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Briefe an Emanuel Fehling: März 1891

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d. 2. 3. 91

Du Lieber —

Wie danke ich Dir für Deinen Brief, es reut mich gar nicht, Dir «die Feder in die Hand gezwungen» zu haben, ein Tag oder gar zwei ohne etwas von Dir ist so öde und inhaltslos. Aber es tut mir so leid, daß Du so elend bist, ich wünsche Dir von Herzen Besserung. Nach Deinem neulichen Aussehen und nach Deinem Brief ist Deine Stimmung bedrückt und müde.

Es wäre gewiß gut für Dich, einige Tage Ruhe und Bettwärme zu haben, tu es doch ja, es ist ja ganz gleich, ob Du jetzt noch zur Schule gehst oder nicht.

Mir persönlich ist es freilich gräßlich, Du bist dann so unerreichbar, aber Dein Wohlbefinden ist mir wichtiger. Wenn Du Dich legen willst, so warte nur noch den Mittwoch ab, damit wir uns noch mal ordentlich im Dom sehen; wir haben uns so lange nicht lange gesehen, und so oft verfehlt, und stehe dann zum nächsten Mittwoch wieder auf. Es war am Sonnabend so schön aber so kurz, und es verlangt mich so danach, einmal eine ruhige Stunde mit Dir allein zu sein; ich fühle mich oft beunruhigt und geelendet, aber es läßt sich doch immer wieder überwinden und verschlucken.

Daß ich Dich gestern nicht gesehen habe, tut mir zu leid; ich dachte gar nicht daran, daß Du so kurz bei M. sitzen würdest, Du mußt Dich überhaupt nie wundern, wenn ich Dich nicht erkenne, ich sehe wirklich ungenau in die Ferne, wenn ich nicht gerade etwas Bestimmtes sehen will und zu diesem Zweck das eine Auge zumache; ich sehe mit beiden Augen verschieden. —

Ewers erzählte uns neulich, daß er den Roman eines jungen Idealisten geschrieben habe, war es das, was er Dir gestern vorlas? Ich hoffe bei näherer Bekanntschaft auch einen Einblick in seine Werke zu tun. Käthe Wohlert will mir nächstens ihren Bruder vorführen, ich bin sehr gespannt, ob er auch reptil- — verzeih — amphibienartig ist.

Ich bin ganz unsagbar müde und kopfwärts abgespannt; habe jetzt so entsetzlich viel zu tun, daß ich nicht weiß, wie es werden soll. Sonnabend abend war ich zu müde, um noch anzufangen, las nur «Hermann und Dorothea» zu Ende — für Zimmermann — ich finde es einfach gräßlich, so unangenehm satt — behaglich — spießbürgerlich. Dann Bebel, «Die Frau und der Sozialismus», durchgeblättert, es scheint mir brillant zu sein.

Gestern und heute habe ich dann rasend gelernt. Von 40 Seiten Geschichte, von denen ich keine Ahnung hatte — habe ich jetzt 30 bewältigt, das übrige muß morgen dran, außerdem heute noch 2 Hefte mit Dogmatik, 36 Sprüche und das Leben Racines gelernt. Mich überkam dabei ein ungewohntes Gefühl von Energie und Lernfähigkeit, ich sehe doch, daß wenn ich will und mich mit Gewalt konzentriere, ich sehr leicht lernen kann. Ich muß nun morgen um 6 aufstehen, bis 10 ochsen, dann bis 3 Stunde, dann gegen abend wieder Geschichte, und übermorgen um 4 aufstehen und es noch einmal durchnehmen.

5. 3. 9I

Mein lieber, süßer Emanuel.

Ich kann mich noch nicht entschließen, Licht anzustecken und die leise graue Dämmerung zu vertreiben, die mich so weich und sehnsüchtig stimmt. Wüßte ich Dich doch nur nicht so elend, ohne bei Dir sein zu können und könnte ich Dir auf irgend eine Weise wohltun! Wenn Dir doch heute diese eine Viertelstunde tiefer Ruhe in der Kirche dasselbe wie mir gewesen wäre! Ich wäre am liebsten in Deinen Armen eingeschlafen, um so recht tief und lang zu schlummern, um mir nach mehreren Tagen körperlicher und geistiger Beunruhigung wieder wohl werden zu lassen. Ich konnte mich nicht aufraffen, Dir zu schreiben, und wollte Dich auch nicht elenden. Diese Geschichten sind ja auch unvermeidlich und «natürlich». Aber was hilft das einem, wenn man so darunter leiden muß? Und immer wieder dieselbe Leier. So, nun verfalle ich gerade wieder in den Ton, mit dem ich Dich verschonen will — ich habe übrigens rasend gearbeitet, bis Mittwoch ununterbrochen Geschichte gelernt und eigentlich gänzlich umsonst, denn von dem, was gefragt wurde, ahnte ich nichts und das war auch kaum nötig; die Hälfte schrieb ich von der Brand ab und die andere Hälfte aus dem Buch. Hausberg nahm es mir 3 mal weg und legte es aufs Pult, wo ich es mir immer wieder holte. Mit den Ibsens war es zu dumm; er wollte mich durchaus verlegen machen, aber es ist ihm nicht gelungen; ich fragte ihn zuletzt, ob ich es ihm nicht leihen sollte! Leider nun hat er der Klara-Schramm-Clique ein großes Gaudium verursacht, ich hatte nachher mit der ganzen Klasse einen großen Ibsen-Krakeel; sie drangen alle auf mich ein, eine äußerte die geistreiche Ansicht, Ibsen sei wohl mehr etwas für Herren! — Mit der bin ich auf Lebenszeit fertig! Am Dienstag war Natalie zu Tisch bei uns, am selben Abend Cattys Georgfest mit Bruhn. Ich finde es zu schade, wenn Du nicht mit Catty nach Wandsbek gehst, es wäre gewiß so nett, aber allerdings für Deinen Hals sehr unvernünftig. —

Mir ist es sehr langweilig, einen ganzen langen Sonntag ohne Catty herumzuwurzeln, ich denke daran, an meinem Aufsatz zu arbeiten und mittags zu Natalie zu gehen. Könnten wir uns nicht da draußen irgendwie treffen, denk einmal darüber nach. Vielleicht muß ich ja mit dem Greis dann rennen. Übrigens kommt die berühmte Grethe erst nach den Ferien zu uns auf längere Zeit. Zur Konfirmation von Georg kommen sie alle, Vater, Mutter, 3 Töchter, davon die jüngste 8 Jahre alt. Gräßlich. So gern ich sie alle habe, es ist mir ganz gräßlich. Am Freitag vor Palmsonntag kommen sie bis Montag oder Dienstag. Dann bin ich so lange gänzlich gebunden, muß womöglich mit einer zusammen schlafen, und es ist die letzte Woche mit Dir. Ferner kommen in der Woche 2 Kecks auf 3 Tage, aber da ich dann noch Schule habe, werde ich wohl ziemlich frei ausgehen. Mir sagt überhaupt eine Ahnung, daß wir in der letzten Woche nichts mehr voneinander sehen werden, und ich wollte, es wäre erst vorbei. Du wirst ja diesen Wunsch nicht mißverstehen. Können wir diesen Sonnabend nicht wieder zusammen gehen. Du mußt den «Kaiser und Galiläer» später gründlich lesen, er ist so herrlich; — ich habe Dir sogar ein Bild von Ibsen hineingekleistert, Du wunderst Dich doch gewiß, daß ich mit einer Leimflasche umgehen kann.

6. 3. 91 7 Uhr

Ich bin eben, wie die ganze Woche, um 6 aufgestanden, nur ist leider heute kein Sonnenaufgang, der die vorigen Tage besonders malerisch war, schwarze Wolkenbänke und wie ein gelbroter Schein um die Domtürme. Ich bin ganz erfrischt durch die Nacht, ich hatte Rouleaux und die Fenster weit offen, der Wind fuhr herein, und die Lichter von draußen tanzten auf der Wand über meinem Bett, ich wachte häufig auf und es war dann so schön, in die Sturmnacht so direkt hinauszugehen.

Heute vor einem Jahr war der große Lücktag, für mich ist derselbe eine sehr nette Erinnerung, die Begegnung mit dem Fechtclub machte mir den größten Spaß und der 3 stündige Gang mit Catty meist durch knietiefen Schnee, da ich ihn auf dem Fußweg gehen ließ, war auch schön. Erinnerst Du Dich noch an unser Zwiegespräch vor Lück, ich sehe Dich mit einer Zigarre in der Hand hinter uns hersteigen und wie Catty dann immer gegen uns antaumelte und lallte, o neige Du Schmerzensreiche. Ich legte ihn dann nachher auf mein Bett, wo Mama ihn mit Entrüstung fand. Es war doch schön.

Heut ist nun ein so recht bleigraues Wind- und Regenwetter, wie ich es sehr liebe, es ist so ganz wie Husum und erinnert mich an graue Tage, wo ich morgens um unsere Koppel rannte, Ossian las und regelmäßig Ferdinand Tönnies und Probst Hesselmann begegnete. Vor 2 Jahren fing ich eben wieder an, etwas herumzugehen und kletterte fast jeden Morgen heimlich auf unseren Turm hinauf, um Luft zu schnappen und das Meer zu sehen und war meist in der verzweifeltsten/11/ Stimmung, in der ein Mensch sein kann.

Nun leb wohl Liebster, erhole Dich nur bald, lege Dich bis Mittwoch zu Bett! Ich habe ganz vergessen, Dir für Deine Zeilen zu danken, wenn Du irgend kannst, laß mich bald wieder einige haben, Catty weiß nie, wie es Dir geht usw.

F.

6. 3. 91

Liebster Emanuel —

Noch ein paar Worte an Dich zur Erholung (nach einem Tee mit Oppenheimer, Nissen und Schulz). Herrgott nein, was ist das für eine Ekelbande, es war kaum zum Aushalten vor Lachen und Widerwärtigkeit, ich habe mich direkt geflüchtet und höre nun nur noch von unten das grause Stimmengewirr. Bei Tisch schrien sie alle aufs greulichste durcheinander, Frl. Nissen und Mama labten sich an Krankheitsgeschichten. Es gibt doch nichts Grauenhafteres, Widersinnigeres und unangenehmer Berührenderes als solche Menschen, vor allem solche Weiber mit ihrem «erbärmlichen Behagen» und schrillem Gelächter. —

Ich bin ganz fertig und in meinen innersten ästhetischen Gefühlen verletzt. Liebster, wir wollen später niemals Menschen bei uns haben, es ist zu greulich. Morgen abend Mesmers, 4 Mann hoch, nächsten Sonnabend Diner bei Consul Fehling, bitte denke mit etwas Mitleid an mich.

Daß wir nun Mittwoch nicht bei euch sind, ist zu dumm; ich fürchte, es wird bei uns eine ziemlich öde Geschichte werden. Heute habe ich «Germmal» ausgelesen, es ist einfach großartig, mich hat selten jemand so hingerissen wie Zola, d. h. ich kenne nun ja erst 2von ihm, aber ich will sie alle nach und nach via Leihbibliothek lesen. Dann habe ich auch «die Früchte der Aufklärung» gelesen. Schwach! Nun will ich «die Frau» von Bebel vornehmen. Ich bin bis jetzt mit allen Repetitionen herrlich durchgerutscht, habe in Botanik sogar geglänzt, ohne ein Wort gelernt zu haben. Bei Lindenberg trug eine vor; irgend jemand hätte die ganze Kirche unter den päpstlichen Stuhl stellen wollen. Ich saß direkt vor ihm und platzte los und bekam einen sehr verweisenden Blick. — Wir hatten nur die eine Stunde, nachher ging ich mit der Brand zu Schindler, wo wir eine krumme Dame beleidigten und anödeten.

Nun ziehen sie ab mit gräßlichem Geschrei und mich überläuft noch einmal ein kalter Schauder. Aber nun gute Nacht «Schlaf wird es besänftigen».

Wenn ich morgen nicht einige Worte von Dir bekomme, werde ich ganz geknickt. Willst Du nicht, bitte, «Adam Mensch» an Ewers zurückbefördern?

L., 8. 3. 91, 2 Uhr

Liebster —

Ich will den Sonntagnachmittag durch Schreiben an Dich entöden. Die Sonntage sind mir eine leidige Plage, so hasse ich sie von Herzen. Ich fühle mich den ganzen Tag ungemütlich und vor allem entsetzlich hungrig. —

Hab vielen Dank für Deinen gestrigen Brief. Wie es mich freut, daß «Kaiser und Galiläer» Dich begeistert. Ich finde übrigens den ersten Teil großartiger wie den zweiten.

Deinen Gang nach dem Schallbruch hätte ich gern mitgemacht, es gibt mir nichts Schöneres, wie im Sturm zu rennen. Ich wollte, wir könnten einmal zusammen in Husum auf dem Deich gegen den Sturm kämpfen, wenn er so heult, daß man glaubt, durch Gewitterwolken durchzugehen.

Ich bin sehr dafür, daß Du Dich mit Bruno versöhnst, dann tu mir bitte noch den einen Gefallen und befreunde Dich mit Natalie. Es ist eigentlich greulich, daß Du jemand nicht leiden kannst, den ich so gerne habe. Gestern passierte mir etwas sehr Trauriges, worüber ich noch ganz trostlos bin. Ich suchte am Morgen lange nach der Nadel von Dir und fand sie schließlich zertreten am Boden, der Stein in 3 Teile gespalten. Wirklich, ich hätte beinahe geheult über dieses erste süße Geschenk von Dir! Ich habe mir das größte Stück wieder fassen lassen, so ist es doch noch etwas davon.

Ich lege sonst auf Sachen nicht den geringsten Wert, aber was ich von Dir habe ist mir heilig …

Anna Hagenström ließ mir gestern durch ihre Schwester ein unglaublich scheußliches Conglomerat von selbstgemachten Blumen überreichen, was mich in Verzweiflung versetzte. Nachher raffte ich mich auf, sie mich bis zur Holstenstraße begleiten zu lassen, redete liebreich und jovial mit ihr, forderte sie sogar auf, mich zu besuchen (was Gott verhüten möge), tröstete noch ein heulendes Kind mit schlechtem Zeugnis, indem ich es lehrte, daß man darüber höchstens lachen könnte und kam nach diesen Anstrengungen ganz matt nach Hause.

L., 10. 3. 91

Ich kann mich nicht zum Arbeiten aufraffen, obgleich ich ganze Berge zu tun habe; sämtliche Staaten Norddeutschlands und die Weltgeschichte von den Entdeckungen bis zu Karl V. Wie es werden soll, weiß ich, ich denke ich lasse die Geschichte einfach noch, gewöhnlich komme ich am besten durch, wenn ich nichts gelernt habe. Hab vielen Dank für Deine lieben Zeilen, die mir sehr wohltuend waren. Ich durchlebte unser Abenteuer noch einmal. Weißt Du, es war doch ein Genuß, sich einmal so recht von Angst und Schrecken durchzittern zu lassen, zusammen? Das Schönste war doch, daß wir ihnen gerade entgegenrannten. Der Kirchendiener allerdings, ich muß laut lachen darüber, was er sich wohl gedacht hat. Ich hatte ganz staubbedeckte Knie von dem Kriechen, als ich nach Hause kam. Natalie heute nicht gesehen. —

Gestern abend war es himmlisch gemütlich. Anna saß oben bei Agnes, und ich lag unten auf Papas Sofa und las «Zarathustra», bis Catty aus dem Theater kam. Dann saßen wir noch eine Stunde zusammen, ich lag und er auf meinen Füßen. Mit Catty allein zu sein, kann so herrlich sein. —

Nun zu den Ereignissen des Tages. Ich traf Käthe Wohlert in der Engelsgrube, wir stiegen in die Leihbibliothek, wo 2 wildfremde Jünglinge saßen, Käthe Wohlert ließ sich ein Buch reichen und wir entwichen, trafen Ewers auf dem Flur, gingen mit ihm zur Post, wo plötzlich Buchholz erschien. Die beiden andern waren sehr erstaunt, als ich plötzlich hinausbürstete; B. hat mich nicht gesehen. Dann gingen Käthe und ich zu Schluses, saßen ¾ Stunden da, erst mit Mutter Schluse, dann Alwine, die mit einem roten Tuch um den offenen Hals ganz wunderschön aussah. Dann zu Ewers, saßen fast eine Stunde da. Ich mag ihn sehr gerne; sein innerer Mensch, soweit man ihn durchfühlt, ist mir sympathisch und seine Augen haben einen reinen Blick. Er hat mir heute «Lieder eines Sünders» von Conradi gegeben, ich habe vorhin etwas drin gelesen und war teilweise hingerissen davon, teilweise angeekelt. Kennst Du sie? Dann habe ich «L'Assommoir» mitgenommen, leider französisch! — Ein Familienkaffee bei Schluses muß furchtbar komisch sein, gewiß wie eine Dynamitversammlung, würde er in der Giftkantine des Alten getrunken. Ich habe den Erz-Schluse leider nicht gesehen, hoffe aber im Laufe der Zeit darauf.

Herrgott, es ist schon 7, ich muß noch dran. Auf morgen! Versprich Dir nur nicht zu viel davon. Ach Du Liebster, es ist so schwer, sich nicht einen Augenblick allein haben zu dürfen.

F.

Sollten wir Schreibbriefe schicken, so laß uns bitte wegen Anna Wiechers in den Grenzen schöner Mäßigung bleiben, sie ist nicht so.

L., 18. 3. 91

Mein süßer, geliebter Emanuel.

Den innigsten Dank für Deinen lieben Brief und den Strauß, der im Wasserglas vor mir steht. Das war sehr lieb von Dir und hat mich sehr erfreut.

Ja, wir müssen uns endlich wieder sehen, wir sehen uns nie mehr in Ruhe. Wir wollen es jetzt ohne Rücksicht auf Dom, Greise etc. so oft wie möglich versuchen, wer weiß was alles in der letzten Woche kommt.

Also laß uns erst einmal festsetzen, morgen um ½ oder ¾ 4 im Dom. Der Betreffende wartet bis 4. Mittwoch um ½ 3 resp. 3 im Dom. Donnerstagmorgen bin ich von ½ 9 bis 9.50 zu haben. Können wir dann nicht auch dorthin? Freitagmorgen kann ich auch Schule simulieren. Laß uns jede Chance wahrnehmen; Du wirst die letzte Woche mit Deinen 66Abschiedsbesuchen ja gar nicht abkommen können. Anna Wiechers geht vielleicht Freitag. Hurra!!!

Ich kann es schon gar nicht mehr aushalten, und es ist mir fatal, daß sie einen Schimmer von Cattys und meinem Tun hat. Kann ich am Donnerstagmorgen vor 10 bei euch anrücken, so tu ich das, aber es ist doch wohl zu früh. Es freut mich, daß Dein gestriger Familientag nett war, ich müßte eigentlich auf Dich als stellvertretenden Bräutigam sehr eifersüchtig sein? Gut, daß wir beide das nicht nötig haben und niemals haben werden! — Wenn wir erst als Paar diese Familientage mitmachen, das wird gewiß erhebend sein.

Heute vor 8 Tagen war unsere große M. K. Katastrophe, hast Du dran gedacht? Hab auch noch Dank für «Nanas» Zusendung, ich habe gestern schon 100 Seiten gelesen, müßte aber erst eigentlich «L'Assommoir» auslesen, da dies die Fortsetzung davon ist. Wie lange kann ich es behalten? Ich habe mich sehr gefreut, daß Du es mir gegeben hast — Zola imponiert mir sehr. Wie ich ihn auffasse, kann ich Dir am besten per «Zarathustra» ausdrücken.

19. 3. 91 3 Uhr nachts

Ich sitze hier nun und feiere das Gedächtnis jener 18. Märznacht, die ich aufsitzend, Kunstgeschichte lernend verwarte. — Vorhin war ich im Theater, ich hatte eigentlich absolut keine Zeit, ging aber doch schließlich hin, weil ich das Gefühl eines heftigen Bedürfnisses nach irgend einem Reiz hatte, und doch nicht viel gearbeitet hätte. «Die zärtlichen Verwandten» waren ziemlich stupide und die «Puppenfee» zum 2. Mal war auch eine Art Geduldsprobe, d. h. das Sehen, die Musik ist sehr nett und leicht. Zu meiner Freude saß Zimmermann neben mir, ich glaube, Annie Mesmer war sehr beleidigt, daß ich mich eifrig mit ihm und gar nicht mit ihr unterhielt.

Bis eben habe ich meinen ganzen Aufsatz gearbeitet, 9 Seiten wilden Geschmiers; es ist doch eine Wonne, einmal so mit Anstrengung zu arbeiten — ich kann Deinen Vertrags- wie soll ich's nennen — Eifer oder so etwas ähnliches vollkommen mitfühlen — ist's nun nicht zu niederträchtig, daß ich nicht Latein und Dein Werk nicht mitgenießen kann. Wahrhaftig, ich will's noch lernen! Da habe ich noch gar nicht für Deinen Brief gedankt, Du Liebster. —

Wir wollen uns immer schreiben, was wir arbeiten oder lernen, das hat doch immer etwas Erhebendes, Weiterbringendes. —

Ich hatte, um heute abend wach zu bleiben, unsere Köchin bestochen, mir Kaffee herzustellen und war tief gerührt, wie ich eine ganze Kanne voll und zwei ungeheure Fetzen Kandiszucker vorfand. Es hat mich herrlich wach gemacht.

Morgen früh komme ich dann zu euch. Leider geht die Manhardexpedition morgen nicht, da erstens Catty nach Niendorf geht, zweitens Anne Wiechers' letzter Tag (Hurra!) ist. Also lasse ich mich feierlich von Natalie zu Freitag einladen. Da fällt mir ein, daß Freitag die Kneipe ist, also wieder nichts damit! —

Aber nun will ich doch noch zu Bett krabbeln. Schlaf wohl, Du Süßer, wie ich mich nach Deinen Augen und nach Deinen Armen sehne —

[L., Ende März 91]

Eben erfuhr ich, daß Du hier gewesen seist. — So sehen wir uns also nicht mehr allein, was ich noch immer gehofft hatte. Es wäre für uns beide gut gewesen, hätten wir noch einmal ohne Zeugen Abschied nehmen können.

Aber ich bin so fest wie noch nie entschlossen, mich zu beherrschen, und so wirst Du denn kein Wort der Klage von mir vernehmen.

Wir wollen mit dem, was nun einmal sein muß, rechnen, nicht mit dem, was gewesen ist und womit wir denn nun abschließen müssen. Ist nicht die Hauptsumme dieses Jahres Glück und Liebe gewesen und das bleibt uns ja und außerdem Arbeit füreinander und an uns.

Ich kann Dir diesmal nicht viel schreiben, aber Du läßt es mich nicht entgelten und schreibst mir diese Woche recht oft, sonst möchte es mir doch recht schwerfallen, den Kopf oben zu behalten. Bis Sonnabend soll ich die Augen noch ganz ausruhen; dann habe ich noch 2 freie Tage, die ich ganz Dir widmen kann. Für Deinen neulichen Brief, den ich sehr gut habe lesen können, danke ich Dir noch sehr. Käthe Wohlert sieht Mittwoch, Donnerstag rasch für mich auf der Post nach, laß bitte die Adresse von Catty schreiben. Ich werde Dir inzwischen auch, wenn meine Augen es erlauben, ein paar Zeilen kritzeln. Schreiben, obgleich ich möglichst wenig drauf hinsehe, strengt viel mehr an wie lesen. So leb denn wohl, mein Emanuel, mein Geliebter. Laß nur unsere Gedanken immer beieinander sein, dann gibt es keine Trennung für uns. Leb wohl, Dein jetzt und für immer.

F.

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