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| 12.11.1853 | Leopold Hermann Oskar Panizza wird in Bad Kissingen geboren. Sein katholisch-bigotter Vater Carl ist italienischer Abstammung (daher der Name), hat sich vom Kellner zum Pächter und schließlich zum Besitzer führender Gastronomiebetriebe in Bad Kreuznach, Wilhelmsbad und endlich Bad Kissingen hochgearbeitet. Obwohl als "Weltmann" beschrieben, agiert Carl als Geschäftsmann eher ungeschickt. Die frühe Jugend Panizzas ist überschattet von Schulden, Prozessen und einem tiefgehenden Ehekonflikt, die Konfession der Kinder betreffend. Die einer Hugenottenfamilie entstammende Mutter Mathilde, geborene Speeth, ist als Protestantin pietistischer Prägung und Verfasserin entsprechender Erbauungs- und Eifererschriften mit der katholischen Erziehung der Kinder nicht einverstanden. |
| 26.11.1855 | Panizzas Vater Carl stirbt an Typhus. Die Mutter Mathilde läßt die Kinder evangelisch umtaufen. |
| 18.2.1856 | Der katholische Pfarrer Anton Gutbrod reicht beim Landgericht Kissingen Klage ein: Panizzas Vater hatte zwei Tage vor seinem Tod sich damit einverstanden erklärt, die Kinder evangelisch erziehen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt sei er jedoch nicht mehr bei klarem Verstande gewesen, die Kinder seien daher weiterhin katholisch zu erziehen. |
| 9.11.1858 | Nachdem in mehreren Instanzen jeweils entsprechend der Klage des Pfarrers Gutbrod entschieden wurde und Panizzas Mutter jeweils gegen diese Klage Beschwerde einlegte, verwirft König Maximilian II die Beschwerden. Die Urteile werden damit rechtskräftig. Mathilde Panizza entzieht die Kinder jedoch dem Zugriff der bayrischen Behörden. |
| 1861 | Mathilde Panizza hat die evangelische Erziehung ihrer Kinder de facto durchgesetzt. Eine Folge des langjährigen Streits ist, dass Oskar Panizza Privatunterricht erhält. |
| 10.4.1863 | Mathilde bringt Oskar ans Knabeninstitut der pietistischen Brüdergemeinde Kornthal in Württemberg. |
| 1868 | Oskar Panizza verläßt nach seiner Konfirmation Kornthal und tritt in das Schweinfurter Gymnasium ein. |
| 1870 | Wechsel an ein Münchner Gymnasium. München wird fortan zum Lebensmittelpunkt. |
| 1871-1872 | Panizza äußert zunächst den Wunsch, Kaufmann zu werden, nimmt auch Privatunterricht in kaufmännischen Fächern und Französisch, seine Interessen konzentrieren sich jedoch immer stärker auf Musik und Literatur. Gesangsunterricht am Münchner Konservatorium. |
| 1873 | Seine Mutter zwingt ihn, nach Bad Kissingen zu kommen und dort das Hotelfach zu erlernen. Der Konflikt zwischen Mutter und Sohn eskaliert. |
| 12.5.1873 | Auf Druck seiner Mutter beginnt Oskar Panizza ein Bankvolontariat bei Bloch & Co. in Nürnberg, bricht dieses aber nach drei Monaten ab. |
| 1873-1874 | Militärdienst als "Einjähriger" bei der 7. Kompanie des 2. bayrischen Infanterieregiments in München. Panizza fühlt sich dort unglücklich, was sich in häufigen Arresten und (psychosomatischen) Erkrankungen äußert. |
| 1874 | Musikstudium in München |
| Frühjahr 1875 | Panizza beschließt während eines Pferderennens, sein Abitur nachzuholen und zu studieren. |
| 1876 | Abitur, anschließend Immatrikulation an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität München. |
| 1878 | Im Frühjahr unternimmt Panizza eine Erholungsreise, die ihn zunächst nach Norditalien und dann nach Neapel führt. Laut seiner eigenen Aussage zieht er sich auf dieser Reise eine Syphilisinfektion zu. Diese Syphilisinfektion wird zum Teil der Panizza-Legende. Noch bei seinem Entmündigungsverfahren 1904 ist die Rede von einer zu dieser Zeit noch manifesten Erkrankung. Auch seine Gehbehinderung (ein sichelförmig nach innen gekrümmtes rechtes Bein) wird von Panizza als Folge der Infektion interpretiert. Sowohl Syphilis-Infektion als auch der "Bocksfuß" waren wohl Teil des "Mephisto-Image", das sich Panizza insbesondere während seiner Münchner Boheme-Zeit zu geben wußte. In der Tat war die Gehbehinderung Folge eines Unfalls in früher Kindheit. |
| 12.10.1880 | Promotion summa cum laude bei Prof. Hugo von Ziemssen, Pathologe und Direktor der Städtischen Klinik links der Isar mit einer Dissertation Über Myelin, Pigment, Epithelien und Micrococcen im Sputum. |
| 8.2.1881 | Approbation |
| Mai 1881 | Frankreichreise |
| 1881-82 | Streit mit der Mutter wegen der Übergabe der Leitung des Hotels "Russischer Hof" in Bad Kissingen (damals dort das erste Haus am Platze) an Panizzas Schwager und Bruder. Das Hotel wird für 600000 Mark übergeben. Panizza und seine Geschwister erhalten Anteile an diesem Vermögen von jeweils 120000 Mark. |
| 1.3.1882 | Vierter Assistenzarztes an der Oberbayrischen Kreis-Irrenanstalt in München unter Professor Bernhard von Gudden, dem Arzte Ludwigs II., der später mit diesem im Starnberger See den Tod fand. Durch diese Stelle wird Panizza von seiner Mutter wirtschaftlich unabhängig. |
| 20.4.1884 | Panizzas Onkel Ferdinand Speeth stirbt im religiösen Wahn in der psychiatrischen Abteilung des Juliusspitals Würzburg. Für ihn ein weiteres Indiz seiner "erblichen Belastung", die seine Angst vor dem Wahnsinn weiter schürt. Er nimmt an der Obduktion teil und erstellt eine Krankengeschichte. |
| 1884 | Panizza erhält aus seinem Erbanteil eine jährliche Rente von 6000 Mark. Er kündigt daraufhin seine Stelle als Assistenzarzt, um fortan seinen literarischen Neigungen zu leben. |
| 1.10.1885 | Panizza "flüchtet" nach London, da er fürchtet, in Deutschland wahnsinnig zu werden (der "Lockung der rothen Häuser" nicht widerstehen zu können). |
| 1885 | Düstre Lieder (Gedichte) |
| 5.10.1886 | Rückkehr nach München |
| 1887 | Londoner Lieder (Gedichte) |
| Oktober 1888 | Bezug einer neuen Wohnung in der Krankenhausstrasse (der heutigen Nußbaumstrasse). |
| 1889 | Legendäres und Fabelhaftes (Lyrik) |
| 1890 | Dämmerungsstücke (Grotesken) |
| Juli 1890 | Beginn der journalistischen Tätigkeit Panizzas. |
| 29.1.1891 | Erste Versammlung der "Gesellschaft für modernes Leben", einer Münchner Künstlervereingung. Panizza tritt bei und wird neben Michael Georg Conrad Vorstand. Ende 1891 treten beide als Vorstände zurück. |
| 20.3.1891 | Genie und Wahnsinn (Vortrag) |
| 8.5.1891 | Gründung der "Freien Bühne" in München. Panizza wird Vorstand des Theatervereins. |
| Sommer 1891 | Panizza wird als Reserveoffizier (Landwehr-Assistenz-Arzt I.Kl.) vom Landwehr-Bezirkskommandeur aufgefordert, aus der "Gesellschaft für modernes Leben" auszutreten, denn "[diese Gesellschaft verfolgt] realistische Tendenzen, die mit dem Gegebenen zu brechen suchen und und mit der weltlichen und geistlichen Macht in Conflict zu gerathen Gefahr laufen." Panizza weigert sich und wird unehrenhaft entlassen. |
| 2.12.1891 | Realismus und Pietismus (Vortrag) |
| Ende 1891 | Die Staatsanwaltschaft konfisziert Modernes Leben. Ein Sammelbuch der Münchner Moderne, ein Almanach der "Gesellschaft für modernes Leben". U.a. inkriminiert wird ein Beitrag von Panizza. |
| 1892 | Aus dem Tagebuch eines Hundes (Erzählungen) |
| 5.4.1892 | Die Minnehöfe (Vortrag) |
| 1893 | Panizza beginnt zu einer phonetischen Schreibweise überzugehen, die Merkmale der offenbar unterfränkisch gefärbten Sprechweise Panizzas trägt. |
| 1893 | Visionen (Grotesken) Die unbefleckte Empfängniß der Päpste |
| 1894 | Der heilige Staatsanwalt |
| 10.10.1894 |
Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen. |
| 1894 | Der teutsche Michel und der römische Papst. |
| 1895 | Der Illusionismus und die Rettung der Persönlichkeit. Skizze einer Weltanschauung. |
| 8.1.1895 | Beschlagnahme des "Liebeskonzils" und Eröffnung eines Verfahrens
gegen Panizza (siehe Zensur
im Kaiserreich). Die Staatsanwaltschaft unter Freiherr von Sartor steht vor dem Problem, sowohl eine Verbreitung des Werkes in Deutschland nachzuweisen, als auch einen Zeugen zu finden der am Inhalt des Werke Anstoß nimmt. Obwohl die Polizei behauptet, das Werk habe in München "ziemliche Verbreitung" gefunden, gelingt es ihr nicht, auch nur ein Exemplar zu beschlagnahmen. Zwei Münchner Buchhändler bestätigen, lediglich 23 Exemplare verkauft zu haben. Zum Bedauern der Staatsanwaltschaft nimmt keiner der Leser Anstoß. Das Problem löst sich im Wege der "Amtshilfe" der Polizei in Leipzig, wo sich ein Oberwachmeister Forstenberg findet, der behauptet, das Buch gelesen und an seinem Inhalt "Aergerniß genommen" zu haben. |
| 30.4.1895 | Verhandlung gegen Panizza vor dem Landgericht München I. Panizzas Verteidiger agiert recht ungeschickt, indem er behauptet, Panizza habe eine Verbreitung des Werkes in Deutschland nicht beabsichtigt. Panizza hat aber eben das in der Verhandlung selbst zugegeben (vielleicht auch nicht sehr geschickt). Panizza erhält ein Jahr Gefängnis. |
| 31.5.1895 | Panizza wirkt als Hofprediger bei der Uraufführung von Büchners "Leonce und Lena" in einer Inszenierung des "Intimen Theaters", einem privaten Theaterverein, mit. |
| 1895 | Meine Verteidigung in Sachen "Das Liebeskonzil". |
| 8.8.1895 | Panizza tritt seine Gefängnisstrafe in der Haftanstalt Amberg an. Begegnung mit dem Gefängnisgeistlichen Friedrich Lippert. |
| 11.10.1895 | Uraufführung von "Ein guter Kerl" in Leipzig. Einzige Aufführung eines Theaterstücks von Oskar Panizza zu Lebzeiten des Autors. |
| 1896 | Die gelbe Kröte. |
| 1896 | Ein guter Kerl. Tragische Szene in 1 Akt. |
| 1896 |
Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen. Zweite, durch eine Zueignung und ein Vorspiel vermehrte Auflage. |
| 8.8.1896 | Haftentlassung und vorläufige Rückkehr nach München. |
| 15.9.1896 | Gesuch um Entlassung aus dem Bayerischen Staatsverband. Panizza wird Staatenloser. |
| 14.10.1896 | Emigration nach Zürich. Panizza akzeptiert die Weigerung seiner Familie, ihm seinen Anteil am Familienvermögen auszuzahlen. |
| ab 1897 | Panizza gründet einen eigenen Verlag zur Veröffentlichung seiner Züricher Diskußjonen, bissigen und hämischen Abrechnungen mit Staat, Kirche und Monarchie. Die Hefte erscheinen in unregelmäßigen Abständen. |
| 1897 | Abschied von München. Ein Handschlag. |
| 1897 | Dialoge im Geiste Huttens |
| 1897 | Das Haberfeldtreiben im bairischen Gebirge. Eine sittengeschichtliche Studie. |
| 1897 |
Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen. Dritte, durchgesehene und vermehrte Auflage. |
| 19.2.1897 | Tod von Puzzi, Panizzas Hündin. |
| 1898 | Nero. Tragödie in fünf Aufzügen. |
| 1898 | Psichopatia criminalis |
| 27.10.1898 | Panizza wird als aus der Schweiz ausgewiesen. Laut Polizeibericht hat
Panizza eine 15jährige Prostituierte namens Olga Rumpf in seine Wohnung
mitgenommen und nackt fotografiert. Es darf jedoch ein Zusammenhang mit der Schweizer Reaktion auf das Attentat auf die österreichische Kaiserin Elisabeth am 10.9.1898 angenommen werden. Ein staatenloser Ausländer, der Kontakte zu sozialistischen und intellektuellen Kreisen unterhält und obendrein einen italienischen Namen (wie der Sissi-Mörder!) trägt, ist natürlich als Anarchist gleich mehrfach verdächtig. Liefert dieser dann noch einen Vorwand zur Ausweisung, so wird dieser natürlich dankbar verwendet. |
| 15.11.1898 | Panizza verläßt Zürich in Richtung Paris. |
| 1899 | Parisjana. Deutsche Verse aus Paris. Die Schrift enthält eine fundamentale Abrechnung mit dem deutschen Obrigkeitsstaat und persönliche Schmähungen Kaiser Wilhelm II. |
| 30.1.1900 | Beschlagnahmebeschluß für Parisjana und Anklage gegen Panizza wegen Majestätsbeleidigung. |
| 10.3.1900 | Beschlagnahme von Panizzas Vermögen, die mit "Fluchtgefahr" begründet wird. Da Panizza kein deutscher Staatsbürger ist und in Paris lebt, kann man hier ein Beispiel staatsanwaltschaftlicher Kreativität sehen. |
| 13.4.1901 |
Geldmangel zwingt Panizza zur Rückkehr nach Deutschland. Er stellt sich der Münchner Justiz, kommt in Haft, dann für sechs Wochen in die geschlossene Kreisirrenanstalt und wird vom Landgericht München I für paranoid und unzurechnungsfähig erklärt. |
| 28.8.1901 | Panizza wird überraschend entlassen und fährt nach Paris, wo er die nächsten Jahre in Isolation lebt. |
| 23.6.1904 | Panizza fühlt sich von Wahnsymptomen gequält, verläßt Paris und kommt nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz nach München, wo er sich erfolglos um psychiatrische Behandlung bemüht. |
| 19.10.1904 | Panizza provoziert seine Einweisung, indem er in Unterwäsche von seiner Wohnung zum Siegestor läuft. |
| 28.3.1905 | Entmündigung Panizzas. |
| 5.2.1905 | Nach vorübergehenden Aufenthalten in anderen Anstalten lebt Panizza in dem Herz- und Kreislaufkrankenhaus "Mainschloß Herzogshöhe" in Bayreuth. |
| 1914 | Visionen der Dämmerung. Sammlung von Erzählungen Panizzas. |
| 28.9.1921 | Panizza stirbt in Bayreuth. |
| 1940 | Eine für Zwecke der Nazi-Propaganda manipulierte Fassung von "Der deutsche Michel und der römische Papst" erscheint unter dem Titel Deutsche Thesen gegen den Papst und seine Dunkelmänner im Nordland-Verlag. |
| 1.6.1967 | Uraufführung des "Liebeskonzils" am Wiener Theater "Experiment am Lichtenwerd" unter Regie von Renée Heimes. |
| 1969 | Inszenierung des "Liebeskonzils" in französischer Sprache im Théâtre de Paris (Regie: Jorge Lavelli, Kostüme: Leonor Fini). |
| 1981 | Werner Schroeter verfilmt eine Inszenierung der Compagnia Teatro Belli, angestiftet und finanziert von Peter Berling. |
| 1985 | Tirol verbietet die Aufführung des "Liebeskonzil"-Films. |
| 1994 | Das Tiroler Verbot des "Liebeskonzil"-Films wird vom europäischen Gerichtshof mit knapper Mehrheit bestätigt. |
| 24.12.1997 | In der Schweiz reicht eine christliche Gruppe "Christen für die Wahrheit" und eine Einzelperson gegen eine Inszenierung von "Das Liebeskonzil" durch die Abschlussklasse der Schauspielschule Bern Strafanzeige ein, und zwar unter Berufung auf Artikel 261 Strafgesetzbuches (Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit). |
| 10.12.1998 | Strafeinzelrichter Lienhard Ochsner spricht die Schauspielschule Bern vom Vorwurf frei, mit der Aufführung des gotteslästerlichen Theaterstücks "Das Liebeskonzil" die Glaubensfreiheit verletzt zu haben. |
Es ist nicht anzunehmen, dass die Chronologie der Auseinandersetzung zwischen Oskar Panizza und der Justiz hier ihren Abschluß findet.
Fotografie von Oskar Panizza mit einem Faksimile seiner Unterschrift.
Fotografie Oskar Panizzas mit Hund (vermutlich seiner Hündin Puzzi, die ihn acht Jahre lang begleitete).
"Widmung an Oskar Panizza" auch bekannt als "Das Leichenbegängnis des Dichters Oskar Panizza" - Gemälde von George Grosz (1917/18).
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