig und im Grünen wie hier, und für seine ersten Jahre ist das so schön. Also großmütig verzichtet. Ehrlich gesagt, ist mir trotz aller Hetze so wohl, so tiefinnerlich wohl in meinem jetzigen Leben, ich hab' die Freude an meinem Kind so ganz allein und ungetrübt für mich und liebe diese weltferne Ecke so, daß ich mich nicht leicht trennen würde, außer, wenn etwas sehr viel Glänzenderes käme.
Seit ein paar Tagen ist meine Marie krank, kann nicht kommen. Gewaschen, gebügelt und halb tot.
Das ist doch etwas zuviel. Die Bücher müssen vorwärts, das Theater auch und noch nebenbei Zugeherin spielen! Bubi steht immer in seinem Wagen, daneben oder kriecht am Boden und amüsiert sich, wenn ich beim Waschen recht platsche. Also an Lustigkeit fehlt's nicht. Monsieur kommt abends manchmal vom Tennisspielen, in weißem Anzug und Raket. Wir passen dann wirklich gut zusammen. Ich finde, er kommt sich etwas wie ein Märchenprinz vor, der zu einer armen Wäscherin herabsteigt.
Heute mich einfach hingesetzt, Hände in den Schoß neben dem Bubiwagen. Und die Lage überdacht. So geht's nicht weiter, ich bin überfastet und überarbeitet bis dahinaus. Monsieur kann mir nicht helfen, erzählt mir, daß er ganz von seinem Vater abhängig sei und nichts in der Hand hätte. (Ob er es sonst tun würde?) Von Walter nichts mehr zu erwarten, da bin ich auch wieder einmal vehementer als klug gewesen. Mit Bummeln mein Glück suchen dazu hab' ich ja nicht einmal die Zeit, wenigstens, um es etwas konsequent zu treiben und sonst, was kommt denn dabei heraus. Ich komme niemals zu einem normalen Anfang. Aber was tun? Ich fürchte, das Problem bleibt ungelöst, solange ich nicht eine Zeitlang die Hände und den Kopf freibekomme. Vielleicht, wenn ich mit dem Theater Glück habe, ändert sich alles. Im Herbst Engagement, bis dahin muß ich wohl oder übel noch aushalten.
Dabei immer einen Appetit, der mich zur Verzweiflung bringt.
Ich glaube, der Hauptfehler ist, daß ich im Grunde immer so wahnsinnig vergnügt bin, sonst würde ich mich energischer dran machen, aus dieser Lage herauszukommen.
Übersetzungen und Theater. Kopf dreht sich. Für die nächsten vierzehn Tage Theaterstunde abgesetzt, um mit den Büchern fertig zu werden, sonst werde ich verrückt.
Jetzt fast jede Nacht bis zwei Uhr Arbeit. Dann manchmal noch Monsieur.
Heiße Tage, beim Arbeiten immer mit dem Rolf draußen. Gott, ich brauch' ihn ja nur anzusehn, dann ist mir alles andere egal. Arbeiten bis zum Umfallen, auf die Straße gehn toute la même chose, wenn ich ihn nur habe, seine süße kleine Liebe, die immer mehr erwacht, und ich ihm ein Leben schaffen kann wie bis jetzt. Er ist so verwöhnt, wie ein Kind nur sein kann. Ich bin immer glücklich, aber nur etwas müde.
Furchtbare Hitze, 40 Seiten übersetzt.
40 Seiten abgeschrieben. Abends mit Monsieur geradelt.
30 Seiten Lys rouge, nur drei Stunden im Bett, gestern nur zwei.
33 Seiten. Bravo, mein Kind.
Extraeinnahme von 200 M. Neulich nacht bekam ich extravagante Einfälle. Im Teesalon alte Patronesse des Salon B. getroffen, die mit Ekstase auf mich los. Warum ich nie mehr gekommen seit jenem großen Abschied. Ja, du lieber Gott, da liegt viel dazwischen. Sie hat sich jetzt ins Privatleben zurückgezogen, aber mir eine Empfehlung gegeben. Will mich mal persönlich dort einführen. Ach Gott, ich mag nicht mehr, es kommt ja doch nicht mehr dabei heraus wie beim Übersetzen. Niemals der wahre grüne Zweig. Und all die peinlichen Gefahren, für die ich jetzt mehr Sinn habe. Ganz da hinein tauchen, paßt mir nicht, da ist man wieder nicht sein eigner Herr. Sie meint, ich hätte doch soviel Glück bei Männern, und es wäre ein Skandal, wenn ich mich so kaputt arbeitete. Das käme davon, wenn man so emanzipiert wäre und Kinder bekäme. Ich hielt ihr entgegen, daß ich doch immer nur Dilettantin gewesen. Ja, ich wäre eben zu leichtsinnig, wollte nur mein Vergnügen, nur, wer's ernst und zweckmäßig nähme, käme zu etwas. Ach ja, aber daran würde ich immer wieder scheitern, ich muß halt mein Leben für mich haben, besonders jetzt, mein Kind, das Theater. Sie: Sie kommen ja doch wieder. Jeden Samstag könnte ich sie dort treffen.
Ja, ja. Oh, welch ein Sumpf, wie der selige Pastor Johnsen sagte. Aber dieses Weib hat entschieden eine Atmosphäre von Gemütlichkeit um sich, eine «wahre Herzensgüte». Sagte aber selbst, daß hier in München ein schlechter Boden und selten ein großer definitiver Coup zu machen sei, sitzt da am Teetisch, um Ausländer in die Finger zu bekommen. Lud mich gestern zum Tee ein und setzte mir ihr neuestes Opfer vor. War dann mit ihm im Colosseum. Ach, guter Gott, in Geschichten werfen sich sündige Mütter dann an der Wiege ihres Kindes nieder etc. Ich komme müde heim, bin froh, wenn ich etwas mehr Geld in der Tasche hab' und wieder bei meinem Bübchen bin. Aber daß es mir etwas übelnehmen sollte, wenn es groß wird und einen Einblick in die Abgründe tut, durch die seine Mutter gelegentlich wandelt es möchte mir's eher übelnehmen, wenn ich ihn und mich verhungern ließe, und wenn ich mich mit Übersetzen totschinde. Mein einziges Verbrechen ist, daß ich nicht reich bin.
Und ein rechtes Unglück ist eben mein Dilettantismus auf allen solchen Gebieten. Ich wäre außerstande na, ich weiß nicht mehr zu was, ist auch egal. Ob es wohl Menschen gibt, die mich darin begreifen können? Ich glaube kaum, ich bin auch viel zu verschlossen über mein intimeres Leben.
Seit vierzehn Tagen immer dieselbe Hitze, aber ich hab's gern. Es ist so sommerlich in unserer Ecke, und das Sonnenkind blüht und wächst und wird göttlich. Es ist in allem, was ich jetzt lebe, soviel schwere Seligkeit, ich möchte den Bubi immer aus dem Arm tragen, als ob dann alles von mir in ihn überströmte. Wenn ich ihn morgens hinaustrage in die schöne frische Luft und abends wieder hinein ins kühle Zimmer, o Gott, es ist beinah' erdrückend viel Glück.
Ich hab' die ganzen Tage im Freien gearbeitet.
Rest Maupassant. Jetzt noch 100 Seiten abschreiben. Dann kann ich hoffentlich einen Monat privatisieren.
Rolf hat sich heute über einen großen Hund erschreckt. Es war so hinreißend lieb, das kleine Gesicht, und wie es wieder beruhigt war.
Götterkind, mein Götterkind.
Mit Giulia nach Pasing geradelt. Wenn ich dann zurückkomme, fühle ich, daß ich das Kind immer, immer um mich haben muß, sonst bin ich unruhig.
Immer noch 48 Seiten. Ich kann nicht mehr, kann wirklich nicht mehr. Warum kann ich von dem Menschen nicht los. Es wäre vielleicht vieles besser, aber ich kann nicht hergeben, was ich durch ihn erlebe. Manchmal frage ich den Bubi um Rat, und er lacht und fährt mit den Patschen durch die Luft, als ob er sagen wollte: pfeif darauf.
Endlich wieder Theaterstunde. Goldne Eva. Rolle Agnes.
Abgeschrieben von halb neun bis halb sieben abends. Es gibt ja jeden Augenblick Unterbrechung. Abends geradelt. Wieder erst um drei zu Bett und um sechs auf.
Stunde. Goldne Eva Ensemble.
Eins bis vier Uhr geschrieben; A. mich besucht, entzückt von Bubi. Heut' abend denk' ich daran, wie's vor einem Jahr war, die furchtbaren Stunden, bis ich meinen Bubi hatte. Und was für ein wundervolles, überreiches Jahr war es dann.
Fünf Uhr früh aufgewacht, irgendwo läuteten Glocken. Meines Herzkinds erster richtiger Geburtstag, voriges Jahr um diese Zeit wachte ich gerade aus der Narkose auf.
Und heute lag er neben mir, rosig, süß und gesund und lachte mich an und streckte seine kleinen Pfoten nach mir aus. Dann draußen im Wagen in der Sonne lag er auf dem Rücken und spielte mit seinen Füßchen. Die Marie kam mit Blumen und spielte mit ihm. Nachmittags Monsieur. Er brachte ihm Spielsachen, eine Klapper, einen Hasen und ein Kleidchen. Dann mit ihm gespielt bis zum Abend. Wenn ich ihn dann hineintrage, legt er immer die Arme um meinen Hals oder zieht mich an den Haaren und ich denke, das ist mein, mein. Dies ist das einzige Glück, das ich festhalten will, festhalten durch mein ganzes Leben.
Stunde. Marie bei Bubi etabliert, um eins mit Monsieur nach Holzkirchen, dann mit Rad nach Tegernsee. Trotz allem Mißgeschick denke ich jetzt dran wie an einen schönen Traum. Der See im Abendnebel und morgens wieder im Sonnenglanz. Telegramm von der Marie, daß Bubi wohl und vergnügt. Ein sonderbares Gemisch von Sehnsucht, Heimweh, Unruhe, Freude und Schmerz in der Fremde wie lange war ich nicht draußen gewesen, und es kam eine unsinnige Sehnsucht über mich nach Freiheit und Leben. Nächsten Mittag zurück und mich auf Bubi gestürzt, saß draußen in seinem Wagen. O Gott, daß ich ihn nur wieder hatte, ich war so kurz fort und konnte es doch kaum aushalten. Müder, stiller Nachmittag mit ihm, so froh, wieder bei ihm zu sein und doch so Herzweh, ich weiß ja selbst nicht, was das soll. Dumm bin ich.
Theaterstunde. Aussicht, ans Gärtnertheater zu kommen. Nachmittags mit Rolf draußen. Ruh' mich jetzt gründlich aus. Rolle gelernt. Still und froh und Sehnsucht.
Vormittags Frau Strindberg. Sitzen draußen. Bubi steht plötzlich auf und fliegt zum Wagen hinaus in den Kies. Mich zu Tod erschrocken; er hat sich aber nichts getan.
Keine Arbeit und kein Geld, aber Ruhe. Ausruhn, ich schlafe und schlafe und hänge in der Sonne herum neben Bubis Wagen und spiel' mit ihm.
Viel Rolle geübt, nun soll ja Ernst werden und ich kann doch überhaupt nichts. Lust hätt' ich ja, Himmelherrgott. Aber auch da nur, wenn man ohne Zwang wäre und ich spielen könnt', was und wie ich wollte.
Theaterstunden.
Es war doch ein herrliches Jahr, tut mir leid, daß es herum ist, so voll von Glück. Nur die Arbeitshetzerei immer wie ein Schleier drüber.
Jetzt soll man sich Garderobe verschaffen diesen Monat muß man schließlich auch leben, bei Langen wird wenig mehr herauskommen.
Bei Langen, um abzurechen natürlich stand es sehr schwach, noch weniger wie ich es erwartet hatte. Und er ist momentan nicht sehr vorschußlustig. Diesen Monat hab' ich über 300 M. Extraausgaben gehabt für alles mögliche.
Gestern mit Giulia bei Schneider. Will mich prüfen und dann «weiterbilden». Aber wie soll ich das machen, auch wenn er nichts verlangt?
Von Langen neue Arbeit, cent contes durchzukorrigieren, eine Schandarbeit.
Bubi hat jetzt acht Zähnchen, ich mustere sie mit Stolz. Er versucht zu laufen, kriecht mit rasender Geschwindigkeit durchs Zimmer, und man muß jeden Augenblick aufpassen, sonst rutscht er zum Haus hinaus und fällt über die Stufen.
In Tutzing bei Frau Strindberg. Trübes Wetter und melancholisch, als ich über den See fuhr. Abends zurück.
Bubi nicht wohl. Ich kann's nicht aushalten, wenn es Schmerzen hat, das arme dicke Tier. Björnsonbrief für Langen zu übersetzen, suche ganze Stadt nach jemand ab, der Norwegisch kann, will dann gleich weiter Stunden darin nehmen.
Abends macht Monsieur mir Szene. Wozu? Im Nebenzimmer Bübchen, das unruhig ist, aber scheint nicht krank. Liegt da wie ein dicker Engel, das süße.
Morgens kommt es jetzt immer zu mir ins Bett gekrochen und fährt mir mit den kleinen Tatzen durchs Gesicht.
Der norwegische Lehrer! Ganz verrücktes altes Huhn. Geht sich erst rasieren lassen, denn «wenn eine Dame vom höchsten Adel zu ihm kommt». Nachher stellt sich heraus, daß er kein Wort kann, nicht einmal die paar Stellen im Brief, die ich nicht weiß. Aber glücklich einen andern aufgetrieben und das schwierige Werk vollendet.
Morgens Karte von O., daß fürs Gärtnertheater engagiert. Hurrah! Aber wenn etwas erreicht ist, klappe ich immer zusammen, ich bin jetzt ganz matt und ohne alle Initiative. Möchte nur schlafen, schlafen.
Marie ausgeblieben. Zu O. gerast, um Kontrakt zu unterschreiben, dann Bubi aufgepackt und Wäscherei suchen gegangen.
Eine reizende Hetzerei, muß alles selbst machen. Mittags zu Rakl, um mich vorzustellen, dann heim zu Bubi, der die ganze Zeit brav in seinem Wagen sitzt, spielt oder nachdenkt. Neue Übersetzung, mir schwindelt etwas.
Letzte Stunde bei O., dem elenden Gauner.
Eigentlich hab' ich Todesangst, daß ich bald eine Rolle bekomme.
Um drei zu Bett. Zwei Kapitel neuen Prévost übersetzt, mit Bubi gespielt. Er kriecht im ganzen Zimmer herum und reißt alles herunter, was er erwischen kann. Geht am Sofa, angefaßt wie ein Vierfüßler, der es auch einmal so probieren will.
Ich hab' soviel Freude am Leben und jetzt auch wieder soviel Kräfte und. gute Nerven. Ich will noch soviel das Theater ich möchte überhaupt alles, alles. Müßte ich nur meine Kraft nicht immer für so viele unangenehme Notwendigkeiten einsetzen. Wie schön könnte es werden, wenn nun alles glückte. Daß ich etwas könnte, daran zweifle ich gar nicht, nur, ob ich es durchhalten kann.
Kostüm gekauft von einer Balletteuse, die Schauspielerin werden wollte. Vormittags der Theaterdiener mit meiner ersten Rolle. Nur ein paar Worte als Zofe. Zum Unglück ist mir grad sehr elend, aber es wird wohl gehn müssen.
Ausgeruht und Rolle gelernt. Nachmittags zur Probe. Eine gräßliche Gesellschaft von Kollegen und Kolleginnen. Regisseur dagegen birst vor Liebenswürdigkeit. Aber ich kriege einen blassen Schrecken, muß für die kleine Rolle ein Zofenkostüm haben, habe nichts, was dazu ginge. Ach was, ich werde zu Ferdinand gehn. Himmel, ich bin doch so froh, die Leute sollen schon sehen, daß ich spielen kann. Und nun bin ich wenigstens drin, fühlte mich ganz beseligt durch das Gefühl von Bühne und Betrieb.
Sitze jetzt abends am Fenster, mir ist so absolut froh und leicht wie nach einer schweren Wanderung. Himmel ja, dieser Sommer wie oft war ich drauf und dran, alles über den Haufen zu werfen und gehn zu lassen. Morgen Leseprobe.
Ja, prost, in aller Herrgottsfrüh ein Schreiben von Rakl, ich sei für seine Bühne noch nicht reif genug, und der Kontrakt sei hiermit wieder gelöst.
Ich ziemlich starr, was soll das heißen? Ich habe ja noch kein Wort gesprochen, es war nur Arrangierprobe, und der Regisseur sagte: «Mit Ihnen wird's schon gehen. Sie sind nicht so steif und ungeschickt wie manche Anfänger». Sakrament! Also aufs Rad und zu O. gestürzt, der mit großen Schritten auf und niedergeht, seine Pepi hereinruft, ihr den Fall erzählt und es für einen Schurkenstreich von Rakl erklärt. Dann diktiert er mir einen Brief an Rakl: Herr Direktor, Sie haben usw. p.p. das war kein Heldenstück, Octavio!
O. bemüht sich dauernd, Rakl zur Umkehr zu bewegen, und erzählt mir, daß R. ihm gesagt, ich sei ihm nicht üppig genug. Wundervoll müssen diese beiden Schmierengauner zusammen sein.
Aber ich hab's mir anders überlegt. Ich will fürs Erste nicht mehr. Ich bin etwas fertig und kann mich nicht entschließen, mit 120 M. irgendeins von den Engagements zu nehmen, die O. mir anbietet. Ich will diesen Winter sehen, viel Geld zusammen zu bekommen, für mich weiterstudieren, eventuell bei Schneider, dem ich einmal vorgebrüllt, und der mich unterrichten will. Wenn ich das Gefühl hab', etwas mehr zu können und freie Hände, dann wieder los.
Ruhe nach gefaßtem Entschluß. Gestern abend mit Frau Strindberg, Naumann und einem Agenten zusammen im Eberspacher. Der Agent will sich nach etwas umsehn. Um ein Uhr nachts durch den Nebel zukunftsfroh heimgeradelt.
Wo bleibt meine Zeit? Ich möchte mir alles aufschreiben und komme nie dazu. Es ist auch ein Tag wie der andere. In verfrorner Müdigkeit um halb sechs aufstehn, anziehn, heizen, Bübchen baden und füttern, das ist alles Vergnügen, und ich freu' mich jeden Morgen darauf, wenn er im Wasser strampelt und nachher auf seinem hohen Stuhl sitzt und futtert. Ich hab' ihm eine große gepolsterte Kiste machen lassen, darin spielt er und übt sich an den Wänden im Gehen. Ist er müde, so fällt er um und schläft. Gewöhnlich brummt er erst einige Zeit und schlägt taktmäßig mit dem Kopf an die Wand, bis er einschläft. Das gute Herz, es ist so vernünftig und beschäftigt sich ganz allein, lallt vor sich hin, das größte Vergnügen ist, an meiner Hand herumzugehn.
Und dann das Schreiben den ganzen Tag nebenher. Wie die Bücher fertig werden, ist mir ein Rätsel, ich werde doch jeden Augenblick gestört nur während Bubis Mittagsschlaf und nachts ist wirkliche Ruhe. Aber ich habe jeden Tag die unverwüstliche Hoffnung, daß ich morgen mehr machen werde und ebenso, daß ich aus dem ungeheuren Dalles einmal herauskomme. Die Theaterpläne ruhen bis Weihnachten, und dann muß ich mich mit Schneider ins Einvernehmen setzen. Durch den Sommer bin ich natürlich gänzlich in Schulden versunken Klagen, Gerichtsvollzieher usw. an der Tagesordnung.
Die Wohnung ist kalt und tödlich feucht, jeden Morgen raucht es erst zwei Stunden. Deshalb heiz' ich ganz früh, damit es für Bubi wieder vorbei ist.
Buch halbfertig, ich aber auch. Eisernes Sparsystem, Ferdinand & Comp. haben mir ein paarmal ausgeholfen, aber was verschlägt's. Zu andern Unternehmungen jetzt nicht die Kleider, habe nur ein einziges schwarzes mit weißem Rand und eine weiße Boa in Ermanglung eines Jacketts. Es sieht ganz anständig aus, ist aber kalt im Haus trage ich alte Sommerkleider. Das ist alles recht nett, aber wenn ich am Gärtnertheater wäre mit 70 Mark monatlich, wär's noch schlimmer.
Abends Gerichtsvollzieher. Der arme Schreibtisch wurde wieder einmal beklebt und meine Theatergarderobe. Ich bot ihm den Soxhletapparat an, und er wurde sehr beleidigt.
Mit Rolf ausgefahren, herrliches Wetter und lauter Sonntagsradler. Ich möchte auch wieder fahren, aber Rad versetzt und noch nicht abgezahlt. Hatte gar keine Lust, dann wieder in die dämmrige Höhle zu kriechen und zu fronen.
Fünf Kapitel übersetzt. Bubis Erziehung zum Kulturmenschen mit viel Ernst und wenig Erfolg betrieben. Mir tut oft das Herz weh, daß ich so wenig mit ihm spielen kann und er immer in seiner Kiste hausen muß. Aber er ist sehr vergnügt darin, und ich kann nicht genug aufpassen, wenn er frei umherkriecht.
Wieder an La Vassale, Kopfweh und Elend, aber es muß bis Mittwoch fertig sein. Ich bin wieder einmal so weit, daß ich bei dem Wort Wurst Herzklopfen kriege.
Bubi so herzig, steige manchmal zu ihm in die Kiste hinein, er empfängt mich mit ausgebreiteten Armen und schenkt mir seine Flasche. Neulich schlief ich so ein und wußte nachher gar nicht, wo ich war. Schlafe überhaupt ein, sobald ich still sitze, bei Besuchen, im Theater usw.
Ich will mir kein Geld holen, ehe das Buch fertig ist, sonst verliere ich alle Lust und mache nichts mehr.
Ein Buch verkauft für 1 Mark, eine Schuld von 80 Pfennigen einkassiert und 3 Mark von Monsieur gepumpt. Jetzt kann ich mir sogar Kaffee und Petroleum davon kaufen.
Lampert-Affäre. Als Gerichtsverhandlung sehr lustig.
Bis morgen noch 50 Seiten. Ich tue nichts mehr, sondern sitze da und denke: O Gott, noch 50.
Mittags zu Langen und die 200 Mark geholt, mich damit aufs Bett gelegt und damit geschlafen in wunschlosem Glück.
Heut abend sind noch 60 davon da.
Langen drängt, ich suggeriere mir, daß es um meine Seligkeit geschehen wäre, wenn das Buch heute nicht fertig wird. Vorige Woche schon ein paar Nächte aufgeblieben, aber jetzt bin ich zu faul. Telegramm von Frieda Schorer auf heute abend.
Abends 20 Seiten. Frieda abgeholt, wohnt bei mir. Geschwätzt bis zehn Uhr, sie zu Bubi in mein Bett gesteckt und nun weiter.
Ein Uhr nachts. Noch 20 Seiten. Wenn ich nicht fertig werde, mach' ich's in vier Wochen nicht zu Ende. Die beiden schlafen nebenan, Bubi schreit manchmal, und wenn ich hineingehe, erschrecke ich mich, daß jemand in meinem Bett liegt.
Halb acht morgens. Fertig!
Dies herrliche Gefühl nach einer durchwachten Nacht, als ob man keinen Körper mehr hätte. Es war auch eine so stimmungsvolle Nacht heute. Morgens eine halbe Stunde geschlafen, dann mit Frieda Wohnung gesucht.
Auf Divan dem Schrecklichen eine unruhige Nacht. Bubi zahnt. Backenzähne. Drei- oder viermal aufgestanden und mit wahnsinnigem Brummschädel aufgewacht. Nachmittags Cafe. Die Getreuen wieder begrüßt.
Langen wird murren, wenn ich vor Weihnachten um Vorschuß komme. Ich habe von Paul zwei Sardellen-Trüffelleberwürste geschickt bekommen und lebe seit fünf Tagen ausschließlich von denen. Ich muß oft darüber lachen, aber die Situation ist peinlich.
Ich kann jetzt begreifen, wie Männer manchmal von irgendeinem «Teufelsweib» nicht loskommen können mir geht's mit Monsieur so. Wir sehen uns nur abends, nur nachts, selten einmal über Tag und nie im sogenannten täglichen Leben. Dadurch hat alles einen so tiefen Reiz, der immer etwas Mystisches behält. Und sonst es ist eine Liebe mit tausend Stacheln, aber vielleicht gerade darum. Ich denke manchmal, ob die Zeit unserer «Freundschaft» schöner war, und weiß es selbst nicht.
Menschlich ist er kalt wie Eis oder tut er so? Mit Bubi kann er so lieb sein, besonders, wenn er sich für unbeobachtet hält. Das geht mir dann durchs Herz.
Nach Nymphenburg, um eine alte Schuld von Maxl einzutreiben, nicht angetroffen. Die Würste sind zu Ende, jetzt lebt man von Buchweizengrütze. Finanzen unter aller Kanone.
Wollte die Guilbert sehn. Kein Billett mehr, melde mich bei ihr, um ein Interview zu schreiben, auf morgen bestellt, sieben Uhr abends.
Heute abend regnet es in Strömen, und ich habe keine halbwegs mögliche Regentoilette und kann mich nicht entschließen, schofel hinzugehn. Also fahren lassen. In solchen Momenten ärgert mich die Misere. Sonst macht sie mich eher lustig, je ärger sie geht. Das Bubiherz erkältet und zahnt, das arme quält sich so damit, und man kann ihm nicht helfen, wenn es einen so vorwurfsvoll ansieht und dabei brüllt!
Neue Übersetzung. Gott sei Dank. Achtzehn Kapitel. Heute gleich drei.
Heiße Woche, aber mit dem ganzen Buch fertig geworden.
Gestern nachmittag, Nacht durch bis heute mittag hundert Seiten abgeschrieben. Abends Monsieur, schlief auf dem Sofa bis drei, während ich schrieb. Es war eine liebe, friedliche Stimmung wie schon manchmal der fremde Mann Dann weiter gearbeitet bis sieben, kaltes Bad und zur Lampert-Verhandlung. Mit Glanz gesiegt, sonst hätte es gemeine Kosten gegeben. Nachmittags Bubi bei Linnekogels deponiert und zu Schnotzing, für den im Herbst etwas übersetzt. 80 M. Er fängt an, zutunlich zu werden, mag ihn aber nicht schnöder Hanswurst. Ich hatte genau noch 17 Pf. bei mir. Wenn da na warten wir's ab.
100 M. von Ludwig, dem Guten. Ich mag ihm nicht reinen Wein über meine Lage einschenken, sie glauben alle, daß ich von den Übersetzungen ganz menschlich lebe ach du lieber Gott.
Nur auf dem Sofa gelegen und mit Bubi gespielt und ihm von Weihnachten erzählt, aber er versteht noch gar nichts, auch noch nie ein Versuch zu sprechen.
Monsieur bis sieben Uhr früh, dann in die Stadt und sehr selig über alles, Bubi, Weihnachten und ihn. Den Baum gerichtet, diesmal ein großer. Wildes Zahnweh.
Um fünf Uhr die alten Lenbachs und Marie. Später Frieda Sch., Baschl, Bruck und Spiro. Aber der erste Teil des Abends war bei weitem schöner mit den guten anhänglichen Leuten und dem Bubiherz, das in einem rosa Kleidchen herumpaddelt und sich doch diesmal schon sehr an den Lichtern und Spielsachen freute. War ganz rotbackig und überwältigt. Wäre nachher lieber ganz allein geblieben, aber sie hatten sich alle angemeldet für den Christabend der Heimatlosen. Der Baum geriet in Brand, Fenster aufgerissen, draußen eisige Kälte und heute mein ganzes Gesicht geschwollen.
Ganzen Tag mit Morphium auf dem Sofa in wundervoller halb betäubter Krankheitsstimmung und mit dem Bubiherz, das selig mit seinen Sachen spielt.
Schauerliche Exekution beim Zahnarzt.
Bubi etwas krank, eine schlimme Nacht und ein schlimmer Tag mit entsetzlicher Angst. Das dicke vergnügte Tierchen war so weinerlich und matt. Gott, ich fühlte es so, daß mein ganzes Leben an diesem kleinen hängt, das so ganz mein ist.
Abends die gute Metzer mit mir Bubi gepflegt. Dann der Doktor, der mich völlig beruhigt. Wie bin ich froh. Dann kam noch Puhn. Um zehn Uhr erst wieder allein und noch die ganze Hausarbeit. Bubi immer noch unruhig. Ich kann es nicht ertragen, das Kind leiden zu sehen, das geliebte.
Heute ist es besser. Gott sei Dank, ich bin froh, so froh. Es hat den ganzen Tag im Bettchen bei mir im Zimmer gelegen und war so brav und hat mich kaum gestört. Nachmittags fiel ich fast um und schlief drei Stunden. Jetzt Abend, Silvesterabend, der zweite, wo ich wirklich maßlos glücklich bin.
Vor drei Jahren in der Neujahrsnacht war ich gerade von dem Zusammentreffen mit Walter in Nürnberg zurück und richtete mir das Atelier in der Heßstraße ein. Alles sah so trostlos aus ich sehe die Höhle heute noch vor mir und ich halbkrank. Und doch habe ich diese Höhle nachher so geliebt. Dieses Jahr ist so schnell herumgegangen mit unendlich viel Sonnenschein. Der stille Arbeitswinter und dann der herrliche Frühling und Sommer. Ich bin so tausendmal jünger und gesünder geworden und will wieder soviel vom Leben, je härter es äußerlich ist. Eigentlich ist jeder Tag wie eine große Schlacht mit vielen Lichtblicken. Abends totmatt ins Bett fallen und schlafen. Nur noch mehr Liebe möchte ich, immer mehr Liebe von allen Seiten.
Im Nebenzimmer schläft mein Rolf sich gesund, mein einziges Herzenskind.
Um halb eins zu Bett, dachte an voriges Jahr um diese Zeit. Um halb zwei kam er und weckte mich, und jch war so glücklich wie über ein großes Geschenk, daß er gerade diesen Abend kam. Jetzt ist es schon unsre Neujahrsnacht. Der Mensch ist sehr unglücklich, er hat etwas so Gehetztes und kommt zu mir, um Ruhe zu finden. Nun ja, seit ich das Kind habe, hab' ich eine tiefe Ruhe in mir bei allem, was auch drüberhin gehn mag und fühl mich auch so fähig, andern zu geben. Aber gerade das Gefühl für ihn wird immer wieder zur ganz ungezähmten Leidenschaft, die manchmal in mir reißt und tobt, aber nie nach außen kommt.
Stiller, sonniger Wintermorgen. Ich bin etwas müde, eben angefangen, zu arbeiten. Mir ist ruhig und froh. Bubi noch im Bettchen, sitzt und spielt. An solchen Tagen möchte ich jeden Augenblick festhalten, es ist, als ob das Glück leise durchs Zimmer ginge.
Bubi viel unruhig, besonders nachts. Habe den Schreibtisch neben seinem Bett, und wir unterhalten uns. Wenn er doch erst sprechen könnte.
Wieder böse Nacht. Im Nachthemd auf den Hof und seine Windeln gewaschen. Es war sehr romantisch bei Mondschein, Schnee und der moosigen Mauer um den Hof.
Geträumt, daß ich mich selbst umbringen wollte und mir mit einer Axt ein Loch in den Kopf schlug. Dann zum Doktor und er sagte, ich würde vielleicht am Leben bleiben, aber wahnsinnig werden. Ich fühlte selbst, daß ich nicht mehr klar denken konnte und hielt mir das Loch mit beiden Händen zu. Jetzt schon die fünfte Nacht kaum geschlafen. Es schneidet mir ins Herz, daß ich immer wieder an die Arbeit zurück muß und nicht mehr mit ihm spielen kann.
Bubi wieder gesund, fährt wieder aus. Machte heute solchen Eindruck auf ein anderes Baby, daß es nicht weiter gehen wollte und sich immer wieder nach ihm umsah. Er fängt immer noch nicht an zu sprechen, ich sehne mich so nach seinen ersten Worten.
Un soir d'orage et de nerfs. Pleuré, pleuré mon Dieu. Déjà sorti il a frappé contre la fenêtre et revenu. Et puis c'était si bon, si doux.
Zahnarzt, Schmerzen. Bubi zahnt auch und schreit. Nerven rasen, Knie zittern, Misere auf der ganzen Linie, aber vielleicht bin ich morgen schon wieder obenauf. Am dänischen Buch gearbeitet. Lerne Stenographie, dann Korrekturen lesen. Es geht bald nicht mehr.
Hungersnot und Pestilenz, muß wieder Vorschuß nehmen.
Gestern abend Besuch von P. Hilfe angeboten, damit ich Theater weiter machen kann. Donnerwetter, bin ich froh.
Wir saßen bis drei Uhr früh bei Rotwein und Gesprächen. Heute rasend verkatert. Übrigens bin ich manchmal doch wohl recht dumm, habe gesagt, ich brauche 600 M., und in Wirklichkeit brauche ich mindestens 3000, um mich zu rangieren, Garderobe zu kaufen, weiterstudieren usw. Aber vielleicht war es gut, zum Anfang edle Bescheidenheit zu zeigen, und er war sehr nett. Ich war ganz gerührt, die gemeinen Betrachtungen kommen erst nachher.
Heute so froh, eine Frühlingsnacht und ein Tag wie lauter Frühling, eine sonderbare Freude und eine schöne Sehnsucht nach Leben, Liebe, Glückseligkeit und allem.
Am 7. will ich zum Bauernball und endlich einmal toben und tanzen.
Die versprochene Hilfe von P. geholt, denke nun wieder nur ans Theater. Erst ganz berauscht von meinem Reichtum, aber, aber weit komme ich damit doch nicht.
Gestern der Ball. Einfach gerast und selig. Oh, war das schön, die alte Lebensfreude, das Gefühl, wieder einmal ganz drunter zu sein nach dem vielen Einsiedlertum. Die Metzer Bubi behütet und etwas erstaunt, als ich erst um sieben heimkam, von einer ganzen Horde mit Musik begleitet.
Vormittags mit Bubi zur Stadt, noch ganz taumelig und mit Tanzgefühl in den Füßen. Mußte mir Mühe geben, nicht hinter dem Kinderwagen zu hupfen.
Gestern Nachkirchweih, noch viel toller und lustiger wie den ersten Abend. Aber mein Mäcen um vier Uhr früh: die Männer wären alle schwach, und meinen Sirenenaugen könnte niemand widerstehn. Mit nach Hause kommen. Mais impossible, ich bin gerade so sehr in Monsieur verliebt und überhaupt. Aber dumm war's vielleicht. Konnte da am Ende mein Glück machen. Nun hab' ich's vielleicht verspielt, aber ich habe meine Ruh' und keinen Graus. Solche feste Engagements sind nichts für mich. Nur Momente und dann weg damit. Um sieben Uhr erst heim mit Leuten, die bei mir Kaffee tranken und Bubi bewunderten.
Schlimme, ganz schlimme Zeiten. Krank, krank, krank, kann mich kaum aufrecht halten. Dazwischen wieder schöne Frühlingstage mit Bubi im Garten. Er wird so groß, läuft und spielt.
Wenn er mich in diesem Elend nur nicht allein lassen wollte. Ich bin wirklich ganz verzweifelt und weiß nicht, was anfangen.
Seit vier Wochen herumgelegen. Schmerzen immer wieder versucht zu arbeiten.
Schmerzen und Fieber. Die Katastrophe kommt heran, aber was dann? Und dies Herumziehen ist einfach entsetzlich. Bubi, Bubi, mein Herzkind
Vom 13. bis 23. krank gelegen, dachte schon, es wäre aus mit mir. 40 bis 41º Fieber. Phantasiert. Doktor eine Nacht bei mir geblieben, die andere Frieda Schorer bei mir gewacht. Phantasierte immer von der Schreibmaschine oder sah das ganze Zimmer voller Leute.
Ach, lieber nicht an das Elend denken. Als ich eben «gerettet» war, kam Monsieur von seiner Reise. «Die ganze Geschichte war überflüssig wie ein Kropf.» Dieser gemütvolle Ausspruch wirkte einfach erlösend auf all meine dramatischen Gefühle, und meine Seele war wenigstens geheilt. Wollte Gott, es wäre so. Aber äußerlich hat er sich gut gemacht und die Kosten des Verfahrens auf sich genommen.
Gott, daß ich nur den Bubi wieder habe, ich dachte schon, es wäre aus mit mir.
Mit dem Erholen geht's langsam, langsam, mir kommt's vor, als ob ich ein ganzes Stück Lebensmut verloren hätte.
Als ich heute vor die Tür kam, war ein Schrei des Entsetzens, wie blaß ich aussähe.
Gesundwerden kann so schön sein, aber diesmal bin ich zu matt, hänge nur so herum. Das Bubiherz ist mein einziger Trost und meine Freude den ganzen Tag. Na, ich muß doch wieder froh werden.
Zum erstemal aus bei Langen, hatte meinen beau jour und erntete Komplimente, aber man fand, ich sähe hektisch aus. Arbeit geholt. Drei Kapitel Prévost und zwei Teile großer Roman.
Victoria von Hamsun gelesen. Liebesstimmung, aber meine Liebe hat einen ziemlichen Knacks bekommen. Bubi ist so überwältigend herzig, aber gewaltig unbequem, wenn man so kaputt ist. Nichts ist vor ihm sicher, in der Küche erwischt er die Eier und knallt sie auf den Boden, steckt Steinkohlen in den Mund und trank neulich Spiritus. Großer Schreck, die Hausmeisterin und ich nahmen auch jeder einen Schluck, um zu sehen, wie es täte. Einmal waren seine kleinen Schuhe verloren, und ich fand sie in der Kaffeekanne wieder.
Arbeiten angefangen. «Monsieur et Madame» ein Kapitel.
«Vierges fortes» angefangen, eine gemeine Arbeit. Ich möchte wieder froh sein wie im vorigen Sommer, aber meine Liebesseligkeit kann ich nicht wiederfinden.
«Vierges fortes» übersetzt. Bubi draußen an eine lange Schnur gebunden, damit er nicht auf die Straße wegläuft. Aber er verwickelt sich fortwährend und setzt sich dann resigniert nieder und spielt. Dann und wann sah er mich vorwurfsvoll mit seinen schönen dunklen Augen an. Mittags Falkenberg, abends verabredet.
Morgens am dänischen Buch, mittags nach Talkirchen und zu Fuß nach Ludwigshöhe, Schneiders besuchen. Ach, der Frühling draußen ist so schön. Schneider: wann ich denn endlich zum Studieren komme. Ach ja, wann? Abends der Muckl, im dunklen Zimmer gesessen und von alten Zeiten gesprochen.
Sommer, Sommer. Bubi draußen im ausgeschnittenen Kleidchen mit blassen Armen und Beinen. Richtet andauernd Unheil an, wenn er in die Küche gerät, liegt alles am Boden. Zuerst machte es mir Spaß, daß ich ihn zerschlagen ließ, was er wollte, aber es wurde doch zuviel.
Lebensmut wächst wieder mit der Gesundheit. Nur zuviel Arbeit. Draußen kann ich nicht arbeiten, zu oft gestört. Sitz' drin am Schreibtisch mit soviel Sehnsucht nach Bubi. Ich möchte draußen sein und mit ihm im Gras liegen, ganze Tage. Mir fehlen die Luftschlösser vom vorigen Sommer, Gott weiß, ob ich's überhaupt noch durchsetze.
Mein Geburtstag. Mit Bubi zur Stadt zum Photographieren. Er sah sehr niedlich aus mit seinem braunen rosigen Gesichtchen und amüsierte sich königlich über alle Hunde und Menschen und strampelte sehr mutig neben mir mit seinen dicken Beinen. Und dann einen großen Fliederstrauß gekauft. Ja, jetzt sind wir wieder froh. Mir riet neulich jemand, Schulreiterin in einem Zirkus zu werden. Das wäre auch ein wundervoller Gedanke, aber erst Reitstunden, ich fürchte, ich ende eher als Hebamme oder Masseuse. Und ich möchte doch einmal in ein «glänzendes» Leben hineinkommen, auch wenn es nicht lange dauerte. Noch zwei kleine «Prévosts» nebenher.
Abends Monsieur. Der erste schöne Abend seit langer Zeit. Aber nun geht er bald fort.
Regentag. Ich etwas elend. Auf dem Sofa gelegen, Theatersehnsucht wieder erwacht. Aber
Gestern abend mit dem Lulu gesumpft, im Ratskeller Monsieur getroffen, der sehr erstaunt blickte. Ich fühlte mich gut angezogen, beau jour und sehr vergnügt.
20 Seiten. Es ist kaum möglich, mit dem Kind daneben zu arbeiten. Man möchte sich in Stücke zerreißen, damit keins zu kurz kommt. Verfluchte Schreiberei, sonst könnte ich den ganzen Tag mit dem Tierchen spielen. Es schneidet mir ins Herz, wenn er mich an die Hand nehmen und mitziehn möchte zum Spielen.
Ich glaube, ich werde verrückt. Dr. Z. mußte eigens herkommen, um die Kapitel zu zählen, weil ich sie dreimal verkehrt angegeben.
Manchmal kommen so innere Festtage dazwischen. Zwei Uhr nachts Monsieur durchs Fenster. Hatte eine Keilerei mit Rowdies gehabt und sich vor dem Gendarm zu mir geflüchtet. War besonders liebenswürdig und blieb zum Frühstück.
Zum Zahnarzt, zu irgendeinem wildfremden. Nach siebenmaligem Reißen die Wurzel stecken geblieben, und den ganzen Mund schlimm zugerichtet. Zugeherin wieder einmal durchgebrannt. Seit dem Winter, da die Marie nicht mehr kommt, finde ich andauernd nur fürchterliche Hexen, mit denen ich bis aufs Messer kämpfe, bis sie glücklich davongehen oder ich sie hinauswerfe. Nun muß ich wieder selbst dran.
Wirklich, ich lebe immer mehr auf, und das heillose Frühjahr ist vergessen. Sonne, Gesundheit, Bubi und Lebensfreude.
Monsieur ist weg, heute eine Karte aus England. Ich dachte, es würde mich totunglücklich machen, aber nein. Ich brauche ihn eigentlich vor allem als dramatischen Hintergrund, im Vordergrunde leichte und lustige Erlebnisse. «Abenteuer.» Selbst la grande passion macht mich nicht monogam.
Nachmittags Marie wiedergekommen. Es ist so heimatlich, wenn sie wieder in der Küche herumtobt, statt der üblen Hexen. Sie hängt an mir und Bubi, und hat die schlimmen Zeiten redlich geteilt.
Mit Falkenberg und seinem Freund einen sehr netten Abend. Um halb vier Uhr heim, durchs Fenster, weil Schlüssel nicht sperrte. Gearbeitet. Nachmittags W. Sehr lieb war mir der Besuch nicht, aber mein Herz ist nun einmal weich. Was soll man dabei machen. Ich kann keine Härte auf die Länge durchführen.
Man kommt nicht zum Nachdenken, kommt zu nichts, denke nur daran, wieviel Seiten ich täglich fertig bekomme. Morgens und abends gehen wir unsere Einkäufe machen, das ist für Bubi große Seligkeit, für mich weniger. Manchmal komme ich mir doch sehr deklassiert vor, barfuß in Sandalen, ohne Hut und mit Petroleumkanne. Aber ich bin viel zu faul, mich jedesmal umzuziehn. Begegnete neulich dem R. in diesem Aufzug, und er schien sehr peinlich berührt.
Arbeite in Galopp. Sinnlos müde. Fange jetzt endlich an, ohne Konzept zu schreiben, zu dumm, daß ich mir früher die doppelte Arbeit machte. Wenn nur das par force-Arbeiten nicht wäre, aber ich bin doch sehr glückselig.
Blödsinnig gearbeitet. Bin unzurechnungsfähig, zähle nur noch Seiten, Stunden, Tage. Bubi spielt draußen mit seiner ersten kleinen Freundin. Manchmal raufen sie sich auch und dann wieder zärtlich. Sie kann etwas sprechen, er noch gar nicht.
Neun Uhr abends. Jetzt geh ich mir ein Bier holen, Küche richten, Wäsche aufhängen, o mei.
Dachte an Walter vor vier Jahren. Bubi bei mir im Zimmer. Manchmal kommt er mit seinem Schemel, stellt sich drauf und schaut mir zu. Dann schmiegt er sich so zärtlich an mich, daß mein Herz ganz warm wird. Es ist so schön, mit ihm zu spielen, sich mit Kopfkissen zu werfen usw. Er kann wundervoll lachen.
Nur noch 170 Seiten.
Noch 140.
Heute in Stellvertretung ein Original von Zugeherin, die sich hier so wohl fühlt, daß sie vor abends nicht wegzubringen war, hatte einen zehnjährigen Buben mit und erzählte mir, daß sie keine Wohnung hätte, sondern irgendwo auf einem Speicher schliefe. Zu mir immer nur: Sie san lieb, Sie san schön.
Noch 64 Seiten. Mein Gott, mein Gott, wenn du nicht wärest, ich ließe alles zum Teufel gehn, möchte nichts mehr wissen von der Quälerei und von dem Sonnenschein, der so lockt. Nur schlafen.
Manchmal wollt' ich, ich wäre alt, und alles schwiege schon in mir. Aber wenn ich dann wieder an das Bettchen gehe, wo mein Kleines schläft da wird's wieder gut. Nur aushalten. Das ist eben die Sache. Ich fühle mich so geschaffen, im Leben herumzutoben, alles an mich zu reißen und maßlos zu genießen, und ich bin immer mit Ketten angebunden. Wie komm ich nur einmal da heraus und mitten hinein?
Sechs Uhr morgens. Fertig mit der Arbeit, aber sehr mit andern Problemen beschäftigt, mir ist so haltlos zumut, ich möchte nur sinnlos weinen.
Auf einmal in einem ganzen Wirbel drin von Aventüren. Ach, wie ist es gut, wenn einem der moralische Halt so gänzlich fehlt. Früher hab' ich mir oft so Mühe gegeben, ihn zu haben, die schreckliche Idee, sich selber eine neue Moral zu machen. Aber das ist schon recht lange her.
Wie ein Verhängnis: sobald ich etwas Nützliches in amore inszenieren will, kommt etwas anderes, worin ich mich verliebe, und die Kreise sind wieder gestört. Die Affäre mit Schnotzing war gerade im besten Zug nach langem Bemühn, ihn nicht zu unausstehlich zu finden trotz aller seiner Unwiderstehlichkeit.
Ach Gott, ist das ein Typ mit seinen Verführerkünsten. Könnte man nur den heillosen Degout loswerden, aber das ist meine schwache Seite. Und im selben Moment muß Billy auftauchen. Man sollte sich solche Intermezzi nicht gestatten, wenn man praktisch sein will. Aber das ist leicht gesagt.
Diesen Monat muß ich den unseligen Kaspar Bugge endlich fertig kriegen und einen kleinen Zola.
Der in Sünden erworbene Reichtum ist längst zerronnen, unrecht Gut gedeiht eben nicht. Wäsche, Stiefel, Kleider für Bubi und mich Schulden Himmel, nimmt das nie ein Ende.
Schnotzing würde mich eventuell «übernehmen», vor allem soll ich aber den Bubi in Pension tun, bis er größer ist, dann könnte man an eine andere Wohnungseinrichtung denken etc. pp. Wahrscheinlich darf ich dann nur auf dem Sofa liegen, Nägel polieren und mit Herzklopfen auf sein Kommen warten. Nein, mein Freund, so haben wir nicht gewettet. Die Bubiidee war schon ausreichend.
Es ist immer ein schlechtes Zeichen für meinen inneren Zustand, wenn ich nicht zum Aufschreiben komme. Zeiten, wo ich nicht im inneren Zusammenhang bin.
Sonst war es eigentlich nicht so schlimm, seelenlose Bummelei ist manchmal sogar ein sehr guter Zustand, nur bin ich mit meinen Plänen nicht weiter gekommen. Woran liegt das? Andere können's doch, aber mir gleiten die Fäden immer wieder aus der Hand.
Mächtige Hitze und wieder an der Arbeit, kommt aber nicht vorwärts. Und ganz neue Menschen. Neulich Fritz Huch getroffen, er machte mich mit seinen Freunden bekannt, saßen in der Brauerei bis spät in der Nacht. Gott, das ist endlich etwas ganz anderes, wie aus einer neuen, aber längst bekannten und vertrauten Welt. Dann noch einen Abend bei Huch mit ihnen, jetzt weiß ich erst, wie sie heißen. Hallwig ist die Hauptsache, kam mich besuchen, neulich Nachmittag im Garten. Heut waren sie auch da, wir saßen in meinem Wohnzimmer beim Gewitter. Als sie fort und Bubi im Bett, mich mit der Schreiberei in den Garten gesetzt. Um zwölf Uhr war ich totmüde, aber es gab keinen Rückzug. Und eine wundervolle milde Nacht, die Motten schwirrten nur so um meine Lampe.
Morgens um vier Militärmusik, dann wurde es allmählich hell. Ach Gott, sind solche Nächte schön, es ist schade, daß man sie meist verschläft, d. h. in diesen Jahren hab' ich sie oft nicht verschlafen. Um neun fertig. Abends wieder mit Huch, Busse und Hallwig bis halb eins.
Mit Hallwig und Busse in Dachau, saßen dort stundenlang im Moos. Das Mutter- und Hetärenthema.
Inzwischen Wohnungssuche, und für 1. Oktober eine gefunden. Es tut mir sehr weh, die gute, alte Höhle fahren zu lassen, aber im Winter ist sie zu schlimm. Immer noch am dänischen Buch gearbeitet, geträumt, daß auf Bubi nicht acht gegeben und er in einen langen reißenden Bach fiel, während ich mich von irgend jemand umarmen ließ. Ich sah ihn immer weiter forttreiben und wußte, daß ich ihn nicht erreichen konnte. Dann wachte ich auf da lag er neben mir und fuhr mir mit den Händchen durchs Haar.
Viel mit der Hallwiggesellschaft. B. ist mir nicht sehr angenehm, aber sie gehören nun einmal zusammen. Am liebsten bin ich mit H. allein, es ist dann etwas so Lichtes.
Mit Bubi in Dachau. Ich dachte es mir so schön, einmal auf dem Land zu sein, aber jetzt ist mir recht fad unter all den Leuten. Vorher noch in aller Eile Kaspar Bugge fertig, wieder eine Nacht durch.
Rolfs zweiter Geburtstag. Kam in aller Früh zu mir ins Bett getapst, ihm gratuliert. Er fängt jetzt doch an, unartikulierte Sprechversuche zu machen, wenn er sehr unglücklich ist. Wurde von der ganzen Gesellschaft mit Geschenken überhäuft, Hauptsache eine Trommel. Wir alle mit den Kindern den Berg hinauf und in die Wirtschaft. Auf dem Rückweg fing er an zu schreien und war nicht zu beruhigen, schien aber nicht wohl und gleich ins Bett. Nun sitz' ich bei ihm und hab' Heimweh nach unserm stillen Heim. Gerad', wenn er krank ist, möcht' ich mit ihm allein sein, nicht unter Fremden. Jetzt schläft das Herzkind, vorher lag es nur da und schaute mich an.
Gott sei Dank, wieder zu Hause. Konnte es nicht mehr aushalten. Schöne stille Tage, draußen Regen. Ich arbeite, und dann umarmen wir uns wieder. Gott, ist das Kind zärtlich, und seine Liebe macht mich ganz selig. Dann geht er wieder spielen und bringt mir all sein Spielzeug auf den Schreibtisch, so daß ich mich vor lauter Katzen und Kaninchen kaum mehr rühren kann.
Nur noch zwei Tage in dieser Wohnung, kann mich schwer davon losreißen von diesem grünen Winkel, wo wir zwei Sommer gesessen haben. Es ist, als ob man ein Stück von sich zurücklassen sollte.
Ein wundervoller Abend mit Hallwig. Ich erzählte ihm fast mein ganzes Leben und auch von Monsieur. Das erstemal, daß ich so zu einem Menschen reden konnte. Ich sehnte mich ja immer nach einem Menschen, der fliegen könnte, und ich glaube, er kann es. Wohl mir, daß ich ihn gefunden habe.
Umzug überstanden. Die Wohnung ist an und für sich viel schöner, aber wir fühlen uns beide noch ungemütlich. Am Umzugstag gab es ein großes Unglück, Huch und Hallwig waren zum Helfen gekommen, ich sprach einen Augenblick mit ihnen im Zimmer, sah dann nach Bubi, er stand in der Küche und hatte gerade die Petroleumkanne angesetzt, trank und fiel mit furchtbarem Geschrei hinten über. Ich dachte, nun wäre er verloren, und das Herz stand mir still. Hob ihn auf, und er brüllte entsetzlich. Auf Rolfs Rat ihm gleich mit dessen Hilfe den Magen ausgepumpt und dann Doktor geholt. Er hat mir den ganzen Finger zerbissen. Hallwig und Huch saßen im Zimmer und sagten: «Das ist ja enorm.» Der Doktor sagte, es wäre nicht gefährlich, aber das arme Wurm wimmerte noch die ganze Nacht. Mir wollte der Schreck nicht wieder aus den Gliedern.
Nachmittags besuchten wir die alten Lenbachs, die wie immer außer sich über den Bubi waren, fuhren im Fiaker zurück, was ihn sehr belustigte. Dann saß er wieder in seinem Gitter und sagte plötzlich laut und vernehmlich: «Nein, nein.» Das erste richtige Wort.
Sein Hauptspaß ist, jetzt alles auf die Straße zu werfen, z. B. seine Hosen, mein Geld und sich mit den Passanten zu unterhalten.
Wieder in der Arbeit, aber weiß der Teufel, ich mag nicht mehr arbeiten, seit ich etwas Blut geleckt. «L'inondation» von Zola. Viele innere Schmerzen, das geht nimmer lange so.
Mich für Versicherung engagieren lassen und neue Übersetzung. Zwei Witze für den Simpl.
Versicherungsbesuche, völlig negativ. Mit Bubi herrlichen Spaziergang durch den Englischen Garten. Artikel für Panizza.
«Les sept visages» angefangen. Mit Bubi bei Schneider, fragt wieder, wann ich anfangen will. Ach Gott, ich kann jetzt gar nichts wollen. Schwanke zwischen Schnotzing, Übersetzen, Versicherung und wünsche alle drei zum Teufel. Sch. will mich mit nach Algier nehmen, aber was soll ich da mit dem Rest ohne Bubi? Hab' Fr. Strindberg auf ihn gehetzt, er weiß nicht, daß wir uns kennen, und wir amüsieren uns königlich, daß er uns andauernd die gleichen Propositionen macht.
Solch schöner Herbsttag, nichts getan, am Fenster gesessen und gesponnen und über die Zukunft gebrütet. Mit dem Schn. ist ja doch nichts anzufangen entweder mein Leben nach seiner Methode einrichten, und das wird ziemlich greulich und langweilig und außerdem ist er doch sehr knickrig oder in dem jetzigen Geleise weiter.
Schöner, stiller Nachmittag am Schreibtisch, während Bubi vom Fenster aus mit kleinen Mädeln kokettiert.
Wieder sehr elend, wo will das hinaus. Versicherungsbesuche von früh bis abends, zu Fuß oder Rad und dabei Schmerzen. An der Übersetzung seit vierzehn Tagen nichts gemacht. Aber was hilft's, die Flinte ins Korn zu werfen, ich muß sie doch immer wieder aufheben. Das Leben könnte so schön sein trotz alledem, wenn ich nur etwas gesünder wäre.
Versicherung gelaufen, aber ohne Resultat. Ich bin jedesmal froh, wenn die Leute gleich die Tür zumachen.
Besuch von Falkenberg, fragt, ob ich im akad. dramat. Verein mitspielen wollte. Hurra ob ich will! Vielleicht komme ich dadurch wieder auf den Theaterweg.
Leseprobe, ich soll vielleicht die Hauptrolle spielen. Spät nach Haus und sehr beglückt eingeschlafen.
Wieder Leseprobe. Baschl auch da. Hat probeweise die Hauptrolle und soll versuchen, sie zu spielen. Ich weiß, daß ich schlecht lese, aber spielen würde ich's doch besser.
Recht behalten, das Baschl konnte es nicht. Ich hatte schon ganz richtige Theatergefühle, denn ich wartete im Hintergrund nur darauf, daß sie Fiasko machen würde und ich dran käme. Falkenberg kam dann auch auf mich zugestürzt: «Warum haben Sie das neulich nicht schon so gemacht? Sie können ja spielen.»
Nachher alle zusammen im Café gesessen, und meine liebe Eitelkeit kam sehr gut weg.
Lag die halbe Nacht wach und dachte, wenn ich es doch noch zu einer Zukunft bringe. Es brennt alles in mir darnach. Ich muß ein Leben mit «künstlerischer Betätigung» haben, das hab' ich ja immer gewußt. Vielleicht komme ich dann auch wieder zum Malen. Hab' den Bubi halbtot gedrückt vor Vergnügen.
Jetzt sind die Proben im Katholischen Kasino, ich lebe ganz auf und bin ungeheuer selig. Alle Abend jetzt gebummelt mit der ganzen Bande. Ach, es tut so gut, wieder etwas aufzuwachen unter Menschen und Jugend, und ich amüsiere mich ziemlich mit den jungen Dachsen, die mir mächtig die Cour machen.
Gestern abend wieder gelumpt. Probe, ich bin nicht zufrieden, möchte die Rolle ganz anders herauskriegen. Ich habe noch 25 M., von denen 50 gepumpt sind und 600 Vorschuß. Bis wieder Arbeit da ist, wird Langen keinen neuen geben. Aber mir ist jetzt alles egal, bin viel zu vergnügt, um darüber nachzudenken.
Nächste Woche kommt Monsieur wieder. Ich habe mich in der Zeit ziemlich von ihm emanzipiert und glaube nicht, daß er die alte Gewalt über mich noch hat.
Melancholischer Herbstnachmittag. Vormittags Probe, dann mit Falkenberg, Wanda, Wahl und Artaval zu Mittag im Luitpold. Dann heim zum Bubi. Jetzt sitzt er bei mir, spielt mit meinen Schreibtischsachen und will jeden Augenblick Bussi. Seit vierzehn Tagen immer Probe und mit Wahl zu Hause geübt. Es ist eine schöne Zeit, ich bin sehr froh. Das Getobe mit all den Jungens ist sehr lustig. Hallwig kann diese Art von Betrieb nicht leiden, er findet, daß ich mich durch den Verkehr mit Minderwertigen entwerte, begreift nicht, daß bei mir sich das alles von selbst auseinanderhält. Ich verkehre ja doch mit all den Buben nicht wie mit Menschen von wirklicher Bedeutung, sondern weil's mir Spaß macht. Gerade das ganz oberflächliche Amüsieren ist auch etwas, was ich brauche. Toben, toben wenn jetzt doch Karneval wäre. Mit ihm Hallwig bin ich wieder in einer ganz andern Welt. Aber wir haben uns jetzt nicht so sehr oft gesehen, wenigstens nicht allein. Wenn ich einem Menschen einmal so ungeheuer rückhaltlos mein Innerstes gezeigt habe, werde ich hinterher leicht scheu und plötzlich verschlossen.
Am 27. war der große Tag. Vorher die Generalprobe. Heftiger Flirt mit Bobby, wir waren überhaupt alle in gut frivoler Stimmung, und die Kulissenheiterkeit ließ nichts zu wünschen übrig. Das Stück fiel dann elend durch mit Zischen und Pfeifen, wir Schauspieler kamen besser weg und wurden ziemlich oft gerufen. Und trotz allem in äußerster Stimmung. Nach der Vorstellung kam Falkenberg, gratulierte mir und sagte: «Sie haben gerettet, was zu retten war,» und der alte Schneider: «Hören Sie, ich bin überrascht, Sie müssen bei mir lernen.» Ich blähte mich gründlich und sehe schon eine glänzende Zukunft vor mir. Draußen warteten Hallwig, Busse und die Huchs und wollten mich mitschleppen, sie konnten nicht recht begreifen, daß ich zum Souper «mußte». Ja, ja, das Souper. Es verlief in göttlicher Trunkenheit und wurde zum gänzlichen Bacchanal, so daß die Spitzen der Gesellschaft, z. B. Halbes, äußerst entrüstet waren. Ich habe nur noch dunkle Erinnerungen, daß ich mit Bobby auf einem Stuhl saß, die Jünglinge zu zehnen umarmte und Pepi, der nicht mehr Platz fand, mit demütigem Aufblick mir die Füße küßte. O mei, o mei. Dann ging alles nach dem Bahnhof, ich setzte mich mit Bobby auf eine Bank am Promenadenplatz, und die andern waren alle verloren. Fanden sie im Bahnhof wieder später den Heimweg über die Schwabingerwiesen, wo wir unsere Rolle zu Ende spielten und um sieben Uhr früh vor meiner Tür ankamen. Ach du mein Gott, es war alles so frühlingsmäßig, ich fühlte so alle Jugend in mir unter den Sternen auf der dunklen Wiese, und der Schreck, wie es auf einmal Morgen wurde. Dann heim zu meinem Bübchen, ein paar Stunden geschlafen. Ich hatte draußen auf der Wiese meine Handschuhe verloren, ein Paar, das ich besonders liebte, und ging vormittags hinaus, sie zu suchen, fand sie aber nicht mehr.
Die Bobby Aventüre ist leider im Volke ruchbar geworden. Der gute Junge ist seinem besten Freund um den Hals gefallen und hat ihm sein Herz ausgeschüttet, und F. schickt zu mir, um es mich wissen zu lassen. Gott, ich mußte eigentlich darüber lachen oder lächeln. F. macht mir dann abends in der Bar Vorwürfe, ich wäre eine Schlange und verschmähte das Herz und die treue Liebe des A., der es doch mehr verdiente, hatte sogar seine Einladung neulich auf Rosen und Liebe abgelehnt. Und ich konnte wirklich wieder nur lachen.
Monsieur ich hab' ihm manches erzählt, und er hat mir seine Meinung darüber mitgeteilt. Ich hab' doch gefühlt, wie schwer es ihm wurde, mich loszulassen. Und ich ich weiß selber nicht, ob die große Liebe tot ist, und ob ich von ihm los kann. Es ist ja auch nicht nötig, wir können unsre Konvenienzehe ja beibehalten. Ich kann mich nur nicht wieder von ihm einengen lassen wie früher zeitenweise. Ich kann kein verneinendes Prinzip in meinem Leben brauchen wenn ich es auch noch so sehr liebe.
Dem kleinen Bobby hab' ich Vorhaltungen über seine Indiskretion gemacht, er kam dann selbst und erklärte mir mit großer Feierlichkeit, etwa so: Was geschehen wäre, bereute er nicht, im Gegenteil, wäre stolz darauf etc., aber es dürfe keine Fortsetzung haben, denn er müsse darauf warten, bis er eine große Leidenschaft fände, die große Leidenschaft. Es war so lieb, daß ich ganz gerührt war über all den Jugendillusionismus und wir uns Freundschaft schwuren.
Wir leben jetzt wieder unser stilles Leben zusammen, schreiben, kochen, spazieren gehn etc.
Gott weiß, daß ich mein Kind über alles in der Welt lieb habe, daß ich's keinen Tag entbehren möchte. Warum dann aber diese ewig gedrückte Stimmung, die nicht wanken und weichen will, das fortwährende Nachdenken über mein Leben, wie es war, wie es geworden ist und werden wird. Ich bin so müde geworden im letzten Jahr. Und gleichzeitig ist mein Lebensverlangen wieder so mächtig geworden. Ist das ein gutes oder schlimmes Zeichen? Und habe ich nicht eigentlich Grund, müde zu sein? Aber ich will es nicht, ich sträube mich dagegen. Ich will jung und gesund und ungebrochen sein und noch ein ganzes Leben vor mir haben. Wenn ich ganz ehrlich sein will, ist das, was mich am meisten verstimmt, die ewige Geldnot und das ewige Gfrett mit der Gesundheit. Wenn die beiden nicht wären, stände mir die ganze Welt offen. Dann wieder gibt es Stunden, wo ich so tief zufrieden bin, wenn der kleine Rolf neben mir spielt, wenn er nachts neben mir liegt, wenn ich mit ihm ausgehe. Aber die Melancholie kommt immer wieder. Sachen, die ich früher in zwei Tagen vergessen hatte, drücken mich jetzt wochenlang nieder.
Aber ich darf nicht feige sein, ich muß durch. Mein Rolf, mein Schatz, ich freue mich, je größer er wird, und doch möchte ich ihn gern als Baby behalten. Er ist noch sehr Baby, seine Intelligenz erwacht sehr langsam.
Unruhe nach dem Sturm. Vereinsabende, stürmische Weihnachtsfeier, dazwischen ein kleines Buch übersetzt. Und ich mit Wehmut an das Theater und die Proben gedacht. Gesundheit miserabel.
Zweimal eine große Seligkeit Mon Dieu. que je suis heureuse, quand je l'ai á moi. Im Theater getroffen, nachher Souper und Heimfahrt im Fiaker durch die Schneenacht. Am nächsten Morgen wieder zusammen zur Stadt. Ich habe diesen Sommer gesehen, daß ich ohne ihn leben kann, aber jetzt bin ich doch froh, daß es wieder so ist wie früher. Ist es Liebe? Nein. Ist es Glück? Nein.
Es ist etwas ganz Sonderbares, Unbestimmtes, Sehnsuchtsvolles, was man niemals mit Händen oder Gedanken wirklich fassen und jeden Tag ohne Sang und Klang endigen kann oder auch dauern jahrelang.
Ach, ich werde selbst nicht draus klug.
Am Weihnachtsabend meinem Bubi einen großen schönen Baum gemacht. Er freute sich darüber und über sein Schaukelpferd. Als er zu Bett sollte, gab es ein großes Geschrei. Abends dann das Baschl, wir tranken Glühwein und gingen später in die Christmette. Von Monsieur einen entzückenden Teetisch mit zwei Stühlen. Wenn er wüßte, wie selig ich darüber bin.
Eine beklemmende Nerven- und Depressionswoche. Chloroformuntersuchung von N. und Q., Operation beschlossen.
Jetzt infolge der Untersuchung Schmerzen und geradezu wahnsinnige Nervosität. Ich habe diesmal entsetzliche Angst, einfach fürchterliche Angst. Es ist immerhin gefährlich, nachdem der Doktor es sagt. Darf ich es nun riskieren, sollte ich mich nicht lieber so weiterschleppen, als mein Leben dransetzen? Der Gedanke, von meinem Kind fortzumüssen, es andern zu überlassen, Gott nein, ich kann nicht. Aber wenn es gut geht, und das ist doch das Wahrscheinliche, und ich werde gesund, ganz gesund, dann wird mein und sein Leben dadurch so viel besser werden. Der Zweifel drückt mich ganz nieder. Wenn ich einen Menschen wüßte, dem ich den Bubi lassen möchte, ich weiß einen, aber der wird von meinem Kind nichts wissen wollen ich weiß noch einen, aber das geht auch nicht
Jetzt fühle ich erst, wie ich am Leben hänge um meines Rolfs willen, wie er der ganze Inhalt meines Lebens ist. Ich kann jetzt nicht sterben, will jetzt nicht sterben, und hab' doch so ein Vorgefühl, als ob es diesmal nicht gut gehn würde. Es ist ja zu töricht, es ist heller Unsinn. Aber ich kann es nicht loswerden.
Ich kann meine Nerven kaum noch bändigen, ich bin halb verrückt. Und die letzten Tage so ungeduldig mit meinem süßen Kleinen gewesen. Das macht mich dann völlig verzweifelt.
Wenn ich all diese körperlichen Qualen los wäre, es ist gar nicht auszudenken, wie schön das Leben dann wäre. Ich kann bei aller Selbstbeherrschung nicht immer so sein, wie ich will. Wenn bestimmte körperliche Gefühle da sind, bin ich einfach nicht mehr Herr über mich selbst.
Mein Bubi, mein einziges, wie wollte ich dir das Leben schön und reich machen, was wollte ich dir alles geben und sein. Wenn ich nur bei dir bleiben darf. Ich kann nicht ohne dich leben und nicht ohne dich sterben.
Zu Hause dann noch einmal den Weihnachtsbaum angezündet und mit dem Bubi davor gesessen und an alte Zeiten gedacht an zu Hause. Vor acht Jahren zum letztenmal zu Hause. Das Heimweh hört doch nie aus. Dann kam Monsieur.
Jetzt ist es zehn. Alles still und ich allein. Das letzte Licht am Baum noch nicht ausgebraunt. Nebenan schläft mein Kind. Mein Kind.
Wieder ein Frühlingstag wie vor zwei Jahren. Wie war ich damals selig. Seitdem bin ich schon wieder viel schwermütiger geworden. Im tiefsten Grunde bin ich überhaupt immer melancholisch gewesen. Aber die andern Leute wissen es nicht.
Bubi entwickelt immer mehr Temperament, stampft, schreit nein, nein und gestikuliert wie ein alter Schauspieler, wirst sich auf den Boden etc., wenn er etwas nicht will oder ihm etwas nicht gelingt. Über seine Spielsachen wird er manchmal ganz rasend. Wenn er mit mir nicht einverstanden ist, macht er eine Faust und sagt drohend: Mama!
Das Jahrhundert fängt gut an. Alles in allem hab' ich wohl an die 1000 M. minus und gar keine Aussicht, die Summe in absehbarer Zeit zu verringern. Lieber nicht daran denken.
Ein neues Buch, das sofort gemacht werden soll. Also das andre liegen lassen und damit anfangen.
Fleißig gewesen. 124 Seiten. Gott hilft mit.
180 Seiten.
Heute mach' ich's auf dem Sofa, rasende Migräne.
Gegen ein Uhr Monsieur. Tout à coup je le vois devant mon lit, en frac et irrésistible et il m'a dit, qu'il a déjà parlé avec moi et que je lui ai répondu en dormant. C'est un talent très dangereux, je le sais déjà d'autrefois
Ces nuits là sont la joie de ma vie, la grande et profonde joie. Je ne suis plus seule, j'ai quelqu'un près de moi, et c'est mieux, ce mariage de convenance, que de l'amour et plein d'un charme étrange.
Le matin, quand je me suis levée, il a joué avec le petit, et j'ai vu qu'il lui a donné un baiser quand je ne regardais pas.
Den ganzen Tag auf dem Sofa gelegen, wohler wie gestern und in seliger Nervenharmonie. Draußen ein schneeweißer Wintertag. Alles glitzert vor Frost, selbst die Luft. Bubi spielt im Zimmer herum. Jetzt gegen Abend bin ich müde melancholisch geworden, Sehnsucht, Einsamkeit. Nur wieder an die Arbeit.
Heute früh um vier mit dem «Etui de nacre» fertig geworden. Summa seit Neujahr 420 Seiten.
Mittags Monsieur mich um meinen wohlverdienten Schlaf gebracht. Aber ich war nicht bös' darüber, zusammen essen gegangen, dann Kaffee bei mir. Abends in den akad. dramat. Verein.
Todmüde. Ich merke es nur, wenn die Arbeit einmal aufhört. Abends Baschl bei mir, wieder erst um zwölf zu Bett.
Berge von Näherei, neue Übersetzung, Schmerzen etc.
Wieder Monsieur mittags mit einem Moralischen. Merkwürdig, wie sein Charakter gewinnt, wenn er diese Art von Moralischem hat.
Trüber einsamer Sonntag. Das fortwährende Krankheitsgefühl, das sich in den letzten Monaten heftig gesteigert hat, verdunkelt mir alles. Ich kann all den süßen Lärm, den mein Bubi um mich her macht, kaum mehr ertragen nur, wenn ich nichts zu tun habe, und das ist nie. Ach mein Kind, mein Kind, wie werden wir glücklich miteinander sein, wenn ich wieder gesund bin.
Hand in Hand schlafen wir ein, und am Morgen weckt er mich wieder mit seinen Küssen, und amüsiert sich darüber, wenn ich mich anziehe. Wir sind so ganz zusammengewachsen. Wie soll ich es aushalten, ihn ein paar Wochen nicht zu haben. Wenn wir uns etwas zanken und ich ihm ein paar Klapse gebe oder ihn in die Ecke stelle, bin ich ganz unglücklich über jeden Augenblick, der so verdorben wird. Und ungezogen kann er gehörig sein, dabei ein so weiches, gutes Kind. Ich zwinge ihn nie dazu, den «ersten Schritt» zu tun, wenn wir uns bös' sind, aber er kommt von selbst und bittet um Taschentuch und Bussi.
Die Schmerzen und der Druck sind zum Verrücktwerden.
Und wie wollte ich elendes, vergnügungssüchtiges Weib den Karneval mitmachen. Jetzt hab' ich wieder keine Lust dazu und bin am liebsten still zu Hause. Trotzdem hab' ich eine kleine Rolle angenommen in der Mandragola, die am achten gegeben wird. Wann werde ich mir einmal das Zu-vieles-wollen abgewöhnen. Vor allem will ich eine gute, glückliche Mutter sein und mein Kind gut und glücklich machen. Das ist wohl das Einzige, das ganz fest in mir steht. Aber außerdem übersetzen, eignen Roman schreiben, Sprachen lernen, nähen, Theater spielen Gott o Gott. Ich glaube, am allermeisten freue ich mich jetzt doch auf die stille Zeit im Krankenhaus.
Gestern mit Monsieur auf dem bal paré. Mein Kostüm war gut, und ich fand mich selbst sehr hübsch, nur etwas zu mager.
Der Abend war zu schön, um ihn auch nur für sich selbst aufzuschreiben. Warum nur jeder Lebensrausch soviel Schmerz und Sehnsucht und Wollust in einem zurückläßt.
Heute geht alles in mir auf und nieder. Ich habe wieder von meiner Familie gehört, von Catty, und daß Walter demnächst wieder heiratet. Aber ich bin's ja gewöhnt, jeden Aufschrei in mir zu unterdrücken, wenigstens vor andern. Mieze, die es mir erzählt, hat sich gewiß wieder darüber gewundert, daß ich es so leicht hinnahm.
Er hat mich vergessen und überwunden, und er hat mich geliebt. Und ich hab' ihm alles zuleid getan, bin von ihm fortgegangen, aber ich habe ihn nicht vergessen, vergesse ihn nie.
Seine Braut ist jung und schön. Ich bin nicht mehr jung und bin nicht schön. In solchen Augenblicken kann ich mich wie wahnsinnig über mein Kind werfen, und dann fühle ich, daß doch das Beste und Herrlichste auf der Welt mein ist, daß ich es mit niemand teilen muß.
Ich möchte heute abend wieder auf die Redoute gehn und tanzen wie verrückt, alles das, was mir wehtut, den gleichgültigsten Leuten erzählen und darüber lachen und dann jemand haben, bei dem ich mich ausweinen könnte, der mich in seine Arme nähme.
Das waren schlimme Tage. Ein Gefühl, als ob mir noch das Letzte genommen sei die letzte Hoffnung auf ein volles Glück.
Aber ich habe mein Kind. Und das Glück, das ich in ihm finde, ist reicher als das, was je ein Mann mir geben könnte. Es verträgt sich mit meiner Natur, daß ich noch kein anderes Glück vertragen hab'. Walter will seine Briefe zurück. Aber es wird mir namenlos schwer, mich von all diesen süßen und bitteren Erinnerungen zu trennen.
Dazwischen der Bauernball. Das Leben ist ein Narrentanz, ein Affentheater. Ich war so ausgelassen, daß Monsieur mir böse Worte gesagt hat, die mir entsetzlich wehtaten. Hätte ich ihm sagen können: Warum hilfst du mir nicht? Du kannst es.
Die Stimmung war fort, und nun in dem blödsinnigen Kostüm dasitzen mit all dem Schmerz in sich. Wir haben uns kalt und unfreundlich getrennt und seither nichts voneinander gehört.
Ich habe ihm am nächsten Morgen einen Brief geschrieben, daß es mir leid täte und ich traurig wäre. Aber von ihm keine Silbe. Und nun schweige ich auch.
Nun liege ich im Krankenhaus, mein Kind ist nicht bei mir, mein Freund weiß nichts davon oder denkt nicht daran. Mir ist einsam und verzweifelt zumut. Ein ungemütliches Zimmer, fremde Schwestern, alles anders wie früher. Dann kam meine gute Schwester Johanna, die mich damals gepflegt hat, und ich fing an zu weinen wie ein dummes Kind.
Ich möchte einfach wieder davonlaufen, vor dieser einen Nacht graut mir mehr wie vor der Operation selbst.
Einen schweren Kampf gekämpft, ob ich Monsieur schreiben soll, aber mein «Stolz» hat gesiegt. O Gott, dieser Abend.
Neun Uhr, die Henker wetzen schon die Messer, in einer halben Stunde muß ich schön und bleich in meinem weißen Schlafrock heruntersteigen und mich auf den Operationstisch legen. Ich habe jetzt gar keine Angst mehr, sehr gut geschlafen, umständliche Toilette gemacht, eine letzte Zigarette geraucht.
Die Schwester kommt mich abholen.
Me voilà gerettet. Operation mit dem gewünschten Erfolg und glatt verlaufen. Die ersten Tage in völligem Morphiumdusel. Trotzdem die Schmerzen sehr quälend. Manchmal des Nachts von meinem eigenen Aufschrei geweckt. Aber dann kam meine gute Schwester wieder mit der Morphiumspritze. Noch ist mir sehr schwach und abscheulich zumut.
Wieder auf. Alte Lebenskraft wieder sensationellen Triumph gefeiert. Ohne Hilfe aus dem Bett gestiegen und durchs Zimmer allerdings etwas geschwankt.
Es war doch wieder eine schöne Zeit die Schwestern, die Ärzte, die Bekannten, alle so gut. Umgeben von Freundschaft und Blumen, allgemeine Anerkennung meiner «Bettschönheit». Viel in all den langen Stunden an den bösen Freund gedacht, aber ohne Schmerz, ohne besonderes Verlangen, ihn zu sehen oder von ihm zu hören. Verstehe es selbst nicht recht. Habe ich mir vielleicht meine Liebe nur eingeredet? Ich glaube, es ist so! In mir war alles, woraus eine große Liebe hätte werden können, wie bei einem Pulverfaß, das gern explodieren möchte, aber der Funken fehlt, und von selbst kann es nicht explodieren. Meine Sinnlichkeit war stark in Anspruch genommen, aber das andre konnte alles nicht zur Entwicklung kommen, weil er nicht wollte, weil eben das bei ihm «der Frau gehört, die er liebt» Das erste Jahr habe ich in der Illusion gelebt, ihn für mich zu erobern. Sonderbar, daß er mir früher einmal gesagt, in der ganz alten Zeit, er wollte nicht mehr kommen, weil er fürchtete, sich in mich zu verlieben, daß er später manchmal momentan solche «Anfälle» gehabt hat. Bei unserm letzten Zusammensein il a eté comme un amoureux, des baisers sauvages, des caresses Et depuis le Krach au Bauernball et puis pas un mot Et pendant je ne suis pas malheureuse je m'en étonne' mais c'est bien comme ça. Je n'ai pas même besoin de lui. C'est presque comme une amputation, qui m'a délivrée d'une grande souffrance. Je me sens comme reconvalescente-physiquement comme moralement.
Sois franche, mon enfant, est-ce que c'est I'apparition de l'homme blonde qui te fait entrevoir de nouvelles espérances d'amour? Je ne le sais pas. Et oublier ces années, ces jours gais et jours tristes, ces nuits, pleins d'une saveur exquise, oui, exquise il y avait quelques choses dans nos amours, que je n'ai trouvées jamais chez d'autres hommes. Non, je ne l'oublierai pas, l'ami etrange, l'homme masque qui n'a jamais delaissé son masque devant moi. Mais il faut divorcer avec lui. Il me faut vivre vivre, et lui il est pour moi la négation de la vie. Il me supprime, il m'étouffe. Et il ne m'aime pas, ne m'aimera jamais. Par là ma vanité a reçu un knacks terrible. Quelquefois j'ai Ie désir de me venger, de Iui faire mal, et puis de nouveau j'ai une pitié profonde de lui. Je le sens malade, déchire friedlos, freudlos au moins je peux me dire, que je ne lui ai pas fait mal jamais. J'ai toujours essayé de lui donner un peu de joie, du repos, quoiqu'il ne m'a pas permis de le faire, comme je l'aurais voulu. Il a une vanité et un selfgovernment maladif. Il est malade, et moi j'ai eté un peu garde-malade pour lui.
Et s'il m'appellerait une fois tôt ou tard' je crois que j'abandonnerais tous sauf mon enfant pour aller chez lui, le soigner comme une mère, une sur une vraie amie. Mais pour l'amour c'est manqué à jamais. Poverissimo je n'oserai pas lui dire ce mot, mais je l'ai pensé souvent. Il ne trouvera pas une femme, qui l'aimera, comme moi je l'aurais aimé s'il avait voulu au commencement.
Fini le roman conventionnel de Monsieur et Madame.
Wieder zu Hause. Abschied vom Krankenhaus förmlich schwer geworden. Von Tag zu Tag kräftiger und gesünder innerlich und äußerlich. Und vor allem vor allem meinen Bubi wieder, den Einzigen, Geliebtesten.
Es sind schöne, ungetrübte glückliche Tage jetzt, daß ich jeden festhalten möchte. Außen und innen gesünder, Heilung, Wiederaufwachen. O mein Kind, mein Kind, ich möchte, daß wir beide jubelnd zusammen durchs Leben gingen über alles weg, durch alles durch.
Und die Sommeraussichten, mit Henry nach Samos Bubi und ich. Es ist zu schön, um wahr zu werden.
Mein Bubi, er blüht so herrlich auf. Er ist lauter sonnige stille Tiefe. Die schönen dunklen Augen ich kann mir denken, daß man ein Kind vor Liebe erwürgen kann. Wenn er nachts aufwacht, halten wir unsere schönsten Gespräche. Beim Arbeiten stört er mich nicht mehr, er spielt sehr ruhig um mich herum.
Liege immer noch im weißen Schlafrock auf Divan dem Schrecklichen und lasse mich verwöhnen. Diktiere vormittags einer blassen blonden Lehrerin, die alle Fremdwörter verkehrt schreibt.
Endlose Besuche.
Samos zieht jetzt sehr, mir kommt es vor, als ob ich direkt ins Sonnenland hineinfahren sollt'. Das Leben lacht, nun lach auch du!
Bacchanal bei Henry und bei Adrian, erstes unbacchantisch-bacchantisch, letzteres bacchantisch-unbacchantisch.
Von Monsieur geträumt, was mich wehmütig stimmt.
Durch den Englischen Garten, Primeln gefunden, blaue Frühlingsnebel, sprechen über all das Schöne, was der Sommer uns bringen soll. Daheim mein Rolf. «Mama wieder, Mama wiederkommen.» Wieder in vollem Zug an die Arbeit.
Monsieur auf der Trambahn gesehen. Doch wieder ein Zucken die alte erbarmungslose Sehnsucht. Als ich um sieben nach Hause komme, Visitenkarte von ihm. Wollte arbeiten, saß aber statt dessen vor der Karte und dachte.
Um zehn geschellt und er kam. Bis vier Uhr. Erst sehr ruhig, Konversationston, dann immer tiefer hineingesprochen eine seiner seltenen Male, wo l'homme masque sich in l'homme sans masque verwandelte. Und das ist dann so einschneidend, so im wirklichsten Sinn des Wortes ergreifend, daß ich mich totweinen möchte. Es gibt so seltene Momente, wo man so bis in die tiefste Tiefe hinein empfindet. Es ist so, wie wenn man ganz jung ist und nachts im Mai im Bett liegt und draußen eine Nachtigall hört. Da möchte alles Weh und alle Sehnsucht gewaltsam durchbrechen und herausquellen und ist doch gebunden durch Selbstbeherrschung und Scham und Stolz.
Mein Stolz ist rehabilitiert durch das, was er mir an dem Abend gesagt hat er kann nicht ohne mich leben.
Ich glaube, zwischen uns ist ein Gefühl, das es überhaupt gar nicht gibt, und was deshalb nie eine Befriedigung findet. Denn wenn ich denke, wir liebten uns mit wirklicher Leidenschaft, mit Raserei, dann wäre es vielleicht gar nichts mehr, dann wäre alles vorbei. Es muß so bleiben, wie es ist, es sind Stunden, wie die größte Liebe sie nicht bringt. Et il restera mon ami, l'ami des amis, malgré tout.
Mit Henry in der Stadt, abends um halb elf kam er nachsehen, ob ich noch arbeite. Er hat mir heute gesagt, daß es ihn so froh mache, wie alles gekommen ist und wir so miteinander ständen.
Er und Monsieur sind so verschieden wie Tag und Nacht. Er ist der Tag mit seinem Leben und seiner Wärme und Monsieur wie die Nacht mit ihrem Halb-tot und ihren intimen Reizen. Es ist jetzt eine so wundervolle Stimmung in mir, ein Reichtum von hellen und wehmütigen Stimmungen wie die Apriltage da draußen.
«Über die Heide
Gab mir ein schweigendes Weib das Geleite.
Ich kannte sie schon von Kinderzeit
Frau Herzeleide
Und zagend rief ich aus
Verlaß mich nicht, Frau Herzeleide.»
Sie verläßt mich nicht!
Nein, sie ist wieder da, an meiner Seite. Mir ist so bange, traurig und nervös zumut. Ich möchte Monsieur nicht wieder sehen, um die schöne wehmütige intime Stimmung unseres letzten Beisammenseins nicht zu zerstören und lebe in einer Art von nervöser Angst, daß er wieder einen Abend kommt.
Zwei Monate in äußerer Hetze und innerem Kampf. Oder ist es auch wirklich ein Kampf?
Es ist nur das alte Verhängnis.
Es schlief eine Zeitlang, und da war mir, als ob man etwas aus mir herausgenommen hätte, als ob ich fliegen könnte, aber fliegen ohne Seele, ohne Inhalt. Ich fing wieder einmal an, mich herumzuwerfen nach allen Seiten, mich zu vergeuden, zu blasphemieren das, was mein Heiligstes ist. Nein, nicht das Allerheiligste, das ist mein Kind. Und das ist etwas, womit ich nie spielen könnte. So ist es doch etwas anderes wie früher. So ganz unselig kann ich nie mehr werden, denn der tiefste Grund meines Lebens ist doch das Muttersein.
Aber ich bin eine Zeitlang gewesen, wie ich nicht sein sollte, ich habe geglaubt, das, was während der letzten Jahre mein heilig gehüteter Schatz war, über Bord werfen zu können, zu müssen. Ich wollte mich von ihm losmachen, ich glaubte, Henry hätte mich ganz davon erlöst, denn wir haben uns so sehr lieb.
Aber als er dann wieder kam, da wußte ich wieder nur die alte Leidenschaft, die rasende, niederdrückende, hoffnungslose und doch so selige, furchtbar selige. Und nun ging es nebeneinander her. Und sonderbar, ich empfinde es nicht als Teilung, als Konflikt. Als Konflikt nur insofern, als die andern es so auffassen würden, als ich Henry nicht die Wahrheit sagen kann um Monsieurs willen. Ich stehe darüber, es ist mir nicht unnatürlich. Wenn ich es aussprechen würde, würden die meisten es für eine wahnsinnige Arroganz halten oder für einen bemäntelten Kompromiß. Aber ich habe noch nie einen Menschen gefunden und werde ihn auch nicht finden, der alles in sich vereinigt, was ich brauche. In H. finde ich mich selbst wieder, mit Monsieur bin ich mitunter verzweifelt oder selig oder ganz kalt. Wenn er jemals dieselbe Leidenschaft für mich fühlen sollte, so wäre es, als ob der Himmel sich einen Augenblick auftäte aber dann würde alles vorbei sein. Wer Gott sieht, stirbt.
Manchmal tut er sich auf seit wir jetzt wieder zusammengekommen sind, aber nur um eine kleine Spalte. Es sind überirdische Augenblicke. Mit H. ist es schön und menschlich.
Und es ist doch auch etwas, was Monsieur zu mir hinzieht.
Nein, es läßt sich nicht schreiben, nicht fühlen, nicht begreifen.
Ich war heute so verzweifelt, so todtraurig après une nuit, une nuit suprême d'amour, où je l'ai senti contre moi, où il m'a baisée, secouée
Ich dachte, er wollte mich töten.
Aber jetzt ist wieder tiefe Ruhe in mir, mein Kind, mein Rolf. Den kann mir niemand nehmen, er ist so mein und seine süße kleine Liebe zu mir. Wenn du wüßtest, mein Einziges, was für Stürme in deiner armen Mutter toben und wie du sie wieder zur Ruhe bringst. Wie du mein Glück, mein Friede, mein Alles bist. So lange ich dich habe, bin ich gut und rein, was ich auch tue und fühle, und wenn ich dich einmal nicht mehr hätte, wäre alles vorbei. Keine Liebe, keine Leidenschaft würde mich mehr am Leben halten. Deshalb bin ich bei alledem wohl doch ruhig und glücklich und fühle mich stark und fest.
Mein Götterkind, es geht so heitere Sonnigkeit von ihm aus über mich. Wenn er von Balilula erzählt wer Balilula ist, weiß kein Mensch. Aber Balilula Radfahrer Balilula ist jemand, für den wir uns beide sehr interessieren.
Ich bin ja doch so glücklich ich lasse meinen Schmerz hier und darf mit meinem Bubi und meinem hellen frohen Siegfried in die Welt hinausfahren, und daneben wird Frau Herzeleide neben mir hergehn. Ob es nicht vielleicht das Vollkommenste ist, was wir Menschen erleben können, zugleich einen tiefen, nagenden Schmerz und die lichte sonnige Freude eine lachende Liebe und eine dunkle schwere Leidenschaft ich Glücklichste von allen und ich Unglückselige
Ich habe einen Freund gefunden, den ich schon lange hatte, ich wußte nur nicht, wie sehr er es war. Ich habe es schon einmal gefühlt, an einem Sommerabend im vorigen Jahr, aber ich weiß nicht, wie es kommt, wenn ich einmal mit einem Menschen so gesprochen habe, über das Allerallerheiligste, dann schäme ich mich hinterher und ziehe die Fühlhörner ein.
So war es damals. Ich war damals noch zu sehr in meiner Liebe verworren, um darüber zu sprechen ich hatte beinah ein feindliches Gefühl gegen den, der darum wußte, vielleicht, weil ich fühlte, daß er die Weichheit in mir gefühlt hat das ohnmächtige Weib.
Aber jetzt hab' ich ihn wiedergefunden, gerade an meinem Geburtstag, nach einer Nacht, wo mir so gewitterschwer vor Liebe und Sehnsucht war. Wo es in mir überströmte.
Das wäre der Mensch, bei dem ich mich einmal ausweinen könnte, es fehlte nicht viel, so hätte ich es getan. Aber ich fürchte mich vor diesem Aufweinen, vor dem Aufschrei, in dem meine ganze Kraft dahingehn würde. Oder ist meine Seele wirklich schon so still geworden? Nein, sie schreit und weint und sehnt, es ist ein fürchterlicher Aufruhr in mir. Es ist so schön und so furchtbar.
Und so gut, mit dem Freund davon zu reden, dem einzigen Menschen, der mich liebt, ohne nehmen zu wollen. Es war ein unvergeßlich schöner Abend.
Und dann wieder so qualvolle Tage, wo er mir soviel geholfen hat. Dabei eine so seltsam süße Heimlichkeit, wie wenn zwei Kinder über etwas Verbotenes sprechen. Es ist alles so sonderbar, so ein schmerzlicher, herrlicher Reichtum nach allen Seiten. Mir ist manchmal, ob ich reicher wäre, mehr umschließen könnte mit meinen Armen wie alle andern Menschen.
Es war zuviel, der Sturm zu gewaltig. Tagelang apathisch dagelegen oder herumgegangen, die ganze unglückselige Liebe von all den Jahren bäumt sich in mir empor, will mich zerreißen. So war es noch nie. Ich habe noch nie so gewußt, daß es Liebe war. Es brennt in mir. Und ich muß fort, kann nicht mehr zurück, gerade um meiner Liebe willen. Aber als ob ich über mich hinweggehen müßte. Es lodert alles in mir, es ist, als ob jedes andere Gefühl mit aufglühte, die Liebe zu meinem Kind, das Heimatsgefühl, alles, alles. Ich muß fort, sonst kann ich es nimmer ertragen. Ich muß fort und dann sehe ich ihn nicht mehr, lange, lange Zeit. Wenn er jetzt eine Nacht nicht da ist, ist es schon Verzweiflung. Ich zähle jede Liebkosung von ihm wie einen Schatz, den ich mitnehme, von dem ich lebe.
Und Henry meine Leidenschaft ist zu groß, um sie als Schuld zu fühlen, ich fühle alles als Schuld, was nicht meine Liebe ist. Bei ihm will ich ausruhn davon, ihm den Reichtum geben, den sie in mir anhäuft. Geschieht ihm damit Unrecht? Ich kann ihm jetzt sein, was ich sonst nicht sein könnte. Und er mir. Es ist die Tiefe für mich und für ihn. Wenn ein Tag käme, wo er das verstehen könnte, dann würde er von mir das Leben lernen und begreifen, was er mir ist.
Der letzte Abend. Vorlesung bei Adrian, sein Drama. Ich war noch nie so in der Stimmung und habe noch nie so zugehört. Und dabei immer der Gedanke, wenn er jetzt an meinem Haus vorbeiginge, wenn er heute noch einmal, noch einmal käme. Er war nicht dagewesen, und es ist schon spät, über Mitternacht. Bubi ist unruhig. Jetzt möchte ich den Freund hier haben und mit ihm weinen.
Ich kann nicht fort, ich kann nicht. Wenn er heute noch käme. Morgen um diese Zeit bin ich unterwegs. Frau Herzeleide, verlaß mich nicht.
Er war zweimal da gestern und ich nicht. Mir ist, als ob ich nicht die kleinste Erschütterung mehr vertragen könnte ohne daß mit einemmal alles über mir zusammenschlüge.
Ich werde wahnsinnig jetzt liebt er mich, und sieht, daß er mich nicht mehr halten kann.
Und ich?
Ich reise heute abend. Ich werfe mich in Henrys starke gute Arme und will mit ihm glücklich sein. Das war ich noch mit keinem. Er ist wie heller Morgen und der andere wie ein dunkler Traum, aus dem man aufwachen muß, und den man vergißt. Wenn ich es ihm nur sagen dürfte. Ist es schlecht gegen ihn, daß ich über mich selbst hinweggehe? Ich weiß nichts mehr, ich weiß nur, daß ich doch fort muß und mit ihm fort muß.
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