[Startseite] [Übersicht Online-Texte] [Materialien zu Franziska Gräfin zu Reventlow]
Walter der Ehegatte
Monsieur ein fremder Herr
Rolf Vetter, Baron und Ingenieur
Die beiden Lenbachs ein altes Portiersehepaar
Ludwig Reventlow ein Politiker
Rainer Maria Rilke
Albert Langen
Um 10 Uhr nach Haus gekommen. Alles dunkel und kalt. Zündhölzer gesucht, Licht gemacht, Feuer angezündet und nur dagesessen. Denke daran, wie ich als Kind die Neujahrsnacht eines Unglücklichen von Jean Paul las, mit Entsetzen daran dachte, wenn's mir auch so ginge. Und es kommt mir vor, als ob es jetzt so weit mit mir wäre; alles vorbei und keine Hoffnungen mehr.
Und ich bin noch so jung, ich könnte noch so glücklich sein und glücklich machen.
Aber ich suche eigentlich nur nach dem Mut zu sterben. Und ich bin 25 Jahre alt.
Seit vier Monaten habe ich Walter nicht gesehn, und ich ertrage es nicht ohne ihn. Sonderbar und mit ihm ertrug ich's auch nicht. Ich komme mir vor wie jemand, der zum Tode verurteilt ist und zum Leben möchte. Seit ich ihn nicht mehr habe, fühle ich eine ganz wahnsinnige Liebe zu ihm und eine nagende Sehnsucht.
Ich bildete mir immer ein, mein Leben müßte etwas Fabelhaftes, Großes und Reiches werden, aber es geht mir alles immer wieder in Trümmer. Vor sechs Jahren schrieb ich in der Neujahrsnacht an Emanuel. Damals war mir zum erstenmal aufgegangen, was Jugend und Liebe ist. Dann kam München, die Erfüllung, Malerei, und dann zerbrach wieder alles. Ich wollte mich an meine Kunst halten, sie ist mir immer das Höchste gewesen da kam die Krankheit, die hat mir alles genommen. Die Kunst war und ist ja das einzige, an dem ich mich zusammenreißen kann, aber ein kranker Mensch kann nicht arbeiten.
Dieser Sommer Gott, da jubelte wieder alles in mir ich war gesünder und dachte mir, nun ist alles möglich. Ich wollte Walter behalten und die andern alle auch was habe ich in der kurzen Zeit alles erlebt einen nach dem andern. Warum fühle ich das Leben herrlich und intensiv, wenn ich viele habe? immer das Gefühl, eigentlich gehöre ich allen. Und dann wieder der haltlose Jammer, daß ich dadurch gerade den Einen verliere, der mich liebt. Warum gehn Liebe und Erotik für mich so ganz auseinander?
Walters Entsetzen, als ich ihm die Wahrheit sagte, für ihn war's unfaßlich. Und ich habe ihm noch lange nicht alles gesagt. Kein Mensch würde mich verstehn, wenn ich ihm alles sagte. Er würde mich als Abschaum der Menschheit empfinden die meisten würden es. Und doch gibt es Tausende von Frauen, die so leben, die meisten freilich wohl aus Muß bei mir war es manchmal auch ein Muß. Aber warum jetzt seit unsrer Trennung diese unglückliche Liebe zu Walter, der mir jetzt ferner steht als irgendeiner von den andern? Bilde ich es mir ein, ist es nur, daß man sich immer nach dem sehnt, was rettungslos verloren ist oder die ungeheure Sentimentalität in mir das alles haben wollen, oder das Gefühl, daß er immer noch eine Art Halt für mich war, nicht ganz herunterzukommen. Mein Gott, dieses Herunterkommen gibt es ja eigentlich nur äußerlich. Wer sieht oder merkt mir an, was ich erlebt und getan habe, solange ich es in meinem äußern Benehmen nicht merken lasse. Und innerlich ficht es mich so gar nicht an fühle ich mich gar nicht dadurch berührt. Darum schweige ich über so vieles gegen andere. Aber was ist das für ein Leben, das ich führe, diese Misere. Und ich komme und komme nicht heraus, immer noch Schulden. Von denen weiß niemand. Bei Frau X. hab' ich meine Glanzgewänder, aber sie gehören mir nicht, ich muß sie immer als Pfand dalassen. Wenn ich dahin gehe, ziehe ich mich schön an und bin wie in einem andern Leben. Man weiß auch nicht, wer ich bin, und mit meinen Bekannten komme ich auf diesem Wege nicht zusammen. Damit habe ich Glück gehabt, nie jemand getroffen. Aber mich hier herausziehn lassen, mich etablieren lassen wieder die alte Geschichte; ich kann meine Freiheit nicht aufgeben, und dann wäre sie hin, wenn ich auch ein bessres Dasein hätte. Dann wär' ich offiziell darin und könnte nie wieder heraus. Ich bin eigentlich ein großes Schaf, vielleicht brächte ich es soweit, in Glanz zu leben, aber ich hätte dann alles andere nicht, meine absolute Freiheit und mein Leben für mich, das ganz von dem andern getrennt ist. Wenn ich nicht mag, verkrieche ich mich dahinein und bin verschwunden.
Aber all die Leute, die mit von mir leben, ist das nicht eine törichte Schwachheit? L, aber was würde aus ihm, wenn ich ihn nicht über Wasser hielte, und er ist mir zuviel wert, ihn fallen zu lassen. Und die T, und ich lebe in dem schäbigen Atelier und bringe es nicht soweit, mir Kleider oder Schuhe zu kaufen und ordentlich zu leben. Dort trinke ich Sekt, wenn ich will und lebe einen Abend wie im Schlaraffenland und amüsiere mich. Doch manchmal mag ich von alldem nichts wissen und lieg hier herum. Ich bin in letzter Zeit wieder so elend, so kaputt, krank, und mir ist, als ob bald alles aus wäre. Alles möcht' ich ins Grab legen und mich dazu.
Sollte es doch sein, was ich manchmal zu ahnen glaube das wäre wieder ein Hoffnungsschimmer, von dem ich leben könnte. Neues Leben aber lieber nicht daran glauben. Vielleicht ist dies Jahr mein letztes.
Die Ärzte sagen, es kann nicht sein, aber ich glaube es doch. Der zweite Zeitpunkt ist vorüber, und ich habe so seltsame Gefühle. So krank, matt und elend, die Arzte suchen immerfort an mir herum, vermuten die Lunge. Ich glaube, Dr. v. N. fürchtet, daß es mein Ende wäre und will es deshalb nicht glauben. Ich weiß nichts mehr wie Furcht, Hoffnung und Sehnsucht nach Walter.
*
Professor K. hat mich untersucht, es ist doch so. Das war ein froher Tag. Es ist mir lange, lange nicht so zumut gewesen. Jetzt Symptome, die es mir bestätigen, Augenflimmern und die sonderbare Übelkeit. Die nächsten Tage ebenso.
*
Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, daß ich kaum durchs Zimmer gehn kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.
Es ist unwahrscheinlich, daß ich es zu Ende bringe, aber ich will mich wenigstens so lange freuen mir wenigstens einmal alle Seligkeit der Welt träumen.
Ich habe mein Kind, das ich vielleicht nie sehn werde. Ich habe es so lieb, als wenn es schon da wäre.
Liege nachts viel wach, mit furchtbarer Nervosität, Erschrecken usw. Wenn ich dann an das Kind denke, wird mir ruhiger. Ich bin nicht mehr allein, der Wahnsinn der völligen Einsamkeit geht von mir. Ich fühle sein kleines Leben mich beunruhigen, ein so seltsames und wundervolles Gefühl.
Morgens ist's am schlimmsten. Vor Augenflimmern kann ich oft gar nicht sehn, nach ein paar Stunden erst wird's besser. Ich liege nun schon sechs Wochen.
Gehe wieder aus. Mit viel Angst, mir wird so oft schlecht. Monsieur ist wieder da, für mich eine große Freude. Ich habe es ihm gesagt, er schaut sich um, gerade wie Professor Kl. «Ja, was wollen denn Sie mit einem Kind anfangen?» Ich muß lachen, im Grunde weiß ich wirklich nicht, wie es werden soll, wenn ich so elend bleibe. Die alten Auswege mag ich jetzt nicht mehr suchen. Das Gefühl, daß ich ein Kind in mir trage, macht mir alles unmöglich.
*
Krank war ich wieder und wie. Glaubte schon alles zu Ende. Lag drei Tage mit starkem Fieber ohne jede Pflege, außer, wenn jemand kam. Der alte Hausmeister hat selbst eine kranke Frau und all ihre Arbeit Ich muß schwere Gegenstände an die Wand werfen oder, wie neulich, Revolver schießen, damit er mich hört. An einem Tag acht Stunden lang nicht möglich ein Glas Wasser zu trinken, weil niemand kam. Versucht aufzustehen, aber ohnmächtig. An einem Tag kam der gute S. hereingepoltert und warf meinen Spiegel, der auf der Staffelei steht, in Scherben. Ich hörte es halb im Fieber und dachte, die Welt ging unter. Abends ging's dann besser. Monsieur kam und gab mir aus meinem berühmten Sektglas Selterwasser zu trinken. Wundert sich über meine Fröhlichkeit.
Dann kam Vetter Rolf eines Tages. Wir hatten uns seit Preetz nicht mehr gesehn. Er ist gerade so heruntergekommen wie ich.
Ja, ich fange wieder an zu leben mit einer Freude, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte, als ob alles noch einmal frisch und neu wäre und schön anfinge. Mein Kind, mein Kind, wenn ich nur am Leben bliebe und es nur behielte. Aber ich hab' keine Angst, wenn ich nicht will, werde ich nicht sterben.
Während des Krankseins hab' ich gefühlt, wie alle meine Hoffnung jetzt daran hängt daß man ein Kind schon liebhaben kann wie ein wirkliches, wenn es erst elf Wochen sind.
*
Alles an Walter geschrieben wenn ein Wunder geschehen könnte aber es wird nicht geschehn. Solche Gedanken kann nur ein Weib haben, das in der Hoffnung ist. Aber ich sehne mich mehr als je nach ihm! A. ist mir unerträglich, seit ich es weiß. Und er hängt an mir wie eine Klette.
Ich will ihn fort haben, von selbst soll er fort.
Dunkles Frühlingswetter. Mir ist schwer zumut. Dazu Sonntagmorgen. Eine schlechte Nacht, soviel an Walter gedacht, und die Erinnerungen brannten und schmerzten. Nur einen Menschen, der zu einem gehört.
Dachte an unsere Sonntage, wo wir zusammen waren.
Einen furchtbaren Druck auf dem Kopf. Ich fürchte manchmal, den Verstand zu verlieren. Und hier herumliegen in dem trostlosen Atelier, schlepp' mich manchmal vom Divan ans Fenster, liege da im Klappstuhl, den alten schwarzen Koffer als Tisch vor mir. Jetzt graust mich die Misere so, ich möchte alles um mich herum schön haben.
Soll ich an jemand von den Leuten in D. schreiben? Denke viel darüber nach, aber ich mag nichts davon wissen, mag nicht, daß mich jemand in dieser Umgebung sieht, und sie könnten es für einen Erpressungsversuch halten. Der Sohn war einmal hier, weiß Gott, wie er mich aufgefunden hat. Ganz entsetzt und höchst erstaunt. Macht mir allerhand Vorschläge ich mag nicht, und er hält mich für verrückt.
Ich soll wenigstens später wiederkommen, fehle dort so sehr. Ist es ein Rest von Moral oder was, aber ich mag nicht dran denken. Ich kann nur an mein kleines Kind denken.
Heute meine Gedanken immer bei Walter. Ich habe einen verrückten Gedanken, zu ihm hinfahren, ihn noch einmal sehn und dann sterben, mich töten.
Nein, gestern war ich wohl ganz außer Verstand, aber es kommen oft solche Gedanken, und ich kann sie nicht loswerden. Mich töten, es verfolgt mich wie eine fixe Idee.
Dabei hänge ich mehr als je am Leben, gerade jetzt, überhaupt erst jetzt. Mein Kind all meine Hoffnungen, daß mein Leben noch einmal sich aufbaut. Aber es ist einfach krankhaft, Gott sei Dank, daß ich mir das immer wieder in lichten Momenten sage. Nur das äußere Elend benimmt mich wohl so. Was Walter mir schickt, reicht nicht, die T. ist noch da und L. Und Schulden. Von A. will ich nichts nehmen, ich muß ihn los sein und darf ihm nichts zu danken haben. Zerbreche mir den Kopf, wie's werden soll.
Mit T. Schluß gemacht, sie ist fort, dann kann ich's eher. Muß an mich selbst denken.
Lauter Elend um mich her. Die alten Hausmeister in Verzweiflung, er auch krank. Ich gehe in meinem roten Schlafrock hin und her, von mir zu ihnen, und werde selber jeden Moment ohnmächtig.
Freitag will ich nach Köln fahren.
Sonniges Schneewetter. Ich muß die Reise noch aufschieben. Mehr Ruhe in mir. Sitze im Halbdämmern am Fenster. Was soll draus werden? Wenn ich nur arbeiten könnte. Und die Geldnot. Gestern geträumt, daß ich Morphium nahm und dann doch leben wollte.
Ich bin wieder still geworden. Walters Brief hatte mich ganz verzweifelt gemacht. Und krank, immer wieder krank. Wenn ich es nur durchmache, nur einen Tag drüber hinaus lebe, damit ich mein Kind wenigstens sehen kann.
Manchmal träume ich mir, wie ich in einem schönen Garten gehe und das Kind in einem weißen Kleid trage.
Meine Kiste mit Sachen von Walter, Zeichnungen, Briefen etc. ach, das Losreißen, was so weh tut. Draußen ein so sonniger, warmer Tag, und die Dämmerzeit ist so frühlingssehnsüchtig.
Ach, Walter, nur dich noch einmal sehn, noch ein gutes Wort von dir in all dem Elend.
Morgen fahre ich nach Köln, muß ihn sehn. Ist es ein Wahnsinn oder was, daß ich immer an ihn denke? Es zieht so unheimlich an mir, daß ich doch vielleicht sterben muß.
So weihnachtlich ist mir zumut', morgen ihn zu sehn, mit ihm zu reden. Das Herz ist mir voll von all dem ahnenden Glück und dem alten Schmerz. Ich möchte es einmal vor einem Menschen ganz ausschütten dürfen, und das kann ich ja bei ihm. Eine seltsame Zuversicht, daß mir jetzt nichts widerstehen und er noch einmal mein Freund sein könnte.
Und das war alles: «Wiedersehn ausgeschlossen».
Das war alles.
Mit Mühe hab' ich mich auf den Füßen gehalten an dem Morgen.
Das Telegramm und das fürchterliche Gefühl: alle müssen's mir anmerken. Konnte kaum die Tränen zurückhalten und kaum sprechen. Dann bin ich in den Dom gegangen, hab' lange hinter einem Pfeiler gesessen und an mein Kind gedacht. Das ist jetzt alles, alles, was ich habe.
Ihr wißt alle nicht, was Liebe ist, seid alle hart. Es ist wie eine seltsame Wiederholung in meinem Leben, meine Mutter du. Und ihr wollt lieben können.
*
Aber ich versteh's ja auch, daß mich niemand begreifen kann. Bei dieser traurigen Rückfahrt wieder eine Begegnung, und der Abend in Frankfurt mit einem ganz fremden Menschen. Mir kommt es nachträglich vor wie ein Traum. Was er mir sagte und vorschlug, und dabei doch die Freundlichkeit und Warmherzigkeit ich wollte jetzt nichts davon wissen, hab' aber seine Adresse. Und die Szene beim Abschiednehmen war sehr merkwürdig.
Dann der kleine Junge im Bahnhof, der sich zu mir setzte und seine Geschichte erzählte. Brachte ihn noch ins Hotel und zahlte ihm sein Zimmer und Essen, und dann wieder weitergefahren.
Walter würde das alles wieder nicht begreifen.
Wieder gemalt, o könnte ich doch jetzt dabei bleiben. Aber der Himmel will es nicht. Ich muß Arbeit suchen, von der ich leben kann.
Doch ich bin wieder gesünder, so daß ich überhaupt etwas tun kann. Der Mann aus Frankfurt hat mir 100 M. geschickt und mir geschrieben, daß ich mich später an ihn wenden soll. Vorläufig liegt mir alles so fern, ich mag nur an mein Kind denken. Brief von Walter, daß ich kopflos gehandelt hätte. Das klang so ähnlich, wie es meine Mutter mir gesagt hat. Das ist also immer das Letzte, was Liebe geben kann, Mutterliebe und die des Mannes, der einen am meisten geliebt hat.
Da verstehe ich die Liebe doch anders und besser, trotz allem. Und der wildfremde Mensch, dem ich von mir erzählte, hat wenigstens an meine Not gedacht Walter nicht einmal, daß die Reise das Leben für einen Monat war.
Ich muß jetzt des Kindes wegen besser für mich sorgen. Dr. Qu. und v. N. sind wie zwei Väter, sehen nach mir. Aber ich muß ihnen verbergen, wie schlecht es mit mir steht. Die Schulden vom vorigen Krankheitsjahr fressen alles auf. Ich schreibe alles mögliche Zeug zusammen, aber es bringt nichts ein. Versucht, ein Titelbild für die Jugend anzubringen, aber mißlungen.
Der unglückliche S. mit Tränen in den Augen, es ist ihm ganz unmöglich, Geld zu schaffen. Meine jetzigen Freunde sind alle so übel dran wie ich. Kommen zu mir, und wir kochen zusammen. Dann ist wenigstens etwas Lustigkeit um mich, und das brauche ich notwendig.
S. muß ich bei mir vor seinen Gläubigern verstecken, es ist überhaupt eine Wirtschaft hier im Hause, ich danke. Federbetten, alles hab' ich schon versetzt, im Bett kann man kaum noch schlafen. Divan der Schreckliche, ist auch nichts. Der Hauswirt droht jeden Tag mit Herauswerfen. Manchmal muß ich lachen, dann wieder deprimiert's mich. In meinem jetzige Zustand ist's wirklich schlimm, so leben zu müssen. Man hat so gar keinen Widerstand.
Feste gefeiert. Daß ich immer noch Lust habe, solchen Blödsinn mitzumachen, ist mir beinahe ein Trost. Ich leb' wieder auf. Der Abend bei Mj, wo S. sich betrank, B. stahl, und wir uns dann beide heimlich davonmachten und von der ganzen Gesellschaft nie jemand wieder sahen, auch das Haus nicht wieder finden konnten, und dazwischen Rilke. Jeden Morgen ein Gedicht in meinem Briefkasten, das gefällt mir.
Überhaupt Poesie genug, mit der wir uns alle das Leben verklären es ist auch not.
Die Geldnot immer ärger, oft im Stephani mit allen möglichen Leuten zusammen. Einmal auch den Kommissar getroffen, den ich von früher kannte. Mit ihm von des M. Geschichte gesprochen, hatte nicht gewußt, daß ich daran beteiligt war. Sagte mir, er hätte viel erlebt, aber so wie mein Schicksal hätte ihn noch nichts angepackt. Dachte im stillen, wenn du wüßtest, was ich jetzt für ein heimliches Glück habe.
Das Aufwachen alle Tage ist so schön. Man besinnt sich: was ist denn? Und dann wacht das Glück immer auf. Mein Kind, mein Süßes, ich fühl' eine so maßlose Liebe in mir zu ihm und zu allem. Ich schau mich an und merke, wie mein Körper sich verändert, auch das ist so wunderbar schön und macht mich stillselig als ob nun alle Ahnungen Wirklichkeit würden und man das seligste Rätsel in seinem eigenen Körper fühlt, wie es sich allmählich löst.
Frühling und mein Frühlingskind wächst in mir. Ich spüre schon die ersten leisen Bewegungen, fühle mich selbst so gesund, wie ich es lange nicht war. Aber eine sonderbare Unruhe, Bedrücktheit und Schwermut. Fast wehrlos bin ich gegen all die äußeren Sachen. Ich will und muß fort von hier. Bald wird man's sehn, und dem will ich ausweichen.
Vorgestern einen merkwürdigen Abend. Ich konnte es doch nicht lassen, die Leute bei Frau X. einmal wieder zu sehn, und ging hin. Hab' alles von mir abgewendet, war aber einen Abend mit ihnen zusammen. Wir saßen für uns in einem Extrazimmer mit Sekt. Ich hab' wenig getrunken war aber in einer merkwürdig begeisterten Stimmung und erzählte ihnen von dem Kind, und daß ich nun vorläufig aus der Welt verschwinden wollte. Erst hielten sie's für einen Witz. Dann ließen sie mich und das Kind leben. Später sollte ich wiederkommen. Zum Schluß umarmten wir uns alle, und der Leutnant drückte mir ein Kouvert mit 200 M. in die Hand. In meiner Selbstvergessenheit sagte ich ihm, daß mein Name ein Pseudonym wäre, behielt aber noch soviel Verstand, den wirklichen nicht zu nennen. Bisher hatte ich mich immer für eine verheiratete Frau ausgegeben und gesagt, daß ich eigentlich in Nürnberg wohne. Fuhr dann mit ihm ins Café und ging später heim.
Ein ganz sonderbares Gefühl, aus diesen Regionen wieder in mein Atelier zu kommen, ich begreife manchmal nicht, daß diese Doppeltheit sich durchführen läßt. Ich hätte es doch anders machen sollen, um in die Höhe zu kommen.
Ich betrachte all das immer mehr als Austoben und als gelegentlichen Genuß wie als Utilität.
Das war der Fehler.
Aber jetzt ist ja alles anders, jetzt hab ich ein neues und anderes Leben vor mir. Mit meinem Kind werde ich nicht mehr einsam sein und will gern arbeiten.
Einen Entschluß gefaßt und zu Langen gegangen, ich wußte nicht mehr aus noch ein. Ihm meine Lage erzählt und gesagt, er möchte mir helfen, ich wollte arbeiten, was er wollte, nur müßte er mir gleich einen Vorschuß geben. Gab mir ein Buch zum Übersetzen und 200 Mark, 100 Mark hab ich S. gegeben, der am Rand der Verzweiflung war. Aber mit dem Rest und dem Geld vom Leutnant kann ich nun doch fort nur fort von hier.
Die ganze Zeit ein Krach nach dem andern, Rechnungen regnen, und der Hausherr will mich exmittieren.
Natili bei mir eingedrungen und meine Sachen herauswerfen lassen. Ich Polizei geholt. Aber nun hat er geklagt, und in acht Tagen ist Termin. Ich muß eher fort, sonst 100 Mark zahlen.
Was hätte mir das früher für ein Spaß gemacht, jetzt mag ich's nicht mehr. Ich möchte Ruhe um mich her und keine ewigen Unbequemlichkeiten. Es geht alles über meine Kräfte.
Den Leutnant noch einmal getroffen, bietet mir eine Wohnung und Fürsorge an, aber ich mag nicht. Ich will jetzt allein sein mit meinem Leben und kann nicht jemand Fremdes um mich ertragen, der an meinem Leben teilnehmen möchte.
Monsieur den letzten Abend bei uns. Er war auch diesen Winter wieder meine liebste Gesellschaft. Wir stehen ja äußerlich sehr kühl miteinander, aber was haben wir doch hier für Abende erlebt. Es ist irgendein unerklärlicher Reiz darin.
Den letzten Abend saßen wir noch bis zwei in dem fast leeren Atelier. Am 15. morgens den Rest meiner Sachen fortgeschafft und dann fort, ohne irgend jemand Adieu zu sagen. Ich wollte ganz allein sein. Meine alte Hausmeisterin Lenbach hat geweint und sagte immer wieder: Nun hab ich' niemand mehr.
Was waren das für Monate Gott im Himmel. Und wie wird es jetzt werden?
Nun bin ich weit fort und mutterseelenallein.
Die Ostertage kam Rilke zu mir, und wir gingen zusammen in der Frühlingswelt herum. Es war uns lieb, denn ich hielt es kaum aus vor Heimweh und war so elend. Ach die ersten Abende in Lindau ganz allein, es war entsetzlich. Am Karfreitag ging ich in die Kirche und dachte an alte Zeiten und Husum. Wie ist das alles so fern und so merkwürdig.
Ich fühle mich schon etwas schwerfällig, fünf Monate jetzt
O mein Kind. Wenn ich es nur erlebe. Denke soviel an den Tod.
Am Sonntag fand ich mein hiesiges Quartier. Alles so schön, voller Frühling, so still, und doch halt ich's kaum aus. Wenn ich nur die Sehnsucht und Einsamkeit ertrüge. Meine Gedanken sind soviel bei Walter, und ich sehne mich nach ihm.
Und immer wieder die Todesgedanken.
Trüber stürmischer Tag, eine müde, öde Traurigkeit. Gestern einen langen Brief an Walter geschrieben. Ob er mich doch noch einmal verstehen wird? Vielleicht liest er ihn an einem schönen Frühlingstag, und sein Herz wird wieder weich gestimmt Ich brauchte jetzt keinen Menschen so sehr wie ihn.
Nun bin ich acht Tage hier. Wie soll ich es drei Monate aushalten, die Unruhe ertragen, die in dieser Einsamkeit über mich kommt? Ich habe Heimweh nach allem, selbst nach meinem trostlosen Atelier in München. Oh, ich halt' es nicht aus, halt' es nicht aus, dies Alleinsein. Auch die Arbeit hilft nichts, ich mache zwanzig Seiten täglich.
Körperlich elend, das alte Leiden werde ich wohl nie wieder los, nie wieder gesund. Was soll das mit mir und dem Kind werden? Wenn ich nur mein Kind behalte. Meine ganze Seele hängt an dieser einen einzigen Hoffnung. Ich habe nichts mehr von allen Menschen wie dieses kleine ungeborne Leben, und ich zittre, daß mir auch dies wieder genommen wird, noch ehe ich es habe.
Der Sturm hat nachgelassen, ich machte einen langen Gang am See. Da kam wieder etwas Milde über meine bittren Gedanken. Es war so gut und still. Auf der einen Seite das reiche, grüne, dämmernde Land mit seinen vielen Bäumen, auf der andern der See, der leise plätscherte, dahinter die blauen verschwimmenden Ufer. Und ich dachte an die Herbsttage am Starnberger See, wo ich zum zweitenmal meine Heimat verloren habe.
Ja, was soll aus uns beiden Heimatlosen werden, was für eine Straße und was für ein Schicksal liegt vor uns?
Sonntag. Ich sitze an meinem offnen Fenster mit dem weiten Ausblick in lauter sommerliches Grün, die Sonne scheint, und überall läuten Glocken. Ich sehe einen weiten gewundenen Weg zwischen den Wiesen und denke mir das Unmögliche, wenn auf diesem Weg jemand nur herkäme, meine Einsamkeit erlöste und mich wieder froh machte.
Aber ich muß mir die Ruhe meiner Seele wieder erzwingen. Ich will ja leben mit meinem Kind. Hätt' ich's nur erst vor meinen Augen und in meinen Armen, dann wäre ich sicherlich wieder stark und Herr über diese wehrlose Weichheit, die mich zerschmelzen möchte.
Heute abend nach Konstanz gegangen, es ist draußen so schön, so zum Verzweifeln schön. Und etwas mehr Freude in mir. Den ganzen Tag gearbeitet, ich muß mich ja müde machen, um die Nächte zu ertragen.
O Heimweh, Heimweh.
Das ist das Schlimmste, zu denken, was er um meinetwillen gelitten hat, ich habe sein Leben zerstört. Wie wollte ich's jetzt wieder gut machen, und wenn er mir nur Freund sein wollte. Auch wenn ich nicht bei ihm wäre. Ich hatte doch früher die Macht, andere glücklich zu machen. Jetzt ist niemand da, an dem ich's könnte.
Aber mein Kind. Das soll so glücklich sein, mein Einziges, mein Alles.
Ich denke viel über mich selbst nach. Alles ist immer quer gegangen in meinem Leben, zu Hause und später, das wahnsinnige Übermaß von Lebenskraft und die Gefangenschaft daheim. Das hat mich aus allem Gleichmaß gebracht, immer ist es übergeschlagen mit mir. Ich war wie jemand, der nicht normal seinen Weg gehen konnte, immer in Purzelbäumen. Dann die Krankheit und dazwischen immer wieder das Überlaufen ohne Maß. Und die Menschen, die mich liebten, wollten immer das Gegenteil von dem, was ich geben konnte. So gern wollte ich mit Walter leben, ich war sehr glücklich mit ihm, aber ich konnte nicht. Es kam immer wieder über mich wie ein rasender Schwindel, gegen den kein Anstemmen half. Nur dann fühlte ich mich als mich selbst nur keine Zügel, die ertrag ich nicht. Und doch wollte ich ihn festhalten, warum kann er mich nicht nehmen, wie ich bin? Wir hätten unendlich viel voneinander haben können. Immer war ich im Zwiespalt, weil ich gern beides vereinigen wollte, mein eigentliches Leben ohne Zügel und einen Menschen, der zu mir gehört weil ich keinem weh tun mag weil mich das entsetzlich quält, wenn jemand unter mir leidet.
Jetzt ist's mir, als ob das Rätsel meines Ichs sich in der Mutterschaft löste, als ob ich mit andern Augen sähe, alles begriffe, alles empfinden könnte und jedem Menschen, der mir nah stände, alles sein, was einer dem andern sein kann.
Aber wieder jedem Menschen. Also warum nicht auch ihm?
Wieder diese trostlose Schwermut. Nach Konstanz und wieder zurück. Dort sehe ich in die kleine Konditorei und dachte an die Tage in Bozen, wo ich immer wußte, jetzt habe ich noch soviel Tage vor mir, jetzt noch soviel. Ich habe den ganzen Rückweg geweint, um mich her so heller Sommer, das machte mich immer trauriger. Ich könnte jeden fremden Menschen anreden und ihm sagen: hilf mir doch. Aber ich finde nicht einmal einen Fremden.
Oft rudere ich auf den See hinaus, einmal eine Stunde lang und denke plötzlich, wenn ich mich nun hineinstürzte, dann wäre Ruhe. Und wäre es nicht besser für mich und mein Kind? Ich will ja leben, so gern leben und kann doch diese Gedanken nicht los werden. Ich glaube, ich werde verrückt, und es ist nur ein Rest von Verstand, der mich von alledem zurückhält. Daß das Wahnsinn wäre, weiß ich selbst, alles wird in mir aufblühen aber es kommt wieder und wieder.
Krank und elend, schwach zum Umfallen. Ach, es wäre eine Wollust, einmal wieder krank zusammenzubrechen, nichts mehr denken und fühlen zu müssen.
Ob ich jemals wieder kräftig werde, wie ich es war, und nach meinen Zielen laufen kann? Durch diese Krankheit ist mir ja immer alles genommen worden. In diesem letzten Jahr keine Arbeit, die mich nicht umwarf, kein Genuß, den ich nicht büßen mußte.
Oder ist das übertrieben hab' ich nicht doch viel genossen, viel getobt mehr wie andere in ihrem ganzen Leben? Ich wollte immer zuviel und will noch zuviel, die alte Geschichte. Alles haben, alles können, alles genießen.
Heut vor drei Jahren fuhr ich von München fort nach Hamburg. Damals glaubt ich zu wissen, was Liebe und was Verzweiflung ist. Und wieviel hab' ich seither noch gelernt.
Ich lieg an meinem offenen Fenster, draußen rast und tobt ein Gewitter, das erste im Jahr über den weißen blühenden Bäumen. Ich will nur an mein Kind denken, an den einen lichten Punkt in mir. Aber es ist, als ob meine Gedanken und Erinnerungen sich in mir eine Schlacht lieferten, ganz unabhängig von mir und meinem Willen. Dann regt sich zuweilen eine leise Hoffnung, daß mein Leben noch all das wird, was ich möchte.
Damals im Herbst, als ich wußte, daß ich Walter verloren hatte, von da an hab' ich mir so brennend ein Kind gewünscht, und das ist bald erfüllt worden. Es ist beinah unheimlich ich wußte auch in dem Moment, daß ich eins hätte, ich weiß noch bis heute, wie ich mich im Spiegel sah und immer blasser wurde und zuletzt ohnmächtig auch, nachdem mir die Ärzte die Möglichkeit abgesprochen haben auch die, es auszutragen. Nun scheint es doch, daß es möglich sein wird. Und ich hab' das Gefühl, als ob das alles durch meinen eignen Willen wär'. So oft hab' ich im Leben dies unheimliche Gefühl, daß ich etwas durch meinen Willen herbeigezwungen hätte.
Gott sei Dank. Abends ist mir ruhiger als am Tage, nicht mehr diese drängende, dunkle Qual und Sehnsucht, die mich um den Verstand bringt.
Ich glaubte heute, es nicht mehr zu ertragen, hab' den ganzen Tag gedacht und gedacht und mich dann müde gelaufen O nur schlafen dürfen und nicht wieder aufwachen.
Gestern nachmittag im ärgsten Sturm und Regen nach Konstanz. Der See ganz in Grau verschwommen, ich innerlich ganz verzweifelt. Ich dachte nur ans Sterben.
Wäre es denn nicht besser, ein Ende zu machen, ehe das arme Kind da ist. Wenn ich es nicht überlebe, was soll dann aus ihm werden? Oder wenn ich den Verstand verliere?
Jetzt bin ich wieder ruhiger. Über einen gewissen Grad hinaus geht es ja nicht, kein Gefühl auf der Welt. Dann sagt man sich: entweder mach' Schluß oder halt' aus.
Auf dem See und weit, weit gegangen. Wenn die Welt nur nicht so schön wäre, ich kann's jetzt nicht aushalten, es kommt mir vor, als ob ich nicht mehr auf die Welt gehörte, sondern irgendwo im Zwischenraum in Dunkelheit und Angst hänge.
Kranke, müde Ruhe. Unten aus der Wirtschaft Sonntagslärm. Fernes Hundebellen und draußen der blütenweiße, nächtliche Sommer.
Warum eigentlich macht mich die Einsamkeit verzweifelt? Es gibt ja Menschen genug, die ich um mich haben könnte, wenn ich sie rufe. Aber ich will sie alle nicht.
Wieder in München. Nein, ich hielt's nicht mehr aus, ich war nahe am Wahnsinn, manchmal glaubte ich schon, es wäre so weit und alles aus. Ich wagte nicht mehr an den See zu gehen, weil ich Angst hatte, es käme doch ein Moment, wo ich mich hineinstürzte. Den ganzen Tag ging ich umher wie ein gehetztes wildes Tier, konnte nirgendswo bleiben. Heimweh, alle Sehnsucht nach allem, was ich jemals hatte oder liebte und nach allem, was mir nicht geworden ist, alles, was ich jemals im Leben gelitten habe, das drängte und ballte sich zusammen.
So konnt' ich mich zuletzt nur noch durch die Flucht retten. Hals über Kopf bin ich wieder hierher gefahren und habe aufgeatmet, als ich mich wieder in München wußte. Kam abends zu Linnekogel und schlief dort die Nacht auf dem Sofa. Er riet mir dann das Zimmer bei Güttners, wo ich jetzt bin. Hier ist jedenfalls Lärm um mich, nicht diese lautlose Einsamkeit, wo man seine eigne Stimme zu hören glaubt, wenn man denkt.
Ein kleines stilles Zimmer, es ist nicht so verkommen wie das Atelier früher, ich habe nur wenige Sachen drin, mein großer alter Tisch der heimelt mich förmlich an steht zwischen zwei Fenstern, die auf den Hof hinaussehn und den Divan zum Schlafen. Nachts ist es kalt, ich habe immer noch nicht das Bettzeug auslösen können und noch 26 Mark für den ganzen Monat. Mit Zimmer und Mittagessen zahl ich hier 50 Mark, Frau Güttner ist lieb und nett und tut mir wohl. Aber ich seh' sie wenig, sitze nur in meiner Höhle und schreibe an den Übersetzungen. Langen hat mir gesagt, daß er den ganzen Sommer für mich zu tun hat.
Bis das Kind kommt, muß es besser gehn, nicht diese elende Armut. Ich fühle mich so schwach, aber ich muß ihm doch ein Heim bereit machen.
Sonderbar, wie ruhiger mir hier zumut ist.
Monsieur kommt abends im weißen Anzug mit Raket, und wir haben wieder unsere langen Abende. Er sitzt irgendwo, und ich arbeite. Nachher schwätzen wir.
An Ludwig geschrieben, daß ich ihn sprechen müßte. Ich muß sicher sein, daß jemand sich meines Kindes annimmt, wenn ich sterbe. Ich bin körperlich so herunter und immer der forcierte Mut, wenn mich andere sehn. Kann nicht ertragen, daß jemand merkt, wie mir wirklich ist.
Stiller, sonniger, aber kalter Maiabend. Ich muß arbeiten, damit es nicht wieder Herr über mich wird.
Sonntagmorgen. Eine böse Woche. Krank, konnte kaum arbeiten. Aber es muß ja sein, damit mein armes Kindchen nicht zu arm auf die Welt kommt. Oh, die Gedanken und die Geldnot und die Schulden. Dazwischen so göttliche Momente von Seligkeit. Könnte ich nur ruhig daliegen und mich freuen. Das Arbeiten ist zu viel für mich und meine Nerven.
Ludwig war hier. Es war so gut, so unendlich gut, daß er kam, ohne weiteres, die weite Reise. Dann saß er da und fragte, was denn los wäre, und als ich es ihm sagte: Ja wie er es immer sagt. Wir gingen zusammen aus in den Ratskeller. Ich fühlte, wie aufgeregt er war. Ich hab ihm auch gesagt, wie schlecht es mir pekuniär geht, er hat mir versprechen müssen, für das Kind zu sorgen, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich sehnte mich danach, mich einmal ganz hingeben, ausweinen zu können, aber ich nahm mich sehr zusammen, weil wir beide fühlten, daß die Rührung uns ganz umwerfen würde. Du guter, guter Bruder. Aber wieviel Heimweh wachte da wieder auf bei uns beiden. So einsam, seit er wieder fort ist.
Mein Geburtstag. A. schickte mir Blumen, und ich ärgerte mich darüber, ich will nichts mit ihm zu tun haben. Er gehört nicht zu mir und meinem Kind. Ich habe von ihm verlangt, daß er hier fortgeht, oder ich gehe. Und ich dachte, er wäre schon fort. Mein Kind soll keinen Vater haben, nur mich. Und mich ganz. Oh, das Geliebte!
Abends ausgegangen, als ich heimkomme, liegt ein Brief von Paul im Kasten. Wo sind die andern alle? Ich frage nicht viel danach. Bin jetzt glücklich und ruhig und denke nur an die helle Zukunft. Nun fang ich an, das Leben zu begreifen, zu wissen, was es von mir will. Bisher hab' ich immer gefragt, wozu das, warum? Aber ich fange an zu sehn mit andern Augen und das Leben zu lieben, wie es ist und wie es werden mag. Immer möcht ich daliegen, in die sonnige Welt hinausschaun und an schöne Sachen denken. Aber ich muß arbeiten, arbeiten ohne Ruhe.
Beim Kommissär, dem alten Bekannten, um mich anzumelden. Er stürzt sich auf mich wie ein Wahn-sinniger, er hätte mich schon immer geliebt. Eine wilde Szene, bis ich mich losgemacht. Nachmittags kommt er noch einmal, ich sollte mit ihm durchgehn. Ich glaube selten bei einem Menschen so wahre und wilde Leidenschaft gesehn zu haben. Ich wäre eine Sphinx und er ein Schurke, aber er könne nicht anders usw. Es hat mich doch wirklich ergriffen. Dann wurde er wieder sanft, und ich hab ihm einen Kuß gegeben. Sonderbar, ich hatte das Gefühl, dieser Mensch liebt mich wirklich, und das war so wohltuend trotz allem Schreck.
Es schlägt zwölf, helle stille Mondnacht. Mein kleines enges Zimmer, der große Tisch voller Arbeit, der schlechte Divan zum Schlafen aber in mir das neue Leben.
So feire ich heute meinen Geburtstag zum erstenmal ganz allein und zum erstenmal nicht allein.
Nur der Gedanke an Walter ist voller Schmerzen, aber ich liebe jetzt selbst die Schmerzen.
Ich war in der Klinik, ein Mädchen zu besuchen, das dort liegt. Mir wurde ganz schlecht in diesem Saal mit zehn Betten. Neben ihr lag eine Taub-stumme mit einem Kind, das sie keinen Moment aus dem Arm ließ. Ach, wenn ich erst so daläge und mein Kleines im Arm hätte, meine ganze Seele dehnt sich ihm entgegen.
Manchmal helle schöne Träume von Husum und Heimat daß ich wieder da bin und alle gut gegen mich. Dann wieder schwere, dunkle von Walter ich suche ihn, und er will nicht kommen.
Ich kann mich gar nicht mehr zurechtfinden, wo sind all meine Gedanken, all die Verzweiflung, lauter Sonntag ist in mir. Könnt ich mich dem nur ganz überlassen, diesem Sonntagsgefühl, aber ich habe keine Zeit für mich. Außer dem Schreiben nähe ich mit Frau Güttner die Babysachen mit solcher Freude und doch wieder die Angst: wird es leben, und werde ich leben?
Den Mann aus dem Pferd getroffen, dem ich immer auf dem Weg zur Ažbeschule begegnete. Er grüßte und sah mich leise erstaunt an, und ich mußte so lachen.
Ein langer schwerer Sonntag. Draußen glühend, ich in meinem engen Zimmer den ganzen Tag allein. Güttners alle fort, mir war so bang und sehnsüchtig. Vor drei Jahren unser Hochzeitstag, o mein Gott, war das ein Tag.
Die Sehnsucht nach Walter ich schreibe ihm unendliche Briefe und er antwortet kaum. Warum eigentlich ich rede mich nur da hinein aus Verlangen nach einem Menschen, es ist ein Traumbild, mit dem man spricht, und dem man all seine Sehnsucht enthüllt.
Himmelfahrtstag. Diese Feste und Sonntage quälen mich förmlich. Ich war elend und hab gelegen, wieder einen Anfall von Verzweiflung. Im Hause trage ich jetzt weiße Hängekleider wegen der furchtbaren Hitze. Frau Güttner auch. Wir standen abends zusammen auf der Treppe. Contento kam herauf und war entzückt über unsern Anblick «come due angeli». Ich finde mich selbst schön, mein Gesicht hat etwas so Weiches bekommen und die Augen viel Glanz ich habe mir noch nie so gefallen. Das ist ein Trost. Manche werden so häßlich in der Zeit.
Alle Abende, wenn ich im Bett liege, höre ich ein kleines Kind schreien, das rührt mich so. Ach, wenn ich meins erst höre.
Fühlte ich mich nur etwas wohler, ich kann es kaum zwingen, immer zu arbeiten, ein Buch nach dem andern. Der Schweiß läuft mir vom Gesicht herunter, ich muß jeden Augenblick die Hände ins Wasser tauchen. Hab immer einen Eiskübel auf dem Tisch, der kühlt wenigstens etwas. Fange mit den Anschaffungen an. Leinenzeug usw. Zu nichts will das Geld reichen.
Walter schreibt mir, ich solle den Vater heiraten. Um Gottes willen, es gibt nichts, was mir unmöglicher schiene. Hab's endlich erreicht, daß er fortgegangen ist und will ihn nie wiedersehn.
Ausgegangen, ein rasendes Gewitter. Das lieb ich so. Man ist befreit von allem Schwülen und solch wundervolle Abendbeleuchtung. Vor meinem Fenster nur dieser armselige Hof mit den Blechdächern und der bodenlosen Hitze. Alle Abende geh ich durch die Straßen und dann wieder in mein einsames Zimmer. Nie mehr ins Café, sehe niemand von all den Leuten. Im Frühjahr damals meinte ich so allein zu sein, aber wenn ich denke wieviele Menschen hab ich damals gesehen gegen jetzt.
Abends im Bahnhof gesessen und Kaffee getrunken, eine alte, liebe Gewohnheit. Ich sitze so gern da und denke an Reisen und finde in einem Blatt ein Gedicht
Nebel wogen über die Heide,
Dornen nur trägt der Wildrosenstrauch.
Herz, mein Herz, in deinem Leide
Trage du deine Dornen auch.
Heimat und Liebe, laß sie den andern.
Still geh vorüber an ihrem Haus.
Schmerzversunken wandre weiter
In die einsame Nacht hinaus.
Das kam mir so wie für mich vor.
Solche Schmerzen heute, daß ich alles fürchtete. Und jetzt würde es noch nicht leben können. O Gott, nur das nicht. Mein Kind, mein Geliebtes, es darf nicht sein. Du mußt mir bleiben.
Wieder Schmerzen, so daß ich Morphium genommen hab'.
An der Arbeit. Es ist ein übermenschlicher Kampf. Wieder Sonntag, ein heißer, langer Nachmittag, draußen alles still. Und die Sehnsucht nach einem schönen Garten, wo man liegen könnte, für sich sorgen lassen und auf die innere Stimme hören, aber keine Zeit. Es schlägt neun, ich muß noch lange arbeiten.
Zwölf Uhr. Vollmond. Wenn ich erst so am Fenster stehe mit meinem Kind auf dem Arm.
Der Todestag von Papa vor vier Jahren. Alles ist erst so kurz her, und doch liegen ganze Welten dazwischen.
Wieder krank, mich immer wieder hinlegen müssen die Angst mein Kind all die Gedanken.
Drei Uhr morgens.
Ich konnte nicht länger liegen bleiben. Noch ist's dämmrig. Durch alle Träume: ich war mit Walter an einer kleinen Bahnstation mitten im Sommer, alles heiß und staubig ich zog ihn auf eine Bank und sagte ihm, wie lieb ich ihn hätte.
Dann lag ich in Husum in meinem Bett in meinem alten Zimmer, ich sah die Marmorreliefs auf dem Kamin, und meine Mutter saß bei mir, wir sprachen davon, wie krank ich wäre. Sie war, wie sie in Wirklichkeit nie mit mir gewesen ist. Dann stand ich mit ihr am Fenster, sah alles so deutlich, den großen Ahornbaum und die Steinbank drunter. Sie erzählte mir, daß wir von Husum fortmüßten, zog mich dicht an sich und fragte mich, ob ich zu Hause glücklich gewesen wäre. Und ich: nein, ich könnte überhaupt nicht glücklich sein, aber ich hätte doch eine Heimat gehabt.
Heute vor zwei Jahren waren wir in Neubeuern zusammen und sahen die Johannisfeuer.
Liege früh stundenlang wach und denke immer, es müßte etwas besonders Schönes kommen.
Wieder geträumt, daß ich mit Walter in einem Hotelzimmer zusammen war. Ich fand ein großes dickes Stück Glas mit rauher Kante und sagte ihm, damit könnte man sich die Pulsadern aufschneiden. Er machte mir ein Messer draus und gab es mir. Dann wachte ich auf und dachte im Halbschlaf: so, nun muß ich wohl sterben.
Schreckliche Träume mit unsagbarem Angstgefühl. Ich ging mit geschlossenen Augen und furchtbarer Angst einen Weg im Husumer Garten und zitterte vor Mama, die mir vorwarf, ich hätte gelogen.
Viele kleine Kinder, die alle weiße Leichengesichter hatten, ich lag im Bett und wußte, daß ich wahnsinnig geworden sei.
Überhaupt fängt das die letzte Zeit wieder an, die Angst vor dem Wahnsinn und vor allem Möglichen. Manchmal am hellen Tag so stark, daß ich denke, ich müßte die Menschen umbringen, um sicher zu sein. Ich glaube, es ist Überarbeitung. Und die Hitze ist unmenschlich.
Heute habe ich darüber nachgedacht, daß ich fast nie mehr lache und wenn, so klingt es mir ganz fremd. Oder ist das auch nur Einbildung? Ich habe ja auch niemand, mit dem ich lachen könnte. Ach mein Kind, wie will ich mit dir lachen.
*
Ich muß mir meine Wohnung einrichten, das ist eine schlimme Sache. Aber ich sehne mich nach einer eignen Höhle und mehr Platz. In diesem Zimmer kann ich nicht einmal auf und ab gehen.
Gehe viel aus und kaufe die Sachen zusammen und träume von meinem Kind. Mir ist zumut wie in einem Halbtraum, und so schwer, sich zur Arbeit zu zwingen.
*
Kann mich kaum mehr rühren und bin soundsovielmal ohnmächtig geworden. Nun ist's Abend, ich bin in meiner Wohnung. Im Schlafzimmer steht schon alles für das Kleine, und ich muß daran denken, ob ich hier wohl sterben soll.
Arbeit, Arbeit, immer mehr im Galopp, daß ich noch fertig werde und genug Geld habe.
Immer noch am Einrichten und das merkwürdige Traumgefühl. O könnte ich jetzt ruhn, bis das Kindchen kommt. Sein Heim ist fertig. An Walter geschrieben, daß er noch einmal zu mir kommen müßte. Mein Kopf ist schrecklich überreizt, acht bis zehn Stunden schreibe ich jeden Tag. Das lange Sitzen ist schlimm, kann's kaum mehr aushalten. Keine Zeit zum Ausgehn, nur abends. Da treffe ich meist den Otto und geh' mit ihm, wir spinnen zusammen, er klagt mir sein Leid über das Baschl.
Halt' ich es überhaupt noch aus, oder breche ich noch zusammen? Langen fragt nur, ob ich mit den Arbeiten noch fertig würde. Dann muß ich wieder über seine Angst lachen. Rolf kommt manchmal, und Monsieur macht mir eines Abends eine Liebeserklärung, er hätte mich eigentlich heiraten wollen.
Meine Wohnung kommt mir vor wie ein Heiligtum. Ich mag nur Menschen drin sehn, die ich gern hab'. Alle andern weise ich ab.
Vor zwei Jahren Bozen. Mußte so viel grübeln, daß ich schon um vier Uhr auf bin und in der Wohnung umhergehe. Überhaupt hab' ich keine Ruh' im Bett, wandre fast immer nachts bis frühmorgens herum und lege mich dann wieder hin.
Jetzt habe ich wenigstens ein Mädchen und brauche mich um nichts mehr kümmern als um die Schreiberei. Aber es quält mich, ein fremdes Wesen um mich zu haben.
Stiller, langer Sonntag. Es geht mir schlecht. Oft Ohnmachten und Schmerzen beim Gehn und die Nerven. Ach mein kleines Kind, ist das ein Elend. Für dich möchte ich, daß es mir besser ginge, daß ich mich mehr schonen könnte.
Die Nächte sind fürchterlich, Angst, Selbstmordgedanken.
Tagelang wieder völlige Apathie. Drei Tage lag ich da und habe keinen Finger gerührt, nicht einmal denken können, als ob mein Verstand völlig eingeschlafen wäre. Ich muß mich oft besinnen, wer ich eigentlich bin und wo ich bin. Alles kommt mir verwandelt vor.
Das Kleine in mir bewegt sich fortwährend, das ist solche Seligkeit. Dann ist mir, als wüßte ich alle Geheimnisse und könnte alles durchschaun, und es gäbe für mich kein Rätsel mehr.
Aber da liegt meine Übersetzung, 326 Seiten, und ich kann in diesen Tagen nichts tun.
Krank. Darmgeschichten, solche Schmerzen, daß ich dachte, ich wäre vergiftet. Doktor große Schonung befohlen, Opium genommen, auf dem Bett in seligem Halbdusel gelegen. Immer nur schlafen und schlafen, als könnte man gar nicht mehr aufwachen.
Walter will kommen.
Nachmittags Monsieur. Zum erstenmal hab' ich vor ihm geweint, aber ich konnte nicht anders. Mir war so bange und so sonderbar. Ach, Walter.
Erwarte ihn jeden Tag, und bilde mir ein, er wäre verunglückt. Und wieder das ganze Heer von schwarzen Gedanken. O mein Gott, ich kann nicht mehr, ich fühle, wie ich den Verstand verliere. Ich muß mich umbringen, damit alles ein Ende hat und das arme Kind nicht allein bleibt. Nacht für Nacht träume ich vom Sterben. Ich muß sterben, als ob mir's jemand befohlen hätte. Dann mischte ich mir eine Menge Morphiumpulver zusammen und dachte, vielleicht finde ich heute den Mut. Lag die ganze Nacht in einem bleischweren Halbschlaf und träumte, Walter und ich lägen beide im Grab und sprächen zusammen. Dabei hörte ich jedes Geräusch, wie drüben die Pferde scharrten und die Leute früh in den Stall kamen.
Es ist wieder vorbei, ich hatte mich wohl furchtbar überarbeitet. Monsieur kam am Nachmittag, um sich auszuruhn, schlief in einer Zimmerecke, und ich schrieb. Sonderbar, daß zu mir Menschen kommen, um auszuruhn. Was für Unruhe trag' ich in mir selber. Für die andern allerdings bin ich immer lächelnde und heitere Oberfläche.
Walter war da. Es war für uns beide so erschütternd, dies Wiedersehn, aber doch so gut. Nun hat sich das letzte Schwere gelöst, und ich bin ihm so dankbar. Den Abend, als er fort war, ging ich noch lange durch die Straßen wie von einer großen Spannung befreit.
Immer noch an der Arbeit, und jeden Tag kann es jetzt kommen. Ganz mechanisch schreibe ich, denken kann ich nichts mehr, fühle meinen Körper kaum, die Schmerzen, alles ist gleichgültig. Ich ziehe immer eine Schublade vom Tisch heraus, um mich dran zu lehnen, sonst kann ich's im Rücken nicht aushalten. Monsieur ist abgereist, das war mir schwer, ich hätte ihn so gern um mich gehabt. Wir waren beide beim Abschied bewegt. Ob wir uns wiedersehn?
Bei Langen, um ihm die letzte Arbeit zu bringen; nun ist Ruhe. Ich fühlte wie im Traum, daß die Leute mich alle ansahen, und ich sprach mit ihnen, aber ich weiß wirklich nicht mehr, bin ich noch auf der Welt oder nicht. Fühle nur, daß ich jetzt ruh'n darf.
Ach, nur einen Menschen, der zu mir käme und bei mir wäre. Alle Abende schau' ich nach dem Kinderwagen, der in meinem Schlafzimmer steht und denke, vielleicht liegt morgen schon mein süßes Kind darin. Es bewegt sich immer stärker.
Gestern ein furchtbares Gewitter, bei jedem Donnerschlag regte sich das Kind und ich dachte, heute nacht kommt es noch.
Ich habe keine Angst mehr, keine Selbstmordgedanken. Nur die Unruhe des Nachts, aber dann stehe ich auf, gehe durch die Zimmer an die Fenster und denke an mein Kleines. Das sind meine wachsten Stunden, sonst ist's wie ein fortwährendes Hinschlafen.
Wenn ich noch lange so fortgearbeitet hätte, wären meine Nerven einfach gerissen. Ich war gerade am Ende meiner Kraft.
*
Über alles könnte ich weinen, aber es ist nicht Schmerz, es tut mir wohl und ist ein seliges Gefühl, wie wenn man aus Freude weint.
Neulich kam eine Biene ans Fenster und summte. Darüber hatte ich Tränen in den Augen, ich sah so den weiten schönen Sommer vor mir.
Immer noch nichts, und es ist schon sehr über die Zeit. Ich bin so apathisch, daß ich manchmal denke, nun kommt es überhaupt nicht mehr. Aber in mir ist's gut und still, immer als hörte ich Glocken läuten. Alle Sachen, die einen sonst beschäftigen, sind weit weggerückt. Jeder Sonnenstrahl durchs Fenster macht mich froh und kommt mir vor wie ein großes Glück.
Immer noch ebenso. Ich lebe in Dämmern und bin tiefglücklich. Kann mir nicht einmal das Kind als wirklich vorstellen. Alles ist so traumhaft wenn ich spätabends allein ausgehe, scheint es, als ob die Tageswelt nicht mehr existiert.
Seit zwei Tagen abends heftige Schmerzen, ich dachte jedesmal, nun finge es an, aber sie hörten nach ein paar Stunden auf. Und jeden Abend bin ich glücklich, wenn sie anfangen. O mein Kind.
Wieder und wieder die Schmerzen. Ich fürchte mich, daß irgend etwas Schlimmes, Unerwartetes geschehen könnte. Geh' nicht mehr aus, liege nur oder geh' im Zimmer herum und ordne meine Briefe. Es könnte ja doch sein Nein, ich muß leben, ich muß mein Kind wenigstens einmal sehn und im Arm halten. Heute ist mir leicht und klar im Kopf, als ob meine Seele fliegen könnte.
Nachmittags. Eben vom Mittagsschlaf aufgewacht. Mit heftigen Schmerzen und Blutverlust. Ja, nun ist kein Zweifel mehr. Vielleicht sind das die letzten Worte, die ich jemals schreibe.
Sechs Uhr abends. Die Schmerzen hören nicht mehr auf, mein Kind, mein Gott. Ich muß mich hinlegen, dann steh' ich wieder auf. Ich habe keine Angst mehr. Eben ist der Doktor fort
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